Heute will ich euch die Geschichte von Hartmann, dem fiesen Fisch, erzählen. Eigentlich hatte Hartmann keinerlei Grund, fies zu sein, denn er lebte in einem wunderschönen Teich in Afrika, wo Teiche eigentlich recht selten sind. Man könnte sagen, er hatte das große Los gezogen, aber trotzdem schwamm er den ganzen Tag mit schlecht gelauntem Gesicht umher.

Hartmann war ein ungeheuer selbstsüchtiger Fisch, der nur an sein eigenes Wohl dachte. Sein Lieblingssatz war: "Was man hat, hat man!" – und aus den Silben dieses Satzes war mit der Zeit der Spitzname Hartmann geworden.
Hartmann schwamm schon den ganzen Tag missmutig in seinem Teich umher. Seinem Teich? Eigentlich gehörte der Teich ja allen Tieren in der Umgebung, aber da kennt Ihr Hartmann schlecht! Er betrachtete den Teich als sein ganz persönliches Eigentum. Einmal hatte er sogar ein Schild malen lassen mit der Aufschrift "Hartmanns Privat-Teich – Baden und Trinken bei Strafe verboten!" Das Schild war aber im lockeren Wüstenboden immer wieder umgefallen und schließlich vollständig vom Sand verweht worden. Daraufhin hatte sich Hartmann eine andere Methode ausgedacht, um jedermann unmissverständlich klarzumachen, dass der Teich ihm allein gehörte. Er schwamm mit hoher Geschwindigkeit dicht unter der Wasseroberfläche dahin, und zwar so, dass seine Schaumspuren zwei riesengroße, verschlungene Worte bildeten: "Mein Teich!"

In Afrika, das wisst ihr ja, brennt die Sonne so heiß, dass man auf den Steinen Spiegeleier braten kann – wenn man bei dieser Hitze überhaupt Lust auf etwas Gebratenes hätte. Und als unsere Geschichte sich abspielte, war es sogar noch heißer als sonst. Alle Tiere litten entsetzlichen Durst, außer Hartmann natürlich. Der schwamm in seinem kühlen Teich umher, aber anstatt froh zu sein, dass es wenigstens ihm gut ging, machte er ein griesgrämiges Gesicht und murmelte vor sich hin: "Ich seh´ es schon kommen, bald stehen sie alle Schlange und wollen aus meinem Teich trinken, aber das lasse ich nicht zu, auf keinen Fall! Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder einfach das aneignen könnte, was einem anderen gehört! Das ist schließlich ganz allein mein Teich! Ganz allein meiner! Was man hat, hat man!"

***

Die Tiere konnten sich nicht erinnern, dass es jemals so heiß gewesen war. Es dauerte gar nicht lange, da waren alle kleinen Pfützen, aus denen man hätte trinken können, ausgetrocknet. Nur der Teich nicht, in dem Hartmann wohnte, denn der war etwas tiefer. Aber alle hielten sich erst einmal von dem Teich fern. Mit dem fiesen, geizigen Fisch wollte eben keiner etwas zu tun haben. Dann schon lieber durstig sein! Für eine Weile kann man Durst schon ertragen, was aber, wenn die Sonne tagelang, wochenlang unerbittlich vom Himmel sengt und kein Wölkchen weit und breit zu sehen ist?!

Der erste, der schwach wurde, weil er den Durst nicht mehr ertrug, war Dickie, der Elefant. Er schlurfte ermattet zum Teich und trompetete: "Ach, lieber Freund, ich bin so durstig und schlapp, gib mir ein Schlückchen Wasser ab. Bitte!"
"Schlückchen! Schlückchen! In deinen Bauch geht der halbe Ozean rein", antwortete Hartmann, "jeder muss mit dem zurechtkommen, was er hat. Du hast einen schönen Rüssel, und ich hab einen schönen Teich." Dabei schielte er sehnsüchtig nach Dickies Rüssel, denn den hätte er selber gerne getragen. Und plötzlich fing er breit an zu grinsen, denn es kam ihm eine grandiose Idee.
"Hör zu Dickie, du kannst dich rundherum satt trinken, wenn du mir was dafür gibst."

