Prof. Anatol Schwurbels merkwürdige Vorlesungen

Heute möchte ich von den gedanklichen Umtrieben des Professors Anatol Schwurbel berichten, der bis heu­te als außerordentlicher Professor an einer bekannten Uni­versität auf einer Insel nahe des Polarkreises lehrt.

Professor Schwurbel ist dort beliebt wegen seiner oft verblüffenden Ideen und Thesen. Trotzdem haben einige Personen des Universitätslehrkör­pers immer mal wieder über die Einweisung des Profes­sors in eine geschlossene Anstalt nachgedacht, diese Über­legungen am Ende jedoch aus Respekt und Ehrfurcht vor seinem Genie nie ernsthaft weiter verfolgt.

Auch nicht, als er eine sehr abstruse Fastenkur begann, in­dem er Bandnudeln an beiden Enden mit einem Schein­loch aus Lebensmittelfarbe bedruckte, weil er dann ja die Bandnudeln für Makkaroni halten würde. Da das Auge bekanntlich mitisst, würde er denken, er sei satt, obwohl er keine Nudelröhren zu sich nahm, sondern nur Nudelbänder, die seinen stattlichen Körper rein rechne­risch lediglich mit dem 3,1415926-ten also Pi-ten Teil der Kalorien belasteten, die er glaubte, zu seiner Sättigung zu benötigen. Über diese Aktion konnten die Kollegen des Universitäts­lehrkörpers nur die Köpfe schütteln, was ihr eigenes Ge­wicht freilich nur unwesentlich reduzierte.

Es folgt jetzt eine Reihe von Vorlesungen des Professors, die jeweils von den anwesenden Studierenden mit großem Klopfbeifall bedacht wurden. Auch deswegen, weil seine oft merkwürdigen Vorträge, die er ab und zu durch kurzweilige Gedankenexperimente aus dem Alltag ergänzt, aufgrund ihrer Bildhaftigkeit durchaus gut zu verstehen und zu behalten sind und außerdem zum Weiterdenken Anlass geben. Über ihre Würde existieren jedoch eher abweichende Meinungen.

Wie auch immer! Gönnen Sie sich den Spaß und lesen Sie nun die Notizen eines fleißigen Zuhörers, der seine Promotion abgebrochen hat, heute als Taxifahrer arbeitet und die Mitschriften deshalb selber nicht mehr benötigt.

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Erste Vorlesung:

Über die Entstehung des Universums und die ge­heime Macht von Spiegeln.

Liebe Studierende,

in meiner heutige Vorlesung möchte ich mich mit der Ent­stehung des Universums befassen. Ich hoffe, es wird den einen oder anderen von Ihnen nicht verunsichern, wenn er manche lieb gewonnene Vorstellung über Bord werfen muss.

Nun! – stellen Sie sich vor, Sie haben zwei gerade Linien, die sich durchkreuzen. Ihr Schnittpunkt wird nichts ande­res sein, als der Name bereits besagt – ein Punkt. Somit ist das Schnittgebilde zweier eindimensionaler Gebilde logi­scherweise nulldimensional.

Schneiden sich zwei Flächen, die, wie wir wissen, zweidi­mensional sind, so entsteht eine Gerade, also ein eindi­mensionales Schnittgebilde.

Durchdringen sich jedoch zwei dreidimensionale Körper, so bildet sich in ihrem Durchdringungsbereich eine zwei­dimensionale Schnittfläche.

Ich fasse zusammen: Das Schnittgebilde nimmt immer eine Dimension weniger ein als die beiden sich schneiden­den Gebilde. Wer könnte also widerlegen, dass unser drei­dimensionales Universum das Schnittgebilde zweier vier­dimensionaler Universen sein könnte?

Wenn diese sich berühren, ereignet sich der sogenannte Urknall. Je mehr sich die beiden vierdimensionalen Uni­versen durchdringen, desto größer wird auch das entste­hende dreidimensionale Universum, was seine nachgewie­sene Ausdehnung ja auch belegt.

Aber das Universum schrumpft natürlich auch wieder, wenn die Durchdringung auf ihr Ende zugeht. Lösen sich die beiden vierdimensionalen Universen wieder voneinan­der, so ereignet sich ein negativer Big Bang und unser dreidimensionales Universum verschwindet. Auf Nimmerwiedersehen!

Allerdings gilt es, dabei folgendes zu beachten. Die vierte Dimension ist laut Albert Einstein ja die Zeit. Was ge­schähe also, wenn die beiden sich schneidenden vierdimensionalen Univer­sen eine unterschiedliche vierte Dimension hätten? Wenn sie zu verschiedenen Zeiten existierten? Könnten sie sich dann überhaupt begegnen? Das wäre ja die Voraussetzung für unser aller Existenz.

Sie werden jetzt einwenden, dass man sich die Genese unseres Universums nicht so greifbar vorstellen darf, die derzeitigen diesbezüglichen Hypothesen seien schließlich weitaus komplexer. Aber muss das so sein? Ist das Komplexere zugleich auch das Amüsantere? Wenn man forscht, will man doch auch seinen Spaß haben. Lassen Sie uns im morgigen Seminar weiter darüber dis­kutieren.

Aber weil Sie – wie ich weiß – so viel Sinn für Humor besitzen, möchte ich meine Vorlesung heute mit einem amüsanten Gedankengang aus dem simplen Alltag beschließen, in dem ja auch Sie als Studierende sich bewegen müssen.

Vermutlich haben Sie heute morgen vor einem Spiegel gestan­den, als Sie sich ankleideten. Ist Ihnen aufgefallen, dass rechts und links vertauscht waren, als Sie sich betrachteten? Haben Sie sich dabei auch überlegt, warum der Spiegel zwar rechts und links vertauscht, aber nicht oben und unten? Warum haben Sie Ihren Kopf nicht unten und Ihre Füße oben gesehen?

Und wenn Sie sich spaßeshalber einmal quer vor den Spie­gel gelegt hätten, um dieses Phänomen zu überprüfen, wä­ren rechts und links, also Kopf und Füße erstaunlicherwei­se nicht vertauscht gewesen, obwohl es Ihre Hände soeben waren. Liegt das an den Händen, den Füßen oder am Kopf? Oder an­ders gefragt, befinden wir uns bereits in einem viel-dimen­sionalen Universum, das sich uns nur vor Spiegeln offen­bart?

Denken Sie bis zur nächsten Vorlesung einmal darüber nach!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit“.

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Zweite Vorlesung:

Über Kompromisse und die kostengünstige Verfertigung von Schränken

Liebe Studierende,

wir wollen uns heute mit Kompromissen beschäftigen. Kompromisse sind ja etwas grundsätzlich Begrüßenswer­tes. Statt zweier Meinungsverschiedenheiten, die oft zu Zwietracht, Hass und letztlich auch zu Mord und Tot­schlag führen können, trifft man sich bei einer dritten Mei­nung, die beide Kontrahenten für das halten, was man landläufig als Kompromiss bezeichnet.

Gestatten Sie mir, Ihnen ein Beispiel vor Augen zu führen.

Ein Bekannter von mir ist der festen Überzeugung, dass die Erde eine Scheibe sei. Zugleich glaubt er aber auch an Verschwörungstheorien. Seit den absurden Kugelvorstellungen von Christoph Kolumbus sowie einer Reihe sogenannter Astronomen sei der Scheibencharakter der Erde – so meint er – konsequent unter der Decke gehalten worden.

Er hat sogar Beweise für seine Scheibenthese. Die mit den Spitzen nach unten gebogenen Metallschu­he früherer Ritterrüstungen hätten diese Form lediglich deshalb gehabt, so meint er, weil sie sich dem Boden angepasst hätten, als die Erdscheibe sich in einer Wärmeperiode nach oben gewölbt habe.

