7. SCHWIERIGE UMSTÄNDE

Am besten lief es, wenn Uwe und Charly gemeinsam unterwegs waren. Sie verstanden sich hervorragend. Charly hatte immer einen guten Spruch drauf, auch den Leuten gegenüber, mit denen sie es so zu tun hatten. Egal, wem sie begegneten, Charly war immer höflich und respektvoll. Mit ihm gab es nie irgendwelche Probleme. Wenn jemand aggressiv war, gelang es ihm stets, denjenigen zu beschwichtigen.

Da verliefen die Streifen zusammen mit Klaus auf einem ganz anderen Niveau. Da wusste Uwe von vorneherein, das es grundsätzlich nicht ohne Schrammen abging. Meist waren bei Schichtende die Fingerknöchel lädiert. Einmal wurden Klaus und Uwe nachts zu einer Kneipenschlägerei gerufen. Charly hätte da gesagt: „Nur langsam, lass die sich mal austoben, dann sind sie nachher erschöpft.“ Klaus fuhr mit Blaulicht und Martinshorn an der Tatort. Bevor Uwe ausgestiegen war und die Auto-Türen abgeschlossen hatte, war Klaus schon im Getümmel und schlegelte um sich und das ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Bis Verstärkung durch andere Streifenwagenbesatzungen eintraf, hatten sich Uwe und Klaus schon blutige Nasen geholt. Damals war Uwe hinterher noch einen Schichtumlauf krank geschrieben, worauf ihn Klaus als „Weichei“ beschimpfte.

Auch mit Alfred wurde Uwe mal nachts wegen einer Prügelei in eine Gaststätte gerufen. Alfred ließ sich auch Zeit, ging dann hinein und gleich hinter den Tresen zum Wirt, der ihm erstmal einen Cognac ausgab, bevor Alfred mit den Leuten sprach.

Mit Alfred wurde Uwe nur dann zusammen eingeteilt, wenn es gar nicht mehr anders ging. Alfred war überhaupt nicht entscheidungsfreudig. Er ahnte auch oft nicht, wie er sich in einer bestimmten Situation verhalten sollte. Das wusste Pfundner natürlich. Er ließ Uwe auch nie zusammen mit einem der Polizeifreiwilligen alleine fahren, da Uwe ja noch nicht die Laufbahnprüfung abgelegt hatte und so manche Maßnahmen gar nicht anordnen durfte. Außerdem war es für einen Frischling natürlich wichtig, dass er jemand bei sich hatte, der ihm zeigte, wohin der Hase lief.

So war er öfters auch mit Rudi unterwegs. Normal war es üblich, dass sich die Besatzung eines Streifenwagens die zu bearbeitenden Fälle teilte. So nahm z. B. Charly einen Unfall als Sachbesrbeiter auf und den nächsten Uwe. Der Sachbearbeiter vernahm den Beschuldigten oder Betroffenen und der Kollege die Zeugen bzw. fertigte eine Unfallskizze. Bei anderen Anzeigen war es genauso: man teilte sich die Arbeit und sprach auch immer vorher ab, wer was vor Ort machte.

Rudi weigerte sich grundsätzlich, das nächste Delikt zu bearbeiten. Von ihm hörte Uwe immer nur: „Du bist hier der Stift. Du musst das alles lernen. Ich kann das Ganze schon.“ Und als sich Uwe deswegen bei Pfundner beschwerte, gab dieser Rudi auch noch recht. „Wie sollen Sie das sonst auch hinkriegen?“ fragte er einfach. „Rudi ist ihr Streifenführer und Sie machen das, was der Ihnen befiehlt!“

Wenn Rudi mit Manni unterwegs war, lief das immer so, dass Rudi sich die einfachen Unfälle herauspickte und Manni die komplizierteren Fälle überließ. A-Unfälle bearbeitete er dann auch klaglos vier oder fünf hintereinander, weil da anschließend nicht viel Schreibarbeit folgte.

