Beichte (Real-Life-Story)

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Der Stuhl war so unbequem wie immer, aber ich beklagte mich nicht, denn ich war froh, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Die Sonne lachte durchs Fenster, die Kolleginnen waren nett, und die Schreiberei ging mir an jenem Tag leicht von der Hand ...

... bis mich auf einmal ein Gedanke wie ein Blitz durchzuckte. Warum es gerade an dem Tag geschah, kann ich nicht sagen; ich schätze, es war einfach an der Zeit.

Vor Kurzem hatte ich damit begonnen, in meinem Leben aufzuräumen. Ein paar gefüllte Müllsäcke verließen meine Wohnung, einige nicht benötigte Bücher wurden verkauft. Ballast abwerfen - wie sehr ich das liebe! Während meine Wohnung immer leerer und sauberer wurde, räumte ich auch in meiner Seele auf.

Altlasten entsorgern. Mich meinen Gefühlen stellen. Reinen Tisch machen. Alles schön und gut. Die Wohnung war endlich sauber, doch unter den Schränken lag immer noch ... was eigentlich?

Sechs Jahre lang hatte ich ein Geheimnis gehütet - ein dunkles Geheimnis. Seit sechs Jahren trug ich eine Schuld mit mir herum, die auf meine Seele drückte. Egal, wie sehr ich mir einredete, dass es schon okay sei - ich konnte mir bis heute niemals verzeihen. Und jener Tag im Büro, als ich auf meinem Drehstuhl saß und von der Sonne angestrahlt wurde, wurde es mir mit einem Mal bewusst: Ich würde mir NIE verzeihen können. Ich würde NIE mit dem Thema abschließen können.

Ich war immer ein Mensch, dem Ehrlichkeit wichtig war. Wenn ich mal etwas verbarg, dann aus Schüchternheit, jedoch nie in böser Absicht - bis auf eine Ausnahme. Jene Tat, die ich vor genau sechs Jahren begangen hatte, drohte, mich von innen zu zerreißen, und ich erkannte, dass heute jener Tag gekommen war, den ich mir in Gedanken seit Jahren immer wieder in allen Variationen ausgemalt hatte. Ich hatte mit mir gerungen und immer wieder überlegt, ob ich gestehen sollte. Wenn ich es täte, was würde passieren? Würde ich mir dann endlich verzeihen können? Würden andere mir verzeihen? Würde ich alles verlieren, wofür ich mein Leben lang so hart gearbeitet hatte?

Es half alles nichts - meine Entscheidung war gekommen - ganz plötzlich, einfach so. Plötzlich wusste ich, was ich tun musste. Ich wusste, dass ich alles verlieren könnte. Ich wusste, dass meine Freunde und Bekannten mich vielleicht für meine Tat verurteilen würden. Und ich wusste, dass mir keine andere Wahl blieb, als zu tun, was ich nun tun würde.

Wieder in meiner Wohnung betrachtete ich liebevoll mein Bachelorzeugnis. Das Studium war nicht einfach gewesen, zumal ich nebenbei hatte arbeiten müssen. Ich erinnere mich noch zu gut an den Geschmack der veganen Riesenpizza, die es zur Belohnung gab, nachdem ich die Abschlussarbeit abgegeben hatte. Und als ich am nächsten Morgen aufgewacht war, rannte ich zu meiner gebundenen Bachelorarbeit, um mich zu vergewissern, dass ich sie wirklich geschrieben und das nicht nur geträumt hatte.

Doch was nützt einem eine gute Abschlussarbeit, wenn man niemals wirklich stolz auf sich selbst sein konnte? Wenn man sechs Jahre lang Schuldgefühle hatte und innerlich denkt, man habe die gute Abschlussnote gar nicht verdient?

Eines vorweg: Für meine Bachelorarbeit hatte ich eine schlechte Note bekommen, aber die anderen Noten hatten das wieder rausgerissen.

Jedenfalls war nun der Tag der Entscheidung gekommen. Ich küsste mein schwer verdientes Bachlorzeugnis noch ein letztes Mal und machte mich auf den Weg zum Prüfungsamt meiner Uni. Ich ging langsam, denn ich wollte den Moment hinauszögern. Ich hatte wahnsinnige Angst und zugleich fühlte ich die innere Gewissheit, dass ich nun das Richtige tun würde - das einzig Richtige. Ich würde ein großes Wagnis eingehen - und dann vielleicht alles verlieren. Und ich wusste auch, dass ich es verkraften würde. Was immer nun geschehen würde - es würde wehtun, sehr sogar, und ich würde es verkraften.