Heute wiesen Schuhsohlen dagegen eher nach oben, die deshalb konvexen Sohlen hätten sich dem leicht kon­kaven Erdboden angepasst, der seit einiger Zeit eine Kälteperiode durch­macht und sich deshalb kalt und feucht ein wenig nach unten durch­gebogen habe, so dass er heute einer sehr flachen Grube gleicht. Deshalb übrigens leugnet er auch die Klima-Erwärmung und spricht lieber von einer drohenden Eiszeit, auf die ja auch die Tatsache hinwiese, dass die meisten Tierarten im Laufe der Jahrmillionen kleiner geworden seien, um durch eine verringerte Körperoberfläche der Kälte weniger Angriffsmöglichkeit zu bieten.

Ein zweiter meiner Bekannten glaubt hingegen etwas völ­lig anderes. Er hält die Erde für einen Würfel. Die acht Ecken – davon ist er überzeugt – werden von sogenannten Eckenleugnern verschwiegen. Eine weltweit vernetzte Ma­fia unterbinde jede Meinungsäußerung, die auf diese Würfelecken hinzuweisen versucht. Das bewiese allein schon die Tatsache, dass weder die bekannten Printmedien noch das Internet diese Erdecken jemals erwähnt hätten. Vermutlich würden sie für dieses Schweigen aus noch unbekannten Quellen bezahlt.

Als sich die beiden Kontrahenten neulich wieder einmal stritten, machte ich den Vorschlag eines Kompromisses. Ich meine damit nicht eine Einigung auf kleinstem Nenner, was nebenbei ohnehin Blödsinn ist, denn der kleinste Nenner ist nicht ein Minimum, sondern er führt – was Sie sicher vom Bruchrechnen wissen – zu einem maximalen Wert. Mein Kompromiss war von eher konstruktiver Art.

„Und wie soll ein konstruktiver Kompromiss zwischen einem Würfel und einer Scheibe aussehen?“, wurde ich von beiden in ziem­lich herausforderndem, ja unwirschem Ton gefragt. Dar­aufhin schlug ich die geometrische Form des „Schürfels“ vor.

Liebe Studierende, machen wir uns doch einmal gemein­sam Gedanken darüber, wie ein Schürfel aussehen könnte. Die Lösung ist fast provozierend simpel. Ein Schürfel ist ein Würfel, dessen Ecken einem gewissen Abschürfungs­effekt unterlagen. Zugleich ist er eine Scheibe, die eine Aufblähungsphase durchgemacht hat. Ein Schürfel stellt somit keine Herausforderung mehr dar, weder für Scheibenweltanhänger, noch für die Anhängerschaft der Würfelweltgemeinde. Er ist für beide ein akzeptabler Kompromiss. Allein mit dem Kompromissbe­griff „Schürfel“ habe ich sie in die irdische Realität zurückgeholt. Denn was haben – unter uns gesagt –ein Würfel ohne Ecken und ein aufgeblasenes Omelett gemeinsam? Doch nichts anderes als die Kugelgestalt.

Behalten Sie also folgende wichtige Botschaft im Kopf: Gegenstände stiften Zwietracht, wenn sie sich so nennen, wie sie sind. Es bedarf nur eines alternativen Begriffes, um Frieden zu stiften. Ein gutes Beispiel sind Dik­taturen, man muss sie nur „lupenreine Demokratien“ nen­nen, und schon ist das Problem gelöst.

Meine beiden Freunde haben jetzt einen Verein zur Verteidigung des Schürfels gegründet, den sie in ungetrübter Gemeinsamkeit leiten. Der Verein plant, die geheimen Machenschaften aller verschworenen Schürfelfeinde in höheren Regierungskreisen und finsteren Forscherlaboren schonungslos aufzudecken.

Ich selbst habe inzwischen einen Offenen Brief an alle Re­gierungen der Welt, an sämtliche bedeutenderen wissen­schaftlichen Medien, sowie an Wikipedia versendet, in dem ich zur Realisierung und Aufrechterhaltung des Weltfriedens die Umbenen­nung der Kugel in „Schürfel“ fordere. Denn – wie schon er­wähnt – es kommt alleine darauf an, wie ein Ding benannt wird, und nicht, wie es ist. Es ist ja wohl kein Zufall, dass schon die Bibel nicht etwa mit dem Satz „Am Anfang war das Ding“ beginnt, sondern mit der Aussage, dass am An­fang „das Wort“ gewesen sei – also der Name für das Ding.

Und auch heute möchte ich die Vorlesung mit einem kleinen amüsanten Beispiel aus dem Alltag beschließen, es eröff­net den Unternehmungslustigen unter ihnen sogar eine nicht uninteressante Geschäftsidee.

Stellen Sie sich einen Schrank vor, und da wir an das vori­ge Thema anknüpfen wollen, am besten einen würfelför­migen, was die folgenden unumgänglichen, aber simplen Berechnungen vereinfacht. Wenn Sie über den Holzbedarf für die Herstellung dieses Schrankes nachdenken, kommen Sie sicher zu dem Ergeb­nis, dass Sie den Schrankboden eigentlich weglassen können, da der Schrank ja bereits auf dem Boden eines Raumes steht. Und logischerweise wird Ihnen im gleichen Augenblick klar, dass das Gleiche für die Rückwand gilt, da Schränke gewöhnlich ja an Wänden stehen. Sie haben also jetzt be­reits zwei Sechstel des Holzes eingespart.

Planen sie nun den Schrank exakt so breit wie das Zim­mer, können Sie auch die beiden Seitenwände weglassen, was zu weiteren zwei Sechsteln Holzeinsparung führt.

Jetzt müssen Sie den Schrank nur noch so tief und so hoch wie das Zimmer gestalten, in dem er steht, und schon sparen sie nicht nur 100% des Holzes, das Sie zur Herstellung des Schrankes eingeplant hatten, sie gewinnen auch noch zwei weitere Vorteile, Sie können in dem Schrank wohnen, sogar miet­frei, denn für Aufenthalte in Schränken wird ja üblicher­weise kein Mietzins erhoben, es sei denn, man wohnt in München.

Und mehr noch, Sie können die gesparte Holzmenge auch noch benutzen, um eine alternative Schrankfertigungsab­teilung für Echtholz zu etablieren, wobei sie auch keinerlei Kosten für den Rohstoff Holz einkalkulieren müss­ten, da dieser ja ein Abfallprodukt aus der eben besproche­nen holzfreien Schrankfertigung ist.

Das wär's für heute. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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Dritte Vorlesung:

Über die Beschaffenheit von Löchern und die Dunkelheit unserer Seelen.

Liebe Studierende,

heute wollen wir uns einmal eingehend dem Phänomen der Löcher widmen.

Löcher sind ja spätestens seit Stephen Hawking in aller Munde. Dieser vom Schicksal so hart gestrafte Wissen­schaftler hat sich bekanntlich intensiv mit dem Phänomen der sogenannten Schwarzen Löcher befasst. Schwarze Löcher sind Riesensterne, die in sich zusam­mengestürzt sind, inklusive ihrer Atome, und dabei ihre ge­samte Masse auf eine minimale Ausdehnung reduziert ha­ben. Dadurch entwickelt dieses vielleicht kirsch- oder erbsengroße Restvolumen eine so gigantische Gravitation, dass Schwarze Löcher alles in sich hineinsaugen. Sogar das Licht, weshalb sie uns bis auf einen schwachen Energie­schimmer um ihren äußeren Rand herum als lichtlos, also schwarz erscheinen. Wir sehen sie eigentlich nicht, wir erfassen sie in der Regel lediglich in Form ihrer gravitationsbedingten Auswirkungen.

Heute soll es jedoch um eine sehr viel prosaischere Form der Löcher gehen. Woraus bestehen sie eigentlich? Nehmen wir an, wir hätten ein Holzbrett und bohrten ein Loch hinein. Dann würden wir sicher sagen, wo jetzt das Loch ist, war vorher Holz. Wir empfinden ein Loch also meistens als ein fehlendes Stück, das sich über das es umgebende Material definiert.

