Lotta sah sich um: niemand mehr zu sehen, weit und breit. Irgendwo war sie wohl falsch abgebogen. Seltsam. Sie war zwar ziemlich genervt gewesen von den Anderen, mit denen sie sich wegen des Wandertags gestritten hatte, doch sie hatte sich nicht komplett vom Rest der Klasse trennen wollen, sie ließ sich nur etwas zurück fallen um den Anderen zu zeigen, dass sie so ganz und gar nicht ihrer Meinung war.
Doch nun stellte sie fest, dass sie ganz alleine in einen Teil des Waldes geraten war, der ihr überraschenderweise völlig unbekannt schien. Die Bäume um sie herum waren riesig, ähnlich den Mammutbäumen in Amerika, von denen ihre Tante ihr vor einigen Jahren eine Ansichtskarte geschickt hatte. Alles hier schien deutlich größer zu sein als noch vor ein paar Kilometern und Wegbiegungen davor. Von den Dimensionen abgesehen, sah aber alles ganz normal aus, eben wie in einem deutschen Wald. Ratlos drehte sich Lotta um die eigene Achse um herauszufinden, wo zum Geier sie war und wieso. Niemand war zu sehen, weder Häuser, noch Straßen, weder Menschen noch Autos.

Bevor ihr die Sache zu unheimlich wurde, setzte sie sich in Bewegung. Irgendwo musste es ja Menschen geben oder Antworten. Bestenfalls beides. Sie stapfte also den breiten Weg entlang und alsbald fand sie sich in einem dichten Wald mit riesigen Bäumen wieder. Sie versuchte nicht auf die kleine Stimme in ihrem Kopf zu hören, die ständig mahnte, dass hier irgendetwas irgendwie ganz und gar nicht stimmte. Es hatte ja keinen Sinn, sich mit den unheimlichen Aspekten ihrer Situation zu beschäftigen, solange sie niemanden fragen konnte. Fragen hatten ihr schließlich bislang immer geholfen, sogar in den brenzligsten Situationen. Selbst Herr Köster, ihr Mathe-Lehrer, ließ sich vergangene Woche von ihren vielen Fragen von seinem Verdacht ablenken, sie hätte während der Arbeit einen Blick zu viel auf das Blatt ihres Banknachbarn riskiert. Das stimmte zwar, aber mit ihren Fragen hatte sie Herrn Köster schließlich so abgelenkt, dass der nicht mehr genau wusste, was er ihr hatte sagen wollen. Ja, zweifelsohne: ihre Fragen waren ihre beste Waffe.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie über eine Baumwurzel stolperte, die über den Weg verlief. Sie war nun schon recht lange unterwegs und langsam wurden ihr die Beine schwer. Es konnte doch nicht so lange dauern, aus diesem vermaledeiten Wald heraus zu finden. Lotta blieb stehen und sah sich sorgfältig um. Sie kniff die Augen zu und spähte durch die Bäume um nur nichts zu übersehen, was ihr vielleicht bekannt vor kam oder womöglich einen Hinweis liefern konnte, wo sie sich, verflixt nochmal, befand. In jedem Wald gab es Schilder, die Wanderern als Orientierungshilfe dienten, wieso in aller Welt musste sie sich ausgerechnet in einer Gegend verlaufen, in der kein einziger Wegweiser, kein einziger Wanderplan zu finden war? Lotta fühlte Frust und Wut in sich aufsteigen und trat wütend nach der Baumwurzel. Ok, die war davon wenig beeindruckt, dafür meldete sich Lotta’s großer Zeh schmerzhaft. Mist. Keine gute Idee. Während sie noch darüber nachdachte, was für Symptome sich wohl bei einem gebrochenen Zeh einstellen würden, hörte Lotta plötzlich ein Geräusch. Sie fuhr herum und spähte in die Richtung, aus der das leise Geraschel gekommen war. Oder war es eher ein Zirpen gewesen? Lotta konnte es nicht sagen … vielleicht war nur ein Vogel durch’s Laub gelaufen. Sie wollte sich eben wieder ihrem schmerzenden Zeh zuwenden, als sie noch einmal dieses Geräusch wahrnahm… wenn sie’s nicht besser gewusst hätte, hätte sie vermutet, dass jemand sich ein Kichern verkniffen hätte. Was für blödsinnige Gedanken sich doch bei Schmerzen einstellten. Sie humpelte in die Richtung, aus der das Geräusch kam und dachte noch, dass sie sich getäuscht haben musste, denn dass hier jemand wäre und kichert, wäre ja vollkommen…

Weiter kam Lotta mit ihrem Gedanken nicht, denn der wurde verdrängt von dem seltsamsten Anblick, den sie jemals zu Gesicht bekommen hatte. Ihr ganzes Denken wurde quasi von dem Bemühen in Anspruch genommen, das, was sie sah, in irgendeiner Form zu begreifen. Gleichzeitig drückte ihr Verstand hysterisch auf den „Error-buzzer“, denn was sie sah, war unmöglich. So etwas gab es gar nicht.

