Das Leben versüßen
( eine Nachkriegserzählung )


Man schrieb das Jahr 1946 und der Februar des Jahres war sehr kalt. Der Schnee lag schon über Wochen, und es schneite fast jeden Tag erneut.
Die Jugendbande von Gerd Klauer langweilte sich sehr. In die Schule mussten die Jugendlichen nicht, da kein Heizmaterial vorhanden war. Die Lust an Schlitten fahren
oder am Schneeschuh fahren war ihnen schon lange vergangen.
Man war eigentlich ständig unterwegs um etwas „ Essbares“ zu ergattern.
Die Jugendlichen begaben sich vom Vorort nach Erfurt, in der Hoffnung, dort vielleicht Nahrung zu finden und sei es bloß ein hartes, altes Stück Brot.
Als sie im Stadtzentrum, in der Nähe des Hauptbahnhofes angekommen waren,
hörten sie lautes Geschrei und laute, freudige Rufe.
Sie liefen schnell durch eine Quergasse und waren danach am Ort des Geschehens.
Eine große Menschenmenge, vorwiegend Frauen und Kinder, hatten sich am Vorratsspeicher der Raiffeisengenossenschaft eingefunden. Oben an der letzten Luke des Gebäudes standen Frauen. Diese warfen, in größeren Abständen, Zuckersäcke auf die schneebedeckte Straße herab. Jeder herunter geworfener Zuckersack, wurde von der Menge, mit lautem Geschrei begrüßt.
Es war ein Treiben, wie in einem Ameisenhaufen.
Die Leute drängelten, schoben, schrieen, rafften und zankten sich, um danach in größter Eile den Platz zu verlassen.
Viele Leute hatten keinen Schlitten, sie schoben den Zucker in Wannen oder Trögen über den festgefahrenen Schneeboden. Einige trugen auch den Zucker in halbgefüllten Säcken davon.
Eine dralle Frau mit einen Madonnengesicht und strohgelben Haaren sprach die Jungendlichen an. „ Könnt ihr mir nicht helfen die Zinkwanne nach Hause zu ziehen,
ihr sollt es nicht umsonst machen.“ Nach einer kurzen Pause sagte sie noch: „„Zucker bekommt ihr natürlich auch ab.“
Die Zinkwanne war nämlich bis zum Rand mit Zucker gefüllt. Neben der drallen Frau standen drei kleine Mädchen, die zu ihr gehörten.
Der dicke Willi, obwohl er nicht der Anführer war, sagte: „ Dass geht klar, wir machen das.“
Gerd, Willi und Klaus machten ihre Hosengürtel ab, und befestigten dieselben an einem Griff der Wanne. Seltsamerweise hatte die Frau noch eine Wäscheleine bei sich, die die Jungs auch am Griff befestigten. Die Schlaufe der Wäscheleine machte sich Gerd um seine Schulter. Er war der Älteste und der Kräftigte der Truppe.
Die drei Jungs zogen die gefüllte Zinkwanne, und die Frau nahm die Kinder an die Hand. Die dralle Frau beteiligte sich an der ganzen Aktion durch aufmunternde Zurufe.
Sie wohnte nur zwei Gassen vom Vorratsspeicher entfernt. Die Jungs kamen reibungslos voran, schnell hatte man ihr Haus erreicht. Die Drei zogen die Wanne auf den Hinterhof. Angekommen, strahlte das Gesicht der Frau wie die aufgehende Morgensonne. Sie umarmte und drückte jeden der Jungs. Ihre drei Mädchen hatten die Schüchternheit verloren, sie lachten freudig.
Die Frau eilte ins Haus und kam mit einer handvoll schwarzer Lakritzstangen zurück. Die Stangen erhielt der dicke Willi. Sie hatte auch ein Schraubglas bei sich, aus dem sie den fleißigen Helfern einige Himbeerbonbons schenkte.
In einen Rama-Eimer füllte sie denn Jungs Zucker ab.

Der Rama-Eimer hatte ein Fassungsvermögen von zehn Litern. Die Frau umarmte zum Abschied noch mal jeden Einzelnen, und die Mädchen winkten eifrig.
Da es schon dunkelte begaben sich die Drei mit ihrem Zucker auf den Nachhauseweg. Sie suchten den Platz des Geschehens nicht mehr auf. Der Zucker wurde friedlich untereinander aufgeteilt. Jeder von ihnen besaß nun fast dreieinhalb Pfund Zucker.
In ihren Familien wurde Willi, Gerd und Klaus wie große Helden gefeiert. Die Mutter von Klaus, Frau Schmidt, tauschte ein Pfund von dem Zucker, gegen zwei Pfund Rindertalg ein.
Ein Teil der Jugendbande, die am Speicher geblieben waren, hatten sich auch reichlich mit Zucker eingedeckt.
Am nächsten Tag wurde durch die Mundpropaganda bekannt, dass die Russen dort eintrafen und etliche Festnahmen getätigt hätten. Die dazugehörigen Vertreter der Arbeiter- und Bauernmacht hätten sich bei den Festnahmen schlimmer benommen, als die Russen.
Am nächsten Tag kam die Clique wieder zusammen, und es wurde nach einer kurzen Beratung beschlossen, irgendwie Kohle zu beschaffen.


© Jürgen


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