Nehmen wir jedoch an, das Loch im Brett rührte von ei­nem Nagel her, den wir aus dem Brett herausgezogen ha­ben. Dann ist das Loch ja eigentlich weniger ein holzfreier Bereich, als vielmehr ein eisenfreier Bereich, da ja der herausgezogene Nagel aus diesem Material bestand.

Wenn wir also Löcher im Hinblick auf das definieren, was vor der Entstehung des Loches an seiner Stelle war, sind wir auf reine Spekulation angewiesen. Wenn wir uns die Angelegenheit vereinfachen wollen und einfach sagen, dass ein Loch aus Luft besteht, so muss das durchaus nicht stimmen. Denn schon, wenn wir das Experiment mit dem Brett im Vakuum vollziehen, besteht das Loch aus gar nichts, wenn wir es unter Wasser durchführen, besteht das Loch aus Wasser.

Was also können wir daraus schließen? Ein Loch entzieht sich unserer Definition in Bezug auf das Material, aus dem es bestand, bevor es ein Loch war. Wir müssten, um hier Abhilfe zu schaffen, in der Lage sein, mithilfe einer Zeitmaschine in die Vergangen­heit zu reisen, um den Vorlochcharakter des Loches durch ein eigenes Experiment zu ergründen.

Auch wenn – wie wir vorhin festgestellt haben – das Loch durch das Material definieren wollen, welches das Loch umgab, bevor es ein Loch war, können wir nicht sicher sein, dass wir eine Aussage treffen können, die über reine Spe­kulation hinausgeht.

Trotzdem sagen wir: „In diesem Holz befindet sich ein Loch“ wir könnten mit der gleichen Berechtigung sagen: „Dieses Loch, was immer es auch war, bevor es zum Loch wurde, ist jetzt rein zufällig von Holz umgeben“. Zusammengenommen eine höchst unbefriedigende Situation für einen Wissenschaft­ler.

Führen wir unseren Gedankengang weiter. Der Raum, in dem sich das Brett befindet, ist zugleich ja auch ein Loch in einem Haus. Das Loch im Brett ist also von einem Material um­geben, das wiederum von einem Loch umgeben ist, welches von einem Haus umschlossen ist.

Diese Argumentation lässt sich noch weiter fortführen. Das Univer­sum wäre dann ein großes Loch, dass zwiebelartig abwechselnd aus umeinander gelagerten Löchern und beliebi­gen Materialien besteht, Also aus existenten und nicht exis­tenten Schichten. Es gleicht somit einer Puppe in der Pup­pe, wobei jede zweite Puppe keine Puppe ist, sondern nichts. Zumindest so lange wir uns im Vakuum des Alls befinden.

In welche Schicht gehören dann die Löcher in uns Men­schen. Das konnte mir auch ein berühmtes Mitglied des Professorenkollegiums nicht beantworten, obwohl er – wenn auch durchaus eine wissenschaftliche Koryphäe – das größte Arschloch in meinem Bekanntenkreis ist. Bitte behalten sie diese eher unschöne Formulierung für sich!

In das tägliche Konsum-Umfeld übertragen, bedeuten die­se Lochüberlegungen, dass Sie, wenn Sie ein Stück Em­mentaler kaufen, im Grunde Löcher kaufen, die in Käse verpackt sind. Leider haben es die Hersteller von Emmentaler-Käse versäumt, ihren Löchern die gleiche Beachtung zu verschaffen, wie es Hawking mit den Schwarzen Löchern gelungen ist. Oder sich zumindest den Namen „Emmentaler“ behördlich schützen zu lassen, woran die Käsehersteller im Appenzell bekanntlich rechtzeitig gedacht haben. Deshalb gibt es ja sogar Holländischen Emmentaler, was jeden ortskundigen Käseliebhaber mit Schaudern erfüllt; aber beispielsweise niemals polnischen Appenzeller.

Und nun möchte ich auch diese Vorlesung mit einer nicht uninteressanten Frage beschließen, die sich mir vor einigen Tagen aufdrängte, als ich durch die Altstadt schlenderte.

Warum – frage ich Sie – können wir uns eigentlich in einer dunklen Scheibe spiegeln, obwohl echte Spiegel sonst ja ihrer Aufgabe um so wirkungsvoller nachkommen, je strahlender, heller und makello­ser ihre Silberbeschichtung ist? Haben Sie sich nicht auch zuweilen diese Frage gestellt, wenn sie im Vorübergehen ihre Frisur in einer dunklen Schaufensterscheibe gerichtet haben?

Das führt zur nächsten Überlegung. Hat nicht jede menschliche Seele ihre dunkle Seite?! Vielleicht ist es un­sere dunkle Seite, die wir in dunklen Scheiben erblicken. Ein Blick in unsere eigene Düsternis sozusagen. Vielleicht bestehen wir ja selber nur aus unserer dunklen Seite, wel­che unausgesetzt auf der Suche nach einem hellen Konter­part ist, ohne ihn je finden zu können.

Wie sollte sie auch? Rufen wir uns noch einmal Stephen Hawking in Erinnerung. Hat er jemals von Weißen Löchern gesprochen? Ich kann mich trotz unseres durchaus kollegial-freundschaftlichen Verhältnisses nicht an ein einziges Mal erinnern.

Denken sie einmal bis zur nächsten Vorlesung darüber nach. Oder auch nicht.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse.

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Vierte Vorlesung:

Über die Frage, ob bei Kunstwerken Form und Inhalt einander entsprechen müssen.

Liebe Studierende,

ein Freund von mir, ein exzellenter Literaturliebhaber und -kenner, hat neulich folgende Meinung verkündet, dass nämlich der Stil und die Metaphorik eines Textes seinen Inhalt und auch seine Absicht sozusagen 1:1 abbilden müssten. Im Klartext forderte er damit, dass Form und Inhalt eines Textes übereinstimmen müssten; und das sollte sich im Grunde auch auf alle nichtliterarischen Kunstwerke übertragen lassen.

„Stellen Sie sich doch einmal vor“, sagte er zu mir, „dass eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt in romantischen Eichendoff-Gesängen ausgestaltet würde. Das wäre doch völlig fehl am Platze“.

Diese Äußerungen veranlassten mich dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, als ich von dem Treffen durch die Nacht nach Hause ging.

Ich stellte mir vor, dass ein Künstler ein Ölbild plante. Es sollte einen Bauern darstellen, der sein Feld düngt, damit er seinen Ernteertrag steigern könnte. Wenn also Gülle und die Exkremente von Rindviechern mit Mitteln gestaltet werden sollten, die ihnen voll entsprechen, müssten sie ja konsequenterweise mit Gülle und Scheiße gemalt werden anstatt mit Ölfarbe. Ebenso würde es sich dann empfehlen, den schwer arbeitenden Bauern mit Körperschweiß zu malen.

Was würde sich dadurch ändern? Der Maler könnte dann ja getrost auf das Original zurückgreifen. Er müsste ja Exkremente und Schweiß nicht mehr extra mit Schweiß und Exkrementen malen, da sie ja in dieser Form bereits vorhanden sind. Er kann also durchaus auf die eigentliche Anfertigung des Kunstwerkes verzichten. Die wäre, genau genommen, ja nur ein Duplikat. Es reicht doch, wenn er demonstrativ auf den verschwitzten Originalbauern und die auf dem Acker verteilten tierischen Exkremente hinweist.

