Ein Mensch, den man beim Lesen fand,
verlor einst völlig den Verstand,
weil jedes Wort sofort verschwand
von dorten, wo es vorher stand.

So musst’ er vor dem Sich-entfernen
den ganzen Text auswendig lernen.
„Was soll’s“, sprach er, „so ist mein Wesen!
Ich hätt’s eh nicht noch mal gelesen“.

Jedoch was nützt ihm dieses bloß?
Er wurd’ den Text jetzt nicht mehr los.
Und ob’s nun Fluch war oder Segen,
der Text folgt’ ihm auf allen Wegen

Aus der Musik ist das bekannt,
dort wird es Ohrwurm oft genannt.
Ich glaube, dass in Komponisten
wohl tausend solche „Würmer“ nisten.

Beim Dichter sind’s die kleinen Lettern,
die über seine Seele klettern.
Er kann sich gar nicht davor retten,
was die ihm zu berichten hätten.


© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Bericht über das Lesen"

Re: Bericht über das Lesen

Autor: Ella Sander   Datum: 23.02.2019 11:59 Uhr

Kommentar: Erheiternde Zeilen, lieber Peter,
unterhaltsam und lustig.
Gefällt mir! :)

Liebe Grüße
Ella

Re: Bericht über das Lesen

Autor: mychrissie   Datum: 24.02.2019 13:46 Uhr

Kommentar: Danke Ella,

wir machen bei unserem literarischen Schreibkreis vor dem eigentlichen einstündigen Geschichtenschreiben immer eine 10-minütige Aufwärmphase. Im Rahmen dieser 10 Minuten entstanden diese Verschen. Sie sind also eigentlich nicht viel mehr als eine kleine Gelegenheitsreimerei. Deshalb ist es nett, dass Du sie trotzdem lustig findest.

Lieben Gruß, Peter

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