Es passiert selten, dass ich morgens die Augen öffne und so wie jeder andere normale Mensch einfach in den Tag starten kann. Auch ohne das ich die Augen überhaupt auf habe, ist der erste Gedanke in meinem Kopf meist schlicht und einfach: „Nicht schon wieder.“
Es gibt einen Autor, der vor einiger Zeit ein Buch verfasst hat, ich habe es nie gelesen, aber der Titel ist hängen geblieben: „Morgen ist leider auch noch ein Tag“
Dieser Titel spiegelt sehr gut wieder, was ich jeden Morgen empfinde.
Wenn ich könnte würde ich die Zeit morgens einfach überspringen und direkt beim Mittag starten. Nichts ist schlimmer als das quälende aus dem Bett gestolper, darauf zu warten dass das Gehirn wieder an Funktion annimmt, sich Essen runter zwingen zu müssen obwohl sämtliche Geschmacksnerven gefühlt noch am schlafen sind und ständig dieses gezwungene „Guten Morgen“. Was soll daran bitte gut sein?
Um es genau auszudrücken, ich verstehe Morgenmenschen einfach nicht.
Und das schlimme ist, meine Mutter ist einer dieser Morgenmenschen. Um geschlagene halb 5 klingelt ihr Wecker und es dauert keine 5 Minuten und sie steht summend in der Küche am Kaffee kochen. Leider hat sie dementsprechend auch kein Verständnis für meine Morgenmuffeligkeit.
Sie versteht nicht, dass das Radio für mich kein rhythmisches, morgendliches Begrüßungskomitee ist, sonder einfach nur störender Lärm, der sich in mein Schädel hämmert. Oder eine Unterhaltung keine Sache ist die einem locker flockig von der Zunge geht, sondern jedes Wort eine Herausforderung darstellt.
Ich habe es ihr mal versucht zu erklären, aber das lief so, wie so ziemlich jede unserer Unterhaltungen abläuft. Meine Mutter zeigt kurz Interesse am Thema, ich versuche mich zu erklären und noch während ich rede, kann man gerade zu beobachten wie meine Mutter nicht mehr zuhört und plötzlich mitten im Gespräch mit was ganz anderem beschäftigt ist.
Mittlerweile habe ich diesbezüglich einfach eine sehr gleichgültige Haltung angenommen. Warum hinter der Aufmerksamkeit einer Person hinterher laufen, wenn diese sich nicht mal bemüht Interesse zu heucheln. Da spare ich mir meinen Sauerstoff lieber für wichtigere Sachen auf.
Wie zum Beispiel für ein „Guten Morgen“ an meinen Bruder Erik. Er kann zwar manchmal verdammt selbstsüchtig sein, aber er ist immerhin der Einzige morgens, der meine Eigenarten akzeptiert und das Radio ausschaltet wenn er sieht wie mir der Rauch aus den Ohren zu dampfen droht.
Mein Bruder und ich pflegen glaub ich eine recht simple Bruder-Schwerster-Beziehung. Er zieht sein Ding durch und ich meines. Es ist selten vorgekommen das ich mich mal mit Erik in der Wolle hatte, was aber auch gut daher rühren kann, dass ich stets nachgegeben habe, da ich kein Mensch bin, der gut mit Konflikt umgehen kann.
Wenn Erik lieber das große Zimmer haben wollte, na gut. Wenn es nur noch ein Schokoladen- und ein Vanilleeis gab, bekam Erik das Schokoladeneis. Es gab sogar mal eine Situation zu Weihnachten, da bekamen wir beide von unserer Oma jeweils den gleichen Teddy geschenkt und Erik wollte unbedingt meinen weil der angeblich weicher war (und nein er hat nicht wie ein verzogenes Kind rumgequängelt oder der gleichen, sonder einfach gesagt „Deiner ist ja viel weicher“ und ihn nicht mehr aus der Hand gelegt) und da habe ich ihn einfach ohne Wiederworte getauscht.
Als unser Vater damals noch bei uns lebte, bevor alles den Bach runter ging, meinte er damals zu mir: „Ich kann manchmal gar nicht fassen, dass Erik dein großer Bruder ist. Ihr verhaltet euch völlig anders.“
Aber ich habe es eigentlich nie als schlimm empfunden die zweite Geige zu sein. Das räumt einem in manchen Situationen auch Vorteile ein. Während meine Mutter streng die Leistungen meines Bruder beguckt und aufpasst, dass ihm in der Zukunft auch ja alle guten Türen offen stehen, kann ich auch mal eine schlechte Note nachhause bringen und meine Entscheidungen für die Zukunft alleine treffen.
Aus Erik wird mal ein erstklassiger Arzt oder er geht in die Forschung und wird dort bedeutendes erreichen. Was aus mir wird, ist ganz mir überlassen.