Er wird damit auf einen Schlag vom Künstler zu einer Art von Demonstrant, der lediglich auf reale Gegebenheiten verweist. Er demonstriert ein Ding an dem Ding selbst. Vielleicht hat er sich ja sogar die Zeilen aus dem Möricke-Gedicht als Handlungsanweisung erwählt: „Was aber schön ist, selig ist es in ihm selbst“

Ich möchte die Schwierigkeiten nicht kleinreden, die sich dann bei fast allen Textkunstwerken ergeben. Nur bei Theaterstücken hat man die Möglichkeit, zumindest um ein Ereignis, das gegenwärtig abläuft, Zuschauertribünen aufzubauen, so dass der Autor sich seitlich der Bühne aufstellen und höflich auf das Ereignis hinweisen kann. Damit hat er es automatisch zum Kunstwerk erklärt und ist auf diese Weise selbst zum Künstler geworden.

Bei diesen Vorgaben wäre freilich ein Gedicht, wie das Goethegedicht „Über allen Wipfeln ist Ruh, über allen Gipfeln spürest Du nur einen Hauch...“ kein Kunstwerk, da es nicht aus Wipfeln, Hauch und einem „Du“ bestünde, sondern lediglich aus Wortgeklingel.

Wie könnten wir dieses Problem zufriedenstellend lösen?

Wer ist das Du? Natürlich der Leser. Der Dichter (nehmen wir theoretisch an, Goethe lebte noch) geht nun zu jedem einzelnen Leser nach Hause, führt ihn in einen nächtlich „hauchenden“ Wald, stellt sich dann auf und weist auf den Wald hin. Und schon muss er das Ereignis nicht in dürren Worten ausdrücken, sondern nutzt die Mittel, die das Ereignis selber ihm liefert.

Es ist ja durchaus eine eher belustigende als beängstigende Situation, wenn tausende von Gedichtlesern im Wald herumstehen, und der Dichter von einer zu anderen eilt, um auf ihre Umgebung hinzuweisen und diese damit jeweils zum Gedicht zu erklären.

Vielleicht meinte mein Freund das alles aber gar nicht wirklich so, wie er es gefordert hat, oder er hat seine Gedanken – die künstlerischen Möglichkeiten betreffend – einfach nicht zu Ende gedacht. Schon gar nicht hat er die Interessen der GEMA berücksichtigt.

Nehmen wir uns lieber die Worte des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu Herzen: „Natur ist erst schön, wenn Dichter sie beschreiben“. Er sagte bekanntlich nicht: „Was existiert und von Künstlern, beziehungsweise deren Agenten als Kunst bezeichnet wird, ist Kunst“. Obwohl gerade dieser zweite Satz in der Realität des Kunstbetriebes oft eher zutrifft als der erste.

Um die Argumente meines Freundes endgültig zu entkräften, sollten wir uns bei einer weiteren Kunstform umsehen. Wie kann Musik ein Ereignis mit Mitteln darstellen, die identisch mit dem sind, woraus die Ereignisse bestehen, die zum Entstehen der Komposition beigetragen haben?

Woraus sollte also beispielsweise Bachs Johannespassion bestehen? Aus Jesus? Aus Kreuzesholz? Aus dem Geruch der der Kreuzigung beiwohnenden, dicht gedrängten ungewaschenen Volksmenge? Natürlich könnte Bach zu Jesu Kreuzigung reisen und einfach die Hand erheben und auf das Ereignis mit den Worten hinweisen: „Siehe, das ist Kunst!“. Oder besser: „Ecce ars!“, denn Latein wurde in jener Zeit im Vorderen Osten ja zweifellos besser verstanden als Deutsch.

Vielleicht hat mein Kollege für diesen Zweck ja auch bereits den Bau einer Zeitmaschine geplant. Ziel: Bach 1724, bitte umsteigen in den Zug nach Jerusalem in die Zeit der Kreuzigung Jesu.

Hoffentlich hat er zwei Sitzplätze in der Zeitmaschine vorgesehen, sonst müsste er selbst im Jahr 1724 verbleiben und Bach allein weiter in der Zeit reisen lassen, zurück bis zu den Ereignissen auf dem Berg Golgatha. Und dort könnte der Thomaskantor dann die Passion schaffen, indem er auf sie hinweist.

Liebe Studierende! Statt eines Denkbeispiels aus dem alltäglichen Leben, mit dem ich ja ich ja zuweilen meine Vorlesung schließe, gestatten Sie mir heute eher eine Entschuldigung für die vorangehenden Ausführungen. Ich habe heute vormittag vermutlich unvorsichtigerweise etwas Falsches geraucht.

Bis zur nächsten Vorlesung bin ich wieder der, den sie seit Jahren kennen und dessen Vorlesungen Sie – wie ich von allen Seiten höre – in der Regel sehr schätzen. Deshalb vergessen Sie freundlicherweise die heutige.

In diesem Sinne bedanke ich mich – diesmal für Ihr Verharren bis zum Ende meiner Ausführungen.

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Fünfte Vorlesung:

Über Optimismus, Pessimismus und eine neue Definition der absoluten Wahrheit

Liebe Studierende,

es ist – wie Sie wissen – an Universitäten üblich, über philosophische Fragen, sachliche, wenn auch fast immer widerstreitende Argumente auszutauschen. Oft aber ist es erfolgsversprechender und bleibt auch besser in Erinnerung, wenn die Gedankengänge in eine Geschichte verpackt sind. Die Bibel mit ihren Gleichnissen und anekdotischen Schilderungen ist ein überzeugender Beleg dafür. Deshalb möchte ich Ihnen – statt in abstrakter, eher trockener Weise darüber zu diskutieren, ob Optimismus oder Pessimismus die Wahrheit, also die „wahre“ Art zu leben ist – eine kleine, fast märchenhafte Geschichte zu diesem Thema erzählen:

Ja, in alten Geschichtsbüchern, die, wenn überhaupt nur noch in kleinen, verborgenen Antiquariaten erhältlich sein dürften, wird von zwei Königreichen erzählt, die unmittelbar nebeneinander lagen und lediglich durch einen kleinen, flachen Fluss getrennt waren, den man an einigen Stellen sogar zu Fuß durchqueren konnte.

In beiden Königreichen herrschte Wohlstand, obwohl sie sich unterschieden, wie sich zwei weltanschauliche Systeme nur unterscheiden können. In einem der Länder namens Optanien herrschte reiner Optimismus. Hier war ein jeder Optimist, sogar der König und der gesamte Königshof ebenfalls.

Wenn man sich jedoch die Mühe machte, das Flüsschen zu überqueren, empfing den Besucher eine andere Welt. In diesem Land mit dem Namen Pessalien, herrschte blanker Pessimismus. Jeder beschäftigte sich eher mit der Erwartung eines düsteren Endes, mit den Vorstellungen einer drohenden, vernichtenden Dystopie, anstatt wie jenseits des Füsschens, mit Hoffnung und der Vorstellung, das man auf dem Wege in eine goldenen Zukunft sei.

In Optalien waren die Menschen reich, denn sie investierten in Ideen, Visionen, neugegründete Unternehmen, von denen manche es zu außerordentlichem Erfolg brachten. Aber auch in Pessalien waren die Bürger sehr wohlhabend. Die Bestattungsunternehmen und die Sargproduktion florierten, und auch der Waffenhandel war erfolgreich, weil die zahlreichen lebensmüden Pessalier lieber zu Schusswaffen als zu Stricken griffen, wenn sie ihr Leben beenden wollten. Um sich zu ertränken, war das trennende Flüsschen definitiv zu flach. Durch diese Selbstmorde sank auch die Einwohnerzahl, was den sozialen Versorgungssystemen und den Rentenkassen einen deutlichen Aufschwung verlieh.

Die beiden Könige trafen sich vierteljährlich, um durch ständige Gespräche und Vereinbarungen den Frieden zwischen ihren beiden so unterschiedlichen Reichen zu bewahren. Eines Tages jedoch verloren sie sich in einem ernsthaften Streitgespräch, das sich zum blanken Streit steigerte, und schließlich wohl in Handgreiflichkeiten, ja möglicherweise sogar in einem Krieg geendet hätte, wäre beide Könige nicht noch rechtzeitig auf die Idee gekommen, dass ein Kampf der Systeme letztlich keinen wirklichen Sinn ergeben könne.