Lotte kniff mehrmals die Augen zu, als könne sie die Vision damit verscheuchen. Das funktionierte allerdings nicht, denn sie blickte nach wie vor auf einen Baumstumpf, der aussah wie ein kostbarer und überaus alter Thron. Lotta konnte zwar keine Krone sehen, doch es stand außer Zweifel, dass dies hier kein besonders wertvoller Sessel war. Obgleich die Wurzeln aus der Erde ragten, sah das dunkle, fast schwarze Holz aus wie poliert. Ein leichter Schimmer verlieh dem Material einen edlen Glanz und eine Noblesse, die Lotta gar nicht hätte näher beschreiben können. Der Thron war über und über mit Ornamenten verziert, die fremdartig aussahen, aber beeindruckend waren in ihrer Kunstfertigkeit und Eleganz. Stuhl und Podest waren aus einem Stück und in das Holz hineingearbeitet waren zwei Stufen, die in fast schwarzem Glanz beeindruckten. Sie mit Stiefeln zu betreten, erschien Lotta wie ein Sakrileg. Die Armlehnen des Throns waren kunstvoll geschnitzt und endeten mit zwei beeindruckenden Löwenköpfen, die in den fein herausgearbeiteten Details fast den Eindruck machten, als würden sie jeden strafend anblicken, der erdreistete, vor dem Thron zu erscheinen.
Die ausladende Rückenlehne war massiv und hoch aufragend, doch in der Eleganz der Schnitzereien konnte man Flügel erkennen, die halb ausgebreitet sich jeden Moment auszubreiten schienen um stark und stolz davon zu fliegen. Die Mitte bildete ein fein geschnitzter Adlerkopf, dessen Augen das Licht immer unterschiedlich einzufangen schienen und dieser Effekt war sehr verwirrend, denn Lotta hatte immer wieder den Eindruck, dass diese Augen wirklich lebten und viel schärfer als ihre eigenen alles sahen, was um sie herum passierte.

So einen Thron hatte Lotta beim besten Willen noch nie gesehen. Nicht in Büchern, nicht in Filmen und schon gar nicht in den gefühlt tausend Museen, durch die ihre Mutter sie in ihrer Kindheit geschleppt hatte. Doch der Thron war nichts. Er war gar nichts im Vergleich zu dem Wesen, das es sich darauf bequem gemacht hatte, als wäre es das Normalste der Welt.

Da flezte sich ein schwarzer Kater auf dem Thron. Das wäre nichts ungewöhnliches, wenn dieser Kater nicht genauso groß, wahrscheinlich noch etwas größer gewesen wäre als Lotta selbst. Dabei sah er von seiner Größe abgesehen, eigentlich niedlich aus, wie ein noch recht junges Tier, dessen spielerische Possen jeden Menschen zum Lachen bringen konnten. Aber wenn das Pfötchen ungefähr die Größe eines menschlichen Handtellers hat und man zu den „Öhrchen“ hoch gucken musste, blieb einem der Begriff „niedlich“ doch irgendwo in den Gehirnwindungen stecken.
Auf dem Kopf trug dieses unglaubliche Katzenwesen den fantastischsten, elegantesten schwarz-glänzenden Zylinder, den Lotta je gesehen hatte. Ok, den einzigen Zylinder, den sie überhaupt einmal gesehen hatte, war ein ganz verstaubtes Ding auf dem Tisch eines Trödel-Ladens, in den sie sich mit ihrer Freundin auf der Klassenfahrt vor drei Jahren verirrt hatte. Lotta erinnerte sich, dass sie sich über die marode Eleganz der Kopfbedeckung wortreich und mit viel Gekicher lustig gemacht hatten. Zum Lachen war ihr allerdings in diesem Moment eher weniger zumute. Sie war ja auch noch zu beschäftigt damit, das zu begreifen, was sie sah.

Das Irritierendste waren eindeutig die großen, spöttisch gelb funkelnden Augen, die schon seit geraumer Zeit auf Lotta ruhten und ihr Zeit zu geben schienen, das Bild aufzunehmen und zumindest zu versuchen zu begreifen. Lotta hingegen stand nur da und starrte. Ihr Verstand verweigerte seinen Dienst und ihr Gehirn war immer noch mit dem Versuch beschäftigt, die Bilder zu sortieren und in Schubladen zu stecken, die gar nicht vorhanden waren.

Dass der Kater noch einmal die Pfote vor den Mund hielt und ein drittes Mal kicherte, diente nicht wirklich dazu, die Situation zu entspannen.
„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“ sagte der Kater, verzog sein Katzenmaul zu einem amüsierten Grinsen und setzte damit dem Ganzen quasi die Krone auf. „Eigentlich schon wieder passend“ dachte es in Lotta und die Starre löste sich etwas. Es hatte keinen Sinn, etwas begreifen zu wollen, das so unbegreiflich war. Dabei ließ sie es erst einmal bewenden. „Was… wer…“ weiter kam sie nicht, denn für ganze Sätze fehlten ihr einfach immer noch die Worte.

Der Kater nahm das allerdings zum Anlass, sich schwungvoll zu erheben und den Zylinder mit einer anmutigen Bewegung vom Kopf zu nehmen und kokett vor sich zu schwingen, wobei er eine lässig-elegante Verbeugung andeutete, die Lotta dann doch den letzten Rest Rationalität kostete, die sich grade noch auf den Weg hatte machen wollen den Gehirngespinsten den Garaus zu machen.

„Gestatten: Graf Katsopulos von Lärchenberg. Zu ihren Diensten. Sie wirken etwas verstört, wenn ich das sagen darf, aber darf ich dennoch fragen, mit wem ich das vergnügliche Vergnügen habe?“ Die … Erscheinung… sprach mit einer freundlichen Stimme, die allerdings ab und zu in dissonante Höhen entglitt, ähnlich wie bei Jungs im Stimmbruch. Diese kleine Unzulänglichkeit löste wieder etwas von der Erstarrung in Lotta’s Gehirn und sie brachte es zumindest fertig, ihren Namen zu stammeln. Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass es ein äußerst peinliches „Lo-lo-Lotta… äh… Marquart.“
„Na super, nun denkt der Kater sicher, ich wär‘ nicht ganz dicht“, dachte Lotta und war sich schlagartig bewusst, WAS sie da grade gedacht hatte. Als ob ein Kater überhaupt denken könnte. Lotta schüttelte den Kopf, als wollte sie die irrwitzigen Bilder und Gedanken loswerden. Aber es nutzte nichts. Als sie wieder hoch blickte, sah sie direkt in die spöttischen Augen des größten sprechenden Katers, den sie je gesehen hatte. Des größten Katers, den überhaupt jemals gesehen hatte. Lotta wollte schon wieder fassungslos mit dem Kopf schütteln, unterließ es aber, weil sie merkte, dass der große sprechende Kater sie immer noch musterte.

