Kapitel 2 – Nach der Schule

„Hey Kaz! Wie geht’s dir? Hat sich deine Tante wegen Gestern wieder beruhigt?“

„Morgen Zinari. Hach na ja, es muss ja, ne. Sie hat Gestern noch ziemlich rumgestresst, aber im Großem und Ganzen ist alles wieder in Ordnung. Heute Morgen hat sie auch nichts weiter gesagt, also sollte das wohl vergeben und vergessen sein.“

„Hui, da bin ich aber froh! Ich dachte schon, du bekommst noch Hausarrest oder so. Zum Glück nicht!“

„Ja, da bin ich auch echt froh drüber.“

Zinari, die ihre beste Freundin schon seit dem Kindergarten kennt, bemerkte die veränderte Reaktion von Kaz sofort.
Normalerweise wäre ihre Freundin viel aufgedrehter und redseliger und sie würden sofort einen neuen Plan für ein neues kleines Abenteuer schmieden.
Zinari musterte Kaz nun jedoch mit ihren dunklen, braunen Augen um herauszufinden, was los war. Als sie allerdings keinerlei Antwort aus Kaz’ Körpersprache bekam, beschloss sie das Thema einfach anzuschneiden.

„Sag mal, hast du heut’ schlechte Laune, oder so? Du wirkst heute irgendwie so, als würdest du neben dir stehen. Ist was passiert auf dem Weg hierher? Immerhin bist du heute mal pünktlich!“

Sie neckte ihre Freundin und knuffte sie in die Seite.

„Glaub mir Zi, du würdest es mir definitiv nicht glauben.“

„Hey, ich glaub’ dir ’ne ganze Menge, und das weißt du eigentlich auch! Wozu sind beste Freundinnen denn da? Also los, erzähl’s mir schon!“

„Haaah, okay, du würdest ja doch nicht locker lassen. Aber zuerst musst du aufhören, diesen ’Gossenslang’ zu benutzen! Du weißt doch, du bist ’ein viel zu schlechter Umgang’ für mich! Und das sicherlich nicht nur, weil du so redest!“

„Haha, okay, hab’s kapiert! Ich will ja keinen Ärger mit deiner superkorrekten Tante kriegen!“

Damit wandten sich die zwei lachend und kichernd in Richtung Schulhof.
Während sie damit begannen, den mühsamen Weg durch Herden von Schülern einzuschlagen, erzählte Kaz ihrer Freundin von der Begegnung in dem geheimnisvollen Viertel. Zinari, die von ihren engsten Freunden auch häufig einfach nur ’Zi’ genannt wurde, hörte ihr aufmerksam zu und versuchte das Erlebte in irgendeinen halbwegs realistischen Zusammenhang zu bringen.
Zinari war für ihre gute Kombinationsgabe und ihre Rationalität bekannt, nicht zuletzt weil sie häufig geniale Pläne schuf, die eine Fehlerquote von 1:10 aufwies. Daher war die stolze Brünette mit ihren halblangen haselnussfarbenen Haaren, die sie immer kunstvoll zu einer Kurzhaarfrisur umwandelte und dadurch teilweise auch als Punkerin durchgehen konnte, trotz ihres manchmal gewöhnungsbedürftigen Sprachstils sehr beliebt bei Gruppenarbeiten, Vorträgen und anderen gemeinsamen Aktivitäten.
Doch das alles half ihr bei dieser verrückten Geschichte herzlich wenig.

„Also Kaz, ich weiß ja nicht. Du klingst wirklich glaubwürdig und alles, und ich glaube dir auch wirklich, aber ich kann mir drauf einfach keinen Reim machen. Ich finde keine, auch nur annähernd logisch klingende Erklärung dafür. Obwohl ich diesen Typen wirklich gerne gesehen hätte. Der klingt ja richtig scharf! Und diese Augen, von denen du so schwärmst, sind bestimmt auch ein Traum! Schade nur, dass ich nicht mit dir konkurrieren will. Ich lasse dir lieber deine heiße Liebe zu einem supersüßen Kerl!“

„Zi! Was soll der Mist! Ich hab dir das nicht erzählt, damit du mich necken kannst und dir über diesen geheimnisvollen Typen Gedanken machen kannst!“

„Haha, das weiß ich doch! Es war nur zu süüüß! Hr-hm. Gut, zurück zum eigentlichen Thema. Wie kamst du in diese Gasse? Bist du sicher, dass du nicht vielleicht doch irgendwo falsch reingelaufen bist?“

Doch bevor Kaz antworten konnte, klingelte es erstmalig zum Stundenbeginn.
Kaz und Zinari, die sich bis dato geschützt vor fremden Blicken in einer Ecke unter der Treppe im Erdgeschoss unterhielten, verließen nun ihre Deckung und flitzten zwei Stockwerke nach oben zu ihrem Klassenraum.
Sie hatten sich gerade auf ihre Plätze in der vorletzten Reihe gesetzt, als erneutes Klingeln der Schulglocke den endgültigen Unterrichtsbeginn verkündete.