"Hallo", grüßte die Sekretärin mich, und ich fing an, zu zittern. Dann holte ich tief Luft. Einmal. Zweimal. Das Zittern wurde schlimmer. Und ich tat es.

Ich öffnete meinen Mund und sprach die Worte:

"Ich habe vor sechs Jahren in einer schriftlichen Hausarbeit geschummelt. Alle anderen Prüfungsleistungen habe ich selbst erbracht, aber in dieser hier" - ich zeigte auf besagte Note auf dem Zeugnis - "habe ich einen Täuschungsversuch begangen. Und deshalb muss ich das Bachelorzeugnis zurückgeben." Ich legte das Zeugnis auf den Tresen und fing an, hemmungslos zu weinen.

Ich hatte mich immer als Germanistin gefühlt, es war ein Teil meines Charakters, meines Seins. Und nun war ich keine Germanistin mehr, denn ich hatte vor sechs Jahren in einer Prüfung geschummelt, und damit waren auch alle anderen Leistungen, die ich ehrlich erbracht hatte, für die Katz. Acht Jahre Studium, fünfstellitge BAföG-Schulen ... Als mir klar wurde, dass es das jetzt war, fühlte ich plötzlich einen tiefen inneren Frieden. Mich überkam eine tiefe Ruhe, und ich wusste, ich hatte gerade das Richtige getan. Ich hatte meine Integrität wiederhergestellt und mein Gewissen nach sechs Jahren quälender Pein endlich reingewaschen. Dass es nicht leicht werden würde, war mir klar gewesen.

"Setzen Sie sich erst mal hin", antwortete die Sekretärin.
Nanu? Warum hinsetzen? Was gab es denn noch zu bereden? Ich hatte doch alles gesagt? Der Fall war klar!

"Sie müssen nicht das gesamte Zeugnis zurückgeben."

"Aber ..."

"Wir streichen die Prüfungsleistung heraus, bei der Sie geschummelt haben, und Sie können dafür eine andere Leistung erbringen."

Und das tat ich. Ich verdiente mir meinen Abschluss noch einmal - dieses Mal auf ehrliche Weise. Meine Endnote ist dadurch ein bisschen schlechter geworden, aber das ist okay.


© Varia Antares


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Beschreibung des Autors zu "Beichte (Real-Life-Story)"

Ehrlich währt am längsten.

Und ich rate jedem eindringlich davon ab, in Prüfungen - und seien sie noch so unbedeutend oder banal - zu schummeln!!!

Glaubt mir, Leute: Ein Gewissen kann mehr wehtun als jeder körperliche Schmerz. Und wenn man nach sechs Jahren merkt, dass man nicht mehr mit dieser Lüge leben kann, kann man durch die Beichte ALLES verlieren.

Wenn das Prüfungsamt mir nicht die zweite Chance gegeben hätte, hätte auch ich wegen eines banalen Täuschungsvesuches in einer kleinen Hausarbeit alles verloren.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es mir das wert gewesen wäre, um mein Gewissen reinzuwaschen. Nichts ist schlimmer, als sich selbst zu hassen. Und nichts fühlt sich besser an, als das Richtige zu tun und endlich wieder mit sich selbst im Reinen zu sein. :-) :-) :-)

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Kommentare zu "Beichte (Real-Life-Story)"

Re: Beichte (Real-Life-Story)

Autor: possum   Datum: 05.02.2019 0:49 Uhr

Kommentar: Gerne gelesen liebe Varia, ich hab auch schon mal geschummelt, bei einer Geschichte Arbeit aber wahrscheinlich wurde ich so rot, dass der Lehrer es sofort bemerkte, ich hatte Glück er gab mir eine zweite Gelegenheit den Test nochmal ... ehrlich ... zu schreiben und ich bin heut noch dankbar dafür, aber immer noch beschämt zugleich, Alles Liebe dir!

Re: Beichte (Real-Life-Story)

Autor: Varia Antares   Datum: 14.02.2019 13:50 Uhr

Kommentar: Danke für Deine Nachricht und Deine eigene Story zu dem Thema. Es tut gut, zu wissen, dass man nicht die Einzige ist, die sich in diesem Thema wiederfindet.

:-)

Alles Liebe und GLG
Varia

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