„Nun ja, Lololotta Marquart, herzlich Willkommen in meinem Wald. Was führt Euch denn ausgerechnet in meinen Wald?“ „Äh… entschuldigung Lotta. Nur Lotta. Ohne Lolo… sorry, ich bin etwas durcheinander. „ Lotta räusperte sich unbehaglich. Der Irrsinn breitete sich aus und sie hatte auch noch das Gefühl, als müsste sie sich rechtfertigen. Diese Erkenntnis ärgerte sie immens. Wenn jemand sich zu rechtfertigen hatte, dann dieses Katzenwesen, das es so gar nicht geben dürfte. Nichts gegen eine kleine, eine wirklich kleine Katze, die sich auf dem Thron zusammenrollen könnte… oder wo auch immer. Dagegen wäre überhaupt nichts einzuwenden. Aber ein Kater mit Zylinder auf dem Kopf, ein Kater, der sogar noch ein Stückchen größer war als sie, also… Lotta fand das ungerecht, obwohl sie nicht hätte sagen können, wieso gerade die Tatsache, dass der Kater etwas größer war als sie selbst, sie so unglaublich ärgerte. Es war schon absurd genug, dass dieses… Tier! überhaupt so groß war, aber dass es noch größer war als sie empfand Lotta als persönliche Beleidigung. Damit nicht genug, es konnte auch noch sprechen und bezeichnete den Wald als seinen Wald. Frechheit! Nichtsdestotrotz war sie hier auf fremdem Terrain und sie hatte tatsächlich das Gefühl, als Eindringling an einem Ort zu sein, wo sie nicht hätte sein dürfen.
Dieses Gefühl ließ Lotta unabsichtlich kleinlaut sagen: „Ich… äh… ich weiß nicht. Ich denke ich habe mich einfach nur etwas verlaufen.“ Bei dieser doch recht vernünftigen Information räusperte sie sich etwas und fügte hinzu „Eigentlich will ich nur nach Hause. Könnten sie mir bitte den Weg nach Untersbach zeigen?“ So, nun war’s raus, Lotta richtete sich etwas auf und blickte erwartungsvoll auf den Kater. Der aber reagierte zu ihrer Überraschung nicht so wie erwartet.

Lotta war langsam etwas genervt. Unvorhergesehene Dinge waren anstrengend. Sie hätte jetzt absolut nichts gegen ein bisschen langweilige Normalität gehabt. Der Kater aber schaute an Lotta vorbei in die Ferne und dachte über das Gesagte nach. Es war offensichtlich, dass es nun Lotta war, die etwas Unerwartetes gesagt hatte. Versonnen rieb der Kater sich sein … Kinn? Fasziniert starrte Lotta in das Katzengesicht, das so sehr nach Katze aussah, aber dabei so intelligent blickte, als könne es dreisprachig Goethe’s Faust rezitieren. Sie war schon versucht, ihn danach zu fragen, unterließ es aber, denn sie wollte ja tatsächlich nach Hause und deshalb wäre es unklug von ihr gewesen, den Kater beim Denken zu stören. Und wieder stolperte sie über ihre eigenen Gedanken: den Kater beim Denken stören… wie unfassbar war das denn?!

Dieser Gedanke allerdings riss sie endgültig aus ihrer Apathie und endlich fand sie auch ihre Sprache wieder. „Sagen sie bitte, Herr Äh… von … Dingens… wer oder vielmehr: was sind sie, wenn ich mir die Frage erlauben darf?“ Nun war’s heraus. Nicht besonders elegant, aber direkt aus dem einigermaßen erschrockenen Herzen gesprochen.

Sie war erleichtert, dass das spöttische Funkeln aus den sie immer noch fixierenden Katzenaugen nicht gewichen war. Sie hatte also gute Chancen eine Antwort zu bekommen, statt von einer wütend fauchenden Riesenmieze mit ausgefahrenen Krallen angefallen zu werden.
Die Augen der Riesenkatze wurden noch größer und sahen Lotta eindringlich an, so dass sie unwillkürlich den Atem anhielt und nicht einmal zu blinzeln wagte. Ich, verehrtes Fräulein, bin der König der Tiere“.
Aha. „Hätte ich mir ja denken können. Wer dumm fragt… „ dachte es in Lotta, doch gleichzeitig war sie gebannt von dem Blick und der Stimme des Katers. Der schwieg nun aber und wartete Lotta’s Reaktion ab, die allerdings auf sich warten ließ, denn Lotta war noch immer damit beschäftigt sich den König der Tiere als niedliches, wenn auch etwas groß geratenes Miezekätzchen vorzustellen. Als sie damit fertig war, kam immerhin ein einigermaßen gefasstes „Oh, den hatte ich mir immer… anders vorgestellt. Genau genommen hab‘ ich gedacht, das wäre ein Märchen. Also, das mit dem König und so. Und wenn, dann hätte ich eher an sowas da gedacht“ erklärte sie und deutete mit einem Nicken in Richtung der Armlehnen des Thrones, die wie Löwenköpfe aussahen.
„Verwandtschaft….“ tat der Kater ihre herablassenden Bemerkung ab, begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung. „Guck mal einer an… der ist ja neidisch auf seine etwas beeindruckenderen Verwandten“ dachte Lotta belustigt. „Nachvollziehbar, denn ein König will wohl nicht wirklich als niedlich bezeichnet werden.“ Sie verkniff sich ein Grinsen und fragte stattdessen: „Wieso haben sie denn dann keine Krone auf dem Kopf? Auch die Verwandtschaft?“
Als hätte Lotta einen wunden Punkt getroffen, zuckte der Kater quasi peinlich berührt zusammen um sich gleich darauf lang aufzurichten um so groß und eindrucksvoll wie möglich zu wirken. „Gewissermaßen.“ War die kurz angebundene Antwort. „Kronen werden aber allgemein überschätzt. Grässlich unbequem, die Dinger , und so schwer, dass sie auf die Ohren drücken. „ Wieder musste sich Lotta ein Grinsen verkneifen. Stattdessen versicherte sie „Oh, dieser Zylinder ist jedenfalls seehr elegant und macht sie darüber hinaus auch deutlich größer.“ Das gefiel dem Kater, er zog noch einmal mit einem eleganten Schwung besagten Zylinder vor ihr und verbeugte sich dankend. Die Bewegung war so kurios, dass Lotta spontan dazu einen kleinen Knicks andeutete.

