Da lag sie nun. Mitten auf dem Weg.
„Hoffentlich bin ich heil geblieben“, dachte sie und schaute an sich herunter. O je, ihr schönes vergoldetes Messinggehäuse hatte eine hässliche Beule. Aber sonst war ihr nichts passiert. Nun sah sich die Reiseuhr genauer um. Sie lag neben einem wurzelüberwuchertem Waldweg im Graben.
„Kein Wunder, dass ich von der Kutsche gefallen bin“, stellte sie verdrießlich fest.
Plötzlich landete ein geflügeltes Wesen neben ihr.
„Nanu, wo kommst du denn her?“, fragte es. „Bist du vom Himmel gefallen? Du strahlst ja so hell wie die Sonne“.
Das schmeichelte der Reiseuhr sehr. Ihr golden schimmerndes Kleid war ihr ganzer Stolz.
„Nein, ich bin nicht vom Himmel gefallen, sondern aus der Postkutsche. Ich bin nämlich eine Reiseuhr und schon viel herumgekommen“.
„Soso“, antwortete das Flügelwesen. „Ich bin ein Elf und heiße Rucola. Ich wohne auf der Wiese gleich hinter dem Wald. Eine Uhr kann ich gut gebrauchen. Weißt du, ich komme nie pünktlich zu den Elfentreffen, weil ich nie weiß, wie spät es ist“.
Rucola ergriff den Henkel der Reiseuhr und wollte sie hochheben. Doch diese war für den kleinen Elf viel zu schwer. „Hm, ich glaube da brauche ich Hilfe. Ich werde Balduin holen“.
Kurze Zeit später kam Rucola mit dem Wildschwein zurück. Da flatterte auch eine neugierige Elster herbei. Was Rucola und Balduin wohl vorhatten? Und was glänzte da im Graben? Die Elster flog schnell hin. O, wie war das Ding schön. Genau das Richtige für ihre Sammlung.
Doch da rief auch schon Rucola: „Philomena! Die Reiseuhr habe ich gefunden!“
Erschrocken flatterte die Elster zur Seite. „Ich wollte doch nur gucken“, schmollte sie.
Balduin stupste die Reiseuhr mit seinem Rüssel an.
„He, willst du wohl aufpassen?“, beschwerte sich die Uhr. „Ich habe schon eine Beule!“
Doch Balduin grunzte nur und drehte sie um.
„Halt, mir wird schwindelig!“.
„Lass es gut sein Balduin“, bat Rucola. Bitte nimm den Henkel in die Schnauze und trage die Uhr zur Wiese“.
Das Wildschwein tat wie ihm geheißen und Philomena flog hinterher. Mitten auf der Wiese stand ein Kastanienbaum.
„Hier können wir die Reiseuhr aufhängen. Dann weiß ich immer die Zeit und komme nie mehr zu spät“, entschied Rucola.
Doch wie sollte die Uhr an den Ast kommen? Balduin stellte sich auf die Hinterbeine, doch er konnte den Ast nicht erreichen.
„Flügel müsstest du haben“, spottete die Elster und griff nach dem Henkel. Aber alleine konnte Philomena die schwere Uhr nicht halten und ließ sie in das Gras fallen.
„Nicht schon wieder“, jammerte die Uhr. „Rucola, habe ich noch eine Beule bekommen?“
Der Elf beschaute sie auf allen Seiten: „Nein, alles in Ordnung“, beruhigte er die Uhr.
„Ich werde Antonius holen“, sprach Philomena und flog auch schon davon.
Es dauerte nicht lange, da kam Philomena mit ihrem Bruder zurück. Gemeinsam packten sie den Henkel und hingen die Uhr an den Ast.
Der Platz gefiel der Reiseuhr. Sie konnte viel sehen und alle Tiere des Waldes kamen sie besuchen. Und Rucola kam nie mehr zu spät zu den Elfentreffen.


© Sabine Axnick


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Kommentare zu "Die Reiseuhr"

Re: Die Reiseuhr

Autor: Angélique Duvier   Datum: 12.04.2022 13:35 Uhr

Kommentar: Liebe Sabine,

Deine kleine Kindergeschichte ist einfach bezaubernd!

Liebe Grüße zu Dir,

Angélique

Re: Die Reiseuhr

Autor: Michael Dierl   Datum: 12.04.2022 14:56 Uhr

Kommentar: Hallo Sabine, Woooowww.....eine ganz schön nette Kindergeschichte. Du hast es echt drauf! Kompliment! Sowas lesen kleine Kinder immer sehr gerne. Weiß das selber! Habe mir gestern ein Jugendbuch bestellt. Abenteuer im Urwald. Ich liebe solche Geschichten! Außerdem mag ich Wald!

lg Michael

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