„Was ist die Wahrheit?“, diese Frage war das einzige, was sie am Ende vereinte. Optimismus betrachtete der König von Pessalien als eine Verzerrung der Realität, selbst wenn dieser den Bürgern gelegentlich zwischen den Phasen der Langeweile und des Überdrusses kurze Glücksmomente schenken mochte. Der König von Optalien hingegen hielt Pessimismus für eine realitätsferne Einstellung, welche die Menschen niederdrückt und krank macht und ihnen den Blick auf die herannahende immer herrlichere Zukunft verstellt.

Beider Herrscher beschlossen, dass die Suche nach der wirklichen endgültigen Wahrheit in dieser Fragen sinnvoller sei, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und die Weltanschauung des jeweils anderen als eine Verzerrung, eine Leugnung oder gar als eine Diffamierung der Wahrheit zu bezeichnen.

„Suchen wir also beide nach der Wahrheit“ entschieden sie, „und zwar ohne von vornherein die Meinung des anderen als Lüge aus den Überlegungen auszuschließen“. Sie hofften beide, dass sich die Wahrheit, auf die sie zu stoßen hofften, als nutzbringender erweisen würde, statt lediglich ein Duldungsprozess zwischen ihrer beiden Meinung zu sein. Denn wie soll es in einem Wagen vorangehen, der auf der Stelle verharrt, weil die beiden Pferde, die ihm vorgespannt sind, in entgegengesetzte Richtungen zerren?

Nachdem sie viele Tage und Wochen schweigend nachgesonnen hatten, kamen sie überraschenderweise zur gleichen Lösung. Sie lautete: „Der Mensch strebt nach der absoluten Wahrheit, obwohl er weiß, dass er sie nicht finden kann, weil sie nämlich nicht existiert“.

Und deshalb beschlossen beide, den Begriff „Wahrheit“ in den Wörterbüchern und lexikalischen Werken ihrer Länder umzubenennen. Nach einer kurzen Überlegung, ihr in Anlehnung an das vergebliche Emporrollen der Steinkugel durch den mythischen Sysiphos den Namen Sysiphosia zu geben, entschieden sie sich für einen kurzen, weit einprägsameren Begriff, nämlich das Wort „Trotzdem“. Und beide freuten sie sich, dass sie endlich die Wahrheit, oder nach neuer Lesart, „das Trotzdem“ gefunden hatten.

Beide ahnten freilich tief in ihrem Inneren, dass „das Trotzdem“ nur ein menschliches Konstrukt war. Dass jedoch eine Wahrheit mit dem Anspruch auf Absolutheit eher aus einem Bereich kommen müsste, der dem sehr begrenzten menschlichen Horizont entzogen war.

Aber „das Trotzdem“ erschien ihnen beiden eine sehr lebensnahe Sache zu sein. Denn was ist das Leben anderes, als nach der Geburt weiterzumachen, obwohl man weiß, dass trotzdem nach einer vergleichbar kurzen Spanne das Ende unabwendbar ist?!

Liebe Studierende, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr spürbares Interesse, über dieses Thema jeder für sich weiter nachzudenken.

Aber Vorsicht! Das Nachdenken über die absolute Wahrheit kann sehr schnell zu Frustration und Desorientierung führen, es sei denn, man entscheidet sich wie unsere beiden Könige für die Vernunft anstatt für das Unerreichbare. Also für „das Trotzdem“!

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Sechste Vorlesung:

Über die Allmacht Gottes, und wie er diese den Menschen demonstrieren will

Liebe Studierende,

so wie letztes Mal möchte ich auch in der heutigen Vorlesung meine Gedanken zum Thema der Göttlichen Allmacht in eine kleine Geschichte kleiden. Oder nennen Sie es eine Parabel; in jedem Fall soll es Ihre weiterführenden Gedanken anregen, was schließlich der eigentliche Zweck eines Studiums an einer Universität ist, beziehungsweise sein sollte.

Hier nun die Geschichte: An einem schönen Sommertag, als die Wellen der Ozeane wie seit Jahrmillionen an ihre Ufer rollten, als die Vögel sangen, die Bienen summten und die Menschen an allen Orten der Erde ihrer Arbeit oder ihrem Vergnügen nach­gingen, kreuzte ein großer Planet, der plötzlich in unserem Sonnensystem auftauchte, die Bahn der Erde und verwan­delte sie in Staub und Feuer. Bei dem Zusammenprall er­losch alles Leben bis hinab zur kleinsten Mikrobe, endgül­tig und unumkehrbar.

Am Tage danach stand einer der bei diesem Weltuntergang gestorbenen Menschen, ein weiser Mann, vor dem Thron des Allmächtigen und stellte ihm die Frage: „Gott sage, warum hast du die Erde und mit ihr alle Menschen zer­stört?“

Darauf lehnte sich Gott bequem in seinem vergoldeten Sessel zurück und erwiderte: „Mein Sohn, die Antwort ist einfach, aber sie erfordert, dass ich dir die Vorgeschichte meiner Entscheidung erzähle“, und Gott begann:

„Lange vor der Zerstörung eurer Erde stand ein bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückter Mann vor meinem Thron – übrigens an der selben Stelle wie du jetzt. Er hatte Jahre vor seinem Tod einen Menschen kaltblütig ermordet und kurz darauf, ganz unabhängig davon, einem anderen Menschen selbstlos das Leben gerettet. Jetzt stand ich als oberster Richter vor der Frage: sollte ich ihn wegen des Mordes in die Hölle schicken oder wegen seiner helden­haften Rettungstat ins Paradies einlassen.

Für euch Menschen wäre die Entscheidung einfach gewe­sen. Denn die Umstände waren derart, dass viele nur Kenntnis von dem Mord hatten, die hätten sich an meiner Stelle natürlich für die Höllenstrafe entschieden, andere wiederum wussten nur von der mutigen Lebensrettung, die hätten ihm mit Sicherheit den Aufenthalt im Paradies zu­gesprochen.

Mir aber, dem Allwissenden, war als einzigem sowohl sein Verbrechen als auch seine Heldentat bekannt. Lange dach­te ich darüber nach, was ich tun sollte. Dann entschied ich mich dafür, diesen verirrten Planeten, den ich zufällig zur Hand hatte, auf die Erde zu schleudern und sie auf diese Weise zu vernichten“.

Da wiederholte der kluge Mann, welcher vor Gottes Thron stand und diesen Worten aufmerksam gelauscht hatte, sei­ne ursprüngliche Frage: „Gott ich verstehe noch immer nicht, warum hast du die Erde und mit ihr alle Menschen zerstört? Deine Ausführungen konnten mir diese Frage nicht beantworten. Verzeih mir die Bemerkung, aber sie klangen in meinen Ohren sogar ein wenig zynisch“.

Gott erwiderte: „Es ist doch so einfach, mein Sohn! Meine Unfähigkeit, im Fall des Mörders und gleichzeitigen Le­bensretters eine gerechte Entscheidung zu finden, hätte meine Allmacht in Frage gestellt. Die Zerstörung der ei­gentlich recht unwichtigen Erde jedoch nicht. Denn die Bevölkerung eines Planeten ist für mich nicht wichtiger als ein einzelnes Lebewesen. Zudem war es auf diesem Wege möglich, auch die Menschen auszuschalten, die im übrigen nicht nur mich erfunden haben sondern auch den Mythos meiner angeblich alles umfassenden Macht.

So habe ich mich zugleich vom Makel meiner Entschei­dungsunfähigkeit als auch von meinen Schöpfern befreit. Das, siehst du, das ist wahre Allmacht“.