Das erfreute den König der Tiere so sehr, dass er übermütig lachte und ihr geziert seine rechte Pfote entgegen streckte. Kommt, Fräulein Lololotta, ich lade sie erst mal zu einem Schälchen Milch ein.“ „Lotta!“ verbesserte Lotta sofort. „Bitte einfach nur Lotta“. Der Katzenkönig nickte huldvoll und führte sie zum Thron, wo er sie anwies, sich auf einen kleinen Baumstumpf gegenüber zu setzen, während er auf dem Thron Platz nahm. Auf ein unsichtbares Kommando kamen zwei Eichhörnchen herbei und stellten ein Schälchen Milch vor Lotta hin, der König bekam ein vergoldetes Schälchen, das er huldvoll entgegen nahm. Lotta hingegen verfiel wieder in ihre inzwischen bekannte Schockstarre. Nicht nur der Kater war riesig, auch die Eichhörnchen waren immerhin gut halb so groß wie sie selbst. Nach dem ersten Schock fühlte sie sich allerdings nicht mehr ganz so aus der Bahn geworfen und erholte sich relativ schnell wieder. Nachdem sie vorsichtig von der Schale genippt und festgestellt hatte, dass es sich um normale Milch handelte, atmete sie erst einmal durch und setzte zur nächsten schwierigen Frage an: „Wieso eigentlich sind sie nur so groß? Und auch ihre beiden …äh… Eichhörnchen?“ Lotta wusste beim besten Willen nicht, wie sie es hätte besser ausdrücken können.

Der Kater-König grinste nun über sein ganzes Gesicht und ließ seine beiden Fangzähne sehen, die in dieser Größe wirklich …beachtlich waren. Lotta jedenfalls war denn doch beeindruckt und rückte etwas auf ihrem Baumstumpf zurück. „Oh, da muss ich sie korrigieren. Wir sind nicht größer als normal. Es ist vielmehr so, dass Sie außergewöhnlich klein sind.“ DAS hatte Lotta nun wirklich nicht erwartet. Wieso klein, sie war doch völlig normal groß… aber das würde erklären, wieso hier das Gras so enorm hoch war und die Bäume so riesig. Lotta sah sich um und begann zu begreifen. Oder auch nicht, denn das alles ergab immer noch keinen Sinn. Ganz im Gegenteil, es wurde von Minute zu Minute verrückter. Aber sie war hier und hatte keine andere Wahl als weiter zu fragen.

„Oh… okay…“ stammelte Lotta und versuchte ihr Gehirn wieder in seine Schranken zu weisen, das grade so schön am Ausrasten war. „Aber wieso? Wieso bin ich so klein? Wieso gibt es einen König der Tiere? Wieso sind Sie ausgerechnet eine Katze? Gibt es mehrere Könige? Wieso hat sie noch nie jemand gesehen und ihr Bild in der Zeitung veröffentlicht und … Wieso können Sie sprechen?“ Als ob irgendwo sich ein Stöpsel gelöst hätte, stolperten die Fragen nur so aus Lotta heraus.

Der Kater sah sie mit seinen großen gelben Augen an und seufzte. „Nun ja, das sind viele Fragen, nicht!? Aber einfach mal der Reihe nach:
Die Welt der Tiere, müssen Sie wissen, unterscheidet sich gar nicht so sehr von der der Menschen. Jedenfalls ist in Afrika der König der Tiere vor Ort mein Großcousin vierten Grades, seines Zeichens ein Löwe. Hier in Europa sind wir etwas kultivierter, hier herrsche ich über die ohnehin überwiegend etwas kleineren Tiere. Bei uns geht es nicht so archaisch zu wie in Afrika, wir haben hier zwar eine Monarchie, praktizieren aber eine überwiegend demokratische Lebensweise“ dozierte der König. „Als verantwortungsvoller Monarch bin ich natürlich bemüht, meinen Untertanen so viel Freiheit und Selbstbestimmung zu gewähren, wie es mir möglich ist. Doch dem sind naturgemäß Grenzen gesetzt, auch wenn es dem einzelnen Untertan vielleicht nicht immer so bewusst ist… „ Lotta rollte genervt mit den Augen. Die Politiker waren doch überall gleich, egal ob Mensch oder Tier. „Ähem… hmhm…“ räusperte sie sich laut und erntete dafür prompt einen strafenden Blick des Katzen-Monarchen. „Tut mir leid, ich bin sicher, Sie sind ein hervorragender König, aber können Sie mir bitte sagen, weshalb ich hier bin, und warum ich so klein bin und wie in aller Welt komme ich wieder nach Hause?.…“ Lotta musste erst mal Luft holen. Nun war es am König, sich zu räupern. „Hmhm… Sie haben völlig Recht. Bleiben wir also bei den drängendsten Fragen.“ Er kniff etwas die Augen zusammen um sich zu konzentrieren.

