Sie sah es. Sie sah das, wovor sie sich am meisten fürchtete.
Aber wie konnte sie es nur soweit kommen lassen?
Alles woran sie sich erinnern konnte, waren diese blauen Augen und die zu einem Grinsen verzogenen schmalen Lippen.
Sie musste Weiterrennen, auch wenn sie nicht mehr konnte.
Wieder sah sie Bilder. Aber bei einem konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Schnell wischte sie sie weg und lief weiter. Weiter durch den Wald. Und weiter weg von diesen Augen. Das Mädchen zwang sich nicht mehr an dieses Bild zu denken, auch wenn es ihr schwerfiel.
Sie blieb stehen, denn sie hatte überhaupt keine Kraft mehr. Langsam blickte sie sich um. Sie wusste nicht, wo sie war. Überall um sie herum waren Bäume. Sie wurde nervös. Ein Rauschen… Es kam ihr sehr bekannt vor.
Erschrocken drehte sie sich um und lief.
Wohin wusste sie nicht.
Sie übersah eine Wurzel und stolperte. Voller Dreck und Schweiss versuchte sie sich aufzusetzen, schrie aber vor Schmerzen auf.
Das war ein gewaltiger Fehler, denn das letzte das sie sah, bevor sie ohnmächtig wurde, war ein Stein und dann wieder dieses widerliche Grinsen.

Kaltes Wasser tropfte auf ihre Stirn und weckte sie. Langsam setzte sie sich auf und blickte sich um. In dieser Dunkelheit konnte sie nichts erkennen.
Aber nach Betasten der Wände, wusste sie, dass sie in einem Keller war.
Es gab kein Fenster und der Boden war kalt und nass.
Ihre Augen begannen sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, als sie Schritte sich näherten. Schritte, die sie überall wieder erkennen würde. Seine Schritte.
Sie sah nichts, aber wusste, dass seine Dünnen Finger sich auf das Schloss zubewegten. Als er die quietschende Tür öffnete, sah sie wieder dieses widerliche Grinsen. Ein kleines Licht brennt in einer Altmodischen Lampe und erhellte den kleinen Raum.
Er zwang sie Aufzustehen und egal wie stark sie versuchte sich zu wehren, sie war zu schwach.
Er zog sie aus dem räum und dann die Treppen hoch. Obwohl ihre Augen geschlossen waren, wusste sie, dass sie in die Richtung des Wohnzimmers gingen. Oh ja, Sie kannte dieses Haus. Viele Jahre lebte sie hier. Zu viele.
Er drückte sie in einen Stuhl.
Mühsam hob sie den Kopf und sah…. Nein! Wie konnte das sein. Sie war doch tot. Aber hier stand sie. Mit ihm?! Was ging hier vor?
„Willkommen Tochter!“, sagte der Mann mit einer krächzenden Stimme.
Ja, das war ihr Vater. Der Mann, der sie in diesem Haus aufzog. Zusammen mit ihr. Ihrer Mutter, die sie für tot hielt.
Als könne er ihre Gedanken lesen begann er mit diesem Grinsen zu erklären:
„Gestern bist du 18 geworden. Bei deiner Geburt plante ich dir bei deinem 18 Geburtstags Haus zu übergeben. Vor 5 Jahren aber erklärte mir deine Mutter, dass du noch zu jung seist und sie mit der Übergabe warten möchte. Tsss! Lächerlich!
Seit Generationen schon wird dieses haus am 18 Geburtstag übergeben. Und deine Mutter wollte diese Tradition brechen. Das konnte ich nicht zulassen, also musste sie verschwinden. Ich täuschte ihren Tod vor und hielt sie 5 Jahre lang in dem Keller gefangen. Ha! Aber vor 4 Tagen flüchtest du und dies gefährdete meinen Plan. Ich musste dich wiederfinden. Also suchte ich dich. Aber du warst geschickt und liessest dich nich finden. Aber niemand kann vor mir flüchten, nicht einmal du!
Und jetzt bist du hier. Zwar etwas zu spät, aber du bist hier. Und da die Tradition beide Elternteile vorsieht ist auch deine Mutter anwesend.“ Er deutete auf die schwache Frau, die neben ihm an ein Geländer gelehnt stand und traurig lächelte.
Sie sah nur einen Weg sich und ihre Mutter aus dieser Situation zu befreien, denn wenn ihr das Haus erst einmal übergeben wurde gibt es kein zurück und sie ist für immer an das Haus gebunden. Sie wird es erst zu ihrer Hochzeit wieder verlassen dürfen. Schnell fasste sie einen Plan, der gefährlich aber hilfreich war.
„Ich tue es!“ Er grinste und nickte anschließend.
Es sollte heute Abend stattfinden.
Etwa eine Stunde vorher, war sie in ihrem alten Zimmer und dachte nach, bis ihre Mutter an die Tür klopfte. Sie betrat den Raum. Und als sie die Tür hinter sich schloss und sich umdrehte, sah das Mädchen erst all die Trauer in ihren Augen.
Ihre Mutter wirkte als hätte sie Stundenlang geweint. Sie hatte angeschwollenen Augen und ihr Mund zitterte. Es ging ihr ein Licht auf. Hier ging es um noch etwas viel ernsteres als nur die Übergabe des Hauses. Und als sie sich ihre Mutter anschaute, verstand sie auch worum.
Ein männlicher Nachkomme ist Pflicht, aber ihre Eltern konnten es nicht. Außer ihr konnten sie kein anderes Kind bekommen. Und da das Haus nicht an einen Mann übergeben werden konnte, wollte ihr Vater…Er wollte sie… töten. Das ihr das nicht schon früher klar war. Sie dachte er hätte sie lieb, aber da täuschte sie sich wohl. Das schlimmste ist wohl etwas in einem Menschen gesehen zu haben, das nie existierte. Und diesmal sah sie Liebe. Liebe, die nie existierte. Sie weinte und schluchzte. Ihre Mutter in den Armen. Sie vergaß ihren Plan vollkommen.