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Ich möchte nicht vergessen, zum Schluss noch auf eine Kleinigkeit hinzuweisen, die Gott in seinen Ausführungen nicht erwähnt hatte; auf dem Planeten, mit dem er die Erde ato­misiert hatte, hatten ebenfalls intelligente Geschöpfe gelebt. Diese wa­ren aber – im Gegensatz zu den Bewohnern der Erde – lie­bevoll, anständig und selbstlos gewesen. Eine Bevölke­rung, die endlich den Weg zu einem vollkomme­nen, friedfertigen Zusammenleben gefunden hatte. Und deren Tod hatte Gott eben mal als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Aber das – denke ich – wäre ein Thema für eine andere Vorlesung, in der die Frage erörtert werden müsste, ob Gott ein gutartiges oder ein bösartiges Wesen ist. Und ob er überhaupt Sinn für Humor hat. Die Evolution, sein bevorzugtes Gestaltungsinstrument, erscheint ja eher humorlos – vermutlich hat sie diesen in dem Augenblick verloren, in dem sie gesehen hatte, was aus ihrer Blaupause „homo sapiens“ geworden ist.

Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihr Aufmerksamkeit.

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Siebte Vorlesung:

Über uns selbst als Einzelzellen in einem Riesenorganismus und die Rolle des Raums bei der Kommunikation

Liebe Studierende,

Der Mensch ist bekannterweise ein Augenwesen, er glaubt erst einmal das, was er sehen kann. Seine anderen Wahrnehmungsmechanismen sind zwar oft noch vorhanden, jedoch meist rudimentär verkümmert.

Kann er wie Wale ein einziges Geruchsmolekül über Kilometer hin wahrnehmen? Kann er sich, ohne einen Kompass zu Rate zu ziehen, wie viele Zugvögel nach dem Magnetfeld der Erde orientieren? Nein, anstatt die Ereignisse seines Umfeldes mit allen Sinnen zu empfinden, benutzt er Instrumente, deren Informationen er wiederum lediglich mit seinem Gesichtssinn wahrnimmt.

Demzufolge neigt er dazu, ein Individuum als eine optisch klar begrenzte Entität zu definieren. Der Körper eines Lebewesens endet dort, wo seine Haut, sein Chitinpanzer oder sein Federkleid ihn von der Außenwelt abgrenzt.

Natürlich, denn das ist es ja , was er sehen kann, andere Bestandteile seines Körpers, die unter Umständen über die sichtbare Außenhülle hinausreichen, nimmt er optisch nicht wahr. Vielleicht ist ja das eigentlich Wesentliche dessen, was die Definition eines menschlichen Einzelwesens zwingend umfassen sollte, gar nicht sein somatisches Ich. Aber für fast alle ist ein Individuum, das, was er sichtbar optisch eingegrenzt vor sich hat. Ziehen wir wieder einmal ein Beispiel heran:

Wir wandern durch den Wald und sehen einen Ameisenhügel. Wir sehen hunderttausende von winzigen Tierchen geschäftig umher rennen. Es ist uns gar nicht klar, selbst wenn wir es in Biologiebüchern gelesen haben sollten, dass das Wesen, dass wir hier vor uns haben, nicht die Ameise ist oder eine Vielzahl von ihnen, sondern dass es der Ameisenstaat ist. Die einzelne Ameise spielt dabei die gleiche Rolle wie eine einzelne Zelle im menschlichen Körper. Wir kämen beim Anblick eines Menschen jedoch niemals auf die Idee auszurufen: „Oh das sind aber viele Einzeller, die hier durcheinander wuseln!“

Jedes Lebewesen, ja eigentlich alles, was existiert, ist ein System, in dem Einzelteile sich nicht nur summieren, sondern in dem sie sinnvoll zusammenwirken. Und jedes dieser Einzelteile besteht wiederum aus kooperierenden Einzelteilen und so weiter, bis sich die Untersuchungen im subatomaren Bereich selbst den empfindlichsten Instrumenten entziehen.

Ein Mensch besteht aus Zellen, diese wiederum aus Molekülen, diese aus Atomen, diese aus Teilchen und so geht es weiter. Warum erweitern wir diese Skala der Systeme nicht auch einmal in die andere Richtung?

Gesellschaften sind Organismen, die durch das Zusammenwirken von einzelnen Individuen existieren, und diese Gesellschaften sind wiederum Bestandteile eines Supra-Lebewesens, das den gesamten Erdball bedeckt.

Sollten außerirdische Wesen irgendwann einmal auf unserer Erde landen, während wir noch hier sind, so schickten sie vermutlich folgende Botschaft nach Hause:

„Dieser Planet Erde ist belebt, Uns zwar von einem riesigen, den gesamten Erdball umspannenen Lebewesen, das über eine nur geringe Intelligenz verfügt, denn es zerstört sich und auch die Welt, in der es leben muss. Die Zellen in diesem Riesenorganismus kämpfen sogar gegeneinander, anstatt systemkonform zu kooperieren. Dieses Riesenwesen hat also überall in seinem Körper Krebsmetastasen, die zweifelsfrei darauf hindeuten, dass es sich im Endstadium seines Lebenszyklus’ befindet. Selbst die Kommunikation zwischen seinen einzelnen Zellen, die das Wesen selbst mit dem Begriff „Mensch“ belegt, funktioniert oft nicht mehr, so das es in diesem Gesamtorganismus ständig zu schwerwiegenden Fehlfunktionen kommt“.

Und jetzt möchte ich, wie Sie es in vielen meiner Vorlesungen gewohnt sind, ein kleines vielleicht banal erscheinendes Beispiel für die Kommunikationsschwäche dieser Einzelzellen des irdischen Gesamtorganismus’ anführen, die man schon im alltäglichen Sprachgebrauch beobachten kann.

Diese Zellen ordnen ihre Kommunikationsbestrebungen mit anderen Zellen nicht nach deren Sinn ein, auch nicht nach dem, was die Kommunikation bewirkt, sondern sie bezeichnen sie mit räumlichen Begriffen. Ich nenne Ihnen einige Beispiele:

Wenn Sie ausdrücken, was Sie von anderen denken, sprechen Sie über die anderen. Wenn Sie ihre technischen Kommunikationsinstrumente benutzen – rufen Sie andere unter einer bestimmten Nummer an. Wenn Sie andere täuschen, machen Sie ihnen etwas vor, und das nennen Sie dann – wo bleibt da bitteschön die Logik? – Hinterlist.

Denken Sie einmal darüber nach, ob räumliche Begriffe wie ein „über“, „unter“, „vor“ oder „hinter“ beim Kommunikationsvorgang wirklich eine Rolle spielen sollten, bevor Sie Ihre Tätigkeit als Einzelzelle innerhalb des Weltorganismus’ wieder aufnehmen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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Achte Vorlesung:

Über Kleinkinder, die zum Paketboten „Papa“ sagen, und über Blong und Blirr

Liebe Studierende,

als neulich die Frau eines meiner Kollegen dem Paketboten die Tür öffnete, rief das ein paar Monate alte Kleinkind auf ihrem Arm laut „Papa!“. Mit Sicherheit war das genetisch gesehen nicht der Fall. Warum also verwechselte es den eigenen Vater mit dem ihm fremden Paketboten?

Gehen wir mal alle Fakten durch. Der eigene Vater war für das Kind ein Mann. Der Postbote ebenfalls. Die Begriffe fremder Mann waren ihm nicht bekannt, ebenso wenig war ihm klar, was seinen Vater vom Paketboten unterschied, nämlich der Akt der Zeugung, den – zumindest in diesem Fall – ausschließlich der Vater bei der Mutter vollzogen hatte.

Folgerung. Das Kind beginnt die Welt nach Ähnlichem zu kategorisieren. So wie es erst einmal „Autos“ sagt, und es erst später dann zur Differenzierung in „Mercedes“, „VW“ oder „BMW“ kommt . Erst einmal „Baum“, dann „Buche“, „Kastanie“ oder „Fichte“.