„Sicher ist jedenfalls, dass sie uns nur deshalb verstehen können, WEIL sie so klein sind. Sie haben sich, offenbar unfreiwillig, in unsere Welt begeben, was nur auf diese Weise möglich ist.
Die Menschen glauben, Tiere könnten nicht sprechen und nicht denken. Sie ziehen nicht einmal in Betracht, dass es in der Tierwelt mehr als eine äußerst beschränkte Form der Intelligenz geben könnte. Diese Arroganz und Selbstüberschätzung hindert sie daran, den Weg ins Tierreich zu finden. Sie können uns nicht auf Augenhöhe begegnen und deshalb bleibt ihnen eine ganze Welt verschlossen. Kaum ein Mensch hat es je versucht und nur wenigen Auserwählten ist es gelungen. Würden die Menschen ihren Stolz und ihre Arroganz aufgeben und Tiere als gleichwertige Kreaturen akzeptieren, würde ihnen das ganze Tierreich offenstehen. Doch so stehen sich die Menschen selbst im Weg, denn es gibt ungezählte Welten jenseits der menschlichen Vorstellungskraft, doch die halten nur das für möglich, was sie mit ihren Sinnen und ihrer Apparaturen erfassen und messen können. In ihrer Ignoranz glauben die meisten tatsächlich, dass es darüber hinaus nichts mehr gibt. Unglaublich.“ Er schüttelte leicht den Kopf und leises Gekicher irgendwo hinter den nächsten Bäumen zeigte an, dass die beiden Eichhörnchen ganz seiner Meinung waren.

„Nur die Kinder sind erst noch offen und können deshalb viele Arten von Wesen wahrnehmen. Die Erwachsenen treiben ihnen aber den Glauben an all die magischen Wesen mit ihren Erziehungsmethoden nachhaltig aus.“ Wieder schüttelte der Kater den Kopf und der Zylinder kam dabei etwas ins Rutschen, so dass er ihn mit einem Räuspern wieder zurecht rückte. „Aber wieso bin ich jetzt hier?“ war alles, was Lotta dazu sagen konnte.

„Tja, wie’s aussieht, habe ich darauf auch keine Antwort.“ Der Kater hob die Schultern und schaute Lotta etwas ratlos an. Das war aber lange nicht Lotta’s einzige Frage, deshalb legte sie die nächste gleich hinterher: „Was meinen sie denn damit: es gäbe noch viele weitere Welten?“ „Na, eben genau das. Es gibt noch viel mehr Dinge und Wesen, die Sie nicht wahrnehmen können. Auch wir Tiere können nicht alle sehen, aber wir spüren viele von ihnen, zumindest diejenigen, die wie wir hier leben.“ Wie jetzt? Sie meinen, Sie könnten jetzt und hier noch andere Wesen sehen? Ich meine: außer uns beiden und ihren… den Eichhörnchen?“ „Aber sicher kann ich das.“ Wieder erschien das spöttische Lächeln, das Lotta mittlerweile ganz schön auf den Zeiger ging. Etwas hektisch schaute sie sich um und war sich dabei gar nicht sicher, ob sie noch viel mehr ertragen konnte als einen sprechenden Riesenkater und zwei mega-große Eichhörnchen. Die offensichtliche Tatsache, dass sie selbst grade nicht größer war als eine kleine Katze, hatte auf einmal einen durchaus bedrohlichen Aspekt, denn sie fühlte sich gar nicht mehr so sicher wie sonst.

„Ok, wo ist denn noch … jemand?“ fragte Lotta und fühlte sich überhaupt nicht mehr wohl in ihrer Haut. „Oh, wir sind quasi umzingelt von vielen Tieren, „er zeigte mit seiner Pfote auf den nächsten Baum, an dem ein Frosch saß, der Lotta mal eben bis an die Knie reichte. Daneben schaute sie eine Feldmaus interessiert aus dunkel glänzenden Augen an und am Baumstamm bemerkte Lotta plötzlich viele monströs wirkende Käfer und andere Insekten, die sie allesamt anstarrten. Und nicht nur das. Hoch oben in den Baumkronen sah sie unzählige Vögel unterschiedlicher Größe und Farbe, aber alle für ihren Geschmack einfach mal ein paar Nummern zu groß. All diese Tiere hatte Lotta bis eben gar nicht bemerkt, zumal die meisten von ihnen durch ihre Farbe und Zeichnung quasi mit dem Hintergrund verschmelzen konnte.
Auch die Vögel musterten sie und waren ganz leise. Sie beobachteten sie wohl schon seit geraumer Zeit und hörten interessiert zu, was gesprochen wurde. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ungewöhnlich still es auf einmal hier im Wald war. Auch das war Lotta vorher gar nicht aufgefallen. Ok, das war mal ein Publikum… Lotta zupfte unbehaglich an ihrer Bluse.

