Es lebten einmal zwei Geschwister, die waren sich liebevoll zugetan. Sie wohnten mit ihrer Mutter in einem kleinen, ärmlichen Fischerhaus an einem tiefen See. Der Junge mit Namen Hans war neun Jahre alt und sein Schwesterchen Liese fünf. Der Vater war schon vor Jahren in einem Sturm, der über den See gezogen war, umgekommen.
Die Mutter konnte den Tod ihres geliebten Mannes nicht verwinden und hatte seit dem Tag, an dem das Unglück geschehen war, kein einziges Mal mehr gelacht. Sie wusste wohl, dass ihre Kinder sich nach Gelächter und Fröhlichkeit sehnten, aber so sehr sie die beiden auch liebte, sie vermochte es einfach nicht, ihnen auch nur ein kleines Lächeln zu schenken. Traurig waren auch die Kinder gewesen, als ihr Vater am Tage des verheerenden Sturmes nicht vom Fischen zurückgekommen war, aber Kinder finden auch nach schlimmen Schicksalsschlägen bald wieder in ein normales Leben zurück. Und so kam es, dass nur zuweilen, wenn sie das Bild mit den geliebten Zügen des Vaters betrachteten, ihre Augen feucht wurden und sie sich zurückerinnerten an die schönen Tage, an denen sie mit dem gütigen Manne im schaukelnden Boot über den See gefahren waren und ihm geholfen hatten, die prall gefüllten Netze mit den zappelnden Fischen aus dem Wasser zu ziehen.

Die Familie war arm, denn ihr fehlte der Ernährer. Die Mutter ging Tag für Tag bis spät in die Nacht in fremde Haushalte putzen, und so gab es manchen Abend, an dem die Kinder mit knurrendem Magen ins Bett gehen und sich mit einem Becher Quellwasser begnügen mussten, und auch die Kleider der Beiden wendete die Mutter notgedrungen immer wieder, und so waren sie an allen Ecken und Enden geflickt und ausgebessert.

***

Es war an einem schönen Sommertag und die Geschwister spielten am Seeufer. Jauchzend liefen sie hintereinander her, um sich zu fangen, dann wieder setzten sie sich nieder im Schatten eines Baumes und Hans schnitzte für Liese eine Flöte aus einem Weidenzweig. Schließlich standen sie auf und gingen am Ufer des Sees entlang, um bunte und seltsam geformte Steinchen zu suchen. Plötzlich bückte sich Hans nieder und hob einen Stein auf, der ihm zwischen den vielen anderen besonders auffiel. Er schimmerte in der Sonne, und Lieschen lachte und bettelte, Hans solle ihr den schönen Stein doch schenken.

"Aber ich habe ihn gefunden", sagte Hans.

"Und ich bin eine Dame, die von ihrem verehrten Herrn Bruder ein schönes Schmuckstück erwartet", erwiderte keck die kleine Liese.

Hans lachte und gab ihr den Stein. Liese drehte ihn in den Händen und strich sanft über die kleinen glitzernden Goldteilchen, die in den Stein eingelagert waren. Da erklang auf einmal ein Brausen und ein riesiger roten Krebs stieg aus den Fluten des Sees, schaute die Kinder an und sagte mit leise näselnder Stimme: "Wer ist mein Meister, der mich heraufruft aus der Tiefe des Sees?"

"Keiner hat dich gerufen", sagten die staunenden Kinder wie aus einem Munde, und Hans fügte dazu, "wir haben nur mit diesem goldglänzenden Stein gespielt."

"Dem Besitzer des Steines muss ich dienen", schnarrte der Krebs, "was er befiehlt, muss ich tun".

"Dann mach bitte, dass die Sonne heute schön lange scheint", sagte lachend das Lieschen.

"Dein Wunsch ist mir Befehl", antwortete der Krebs und glitt ins Wasser zurück. Spät am Abend kehrten Hans und Liese ins Elternhaus zurück. Und noch lange, nachdem die Mutter sie zur Ruhe gebracht und mit den weichen Federbetten zugedeckt hatte, schien die Sonne in grellen Streifen durch die hölzernen Lamellen der Fensterläden bis in die Schlafstube der Kinder hinein.

"Der Krebs hat nicht gelogen", flüsterte Hans, "die Sonne scheint noch immer, und es ist doch schon Nacht."