Manchmal sehe ich wie sehr Mama Erik unter Druck setzt und ihm das Ganze zu viel zu werden scheint, doch merke ich auch, wie es ihm gefällt einen Ansporn zu haben, jemandem gefallen zu wollen. Sein 1,0 Noten Zeugnis ist erst dann spitzenmäßig, wenn er es Mama erzählt hat.
Mir sind wiederum Noten nur dann wichtig, wenn mich auch das Fach interessiert oder das Thema was gerade in diesem Fach behandelt wird.
Man kann auch schlicht sagen, Erik lebt einfach in einer anderen Welt als ich.
Ich sehe den Sinn auch nicht dahinter Freizeit und Energie für etwas aufzubringen, dass dich gar nicht interessiert. Dafür ist das leben doch eigentlich zu kurz der nicht? Da verstehe ich auch das deutsche Bildungssystem teilweise nicht. Warum einem Schüler Mathe rein prügeln, wenn dieser überhaupt kein Verständnis und Spaß daran hat und vor allem keine Ambitionen dies später im Leben nochmal zu verwenden. Klar müssen die Basics wie Kopfrechnen und der gleichen vorhanden sein, aber wenn dieser Schüler später leidenschaftlicher Friedhofsgärtner wird, wozu brauch er da Trigonometrie oder den Satz des Pythagoras? Warum fängt man dann nicht an diesen Schüler in den Fächer zu fördern, in denen er gut ist und die ihm sichtlich Spaß machen, wie Biologie/Pflanzenkunde? Das war zwar jetzt ein etwas plumpes Beispiel, aber ich denke man versteht vorauf ich hinaus will.
Und das führt mich zu einer meiner größten Übel im Alltag: die Schule.
Ein Ort der sozialen Ungerechtigkeit, des absoluten Hormonüberschusses, der pädagogisch fragwürdiger Methoden und des schlechten Essens.
Ich brauch wohl nicht näher zu erläutern wie das Leben einer einfachen Schule in Deutschland so aussieht, ich denke da musste wohl jeder von uns früher oder später mal durch, oder wird es noch müssen. Das ist auf jeden Fall einer der Gründe, warum ich morgens so unendlich schwer aus dem Bett komme.
Nicht täglich grüßt das verdammte Murmeltier, täglich klingelt der scheiß Wecker für die Schule.
Naja aber was jammere ich, ohne Schule wüsste ich eh nicht was ich in der Zeit sonst machen sollte außer schlafen.
So richtige Hobby´s habe ich nicht, was ich zur einen Hälfte der Schule zu verdanken habe, da ich nach dem Unterricht keinerlei Energie mehr für andere große Projekte am Tag mehr habe und andererseits auch mir selbst, da ich auch einfach nie die Chance genutzt habe etwas auszuprobieren. Ich selbst halte mich für ziemlich Talent los.
Als Kind habe ich früher immer gerne getanzt und bin mit Papa bei laut aufgedrehter Musik singend durch die kleine Wohnung gehüpft, aber als meine Eltern sich scheiden ließen und zwei Jahre darauf mein Vater aufgrund seines hohen Nikotin- und Alkoholkonsums zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall erlitt, kam mir das Tanzen und Singen wie Heuchelei vor. Alleine machte es eh nicht so viel Spaß. Es hatte einfach an Reiz verloren.
Jetzt verbringe ich die Zeit nach der Schule und am Wochenende eigentlich nur damit, meine Hausaufgaben zu erledigen und quer durch die Stadt zu der Einzimmerwohnung meines Vater zufahren um mich dort um ihn zu kümmern. Mein Vater ist zwar soweit fit, dass er in einer sogenannten betreuten Wohnung alleine leben darf, jedoch hat gerade der Schlaganfall sehr viel an seiner Persönlichkeit verändert sodass er nur noch vor sich hin vegetiert, an manchen Tagen sieht er mich nicht mal an.
Gelegentlich wenn ich bei meinem Vater bin treffe ich dann den Pfleger Mike. Ein großer stämmiger Mann mit ziemlich coolen Tattoos auf beiden Unterarmen. Er ist mittlerweile so etwas wie ein guter Kumpel geworden. Im Grunde habe ich sonst niemanden mit dem ich so richtig reden kann. Und Mike hatte nie etwas dagegen nach getaner Arbeit etwas länger zu bleiben und mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken.
Eigentlich schon eigenartig wenn eine 15jährige sagt, dass ihr einziger Freund der 26 Jahre alte Pfleger ihres Vaters ist. Aber hey, was ist denn heute schon noch normal?