„Hm hm“ machte der Kater und hatte damit wieder Lotta’s volle Aufmerksamkeit. „Nun stellen Sie ihren Blick einmal … etwas unscharf. Versuchen Sie, nicht Einzelheiten zu sehen, sondern… die Luft um uns herum… „ „Äh… wie jetzt? Lotta brauchte einen Moment um zu begreifen, worauf der Kater hinaus wollte und noch etwas länger um ihren Blick weich und unscharf werden zu lassen. Erst sah sie gar nichts, verdrehte die Augen und fing an zu schielen. Aber langsam begriff sie, wie sie ihren Blick verändern sollte und sah… ja, was sah sie eigentlich…? Sie nahm sowas wie feine Nebel wahr. Es war, als ob die Luft stellenweise eine andere Dichte hätte. Dann sah sie nur eine Bewegung, ohne ausmachen zu können, wer oder was sich bewegt hatte. Lotta überlegte noch, ob jetzt wohl der geeignete Moment für einen gepflegten Schreikrampf wäre, doch die Situation war gleichzeitig so faszinierend, dass sie sich dafür entschied, einfach weiter zu … schauen. Mit der Zeit konnte sie die Bewegungen besser ausmachen und die Schleier bekamen langsam eine Form. Durchsichtige Schwaden, eigentlich kaum auszumachen, kamen auf sie zu und bewegten sich wieder weg. Sie wirkten aber nicht bedrohlich, sondern im Gegenteil… als ob das Licht sich in Gestalten und Formen bewegen würde. Nun konnte Lotta sogar Gesichter ausmachen… sie sah grinsende und lachende Gestalten, die vor ihr auf und ab zu hüpfen schienen und lustige Tänze aufführten… so dass schließlich Lotta selbst lachen musste und sich spielerisch vor den Wesen verbeugte. Die schienen entzückt von ihrer Begrüßung und führten einen drollig-wilden Tanz auf. Lotta konnte nicht anders, sie lachte laut auf und drehte sich selbst einmal übermütig im Kreis. Zu ihrer Überraschung bekam sie Applaus. Leise, eigentlich eher wie ein Windhauch von den Lichtwesen und durchaus kräftig von den Tieren um sie herum. Auch die grüßte Lotta nun mit einer gezierten Verbeugung und bekam zahllose Varianten lustiger Begrüßungsverbeugungen zurück, je nach Körperbau der jeweiligen Tierart.

Nachdem sich alles wieder ein wenig beruhigt hatte, trat der König der Tiere wieder in die Runde und räusperte sich etwas:
Nun, Lotta Menschenkind, möchten wir Ihnen einige Fragen stellen und Sie um eine ehrliche Antwort bitten. Lotta schaute den König überrascht an und nickte ihre Zustimmung. „Nun denn. Dann würden wir wirklich gerne wissen, weshalb Ihr Menschen allerlei Tiere in euren Häusern gefangen haltet und alleine lasst und gar nicht mehr beachtet. Die meisten Tiere reißt Ihr aus ihrem Zuhause um sie bei euch einsam in Kästen oder Käfige zu sperren. Wozu? Welche Art von Spiel soll das sein? Ihr scheint Eure Tiere gern zu haben und bezieht sie doch nicht in Euer Leben ein,Iihr macht sie unglücklich und kümmert Euch nicht. Wieso?

Der Kater und die Tiere um ihn herum schauten Lotta gespannt an. Lotta versuchte erst einmal, diese Frage zu verdauen, eine Antwort aber fiel ihr beim besten Willen nicht ein. „Äh… ja… wir Menschen lieben unsere Haustiere, das müsst Ihr mir glauben“ begann Lotta und wusste selbst nicht recht, worauf sie hinaus wollte. „Wir finden viele Tierarten schön und faszinierend. Deshalb wollen wir sie in unserer Nähe haben. Viele Menschen beneiden jene, die es sich leisten können, exotische Tiere bei sich zu halten. Sie wissen nicht, dass sie die Tiere aus ihrem Zuhause reißen, sie wissen ja nicht einmal…“ …dass die Tiere denken und fühlen können… dachte Lotta. Doch das konnte sie nicht laut sagen. Aber das war nicht notwendig, sie hatte das Gefühl, die Tiere hätten sie sehr gut verstanden.

„Wieso macht Ihr aber so große Unterschiede bei den Tieren? Die Spinne, die nützlich ist und wunderschöne Netze spinnt, tötet Ihr, wo immer Ihr sie seht. Hunde dagegen gebt Ihr ein eigenes Bett, gebt ihnen Dinge zu essen, di e Ihr selbst gerne esst, die Hunde aber krank machen, Ihr füttert sie mitunter zu Tode. Ihr züchtet Hunde und Katzen so, dass sie anders aussehen, aber oft darunter leiden. Wenn Ihr diese Tiere wirklich so liebt, wieso tut Ihr das?
Diese Frage wog sehr schwer und Lotta wurde bei jedem Wort ein bisschen kleiner. Es war die Wahrheit, sie konnte nicht widersprechen. „Ja, das ist so, das tut mir wirklich leid. Viele Menschen sehen in ihrem Haustier einen Gefährten und übertragen die eigenen Bedürfnisse auf das Tier. Es ist ihnen meist gar nicht bewusst, dass sie ihrem Tier damit schaden“ versuchte sie, so gut es geht zu erklären und zu besänftigen.
„Sein Tier“… schnaufte der König der Tiere ärgerlich. Der Mensch betrachtet die Tiere als sein Eigentum. Das ist unerhört!“ Wütend riss der Kater sich den Hut vom Kopf und pfefferte ihn auf den Waldboden. Darauf wusste Lotta nichts zu erwidern, denn er hatte Recht. Er hatte ja sowas von Recht. Sie senkte schuldbewusst den Kopf und dachte an all die Male, wo sie selbst sich einfach nur zum persönlichen Vergnügen eine Katze, einen Hund oder gar ein Pferd gewünscht hatte. Sie dachte daran, wie sehr sie es genossen hatte, den Hund ihres Nachbarn mit „Sitz“ und „Platz“ ganz nach ihren Wünschen in lautem Befehlston rumzukommandieren. Sie war wirklich nicht besser als alle anderen Menschen.