Puh, noch mal Glück gehabt.

Die erste Stunde Politik verlief ganz interessant, wie Kaz befand, da es sich um den Staat und seine Aufgaben gegenüber der Bevölkerung und die Rechte der Bürger drehte.
Die darauffolgenden Stunden, Mathematik und Deutsch, waren so langweilig, dass Kaz das Gefühl hatte jeden Moment einzuschlafen. Doch immer, wenn es fast so weit war, stieß ihre Freundin sie mit dem Ellenbogen an und hindert sie so am seligen Schlaf.

Nachdem auch der restliche Schultag relativ problemlos vonstatten ging, Kaz hatte eine wichtige Arbeit verschwitzt und konnte dann auch noch mit den ganzen chemischen Formeln nichts anfangen, machten sich die beiden Freundinnen auf den Weg zum Park. Dort verweilten sie meistens noch mehrere Stunden nach der Schule, um neue aufregende Pläne zu besprechen oder sich über den neusten Klatsch und Tratsch aus der Familie oder vom Wochenende auszutauschen.

Nach ungefähr eineinhalb Stunden traf ihr Kumpel Ravinus Poratus normalerweise ein.
Er war zwei Jahre älter als sie beide und ging in die zwölfte Klasse. Da er sein Abitur möglichst gut bewältigen möchte, nimmt er manchmal noch an Nachhilfekursen teil, auch wenn er sie gar nicht nötig hat. „Das hilft mir, das Wissen noch einmal besser zu verarbeiten“, hatte er dazu auf Anfrage geantwortet. Durch diese Kurse kam er auch schon mal wesentlich später oder tauchte gar nicht erst auf.

Heute stand er jedoch pünktlich wie immer nach eineinhalb Stunden vor den beiden Mädchen und begrüßte sie mit einem strahlenden Grinsen auf seinem wohlgeformten Gesicht.
Die hellbraunen kurzen Haare hatten sich durch den aufkommenden Wind in eine leichte Sturmfrisur verwandelt, was ihm jedoch bestens stand. Er konnte eigentlich jede Frisur ohne große Bedenken tragen, weshalb er sich bezüglich seiner Haare auch nicht so große Sorgen machte und relativ wenig Aufwand betrieb sie in Form zu halten.

„Na Mädels, schon irgendwelche Pläne für heute?“

„Nee du. Kaz hier hatte heute ’ne superkrasse Begegnung mit ’nem etwas seltsamen Kerl und ’ner merkwürdigen Gasse.“

„War der Kerl denn wenigstens süß, Kleene? Sonst lohnt sich dad ja nicht.“

„Ach weißte, der war schon ganz sweety. Aber genug von mir. Wie lief’s denn heut’ bei dir so, Ravi?“

Kaz hatte Mühe sich nach einem Wochenende wieder an die Jugendsprache zu gewöhnen. Ihre Tante untersagte jeglichen Kontakt mit dieser ’unzivilisierten’ Sprache.
Wenn Kaz sich nicht daran hielt, drohte ihr im allerschlimmsten Fall Hauarrest für zwei Monate und Technikverbot, was sowohl den Fernseher als auch das Telefon mit einschloss, ganz zu schweigen von Computer und Handy. Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde sie auch noch dazu verdonnert, sich um den Haushalt zu kümmern. Erst nach zwei Wochen fing ihre Tante wieder an ihr zu helfen.
Da sie diese Tortur nicht riskieren wollte, hielt sie sich lieber brav an diese Regel. Sie hatte es nicht bereut.

Die drei Freunde saßen eine ganze Weile im Park auf einer Bank unter Bäumen und unterhielten sich. Als die Sonne begann unterzugehen, machten sie ihren allabendlichen Spaziergang zum nahegelegenen Fluss und im Abendrot weiter zum See.
Dort ließen sie sich nieder und hielten im stummen Einverständnis ihre Gesichter zur Sonne. Erst als die ersten Sterne zu sehen waren und man den Mond am Horizont erahnen konnte, verabschiedeten sie sich und gingen in verschiedene Richtungen nach Hause.

Kaz reflektierte auf dem Weg zum Haus noch einmal ihre heutigen Erlebnisse. Sie konnte Zinari nur zustimmen: Auch sie fand keine logisch klingende Erklärung dafür. Als ihr Kopf nach einer Weile anfing zu schmerzen, beschloss sie, dass es besser sei, die Gedankengänge aufzugeben. Morgen ist immerhin auch noch ein Tag zum Nachdenken.
Damit ging sie mit schweigendem Kopf und in stiller Beobachtung ihrer Umgebung nach Hause.


© Eisvogel


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