Sie war nur ein Schulmädchen, schien fröhlich zu sein und begegnete dem Tag mit einem Lächeln. Doch wer hinter ihre Fassade sah, erkannte die Scherben die sie war. Niemand hatte je mitbekommen, dass sie zerbrach. Leise, langsam und ohne nach Außen zu dringen…
Nun fast, denn Menschen können grausam sein, wenn es um Andersartigkeit geht. Genau das, merkte sie recht schnell. Schläge, Spott und Schlimmeres, all dies bekam sie ab. Bis irgendwann der Tag kam an dem sie nicht mehr konnte. All die Jahre hatte sie durchgehalten, aber nun war es zu viel. Die blauen Flecken und Schürfwunden konnte sie daheim nicht mehr so einfach verstecken, noch weniger erklären. Und so beschloss sie, dass es mit diesem Tag enden würde. Nur noch ein einziges Mal musste sie all ihren Mut zusammen nehmen und den letzten Schritt nach vorne gehen. Sie schloss die Augen, vergaß für einen Moment, dass sie auf dem Dache stand und ging nach vorne…Aber plötzlich wurde sie festgehalten. Konnte ihren Willen nicht durchsetzen. „Du hast nicht das Recht, dein Leben einfach so weg zu werfen.“ Sie hörte die Worte, doch verstand sie sie nicht. Erst fühlte sie Wut, doch dann nur noch Trauer. Warum konnte niemand verstehen, dass sie nicht mehr wollte. Konnte. Jeder weitere Tag, würde sie nur verletzen. Dennoch drehte sie sich um und blickte in die blassblauen Augen eines Jungens. Dieser hielt immer noch ihren Arm fest, als würde er jeden weiteren Versuch damit hindern können.

Er blickte zu dem Mädchen vor ihm. Langes rotes Haar, recht klein und eigentlich schien es ihm, als würde sie immer Lächeln. Aber nun verstand er, dass dieses Lächeln wohl nur Fassade war, um sich selbst Hoffnung zu machen. Allerdings war diese Fassade nun gefallen. Er hörte sie schluchzen und zuckte beinahe zusammen, als sie sich umdrehte. Leuchtend rote Augen sahen ihn voller Kummer an. Eigentlich hatte er mit allem gerechnet nur nicht damit. Anschreien, damit hatte er gerechnet. Sie schien ihm wie ein starkes Wesen, nun war sie nur noch ein Wrack. Fast schon gegen seinen Willen zog er sie an sich und ließ sie weinen.

Sie spürte die Wärme die von ihm ausging und beruhigte sich langsam.
Leise schniefend sagte sie: „Es tut mir Leid, dass ich dich voll geweint habe, aber wer bist du überhaupt?“ Er antwortete nicht gleich, sondern schien sich die Antwort erst überlegen zu müssen. Leicht zögernd bekam sie dann die Antwort: „Kasai.“ Es kam ihr seltsam vor, diesen Namen hatte sie noch nie an der Schule gehört und gesehen hatte sie ihn erst recht nicht. Genau dies erschien ihr sehr seltsam, denn sie waren keine allzu große Schule und man kannte einander. Was sie wieder rum gut genug kannte.

Er ahnte was in ihr vorging, aber wollte ihr nicht erklären, weshalb ihn hier eigentlich noch niemand richtig bemerkt hatte. Auch wusste er nicht weshalb er das Mädchen vor ihm davon abgehalten hatte. Schließlich beschloss er diese Frage ruhen zu lassen und fragte lieber nach ihrem Namen. Arisu… Der Name passte nicht so ganz zu ihrem Aussehen, aber auch dies ließ er ruhen und widmete sich lieber der Aufgabe, Arisu vom Rand wegzubringen. Nicht, dass dieses törichte Ding auf dumme Gedanken kam…


© von S.H.


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Kommentare zu "Eine kleine Geschichte"

Re: Eine kleine Geschichte

Autor: Waldeck   Datum: 17.11.2016 22:15 Uhr

Kommentar: Ich möchte hier hinzufügen, dass wer in der heutigen Zeit Arthur Conan Doyle liest,
der gehört sicherlich nicht zu jenen Wesen, die übersehen werden, wenn sie den
Mund aufmachen.

Als ich in früher Jugend "Die Tür mit den sieben Schlössern" las, von Edgar Wallace und die wunderbaren Krimis um Arsene Lupin oder den Hund von Baskerville, oder Graham Greene, den Malteser Falken oder "Zehn kleine Negerlein", so erwuchs in mir die Liebe zu Literatur des 19ten Jahrunderts.
So schön wird Literatur nie wieder sein.

Ich finde es mehr als besonders, wenn jemand noch solche Literatur bevorzugt
und als solch einen Geist wirst du über die Torheiten dieser vergänglichen Welt
eines Tages... wenn nicht erhaben, so zumindest diesen Torheiten gewachsen sein.

Meine Hochachtung.

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