Rudi war aber der einzige in der Schicht, der so unkollegial zu Uwe war. Sogar Helmut übernahm seinen Teil der Arbeit, wenn er auch jedesmal drauf hinwies, dass er nur noch ein paar Monate zu arbeiten habe und deshalb eigentlich geschont werden müsste. Aber Uwe wusste, dass Helmut im Grunde gutherzig und hilfsbereit war.


8. SELTSAME MITBÜRGER

Man kann es kaum glauben, wieviel Verrückte in einer Großstadt wohnen. Solche Leute hatte Uwe auf seinem Dorf noch nie kennengelernt. Bürger, die total neben der Spur laufen und dies auch immer anderen gegenüber zeigen wollen. Und wenn der Arzt keine Sprechstunde hat, geht man halt auf die Polizeiwache.

Wenn Uwe nach Streifenende im Aufenthaltsraum war, wurde er öfters zu Richard in den Wachraum gerufen, um diesen zu unterstützen. Falls mehrere Kunden anwesend waren, mussten sich auch mehr Kollegen am Tresen hinter der Eingangstür aufhalten.

Jeden zweiten Tag begehrte da eine Frau Blum Einlass. Wenn Richard die sah, rollte er mit den Augen und rief sofort nach Hilfe. Frau Blum führte dann etwa eine Stunde lang einen weinerlichen Monolog, von dem man nicht allzu viel verstand, außer dass irgendwelche Russen im Krieg ihren Sohn gefangen genommen hätten und jetzt seine Spielsachen ganz alleine im Kinderzimmer warteten. Wer sich gerade um sie kümmern musste, brauchte einfach ständig nur zu nicken und „ja ja“ zu sagen. Dann hörte sie irgendwann mal auf und ging wieder hinaus auf die Straße. Als sich Uwe das erste Mal um sie bemühte, merkte er sofort, was abging.

Einmal stand Manni im Wachraum, als die Frau auftauchte. Zu aller Überraschung holte er sie hinter den Tresen. „Das ist ein wichtiges Problem, Frau Blum. Das müssen sie mit unserem Chef besprechen.“ Dann führte Manni Frau Blum tatsächlich zu Fröhlich in den ersten Stock und sagte diesem, die Frau hätte nach ihm verlangt. Das gab hinterher ein brutales Donnerwetter. Pfundner passte in keinen Schlappen mehr, als der Hauptkommissar mit ihm fertig war.

Dann kam öfters so ein kleiner grauhaariger Italiener auf die Wache und beschwerte sich darüber, dass er von den Amerikanern mit Strahlen verseucht würde. Zu dem sagte dann Manni eines Tages, das Revier hätte jetzt ein neues Antistrahlengerät bekommen und ob man es an ihm mal ausprobieren dürfte. Uwe und Manni gingen mit dem Mann in den Keller, wo die Arrestzellen untergebracht waren. Die Heizkörper dort waren oben abgeschrägt und mit der Wand verbunden, dass sich niemand daran verletzen konnte. Jetzt ließ Manni den Italiener sich mit der Brust an die schräge Stelle drücken. Dann drehte er am Heizkörperventil. „Na, schon besser?“ „Das ist ja wirklich toll,“ sagte der Bestrahlte. „Wie weggeblasen! Ein prima Gerät. Darf ich da ab und zu mal wiederkommen?“ „Jederzeit,“ sagte Manni ernsthaft. „Wir helfen, wo wir können.“

Eine weitere revierbekannte Person mit Ausfallerscheinungen wohnte in einem Hotel am Stadtrand. Dies war eine alte Frau von ca. 80 Jahren, und ihrer Tochter gehörte das Hotel. Oft musste da ein Streifenwagen anfahren, weil die alte Dame nachts das Fenster aufriss und lauhals „Hilfe, Hilfe, Mörder. Ruft die Polizei,“ schrie. Da durfte man dann hinfahren und beruhigend auf die Greisin einwirken. Diesen Auftrag übernahm in der Regel Alfred. Er nütze es aus, dass der Tochter das Verhalten der Mutter sehr peinlich war und ließ sich dann im Hotel ein paar Viertel Wein kredenzen. Klaus musste einstweilen im Streifenwagen warten. Alfred hatte Angst, dass Klaus sonst der Alten eine geschmiert hätte und dann wäre die Quelle mit dem Wein versiegt gewesen.