"Was denn?" fragte Dickie, "ich hab ja nichts, was du gebrauchen könntest."
"Doch, deinen Rüssel", antwortete Hartmann, "den will ich haben."
Da begannen Dickies Tränen zu kullern. "Nein", jammerte er, "meinen Rüssel gebe ich nicht her!"

"Keinen Rüssel, kein Wasser", sagte Hartmann barsch. Und weil Dickie, der Elefant, so furchtbaren Durst hatte, gab er schließlich nach. Er trank sich satt, wodurch der Teich ein ganz schönes Stück flacher wurde, und übergab Hartmann dann mit einem Seufzer seinen Rüssel. Ich sage Euch, ohne Rüssel sah Dickie aus wie ein dicker Preisboxer, der gewaltig eins auf die Nase bekommen hat.

Den Fisch interessierte das überhaupt nicht. Er befestigte den Rüssel vorn an seiner Oberlippe und war ungeheuer stolz auf seine neue Errungenschaft. Langsam schwamm er auf und ab, den ganzen Tag lang, damit auch jeder ihn sehen konnte, und immer wieder hörte man ihn den Satz wiederholen: "Ja, ja, was man hat, hat man!"

***

Als der Elefant zurückkam, wussten die anderen Tiere nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, so seltsam sah er ohne seinen Rüssel aus. Aber Dickies Anblick war nur eine kurze Ablenkung, dann musste jeder wieder an seinen eigenen Durst denken.

Nach einer Weile sprang Strupp, der Löwe, mit einem mächtigen Brüllen auf. "Das wollen wir doch mal sehen, ob ich was zu trinken kriege oder nicht!" rief er, "schließlich bin ich der König der Tiere!" Unten am Teich war er schon etwas kleinlauter. "Hey", bettelte er, "wie wär's mit einem Schluck Wasser – unter Brüdern?!"

Hartmann tauchte aus den Fluten auf, schwenkte den Rüssel, den er Dickie gerade abgehandelt hatte, und meinte: "Was heißt hier ‚Hey‘? Ein bisschen mehr Höflichkeit, wenn ich bitten darf! Ist doch so üblich – unter Brüdern!"
"O.K., O.K.", antwortete Strupp, "war ja nicht so gemeint."

Hartmann wedelte kunstvoll mit dem Rüssel und schlug Strupp ein Tauschgeschäft vor. Der Löwe sagte: "Ich hab doch nichts zum Tauschen, bei mir ist kein Rüssel zu holen."

"Aber eine Mähne", sagte der Fisch mit listigem Lächeln.
Den Empörungsschrei hättet Ihr hören sollen. "Das ist ja die Höhe! Meine Mähne ist das Zeichen meiner königlichen, ach, was sag' ich, meiner kaiserlichen Abstammung. Niemals geb ich meine Haarpracht her, niemals!"
"Keine Mähne, kein Wasser", grunzte Hartmann unfreundlich und wartete ein Weilchen. Dabei spritzte er dem Löwen etwas von dem frischen, kühlen Nass auf die Nasenspitze.

Da war Strupps Stolz besiegt. Mit Tränen von Wut und Hilflosigkeit in den Augen trank er in großen Zügen, bis der Wasserspiegel des Teiches um ein weiteres Stück gesunken war. Dann händigte er Hartmann seine Mähne aus. Der legte sie sich sogleich um und streckte sich ordentlich, um ja recht eindrucksvoll zu wirken. "Kaiserlich, echt kaiserlich", grummelte er vor sich hin und schwamm eine Paraderunde.

Der arme Strupp! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie der jetzt aussah. Sein Kopf war kahl wie ein Fußball, und er schämte sich entsetzlich, als er so mit gesenktem Haupt heimtrottete. Er zuckte zusammen wie ein geprügelter Hund, als er hinter sich die höhnischen Worte hörte: "Hihi, Lockenköpfchen, was man hat, hat man!"

***

Wie es dem Löwen, dem König der Tiere, ergangen war, habt Ihr nun gehört. Und Ihr könnt mir glauben, dass das die anderen Tiere nicht sehr ermutigte. Wenn schon der Löwe nichts gegen Hartmanns Geiz ausrichten konnte, was sollten dann sie wohl machen?!