„LISA SOPHIE HEITMANN, SEH ZU DAS DU AUS DEM BETT KOMMST!“, brüllt meine Mutter von unten aus der Küche.
Ich bin so müde, das ich nur ein lautloses Seufzten von mir geben kann. Ich hatte mein Wecker mit Absicht nicht gestellt, da ich gestern Abend wegen meiner Kopfschmerzen schon beschlossen hatte, mir dieses dröhnende Geklingel nicht anzutun.
Mit aller Mühe strampel ich wie in Zeitlupe meine Bettdecke ans Fußende und roll mich auf die Seite. Noch einmal durch das Gesicht reiben, die Augen öffnen, schließen, öffnen, schließen, öffnen...ja so langsam kann man was vom Zimmer erkennen.
Mit einem lauten Seufzer und unendlich anstrengendem Muskeleinsatz seitens der Arme und der Bauchmuskeln schaffe ich es in den Sitz.
Nachttischlampe an und ein greller Lichtstrahl sorgt dafür, dass sich meine Augen krampfhaft wieder schließen.
Boa, wer um alles in der Welt hat Licht denn nur so hell gemacht?
Ein paar Minuten Gewöhnungszeit sorgen dafür, dass ich meine Augen immerhin einen Spalt weit auf bekomme und zum Kleiderschrank taumeln kann. Noch halb im Dunkeln versuch ich ein paar Kleidungsstücke zu finden, die einigermaßen zusammenpassen.
Ach was mach ich mir die Mühe, sind doch eh alles schwarze Sachen.
Ich greif mir ein schwarzes Band T-Shirt, eine schwarze Jeans und eine schwarze Sweatshirt-Jacke. Mein üblicher Look. Kaum hatte ich die Klamotten aus dem Schrank geholt, springt meine Zimmer-tür neben mir auf, der Lichtschalter wird betätigt und ich zucke erneut vor dem grellen Licht zusammen.
Der Kopf meiner Mutter guckt durch den Türspalt und ihre schrille genervte Stimme hallt in meinem Schädel: „Sag mal macht dir das Spaß mich auf die Palme zu bringen? Los jetzt, beweg dein Hintern nach unten, pack dein Pausenbrot ein und los! Die Schule beginnt in 20 Minuten, dein Bruder ist schon vor einer halben Stunde losgefahren!“


© darf ohne meine Zustimmung nicht kopiert, verarbeitet oder vervielfertigt werden! - Nenja Wolters/varghona999


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Beschreibung des Autors zu "Kapitel 1 , Teil 1"

Ein Projekt das ich heute angefangen habe, hat noch keinen direkten Titel, daher die simple Überschrift, ich hoffe es gefällt euch.

Und wie immer sind konstruktive Kritik und Anmerkungen stets willkommen :)



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