9. ZUKUNFTS-ENTSCHEIDUNG

Eines Nachmittags nahmen Charly und Uwe einen kleinen Verkehrsunfall auf. Der gelbe 2CV einer jungen Dame war angefahren worden. Das Mädchen schien richtig nett und natürlich und beeindruckte Uwe so sehr, dass er rot wurde, als sie ihm am Schluss noch die Hand reichte. „Sie sind ein sehr höflicher Mensch,“ sagte sie zum Abschied, „so was findet man heutzutage selten.“

Am nächsten Morgen war Uwe zur Verkehrsregelung in der Nähe dieser Unfallstelle eingeteilt, und er musste an die junge Frau denken, als er seinen Posten bezog. Plötzlich hupte es, und der gelbe Citroen fuhr an ihm vorbei. Das Mädchen hatte das Fenster hochgeklappt und rief ihm ein fröhliches „guten Morgen“ zu. Uwe hatte Feuer gefangen.

Jetzt wusste er nicht, wie er sich weiter verhalten sollte. Aber dafür hat man ja Kollegen. Er erzählte Charly von seinem Zustand, da dieser das junge Mädchen schließlich auch kannte. „Ja, da sollten wir uns was einfallen lassen,“ meinte sein Streifengenosse.

Über das Kfz-Kennzeichen war der Name der Frau bekannt. Vom Revier aus hatte man Zugang zur Meldestelle. Eine Überprüfung ergab, dass das Mädchen Doris hieß und mit ihrem Ehemann zusammenlebte.

Wer weiß, wie das Leben von Uwe verlaufen wäre, wenn er hier in der Großstadt eine Liebschaft begonnen hätte. Vielleicht wäre er dann ja hier geblieben, hätte geheiratet und sich in der Vorstadt eine größere Wohnung für Frau und Kinder angemietet.

Klar war Uwe ein bisschen enttäuscht, aber letztendlich war ja alles seinen Aufenthalt in der Großstadt betreffend von vornherein schon genau geplant gewesen. Und dieser Plan änderte sich natürlich nun nicht mehr.

Uwe leistete seine Dienstzeit als Streifenhörnchen im Vorstadtrevier voll ab, und eines Tages war es dann soweit: er musste auf den Fachlehrgang in eine ca. 200 km entfernte Stadt. Bei bestandener Prüfung sollte er wieder für kurze Zeit auf sein Stammrevier zurückkehren, um seine Beförderungsurkunde zu erhalten. Danach ging es wohl innerhalb von zwei, drei Monaten Richtung Heimat, wo er im elterlichen Haus wohnen konnte. Seine neue Dienststelle hatte er auch schon besucht und sich den Kollegen dort vorgestellt.

Dann gab es keinen Schichtdienst mehr mit etlichen Kollegen drumherum. Auf dem Posten in der Heimat waren nur drei Leute stationiert, die aber alles selbst bearbeiten mussten. Da konnte man nichts an Kriminalpolizei und Ermittlungsdienst abschieben, sondern man musste alles bis ins kleinste Detail zusammentragen und dann der Staatsanwaltschaft vorlegen. Aber er hatte dort einen Blick ins Tätigkeitsbuch geworfen und festgestellt, dass es auf dem Land offenbar viel weniger böse Menschen gab als in der Großstadt. Überarbeiten würde er sich dort eher nicht.

Als Beamter hatte er bestimmt auch gute Chancen, vor Ort eine pralle Bauerntochter zu ehelichen. Die Zukunft würde es weisen.

Uwe verabschiedete sich beim nächsten Dienstende von seinen Streifenkollegen, indem er jedem in der nahe gelegenen Stammkneipe noch ein Bier ausgab.


© bruddlsupp


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Erlebnisse eines Polizeianfängers.

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