Zur allgemeinen Verwunderung erhob sich das Kamel Puckl als nächstes. Das war erstaunlich, denn eigentlich halten es die Kamele von allen Tieren am längsten ohne Wasser aus. Aber Puckl war schon immer ein ganz besonderes Kamel gewesen, was man schon daran erkennen konnte, dass er zwei Höcker hatte statt eines einzelnen, wie es sonst bei afrikanischen Kamelen üblich ist. Außerdem hatte ihm sein Arzt geraten, viel zu trinken, weil das gesund für seine Nieren sei.
Puckl erhob sich also und trabte mit schaukelndem Gang zum Teich. "Hallo, lieber Fisch, lass mich trinken! Wenn ein Kamel Durst hat, dann ist das ein Notfall!"

Hartmann tauchte sofort auf. Er gefiel sich ganz offensichtlich im Schmuck von Rüssel und Mähne. "Oho, Meister Doppelbuckel gibt mir die Ehre", schnappte er höhnisch, "was machen die werten Nieren? Ich höre hier das Wort Notfall, das sollte doch wohl eher Gier heißen. Gier auf mein ehrlich erworbenes Wasser! Aber eher gehst du durch ein Nadelöhr, als dass du einfach so mir nichts dir nichts mein Wasser säufst. Wenn du mir freilich deine beiden Höcker ..."

"Das geht nicht, dann bin ich ja splitternackt", klagte Puckl und wurde schamrot.
Aber Hartmann kannte kein Mitleid. "Keine Höcker, kein Wasser!" sagte er, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. "Vielleicht einen von beiden, das wäre doch ein faires Angebot ...", versuchte Puckl zu handeln. Aber der Fisch schnappte nur: "Warum sollte ich mich mit einem zufrieden geben, wenn ich zwei haben kann?"
"Was bleibt mir übrig, als nachzugeben", sagte Puckl betrübt und begann zu trinken. Wieder wurde der Teich ein ganzes Stück flacher, denn in den Bauch eines Kamels geht eine Menge Wasser hinein. Dann gab Puckl dem fiesen Hartmann seine beiden Höcker. Der setzte sie sich auf seinen Rücken und verdrehte ganz verzückt den Kopf, um sie beim Schwimmen besser sehen zu können.

Puckl trabte traurig zu den anderen Tieren zurück. Und es lief ihm trotz der Hitze kalt über den nackten Rücken, als Hartmann aus dem Teich hinter ihm her schrie: "Ja, ja, was man hat, hat man!"

***

Könnt Ihr euch ausmalen, wie mutlos die Tiere wurden, als sie Puckl ohne Höcker vom Teich zurückkommen sahen? Dieser Fisch schreckte ja wirklich vor nichts zurück! Und dabei wurde die Hitze so unerträglich, dass die Tiere kaum mehr miteinander sprechen konnten. Allen klebte die Zunge am Gaumen, und in ihren quälenden Fantasien perlte kühles, klares Wasser aus grünbemoosten Gebirgsquellen.

Meckhilde von Meckersheim, die vornehme Ziege, war die nächste, die es nicht mehr aushielt. Elegant trabte sie zum Teich. "Ach, wer gibt mir wohl ein Schlückchen Wasser ab?" sagte sie betont unauffällig. Aber Hartmann hatte sie gut gehört. "Wer wohl, wenn nicht ich?!" kicherte er, "aber das kostet eine Kleinigkeit."
"Spricht man so mit einer Dame?" meckerte Meckhilde in heller Empörung.
"Für mich bist du keine Dame, sondern nur eine durstige Zicke mit besonders stark entwickeltem Bartwuchs." Und als die vornehme Meckhilde von Meckersheim daraufhin den frechen Fisch erschüttert anschaute, fügte der hinzu: "Ich bin ein absolut fairer Verhandlungspartner. Mir geht's nur ums Geschäft, und das Geschäft heißt – Wasser gegen Hörner."

Das Gemeckere von Meckhilde war wirklich markerweichend. "Wie sehe ich denn aus ohne Hörner?! Das geht doch nicht! Da werde ich ja zum Gespött aller anderen Damen im Literaturzirkel!"

