Frei sein

Zurzeit bin ich sehr viel am schreiben, von meiner Autobiografie bis hin zu Kurzgeschichten, viele Dinge schweben schwer oder federleicht durch meinen Verstand, dieses Werk möchte ich gerne mit euch teilen, den selbst wenn diese Geschichte fiktiv ist, sind meine Gefühle welche zum niederschreiben führten, echt.

Hand in Hand sitzen wir auf dieser einen alten, zerkratzten Holzbank, hier nahm alles seinen Anfang. 
Eine ruhige Brise weht durch unsere gleichgefärbten schwarzen Haare, der Niedergang des Sonnenscheins lässt den Himmel in einem atemberaubenden orangenen Farbenspiel erstrahlen. 

“Glaubst du wirklich es gibt keinen anderen Ausweg? Könnten wir nicht einfach davonrennen?”, Melanies Tränen beginnen hinab zu steigen.
“Nein.”, ich habe aufgehört an wundersame Auswege zu glauben. Friedlich wische ich den flüssigen Schmerz aus ihrem Gesicht, behutsam streichle ich über Melanies unruhigen Körper, drücke die Frau, welche für mich die Welt bedeutet, fest an mich.
“Ich liebe dich”, es ist ein letzter, zärtlicher Kuss, welcher mich zweifeln lässt und zugleich den Abzug der Waffe in Bewegung setzt. Ein kurzer, intensiver Schmerz blitzt durch meinen Kopf, dann werde ich von entfaltender Finsternis verschlungen...

Durch die weißen Schwaden der am Himmel wandernden Wolken gleiten singende Vögel, in der Ferne verweilen unzählige Autos auf grauen, überfüllten Parkplätzen. Meine schweren, wackligen Beine finden auf grünen, lebendigen Grashalmen ihren Halt. Auf den Hauch des kalten Windes lässt sich eine stechende Stimme fallen, spricht zu allen Menschen um mich herum. Eine Art Pfarrer will ihr Vergebung schenken, ihre Sünden nehmen, will mir weismachen dass Gottes Paradies auf sie wartet. Wo war dieser Allah in ihrer Verzweiflung, wo war der allmächtiger Gott in unseren letzten zwei Jahren?

Ich verabscheue es hier, dieses gespielte Entsetzen, sie alle wissen warum sie heute in dem weißen Leinentuch liegt. Überall stehen Leute, Leute die sie nicht mehr in ihrer Nähe ertragen hätte. Doch was für eine Rolle spielt das schon, eine Tote kann nicht mehr aussprechen, welche Menschen sie sich wirklich an ihre Beerdigung, an ihr Grabe gewünscht hätte.

Während dem ablaufenden Schauspiel spüre ich wie ein kleiner Punkt an meiner rechten Schläfe zuckt. Langsam streife ich über die unebene Narbe, noch immer spüre ich wie sich die Kugel an jenem Tag halber in meinen Schädel bohrte.

Tränen laufen über meine Wange, wagen sich aus ihrem Versteck, doch schäme ich mich nicht für ihre Aufrichtigkeit. Ich möchte meinen Blick von dem trostlosen Tuch abwenden, und zugleich möchte ich sie sehen, sie berühren, ein allerletztes Mal, doch ihr Körper wird bereits in die Höhe gehalten und dann in ein tiefes Erdloch herab gesenkt. Dem Glauben ihrer Familie nach blickt sie jetzt wohl nach Kaaba, einem Heiligtum oder Haus Gottes oder wie auch immer sie es nennen mögen. Doch mein Heiligtum liegt nun unter tausend Erdschichten begraben. Sie wollte diese Bestattung nicht, ihre Asche sollte auf den blauen Wellen des Meeres davonsegeln, wir wollten dort davonsegeln. Nun wird sie in einem braunen Grab von Würmern zerfressen. Ich halte es nicht mehr aus, ich muss weg von diesem lügenden Ort und deren lügenden Bewohnern.

“Melanie, bitte verzeih”, ein starker Griff umfasst mein Handgelenk, hält mich davon ab über den Friedhof zu flüchten.

“Lass mich los, Naim”, mir gegenüber steht ein von Leid gezeichnetes Gesicht.

“Ich konnte ihren Wunsch einer Einäscherung nicht äußern, sie hätten mich sofort ausgestoßen!”, die Pein in seinen Worten ist unüberhörbar.

“Du hast eure Tradition deiner eigenen Schwester vorgezogen, lebe damit!”, meine aufkommende Wut lässt mich seinen starken Griff entledigen.

“Lass sie gehen, diese Deutsche ist ohnehin nicht erwünscht!”, ein älterer Mann mit grauem Haar und verdunkelten Augen blickt streng zu mir. “Luana hat durch dich Schande über unsere Familie gebracht, einen Teufel wollen wir hier nicht haben.”

“Einen Teufel, EINEN TEUFEL?!”, ich kann meinen Zorn emporsteigen fühlen, “Du Yarik, du bist der wahrhaftige Teufel!" Meine Seele bebt, am liebsten würde ich die Faust gegen ihn erheben, genauso wie er es bei meinem Schatz tat, doch ich weiß Luana hätte mich dafür verachtet.
“Weißt du was die einprägsamste Erinnerung an Luana ist!? Ein ohrenbetäubender Knall, warmes Blut welches über mein Gesicht spritzt, der schwankende, auf meine Schulter schmetternde Kopf deiner Tochter und ihr regloser, in Blut getränkter Körper welcher einfach in sich zusammensackte.” Die Bilder ihres Verlustes ringen mich beinahe zu Boden, doch mein entschlossener Blick richtet sich weiterhin zu Yarik. ”Durch die losgelöste Kugel brachen auch meine Augen in sich zusammen. Bevor ich in der verdammten Finsternis ertrank, gelang es mir noch einmal zu ihr zu schauen, ihr wunderschönes Gesicht war durch ein klaffendes Loch nicht wiederzuerkennen". Krampfhaft beginnen meine Hände zu zittern, mein rasender Herzschlag wird von einer leeren Stille entführt. 
“Sie wollte einfach nur aus deinen einengenden Fängen entschwinden, aus euren Luft raubenden Traditionen entkommen, eigentlich wollte sie nur in Freiheit leben, aber am Ende, am Ende wollten sie einfach nur noch sterben.”


Erschüttert haben dreißig Leute die Hände über ihre Lippen gelegt, ihre gläsernen Blicke zeigen, dass sie über meine Worte nachdenken. 
Meine stockende Atmung beruhigt sich, wird angenehmer. Als würde mein Schatz lächelnd neben mir sitzen, erfüllende Wärme durchströmt meinen bibbernden Körper, ich weiß dass dies ein weiterer Wunsch von ihr war, bedacht fahre ich über unsere von Buchstaben und Zeichnungen gefüllten Papierseiten, dann klappe ich unser Tagebuch zu.

Es ist die Geschichte einer verwehrten Liebe, es ist unsere Geschichte, welche ich seit Luana’s Tode jede Woche, an allerlei Schulen und Universitäten vortrage.


© Be Strong. Alle Rechte vorbehalten, besonders das Recht auf Vervielfältigung sowie Übersetzung. Kein Teil des Textes darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder verarbeitet werden.


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Beschreibung des Autors zu "Frei sein"

Eigentlich wollten wir nur frei sein.
Diese Kurzgeschichte ist fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Organisationen, Institutionen etc und/oder deren Namen und/oder tatsächlichen Begebenheiten sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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