"Ja, die Sonne scheint noch immer", seufzte Lieschen schon im Halbschlaf, und Sekunden später hörte Hans ihre regelmäßigen Atemzüge und wußte, dass sie eingeschlafen war. Er selber fand keinen Schlaf. Wenn der Krebs Lieschens Wünsche erfüllen konnte, vermochte er sicher auch ein paar Goldstücke herbeizuzaubern. Aber durfte man sich überhaupt solche Dinge wünschen oder wurde der Krebs dann ärgerlich und hielt einen gar für habgierig? Er bewegte diese Fragen in seinem kindlichen Gemüt und glitt nach einiger Zeit ebenfalls in den Schlaf hinüber.

Als die Kinde am nächsten Tag durch das Fischerdörfchen liefen, wurde an allen Ecken von dem Wunder der nächtlichen Sonne geredet. Doch sie verrieten ihr Geheimnis nicht und erzählten keinem der Umherstehenden und aufgeregt Schwatzenden von dem goldenen Zauberstein und dem Wunderkrebs.

Erst spät am Abend schlichen sie sich hinunter zum See, denn sie wollten nicht, dass jemand sie dort entdeckte. Wartend standen sie am Ufer, und Liese strich mit dem Finger vorsichtig über den Stein. Sie brauchten nicht lange zu warten, wieder erhob sich das Brausen, das sie schon kannten, und gemächlich kroch der Krebs aus dem Wasser.

"Kann sich Liese auch Goldstücke wünschen, damit wir sie der Mutter bringen können und sie nicht mehr in fremden Häusern als Putzfrau arbeiten muss?" fragte Hans.

"Der Krebs wiegte seinen gepanzerten Kopf, dass die langen dünnen Fühler hin und her wippten: "Gold kann ich euch bringen, doch wer einmal den Wunsch nach Gut und Geld erfüllt bekommt, hat in alle Zukunft die Zauberkraft des Steines verwirkt."
Liese lachte. "Was sollen wir auch mit Gold anfangen? Wenn der Mutter die Arbeit zu beschwerlich wird, dann helfen wir ihr eben, komm Hans, wir wollen uns etwas anderes wünschen." Und sie klatschte in die Hände und rief: "Mach den See leer, lieber Krebs, damit wir auf seinen Grund hinuntersteigen und seine verborgenen Geheimnisse betrachten können".

"Was du wünschst, wird geschehen", erwiderte der Krebs, "dreimal wird sich nachts der See leeren, aber gebt acht auf die Kirchturmuhr. Wenn die Glocke den zwölften Mitternachtsschlag getan hat, kommen die Wasser und füllen den See wieder.

Da ertönte ein Gurgeln und in der Mitte des Sees bildete sich ein riesiger dunkler Strudel. Und als hätte jemand dort plötzlich einen Abfluss geschaffen, senkte sich gluckernd der Wasserspiegel. Das Wasser wich vom Ufer zurück und dort, wo sich eben noch unergründliche Fluten befunden hatten, standen jetzt nur noch seichte Pfützen, in denen sich zappelnd tausende von Fische drängten. Und gerade so, als wollte der Krebs den Kindern einen besonders eindrucksvollen Spaziergang ermöglichen, glomm blaugrünes Licht von überall her und beleuchtete den sich vor ihren Blicken ausbreitenden Grund des Sees.

Sie fassten sich an den Händen und stiegen den leicht abschüssigen, schlammigen Seeboden hinunter. Als sie eine Weile gegangen waren, erhob sich vor ihnen ein Schatten und sie erkannten die Umrisse einer Burg.

"Das ist die Burg des Ritters von Schwarzeneck", flüsterte Hans. "In einem alten Buch, das bei uns in der Schule liegt, habe ich über ihn gelesen. Er ließ die Burg im Tale statt auf der Bergspitze bauen, weil er sich nicht absondern wollte von seinen Bauern. Doch eines Tages brach der Fluss durch die Bergkette und überflutete die Burg und ertränkte alle die sich darin aufhielten, vom niedrigsten Diener bis zum Ritter und seiner Familie."

"Lass uns hineingehen", rief Liese, die keck war und vor nichts und niemandem Angst hatte.

Sie schritten durch das Tor und betraten den Burghof, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Einige Gerippe waren an seinem Rand zusammengesunken, die Fluten hatten die Dienstleute wohl beim Wasserschöpfen überrascht. In der Halle, deren Wände von Schlick und Tang bedeckt waren, standen noch die Tische, an denen die Ritter ihr letztes Mal eingenommen hatten. Ihre Schädel- und Beinknochen waren ins Innere der rostigen Rüstungen gerollt.

