Ich habe bisher immer gedacht, dass ich mich im Rahmen der westlichen Wertegemeinschaft bewege. Ich bin tolerant, habe nichts gegen Homosexuelle, achte auf die Rechte der Frauen und setze mich im Bus auch neben Schwarze, die man ja mit dieser Bezeichnung seltsamerweise auf ihre Hautfarbe reduzieren darf, aber nicht mit dem Wort, das vom lateinischen „niger“ für schwarz abgeleitet ist.
Was aber die eigentlichen westlichen Werte sind, ist mir erst neulich bei Saturn klar geworden. Mein Philips Flachfernseher war einen Monat nach Ablauf der Garantiezeit kaputtgegangen und eine Kulanzgewährung wäre nur mit einer Eigenbeteiligung von 600,- € möglich gewesen. Ich ging also mit dem Teil erst beim Wertstoffhof vorbei und dann in den erwähnten Elektromarkt, um mir ein neues Gerät zu kaufen. Dabei fragte ich den Verkäufer, warum die Fernseher heute eigentlich so kurzlebig sind. „Das ist ein Dienst am Kunden von Seiten der Hersteller“, erklärte der mir. Auf mein fragendes Stirnrunzeln hin fügte er hinzu „die Hersteller wollen ihre Kunden dadurch motivieren, immer die neueste Technik zu benutzen; damit sind sie dann auch glücklicher“. Ich war entsetzt, dass die Firma Grundig, deren Röhrenfernseher aus meinen frühen Jahren 25 Jahre gehalten hatte, den Dienst am Kunden, und damit meinen Glücksgewinn so sträflich vernachlässigt hatte. Ich muss denen irgendwann noch mal nachträglich einen Beschwerdebrief schreiben.
An den Fernsehern zeigt sich noch etwas anderes, alle Hersteller wollen uns durch Flachheit glücklich machen. Man stelle sich vor, dass Steve Jobs eines Tages an seinem Schreibtisch sässe und sein schweres Telefon zu sich herzöge und ihm plötzlich die Idee käme: „Das muss man kleiner machen! So ca. 10 cm groß“.
Darauf entwarf die Apple-Designabteilung einen Würfel von 10 cm Kantenlänge. Steve steckte ihn in die Tasche und musste feststellen, dass er unangenehm auftrug und im Schritt scheuerte. In diesem Moment wurde ihm klar: „Es kommt nicht so sehr auf die Größe an, sondern darauf, wie flach etwas ist“. Das war die Geburtsstunde des iPhones, der Flatrate und letztlich auch der Flachfernseher. (Nicht der Pizza Margherita, die hatte Raffaelo Esposito schon 1889 erfunden). Auch die Fernsehanstalten wollen ihre Kunden glücklich machen und sorgen dafür, dass ihre Filme, Serien, Scripted Reality Shows und schließlich auch die Pointen in Comedy Sendungen immer flacher werden.
Mir wird es jeden Tag immer klarer, es geht bei unseren Werten nicht so sehr um
Toleranz und Freiheit, sondern viel mehr um das Glück für jeden.
Amazon zum Beispiel hat mich neulich unendlich glücklich gemacht. Nachdem ich dort eine neue Waschmaschine gekauft hatte, empfahl mir das Unternehmen mit den ermunternden Worten „Das könnte Sie auch interessieren“ am unteren Ende der Website neun Waschmaschinen verschiedener Fabrikate. „Toll“, dachte ich, die machen sich echte Gedanken um mein Glück. Jetzt habe ich 10 Waschmaschinen im Badezimmer teilweise sogar übereinander gestellt, und kann meine Wäsche aufteilen. Immer nur halbvoll hält so eine Maschine ja auch länger, zweieinhalb Jahre statt nur zwei. „Vielen Dank amazon! Vielen Dank Jeff Bezos!“
Letzten Endes sind ja auch die Politiker darauf bedacht, ihre Wähler glücklich zu machen. Sie halten grundsätzlich das, was sie uns versprechen. Sie verkünden im Wahlkampf und Talkshows, dass es ihnen nicht um personelle Fragen gehe, sondern nur um „die Sache“. Wenn also auf der einen Seite eine schwarze Frau mit einem Baby auf dem Arm steht, die gerade im Schlauchboot übers Mittelmeer gekommen ist, dann geht es um zwei Menschen, also eine personelle Frage, wenn auf der anderen Seite ein Antrag auf Diätenerhöhung ansteht, dann geht es um eine Sachfrage. Wetten, dass der Politiker sein Wahlversprechen hält und sich für die Sache entscheidet!
Wir werden immer glücklicher, zu unserem Glück will uns die bayerische Regierung ja auch diese ganzen Flüchtlinge von Hals halten. Sie könnten ja unsere Fahrradwege verstopfen.
Denn diese wirklich wahre Geschichte habe ich von einer Dame erfahren, die im Bürgerbüro einer Gemeinde im Münchner Umland arbeitet. Sie sagte, sie hätten ganz viele Flüchtlinge aus Erithrea in ihrer Gemeinde, und es sei ihnen aufgefallen, dass die immer in Gruppen auf den Fahrradwegen entlangliefen. Irgendwann fragten sie dann mal nach, warum sie das machten. Sie bekamen die Antwort: „Wir denken, müssen hier laufen, denn Bürgersteig sicher nur für Weiße“. Na bitte, die Politik kümmert sich nicht nur um das Glück der Autofahrer sondern auch um das der Radler.
Und da soll mir doch einer sagen, dass es nicht das Hauptanliegen der westlichen Wertegemeinschaft ist, uns alle glücklich zu machen! Euch, mich, einfach alle.


© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Von Werten und dem Glück für alle"

Re: Von Werten und dem Glück für alle

Autor: mychrissie   Datum: 09.12.2018 11:14 Uhr

Kommentar: Kleine Anmerkung vom Autor: dieser Text wurde für einen 5-minütigen Poetry Slam geschrieben.

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