Aber Hartmann ließ sich nicht erweichen. "Wenn du dich schämst, kannst du ja den Kopf in den Sand stecken wie der Vogel Strauß. Ich wiederhole, keine Hörner, kein Wasser!"

Meckhildes Hals war schon bis ganz hinten von der Hitze ausgedörrt. Was blieb ihr also anderes übrig, als unter vielen Tränen nachzugeben. Sie trank in hastigen Schlucken, und das Wasser, das ja inzwischen schon recht flach war, wurde mit jedem Schluck noch flacher. Dann nahm sie mit beleidigtem Gesichtsausdruck ihre beiden Hörner ab, so etwa wie eine vornehme Dame ihren Frühjahrshut vor dem Spiegel abnimmt, und reichte sie Hartmann. Der pflanzte sie sich auf die Stirne und drehte sofort eine Runde, denn er kam sich in seinem neuen Hörnerschmuck mächtig schön vor.

"Musst nur ein wenig warten", höhnte er, "dein Mann, der alte Bock, setzt dir bestimmt bald wieder neue Hörner auf!"

Aber das hörte Meckhilde zum Glück nicht mehr, als sie sich betreten nach Hause schlich, wobei sie sorgfältig darauf bedacht war, dass möglichst keiner ihren kahlen Kopf sah. "Hoffentlich wachsen sie bald wieder", seufzte sie, schaute in einen kleinen Spiegel, den sie in einem kleinen Täschchen immer mit sich führte, und tupfte sich mit gespreiztem kleinen Finger etwas Makeup auf die beiden kahlen Stellen.

Hartmann aber kicherte leise vor sich hin: "Hihihihi, was man hat, hat man!"

***

Nichts, aber auch wirklich nichts konnte den fiesen Hartmann erweichen. Weder Elefantengutmütigkeit, noch Löwenzorn, weder Tränen noch Meckern. Und die Hitze wurde immer stärker.

Unter den Tieren gab es auch das Zebra Butler James. Diesen ulkigen Spitznamen trug es, weil es mit seinem schwarz-weißen Streifenmuster wie ein Butler aussah. So heißen in England die würdevollen, stocksteifen Hausdiener in ihren gestreiften Westen. Und höchst würdevoll war auch Butler James, das Zebra. Er erhob sich und meinte: "Nun, so wollen halt wir es einmal versuchen." Butler James sprach von sich immer in der Mehrzahl, seit er in einem Benimmbuch gelesen hatte, dass Könige und Kaiser das auch tun.

Er trabte hinüber zum Teich und sagte: "Werter Dr. von Fisch und Mitglied des erlauchten Hartmann-Bundes, wir sind äußerst durstig und bitten – wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben – um etwas Wasser, ähem, von Chemikern auch H2O genannt."

"Warum redest du so geschwollen daher?" fragte Hartmann, der im Schmuck von Rüssel, Mähne, Höckern und Hörnern auftauchte, "ich habe weder einen Doktortitel noch bin ich adlig oder Mitglied in irgendeinem Verein. Ich habe nur eins, einen Teich, und wer aus diesem Teich H2O trinken will, der muss was dafür hergeben. So einfach ist das! Du zum Beispiel hast da ein paar wunderschöne Streifen."

"Oh, verehrtester Teichbesitzer", antwortete Butler James erschrocken, "ohne Streifen stehen wir ja sozusagen in Unterbekleidung da."

"Keine Streifen, kein Wasser!" raunzte Hartmann barsch, und Butler James, den der Durst fast um die vornehme Selbstbeherrschung brachte, musste dem Geschäft am Ende widerwillig zustimmen.

Der Teich war nun schon so flach, dass man beim Trinken zuweilen Sandkörner in den Mund bekam, aber das merkte man nur am gelegentlichen Knirschen zwischen den Zähnen. Außerdem war es Butler James vom Austernessen her gewohnt, ab und zu auf Sand zu beißen.

Dann lieferte er seine Streifen ab und machte dabei ein Gesicht wie ein General, der in Gefangenschaft geraten ist und seine Uniformstreifen abgeben muss. Hartmann aber schmückte sich sogleich mit dem prächtigen schwarz-weißen Muster, während das Zebra sich weiß und absolut streifenfrei ins Lager der Tiere zurückschlich.