Aber es war noch nicht zu Ende. Im Gegenteil: der König der Tiere schien sich gerade erst warm zu laufen und fuhr fort: „Sag mir, Lotta Menschenkind, mit welchem Recht die Menschen viele Tiere in einem großen Haus zusammenpferchen und füttern, nur um sie am Ende umzubringen und sie aufzuessen?! Versteh‘ mich recht: fressen und gefressen werden ist ein Gesetz der Natur, wir alle müssen essen und das sind je nach Tierart eben auch andere Tiere“ sagte der Großcousin vierten Grades des afrikanischen Löwen, während die am nächsten sitzende Maus sich bei seinen Worten blitzschnell hinter den nächsten Baum flüchtete. „Es geht weniger darum, dass Ihr sie tötet, wenngleich die Anzahl der Tiere, die jeden Tag für euren Appetit sterben muss, viel zu groß ist. Das Schlimmste daran ist aber, dass ihr den Tieren das Leben VOR dem Tod zur Hölle macht!!! Die Stimme und der Ton des Katers waren am Ende mit jedem Wort lauter und schärfer geworden. Er fuhr in seiner Anklage fort: „Ihr foltert die Schweine, wenn ihr sie in allzu enge Pferche zwängt und ihren Klauen keinen natürlichen Untergrund zum Stehen gebt. Ihr quält die Kühe, wenn ihr ihnen ihre Kälber nehmt um die Milch in übergroßen Mengen nur für euch zu nehmen. Ihr verletzt und tötet absichtlich Küken, denen ihr großen Schmerz zufügt, wenn ihr ihnen die Schnäbel stutzt und die männlichen Exemplare einfach zerschreddert!“ Das letzte Wort schmetterte er Lotta mit einem hasserfüllten Blick ins Gesicht.

Dieses hatte Lotta schon länger mit ihren Händen bedeckt. Sie konnte diese Anklagen kaum aushalten, aber nicht so sehr wegen des wütenden Tons, sondern wegen der Erkenntnis, dass alles, was dieser schwarze Kater mit Zylinder auf dem Kopf ihr vorwarf, der Wahrheit entsprach und durchaus berechtigt war. Dabei spielte es nicht wirklich eine Rolle, dass sie das Meiste davon selbst nie getan hätte. Sie hatte es geduldet und stets davon profitiert, ohne darüber nachzudenken, woher der Schinken auf dem Pausenbrot kam und unter welchen Bedingungen die Hühner, die ihre Frühstückseier gelegt hatten, lebten. Es war Trauer und Scham, die nun dicke Tränen aus ihren Augen quellen ließen. Diese Dinge hatte sie stets gewusst, aber sie vor all diesen Tieren hier offen und laut ausgesprochen zu hören, machte alles überaus plastisch und sehr real. Sie saß hier stellvertretend für die Menschen, die tagtäglich an ihren Artgenossen solch grausame Verbrechen begingen um dafür Rede und Antwort zu stehen . Sie hätte sich nicht gewundert, wenn sich nun diese Schar Waldtiere wütend auf sie stürzen würde um Rache zu nehmen für all die gequälten Tiere, die durch die Menschen unglaublich gelitten hatten.

Doch nichts geschah. Der Kater hatte ausgesprochen, obwohl Lotta sehr gut wusste, dass die Liste der Gräueltaten, mit denen sich der Mensch an Tieren schuldig gemacht hatte, noch lange nicht zu Ende war. Es herrschte Stille. Lotta atmete tief durch, ließ die Tränen laufen und wartete. Nach einer endlos erscheinenden Weile nahm sie langsam die Hände vom Gesicht, schniefte und schaute… geradewegs in die wartenden Augen der Waldtiere, die immer noch wie versteinert da saßen und sich nicht rührten. Sogar die Lichtwesen hielten bemerkenswert still – alles schien den Atem anzuhalten und abzuwarten.

„Ich… es tut mir sooo leid. Ich weiß, …“ weiter kam sie nicht. Nun kam Bewegung in die Menge und die Tiere erwachten aus ihrer Starre. Sie kamen langsam näher. Lotta vergaß, was sie hatte sagen wollen und schaute den Tieren dabei zu, wie sie langsam auf sie zukamen. „So, das war’s, jetzt geht’s mir an den Kragen“ dachte sie und konnte diesen Tieren noch nicht mal böse sein. Komisch nur, dass sie gar nicht böse guckten und immer noch alle leise waren. Lotta schloss noch einmal die Augen und ergab sich ihrem Schicksal. Was hätte sie auch tun sollen? Weglaufen war angesichts der vielen Tiere, die deutlich schneller laufen konnten als sie keine gute Idee. Und vielleicht war es auch nur gerecht, dass sie nun würde büßen müssen für all die Verbrechen, die die Menschen an… eine leichte Berührung ließ Lotta zusammenzucken.

Es war… ja, es war fast wie ein Streicheln. Verwundert öffnete sie die Augen wieder und sah, dass eines der Eichhörnchen ihr mit ihrem (aus ihrer aktuellen Perspektive gar nicht so kleinen) Pfötchen sanft über die Wange fuhr. Um Lotta herum drängten sich nun eine ganze Menge Tiere, aber sie schienen keineswegs aufgebracht oder gar wütend. Sie schienen vielmehr ebenso verwundert zu sein wie Lotta selbst und … es schien fast so, als wollten sie Lotta trösten. In gegenseitigem Staunen berührten die Tiere Lotta’s tränennasse Wangen und Lotta berührte die feuchte Haut eines Frosches, die fragilen Federn eines kleinen Spatzes und sogar die glatte, kühle Haut einer Ringelnatter. Es war wie ein Kennenlernen, eine Neugier, der eher Staunen zugrunde lag als Zorn. Nach ein paar Minuten, die endlos schienen, tauchte auch der König der Tiere wieder vor Lotta auf.