Und eben zuerst „Mann“, dann „Papa“, „Onkel“, „Fremder“ oder später sogar „Bei DHL beschäftigter, schlecht bezahlter Paketzusteller“.

Wie ist dann aber zu erklären, dass es zuerst „Eisenbahn“, „Auto“ oder „Fahrrad“ im kindlichen Wortschatz gibt, und erst später die Kategorie „Fahrzeuge“ oder gar „Verkehrsmittel“?

Wir bleiben in diesem Fall ambivalent. Zumal auch mein Sohn sein erstes Weihnachtsgeschenk „Traktor“ genannt hat und nicht „Zur Kategorie der Spielzeuge gehörig, die landwirtschaftlich genutzten Fahrzeugen nachgebildet sind“, was eine bekannte Theorie auf den Kopf stellen könnte, dass man nämlich beim Erlernen der Benennung der Welt vom Allgemeinen zum Speziellen kommt, und in der Folge dann auf das immer Speziellere.

Ich möchte ihnen jetzt die Möglichkeit geben, mit mir ein anderes Gedankenexperiment zu starten. Stellen Sie sich vor, Aliens von einem fernen Planeten landeten auf der Erde. Auf ihrem fernen Planeten wäre alles völlig anders als bei uns, die Schwerkraft, die Atmosphäre und der technische Entwicklungsstand; und sie stünden nun vor der Aufgabe, alle Dinge und später sogar Verhaltensweisen zu kategorisieren, die sie bei uns wahrnehmen. Wozu die Dinge dienen, denen sie bei uns begegnen, wissen sie nicht.

Vielleicht würden sie dann die Gegenstände erst einmal in zwei Grundkategorien einteilen. Sagen wir, in Blong und Blirr. Blong wäre alles, was auf dem Boden beginnt und etwas weiter oben endet. Blirr wäre alles, was sich durch die Luft bewegt, den Boden aber nicht berührt.

Vögel, Wolken, Flugzeuge und vom Wind aufgewirbelte Blätter wäre für sie Blirr, gehörten also alle in eine Kategorie. Ebenso gehörten Häuser, Tanksäulen, Bäume, Blumen, Kathedralen und Straßenlaternen in die andere Kategorie, sie wären Blong, und somit einander absolut wesensverwandt.

Sie wissen ja nicht, dass Bäume und Tanksäulen von uns danach kategorisiert werden, welchem Zweck sie dienen, dass dieser Zeck bei Bäumen und Tanksäulen jedoch mit Sicherheit nicht der Fall ist, und dass wir deshalb niemals auf die Idee kämen, sie zu einer Art zusammenzufassen. Es sei denn, man schüfe die Kategorie der Gegenstände, an die man sich anlehnen kann, wenn man so betrunken ist, dass man sonst umfiele. Eine extrem seltene Kategorie, aber theoretisch immerhin denkbar. Und übrigens beim allgemein ausufernden Alkoholgenuss theoretisch durchaus auch sinnvoll.

Da diese Aliens ja zu uns geflogen sind, und sich selbst vielleicht auch auf ihrem Heimatplaneten fliegend fortbewegen, sich also als Blirr einordnen, würden sie sich bei uns wesensverwandt mit umherfliegenden Herbstblättern fühlen, diese einfangen, sie an die Brust drücken, sofern sie über eine solche verfügen, und sich wieder ein wenig wie zu Hause fühlen.

Kategorien können sich aber auch wieder auflösen und neu ordnen. Und so wie wir Bäume durchaus einmal in die Kategorie „Pflanzen“, ein andermal in die Kategorie „Holzlieferanten“ und ein drittes Mal in die Kategorie „Schattenspender“ einordnen, würden die Aliens fallende Blätter in dem Moment aus der Blirr-Kategorie entfernen und in die Blong-Kategorie stecken, in dem sie den Boden berühren. Und das Gefühl, sie seien mit ihnen verwandt, würde sich augenblicklich in die Ablehnung einer völlig fremdartigen und damit potentiell gefährlichen Spezies verwandeln.

Um das Gefühl der Beliebigkeit bei der Wahrnehmung der Welt zu überwinden, könnte man nun einfach die Kategorien auflösen und alles, was es gibt, gleichermaßen „in einen Topf“ werfen. Denn es erhöben sich beim einen oder anderen von uns sicher erhebliche Zweifel, ob man eine Kathedrale, einen Menschen und eine Tanksäule als artverwandt betrachten könnte, nur weil sie alle am Boden beginnen und ein Stück weiter oben enden.

Überlegen Sie sich bis zur nächsten Vorlesung einmal eine Lösung, wie wir aus der Kategorie der Unwissenden in die Kategorie der Wissenden wechseln können. Zumindest, was unser Wissen über Kategorien betrifft.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bedanke mich auch ausdrücklich dafür, dass Sie mich vorhin nicht mit den Worten „Guten Morgen, Papa!“ begrüßt haben.

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Neunte Vorlesung:

Über Bauwerke, mit denen sich Mächtige ins Gedächtnis der Menschen einschreiben wollen.

Liebe Studierende,

schon früh in der Geschichte haben einzelne Menschen versucht, ihre gesellschaftliche Bedeutung durch eindrucksvolle Bauwerke symbolisch zu unterstreichen. Päpste durch mächtige Dome, Renaissancefürsten durch Türme, durch deren Höhe sie versuchten, einander an Wichtigkeit zu übertreffen. Am eindrucksvollsten sind aber zweifellos die Pyramiden, durch welche die Pharaonen sich Einzug in das ewige Gedächtnis der Menschheit zu verschaffen suchten.

Lassen Sie uns einmal der Frage nachgehen, ob dieser Versuch, mag er auch mehr oder weniger wirkungsvoll gewesen sein, überhaupt in sich logisch ist.

Fast immer galt – einmal vom Baumaterial abgesehen, das ja oft durch die verfügbaren Ressourcen vorgegeben war – die Höhe des Bauwerks als maßgeblich für die Bedeutung desjenigen, der den Bau in Auftrag gegeben hatte.

Leider werden Bauwerke desto instabiler, je höher sie aufragen. Das war der Grund dafür, dass die Baumeister die Pyramiden nach oben hin verjüngt haben. Der umgekehrte Weg, nämlich sie am Boden mit einer Spitze beginnen zu lassen und nach oben hin immer voluminöser zu gestalten, verbietet sich eher von selbst, den Grund dafür muss ich Ihnen sicher nicht weiter erläutern.

Je höher ein sich nach oben verjüngendes Bauwerk wird, desto weniger Masse weist es auf, bis – nehmen wir immer noch die Pyramide als Beispiel – ganz an der Spitze ein einziger Baustein ausreicht, um das Werk zu beschließen.

Nehmen wir jetzt den gottgleichen Herrscher, für dessen Bedeutung die Pyramide zeugen soll. Das was ihn selbst am meisten ausmacht, ist ohne Zweifel das Organ, das ganz oben in seinem Körper platziert ist, nämlich das Gehirn. Für dieses Organ steht also symbolisch der armselige Schlussstein einer Pyramide, während der mächtige untere Teil des Bauwerkes, der ja sogar die so bedeutungsvolle Mumie einschließt, allenfalls symbolisch für den unteren Teil des Gottgleichen steht. Etwas lax ausgedrückt, zeugt also die Form der Pyramide eher für die Bedeutung der schmutzigen Schweißfüße des Pharaos, als für sein Gehirn.

Spinnen wir den Gedanken weiter. Je höher die Pyramide sein soll, desto größer muss logischerweise auch das Fundament sein, auf dem sie fußt. Ab einer gewissen Bedeutung des Erbauers, also ihrer Höhe, wird sie die gesamte Fläche des Landes bedecken, dessen Herrscher im Gedächtnis seiner Bevölkerung bleiben will. Die kritische Frage muss an dieser Stelle schon gestattet sein, ob es diese Bürger wirklich zum andächtigen Gedenken motivieren wird, wenn ihre Heimat flächendeckend mit Steinquadern zugemauert ist.