"Peinlich", dachte es, "peinlich, dass das gerade unsereinem passieren muss!"
Und hinter ihm her tönte Hartmann, ohne im geringsten Rücksicht auf seine verwirrten Gefühle zu nehmen: "Verbindlichsten Dank! Allerverbindlichsten Dank! Was man hat, hat man!"

Soviel hatte er aber gar nicht mehr, denn aus dem Teich war fast schon eine Pfütze geworden.

***

Nur eines von den Tieren hatte sich die ganze Zeit um eiserne Selbstbeherrschung bemüht, Käptn Hoorn, das Nashorn. Obwohl er nie zur See gefahren war, schmeichelte es ihm, wenn man ihn Käptn nannte. "In Notsituationen muss der Kapitän am längsten auf der Brücke durchhalten, und zwar mit der Hand an der Mütze", murmelte Käptn Hoorn, "aber jetzt geht das ganze langsam über meine Kräfte." Er erhob sich und stampfte zu der Pfütze hinüber, die einmal ein stolzer Teich gewesen war.

"S.O.S.! S.O.S.! Käptn Hoorn ruft Hartmann!" schnaufte das Nashorn, "ich verdurste!"

Sofort erschien der Fisch, der mit Rüssel, Mähne, Höckern, Hörnern und Streifen einen wirklich sonderbaren Anblick bot. "Wen es dürstet, der soll trinken!" meinte er mit beißendem Spott, "vielleicht ein kleines, lohnendes Tauschgeschäft gefällig? Dann ist schnell wieder alles in Butter auf´m Kutter!"

"Umsonst gibst du oller Gauner ja sowieso nichts her", war Käptn Hoorns Antwort.
"Umsonst ist nichts auf der Welt, auch mein Wasser nicht. Wenn du trinken willst, will ich dein Nasenhorn – und zwar pronto!"

Käptn Hoorn war vor Durst schon so schwach, dass er gar nicht mehr protestieren konnte. Er nickte nur schwach, und ein paar Tränen liefen aus seinen Augenwinkeln. Er bückte sich und fing an, die Wasserreste aufzuschlabbern, welche die anderen Tiere übrig gelassen hatten. Dabei musste er schon einige Geschicklichkeit aufbringen, um die letzten Tropfen zu ergattern. Dann nahm er sein Horn ab, die sich Hartmann ohne Zögern auf die Nase setzte.

"Na, wie seh ich aus?" fragte er dumm und eitel.

"Ich hab' schon alle Weltmeere befahren, aber so einen dämlichen Fisch hab' ich noch nie gesehen, dascha wohl man kloar", antwortete Käptn Hoorn und trottete davon. Ohne Horn auf der Nase wirkte sein Gesicht richtiggehend nackt. Wie bei jemandem, der sein Leben lang einen dichten Bart getragen hat und ihn eines schönen Tages plötzlich abrasiert.

Er war verzweifelt, als er wieder zu den anderen Tieren zurückkehrte. Zwar hatte er – um einmal ganz ehrlich zu sein – noch nie die See gesehen, ja er konnte sich noch nicht einmal vorstellen, wie Salzwasser roch, aber diese kleine Lebenslüge hatte nichts mit seinem Stolz zu tun, den Hartmann, der fiese Fisch, in seiner Gier und Selbstsucht zerbrochen hatte.

"Was man hat, hat man!" krächzte der Fisch hinter Käptn Hoorn her, und die Habgier vernebelte seinen Verstand. Deshalb merkte er auch gar nicht, dass er mittlerweile völlig auf dem Trockenen lag.

***

Hartmann hatte wirklich großes Mitleid mit sich selbst. Und dabei wurde er schwächer und schwächer. Denn ein Fisch hält es im Trockenen nicht lange aus, das wisst ihr ja alle. Da sah er plötzlich am Horizont einen kleinen Punkt, der schnell größer wurde. Es war der Jeep einer Forschungsexpedition, die in Afrika seltene Tiere beobachtete. Als der Wagen heran war, sprangen zwei Männer in Khaki-Anzügen und Tropenhelmen heraus.