Bei der Zeremonie, die eigentlich ihr Tod sein sollte, sagte sie nichts.
Sie war enttäuscht. Enttäuscht von sich selbst. Wie konnte sie nur so naiv sein. Sie hat ihm geglaubt.
Kurz bevor ihr Vater anfangen konnte zu sprachen, passierte es. Es passierte vieles in kurzer Zeit. Zu vieles.
Ihre Mutter Sprintete vor mit einem Messer in der Hand. Und sie, sie zog das Messer, welches sie bei sich trug heraus. Beide hatten den selben Plan, aber es konnte gar nicht gut gehen. Ihre Mutter war schneller und stach mit dem Messer auf ihren Vater ein. Während sie dies tat, stellte sie sich zwischen dem Mädchen und ihren Vater. Das war ein Fehler, denn anstatt ihres Vaters stach sie ihrer Mutter das Messer in die Schlagader. Erschrocken ließ sie es los und es fiel mit einem Klirren auf den Boden. Sie bewegte sich nicht. Als ihre Mutter fiel, fing sie sie auf und legte sie behutsam auf den Boden. Sie war tot. Genauso wie ihr Vater.
Sie weinte bitterlich. Was hatte es den noch für einen Sinn zu leben? Sie wusste keine Antwort auf diese Frage.
Deshalb tat sie etwas sehr unüberlegtestes. Oder war es gar nicht so unüberlegt?
Das war in diesem Moment egal.
Entschlossen hob sie das Messer mit dem Blut ihrer Mutter auf und nachdem sie sich die Letzte Träne aus dem Augenwinkel wischte, rammte sie es sich mitten in die Brust.
Sie fiel auf die Knie und schleppte sie noch zum Körper ihrer Mutter. Und in den letzten Sekunden ihres Lebens, legte sie sich in die Arme ihrer geliebten Mutter.


© sweeties story


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Beschreibung des Autors zu "Er wird dich kriegen und dann kommt der Tod"

Sie flüchtet vor ihm. Demjenigen, der plant ihr Leben komplett zu zerstören.
Aber wird es ihr gelingen? Und welche Rolle spielt ihre Mutter?
Aber die wichtigste frage: welche Rolle spielt der Tod? Kann sie vor ihm flüchten?



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