"Gruselig", sagte Hans. Liese streichelte sanft über die Rüstung eines der vornüber gesunkenen Ritter und flüsterte, "schlaf in Frieden für alle Ewigkeit."

Sie verließen die Burg und gingen weiter. Da hörten sie ganz von fern die Turmuhr elfmal dumpf und dann dreimal heller schlagen. "In einer Viertelstunde ist Mitternacht, wir müssen uns sputen", sagte Hans und sie wandten sich um und gingen eilends zurück. Als sie dann kurze Zeit später am Ufer standen und noch einmal zurückblickten, erklangen vom Kirchturm her zwölf Schläge, und das Wasser des Sees stieg brausend und schäumend empor, bis es die Burg und die toten Ritter samt ihrer Knechte wieder unter sich begraben hatte und unschuldig plätschernd an ihren Schuhspitzen leckte.

Sie gingen heim in ihr Häuschen, aßen das kärgliche Brot, das ihnen die Mutter hergerichtet hatte, dazu tranken sie einen Becher klares Wasser und begaben sich dann zu Bett.

***

Am nächsten Tag strahlte die Sonne schon früh vom wolkenlosen Himmel. Ungeduldig verbrachten die Kinder den Tag. Sie spielten mit den anderen Kindern, doch in ihren Gedanken spazierten sie schon über den Grund des trockenen Sees. Kaum konnten sie bis zum Abend zu warten.

Als die Sonne zu sinken begann, liefen sie zum Ufer, Liese holte den Stein heraus und rieb daran. Da kam wieder der Krebs und machte, dass der Wasserspiegel des Sees sich brausend senkte. Vor ihnen lag wieder der Grund, schlammig und düster. Blaugrün leuchtete das geheimnisvolle Licht und wies ihnen den Weg durch die versunkenen Trümmer, die verstreut umherlagen.

Plötzlich entdeckten sie einen Haufen halb in den Schlamm des Grundes vergrabene Kisten und Kasten, deren Deckel zum Teil aufgesprungen waren. Der Inhalt hatte sich auf den Boden ergossen, und es waren glänzende Goldmünzen.

"Das reicht, damit die Mutter nicht mehr putzen muss", sagte Hans und stopfte sich die Taschen voll. Guten Mutes gingen sie weiter über den Grund. Doch da ertönten wieder die Schläge der Mitternachtsstunde und sie gingen heim, legten die Goldstücke auf den Küchentisch und begaben sich in ihre Schlafstube. Spät kam die Mutter von ihrer schweren Arbeit zurück und betrachtete verständnislos den Schatz, der auf dem Tisch lag. Wer hatte diesen Reichtum gebracht? Das Geld würde bis an ihr Lebensende reichen, wenn sie sparsam damit umgingen. Doch sie war zu müde und erschöpft, um weiter darüber nachzudenken. "Morgen wird sich alles klären", seufzte sie, schlug das Gold in ein Tuch und ging ebenfalls zur Ruhe.

***

Am nächsten Tag, als die Kinder aufstanden, hatte die Mutter bereits frische Milch, Brötchen und Butter gekauft und rief: "Ein Wunder ist geschehen, ein guter Geist hat uns in der Nacht Reichtümer auf den Tisch gehäuft. Ich wüsste nur zu gerne, wer es war."

Dann fügte sie leise dazu: "Man sagt, dass zuweilen die, welche man sehr geliebt hat, zurückkommen für kurze Zeit und Hilfe bringen. Vielleicht war es der Geist eures Vaters. Aber man soll nicht zu viel fragen, wenn einen der Segen Gottes berührt." Und sie schwieg wieder. Aber ihre Gesichtszüge, die sonst immer traurig waren, hatten sich ein wenig aufgehellt.

Da erzählten ihr die Kinder die ganze Geschichte. Wie sie den Stein gefunden hatten und der Zauberkrebs sich in ihren Dienst gestellt hatte. Wie sie am ersten Tag die geheimnisvolle, vor Jahrhunderten versunkene Ritterburg und am zweiten den Goldschatz gefunden hatten. Und dass heute der dritte Tag war und sie wieder hinunter gehen und neue Abenteuer am Grunde des Sees erleben wollten.
Die kleine Liese aber sagte: "Heute wollen wir nicht alleine gehen, Mutter. Du sollst mit uns kommen, vielleicht entdecken wir beim dritten Mal noch wunderbarere Dinge."