Sein Gesicht war nicht mehr anklagend und zornig. Wie ein Gewitter hatten sich Hass und Wut in seiner Ansprache entladen und nun kam er mit einem leichten Lächeln auf Lotta zu. Lotta würde niemals dieses Lächeln vergessen, das wusste sie in diesem Augenblick. Es machte aus dem Kater, der eher wie die Karikatur eines Königs gewirkt hatte, einen wahren Souverän. Die Erscheinung des Katers war in diesem Moment wahrlich königlich.

„Ihr habt, verehrte Frau Lotta, heute der Menschheit einen großen Dienst erwiesen. Die Lichtwesen haben mich inzwischen darüber informiert, dass Sie heute stellvertretend für sie mit den Verbrechen der Menschen konfrontiert wurden. Sie wurden dafür ausgewählt, weil sie hoftfen, dass Sie die nötige Stärke und Herzensgröße hätten. Und wir wurden nicht enttäuscht. Sie haben sich den Vorwürfen gestellt und nichts davon geleugnet oder verteidigt. Sie haben sich entschuldigt – stellvertretend. Damit haben Sie die Welt der Menschen mit der Welt der Tiere und der Lichtwesen versöhnt. Sie haben heute eine große Tat vollbracht, auch wenn vermutlich nie jemand davon erfahren wird.
Wir danken Ihnen, Lotta Menschenkind, Sie haben bewiesen, dass nicht alle Menschen herzlos sind und Tiere nur als Ware oder Gegenstände ansehen. Behalten Sie uns in guter Erinnerung, auch mich, der ich Ihnen sehr zusetzen musste, doch es das war notwendig. Es mussten die Dinge einmal laut und dem erduldeten Leid angemessen ausgesprochen werden, damit Heilung entstehen kann.
Wir lassen Sie nun eine kleine Weile allein, damit Sie sich etwas erholen können. Vielen Dank für Ihren Besuch und für Ihr Mitgefühl. Die Lichtwesen wollen sich noch mit einem kleinen Geschenk für Ihre Großherzigkeit bedanken. Ein lichter Nebel mit irrisierendem Schimmer in der Mitte schwebte heran und blieb dicht vor ihr leicht schimmernd und immer in fließender Bewegung vor ihr stehen. Lotta betrachtete das Wesen fasziniert. Hatte es ihr eben tatsächlich zugezwinkert? Bevor Lotta es richtig betrachten konnte, bewegte es sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit wieder weg und war binnen wenigen Augenblicken verschwunden. Ok. Was auch immer das Geschenk hätte darstellen sollen: Lotta hatte es wohl verpasst.

Der König der Tiere näherte sich erneut, stellte sich vor Lotta auf und vollführte einen vollendet eleganten Schwung mit dem Hut. „Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre. Behalten Sie uns in guter Erinnerung, falls Sie können und leben Sie wohl!“ Er setzte seinen Zylinder anmutig auf seinem Katzenkopf zurecht und zog sich mit den übrigen Waldtieren zurück.

Innerhalb weniger Augenblicke war Lotta tatsächlich allein. Die ganze Anspannung fiel nach und nach von ihr ab und obwohl sie in Ruhe das Erlebte nochmal überdenken wollte, entschloss sie sich, erst mal etwas auszuruhen, denn sie war ehrlich erschöpft und hundemüde. Sie ruckelte sich an den Baum gelehnt noch ein bisschen zurecht und noch bevor sie einen weiteren Gedanken verschwenden konnte, war sie eingeschlafen.

Als sie aufwachte, war sie erst zunächst völlig überrascht, sich im Wald wieder zu finden. Allmählich kam aber die Erinnerung an das Erlebte zurück und Lotta sah sich um. Der Ort, wo sie sich befand, schien ein anderer zu sein. Wie seltsam. Die Bäume waren nicht mehr so riesig und das Gras nicht mehr so hoch. Sie schaute sich ihre Umgebung genauer an und stellte fest, dass sie wohl wieder ihre normale Größe erlangt hatte und war wirklich froh darüber. Alles war wieder, wie es sein sollte. Sie entdeckte sogar einen landwirtschaftlichen Weg, der in Sichtweite vorbei führte und der sie sicher zurück nach Hause bringen würde.
Sie stand auf, klopfte sich Gras und Erde von ihrer Kleidung , als sie auf dem Ast eines Baumes ein Eichhörnchen sitzen sah. Sie hätte schwören können, dass das Eichhörnchen sie ansah. Lotta hielt in der Bewegung inne und guckte das Eichhörnchen an. Aber ja, das Eichhörnchen hielt ihrem Blick stand und guckte zurück. Lotta lächelte und zwinkerte dem Tier zu. Ein Ruck ging auf einmal durch das Eichhörnchen und bevor es flink entlang der Äste das Weite suchte, … zwinkerte es zurück. Ja, Lotta war sich sicher. Es hatte gezwinkert.

Lotta kicherte und bevor sie sich zur Straße wandte, ließ sie ihren Blick weich werden und schaute in die Runde. Tatsächlich bewegte sich neben dem Baum, an dem sie geschlafen hatte, das Licht. Lotta drehte sich im Kreis und verbeugte sich anschließend. Sie sah auf und sah das Licht sich ebenfalls anmutig vor ihr verbeugen. Das also war das Geschenk der Lichtwesen. Lotta war sich sicher, dass sie von nun an mehr würde wahrnehmen können als die allermeisten Menschen sich überhaupt vorstellen konnten. Und darüber war sich mehr als froh.
Fröhlich pfeifend wandte sie sich der Straße zu und machte sich auf den Weg.


© Irene Lichtenberg


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Beschreibung des Autors zu "Gericht der Tiere"

Lotta verirrt sich im Wald und muss sich unerwartet dem Gericht der Tiere stellen...

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