Wenn wir nach dem Grund für diese problematische Situation suchen, stoßen wir letztlich auf die Gravitation. Sie alleine ist es, die uns daran hindert, stabile Bauwerke zu errichten, die nach oben hin immer massenreicher werden und den Boden nur mit dem winzigen Fundament einer Spitze bedecken. Nur beim Menschen ist es der Evolution gelungen, der Schwerkraft insofern ein Schnippchen zu schlagen, als sie den Menschen nach oben hin immer bedeutungsvoller werden lässt. Bei den sogenannten „Großkopferten“ tritt das möglicherweise auch auf das Volumen zu.

Warum ist das so? Nun, beginnend bei den Füßen, können wir über die Ausscheidungsorgane zum Antriebsmotor des Organismus’, dem Herzen, hinaufgehen, bis wir zuletzt beim Hirn anlangen, welches uns als das „Königsorgan“ ja erst zu dem macht, was uns vom Rest der Natur unterscheidet.

Ob im positiven Sinn, lasse ich einmal dahingestellt. Denn letztlich ist das Organ, das den Menschen zur „Krone der Schöpfung“ erhebt, ja auch dasjenige, welches ihn befähigt, diese Schöpfung nachhaltig zu beschädigen, und das zweifelsfrei auch im Spiel sein wird, wenn die Menschheit sich am Ende selbst zerstört.

Denken Sie zum Schluss einmal darüber nach, ob nicht die scheinbar so empfindungsarmen Pflanzen sich diesem peinlichen Naturgesetz dadurch entzogen haben, dass sie ihr Gehirn – wie aktuelle Forschungen nachweisen – ja eher im Wurzelwerk haben. Ihrer Intelligenz ist als also an der Basis am höchsten.

Was hindert uns also daran, die Pflanzen zu würdigen, indem wir Pyramiden für sie erbauen, anstatt für die angebliche Krone der Schöpfung? Dabei kommt denen im Erdreich wuchernden Pilzkulturen sogar noch eine Sonderrolle zu.

Ich kann Ihnen zum Schluss noch ganz kurz meine Vermutung nennen, warum Pflanzen noch nie versucht haben, ihre Bedeutung durch Bauwerke zu unterstreichen: Pflanzen leben nur ungern auf bebauten Böden.

Machen Sie sich bis zur nächsten Vorlesung einmal Gedanken über dieses Thema.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



Zehnte Vorlesung:

Über den Verlust der Grauwerte durch die Digitalisierung und über Eins hoch Null.

Liebe Studierende,

wir erinnern uns alle an die analogen Zeiten, als es zwischen 1 und 0 noch eine große Anzahl von Grauwerten gab, die nicht etwa zu Ungenauigkeiten in der Meinungsbildung führten, sondern viel eher zu einer differenzierteren Darstellung, die das Gemeinte deutlich genauer traf, als eine Reduktion auf die Ganzzahligkeit.

Nun, mit der Digitalisierung des Alltags hat diese Präzisierung ihr Ende gefunden. In der Maschinensprache des Computers gibt es nur eine 1 oder eine 0, ein Entweder-Oder, oder – wie es vielleicht der Philosoph Hegel ausgedrückt hätte – eine These, ihr gegenüber eine Antithese, jedoch keine Synthese. So etwa wie eine Sonate, die am Schluss auf die Rückkehr zur Tonika, also zur Grundtonart verzichtet und den Zuhörer quasi in der Luft hängen lässt.

Wir finden das Prinzip der Unversöhnlichkeit zwischen 1 und 0 auch in der sozialen Kommunikation. Zwei Parteien, zwei Meinungen, wobei jede der beiden Parteien den geringsten Abstrich von der eigenen Meinung zugunsten eines Kompromisses als Verrat an der eigenen Ideologie betrachtet. Die Diskussion beginnt also bereits mit einer Konstellation, die am Ende niemals zu Kompromissen führen kann. Diese Situation bezeichnen wir mit dem auch aus dem Schachspiel bekannten Begriff „Patt“. Was aber bedeutet ein Patt in Wirklichkeit? Doch recht eigentlich ein zwangsläufiger Verzicht auf das Handeln. „Patt“ müsste logischerweise „PvaH“, also „Parteien verzichten aufs Handeln“ heißen, was sich zugegebenermaßen schlecht aussprechen lässt. Man kann aber durchaus auch aufs Aussprechen verzichten, wenn man sich ja eigentlich schon bereit gefunden hat, auf jede Form des Handelns zu verzichten.

Ich will durchaus nicht behaupten, dass diese sehr unbefriedigende Form der Diskussion für immer so bleiben muss. Wie Sie sicher wissen, arbeitet die digitale Wissenschaft ja bereits an der Entwicklung des Quantencomputers. Dieser baut ja auf der Quantenmechanik auf, bei der die Dinge mal so und mal so sind, je nachdem ob wir sie beobachten oder nicht.

Wir denken dabei an Schrödingers Katze, von der ja bis heute keiner weiß, ob sie lebt oder nicht. Dies ließe sich lediglich an den Mäusen feststellen. Wenn ihre Zahl steigt, ist die Katze tot, lebt die Katze, sinkt die Anzahl der Mäuse umgehend. Aber ich möchte in diesem Punkt nicht vom Thema ablenken, indem ich auf das Jagdverhalten von schnurrenden Raubsäugern abgleite.

Wenn wir in Zukunft also unsere Quantencomputer vor uns auf dem Schreibtisch haben, wird sich ein in Google-Maps ermittelter Ort, wie beispielsweise Germering bei München, vielleicht an der Nordseeküste befinden, wenn wir gerade nicht hinsehen.

Mal abgesehen davon, inwieweit ein Computer von Nutzen sein kann, bei dem man nicht hinsehen darf, erhebt sich die Frage; wird mit dem Quantencomputer mehr Präzision einkehren oder mehr Vieldeutigkeit? Oder – anders ausgedrückt – bringt uns diese Zukunftstechnologie die feine Differenziertheit der Grauwerte zurück oder stürzt sie uns in die Dunkelheit eines Nichtwissens, das die heutige Orientierungslosigkeit noch um viele Potenzen übertrifft?

Und da wir nun ja schon einmal bei Thema 1 und 0 sind, könnten Sie sich bis zum nächsten Mal über folgendes Gedanken machen. Bei einer Hochzahl, beispielsweise x hoch 3, bedeutet dies, dass x dreimal mit sich selbst multipliziert wird. Das trifft auch auf 1 hoch 0 zu. 1, null mal also keinmal mit sich malgenommen, bleibt 1. Klar!

Aber 0 hoch 0 ist ebenfalls 1. Wenn man Nichts also keinmal mit sich malnimmt, ergibt sich 1. Eigentlich absurd. Vielleicht fällt Ihnen bis zur nächsten Vorlesung eine Beweisführung für dieses Absurdum ein.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.




© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Prof. Anatol Schwurbels merkwürdige Vorlesungen"

Re: Prof. Anatol Schwurbels merkwürdige Vorlesungen

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 07.10.2019 19:51 Uhr

Kommentar: Lieber Peter,
besonders das mit dem Schrank hat mir gefallen ... hihihi.
Liebe Grüße Wolfgang

Re: Prof. Anatol Schwurbels merkwürdige Vorlesungen

Autor: possum   Datum: 08.10.2019 2:26 Uhr

Kommentar: In deinen Werken gerne angehalten!

glG!

Re: Prof. Anatol Schwurbels merkwürdige Vorlesungen

Autor: mychrissie   Datum: 10.12.2019 21:22 Uhr

Kommentar: Diese Sammlung ist mittlerweile auf 10 Vorlesungen angewachsen.

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