Die Mutter war einverstanden, und nachdem die Sonne untergegangen war, begleitete sie die Kinder ans Ufer. Gemeinsam standen sie am Rande des Wassers und staunend sah die Fischersfrau, was die Kinder schon zweimal erlebt hatten. Ein Brausen ertönte und der Wasserspiegel sank und sank, bis der Grund frei vor ihren Augen lag.
Zu dritt gingen sie jetzt durch den Schlick, das unwirkliche Licht flackerte blaugrün von allen Seiten und warf zuckende Schatten auf ihren Weg. Da sahen sie vor sich einen schemenhaften Umriss, und als sie näher kamen, war es ein zerborstenes Fischerboot. Davor aber hockte mit hin- und her zuckenden Fühlern der Krebs, der Diener des Steins.

"Ich bewache das Boot des Unglücks" , knarrte er. Dann sah er die Mutter an: "Du müsstest es doch kennen." Und als die genau hinblickte, sah sie, dass es ihr Boot war, das Boot, in dem ihr Mann verunglückt war. Tiefe Traurigkeit überfiel sie aufs neue, doch da kam schemenhaft ein Mann auf die kleine Gruppe zu, direkt aus dem Bootswrack stieg er hervor. Und als er näher kam, stieß die Mutter einen markerschütternden Schrei aus. Dann sank sie dem geisterhaften Mann in die Arme und begann laut zu schluchzen. Und als die Kinder genau hinsahen, bemerkten sie, dass es der Vater war, wie sie ihn von dem Bilde kannten, das sie so oft betrachtet hatten.

Dies war also der Schatz des dritten Tages, und als sie in das lachende Gesicht der Mutter blickten, konnten sie sich einen schöneren nicht vorstellen.

Da hörten sie aus der Ferne die Uhr zwölfmal schlagen, und schreckensbleich sagte Hans zu dem Krebs: "Das schaffen wir nicht mehr, das Ufer ist zu weit. Das Wasser wird uns verschlingen."

"Solange Liese, meine Herrin, den Stein mit ihren Händen umschließt, wird kein Unheil euch treffen", sagte der Krebs mit näselnder Stimme, "so geht nun zurück und werden glücklich miteinander.

Schnell wandten sie sich zum Ufer, und Arm in Arm wie Jungverliebte liefen Vater und Mutter vor ihnen her. Liese umklammerte den Stein so fest, dass ihre Hände trotz der kühlen Luft schweißnass waren. Schon hatten die vorauseilenden Eltern die Stelle erreicht, an der die Kinder mit der Mutter auf den Grund heruntergestiegen waren.
In diesem Moment entfiel Liese der goldene Stein, und die Kinder blieben stehen, um ihn im Schlamm zu suchen.

"Was ist?", riefen Vater und Mutter, "kommt, wir wollen heimgehen."

"Wir haben den Stein verloren! „schrieen die Kinder entsetzt. Sie tasteten in dem schwachen Licht über den Boden, um den rettenden Zauberstein wiederzufinden.
Doch vergebens. Vor den Augen der wieder vereinten Eltern füllte sich der See und verschlang die Kinder, deren Todesschreie vom Brausen der steigenden Fluten übertönt wurden.

***

Über viele Generationen hin erzählte man sich in dem kleinen Fischerdorf diese Geschichte, bis erst einige, dann immer mehr und schließlich alle sie für ein schreckliches Märchen hielten. Aber das kann ja nicht sein, denn Märchen enden immer glücklich für die, die reinen Herzens sind. Nur das Leben in seiner unerbittlichen Härte und Grausamkeit schreibt die wahren, die bösen Geschichten, in denen die Guten und Arglosen am Ende zugrunde gehen.

Zudem ist das Geschehen Wort für Wort aufgezeichnet in der verschimmelten Chronik des Kirchleins, dessen Turmuhr das Ertrinken der Kinder mit zwölf unerbittlichen Schlägen begleitet hatte.

Ich habe mit eigener Hand die steifen, feuchten Seiten des alten Buches umgewendet, die eng und sorgfältig beschrieben waren von eines längst vergessenen Pfarrers Hand. Und ein Schaudern hat mich erfasst, als ich vom nassen Tod der Kinder las, der sie in dem Augenblick ereilte, als sie ihren geliebten Vater wiedergefunden hatten.
Im gleichen Augenblick, in welchem ihr Glück hätte beginnen können.




© Peter Heinrichs


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Beschreibung des Autors zu "Der verzauberte See"

Ein Märchen, das leider nicht so gut ausgeht, wie Märchen eigentlich ausgehen sollten.

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