"Mann, das ist ja 'n Ding!" rief der eine, "so einen seltsamen Elefanten hab' ich im Leben noch nie gesehen!"

"Quatsch, das ist ein Zebra", meinte der andere, "naja, vielleicht auch ein Löwe?!"

"Also ich tippe auf Ziege – oder vielleicht auch Kamel", erwiderte der erste zweifelnd.

"Also ich glaub, dass es ein Nashorn ist", war die abschließende Vermutung des zweiten.

Als sie Hartmann aufhoben, um ihn in den Jeep zu verladen, hörten sie ihn ganz heiser und kleinlaut flüstern: "Ich bin ein Fisch, hört ihr? Ein Fiiiisch! Was ich habe, brauch' ich nicht – und was ich brauche, hab ich nicht!"

"Verstehst du das?" fragte der erste Mann.

"Nee, hört sich an wie höhere Philosophie", sagte der zweite, schwang sich auf den Fahrersitz und ließ den Motor an.

***

So kam es, dass Hartmann nach Europa in einen bekannten Zoo kam. Es wurde extra für ihn ein großes Aquarium gebaut, in dem er verlassen den ganzen Tag über herum schwamm und viel, viel Zeit hatte, um über sich und seine Situation nachzudenken.

"Jetzt bin ich hier ganz allein und werde von den Leuten bestaunt, die in den Zoo kommen. Aber ist das ein Grund, stolz zu sein? Bestimmt nicht! Denn eigentlich findet mich ja jeder allenfalls interessant und ungewöhnlich, aber wirklich nett findet mich überhaupt keiner."

Und er begann zu begreifen, dass Besitztümer kein Glück bringen, wenn man sie sich durch Gemeinheit und Hartherzigkeit angeeignet hat. Besitz – das erkannte er – stellt sich wie eine Mauer zwischen dich und die anderen und macht dich am Ende furchtbar einsam.

Freunde gewinnt man – auch das wurde ihm jetzt klar – indem man fröhlich sein Herz öffnet und nicht gierig die Hände, wenn man schenkt, anstatt aus allem ein Geschäft zu machen.

Leider nutzten ihm diese Erkenntnisse in seinem Aquarium nicht viel. Deshalb bemühte er sich, wenigstens freundlich zu lächeln, wenn Leute vorbeikamen.
Als er ein ganzes Jahr lang immer freundlich gelächelt hatte, wurde das Schild "Hartmann, der fieseste Fisch unter Afrikas Sonne" von seinem Aquarium entfernt und durch ein anderes ersetzt.

Das neue Schild hatte man sogar vergoldet, und es war in großen Buchstaben darauf eingraviert:

FREUNDLICHER FISCH,
DER VIEL ZEIT ZUM
NACHDENKEN HATTE.

Was aber weder die Besucher wussten, wenn sie an Hartmanns Aquarium vorbeigingen, noch die Tierpfleger, wenn sie sein Wasser reinigten, war, dass er nur tags lächelte; nachts hatte er nämlich entsetzliche Alpträume. Da kamen alle die Tiere, die er aus Habgier betrogen hatte, in einer endlosen Prozession an den Scheiben vorbei, hornlose Ziegen, rüssellose Elefanten, einfarbige Zebras, Nashörner mit kahler Nase, höckerlose Kamele, Löwen ohne Mähne. Alle sahen ihn stumm, eindringlich und vorwurfsvoll an, und Hartmann schwamm danach immer die ganze Nacht aus Scham mit dem Bauch nach oben im Wasser, dass es aussah als sei er tot. Am nächsten Morgen lächelte er den Leuten wieder verbindlich zu, was blieb ihm denn auch anderes übrig!?

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© Peter Heinrichs


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Beschreibung des Autors zu "Hartmann, der fieseste Fisch unter Afrikas Sonne."

Der geizige Fisch Hartmann gibt sein Wasser nur ab, wenn die Tiere ihm etwas dafür geben. Das führt zu einem unguten Ende, dass ganz zuletzt doch noch annehmbar ausgeht.

Die Kinder in meinem Bekanntenkreis wollen diese Geschichte immer wieder hören.

Sie bekam bei dem Preisausschreiben "Werber schreiben" der Fachzeitschriftz w&v den zweiten Preis.

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