Maja hält die Hand ihrer Mutter fest umklammert. Sie atmet tief ein. Die Luft ist noch kalt an diesem Morgen. „Ich will nicht in die Schule!“ brummelt sie leise und bleibt kurz vor dem Schulhof stehn. Schule ist nichts für sie, ist Maja sich sicher. Immer früh aufstehen, den ganzen Tag stillsitzen. Und dann noch Hausaufgaben machen. Das kennt sie schon von ihrem Bruder Max. Maja wäre heute viel lieber in den Kindergarten gegangen. Dort hätte sie mit Neele Einhorn gespielt, oder in der Nestschaukel die Wolken beobachtet.
„Du schaffst das schon mein Schatz.“ aufmunternd zwinkert die Mutter ihr zu. Zögerlich läuft Maja weiter. Dabei kickt sie gegen ein paar bunte Blätter, die beginnen, um ihre Füße zu tanzen. Einige Kinder spielen auf dem Schulhof fangen. Ein eiliges Fahrrad klingelt und braust dicht an ihr vorbei. Eine Frau mit Hund verabschiedet sich von ihrem Sohn und hastet davon. Autos halten rechts und links an der Straße. Kinder steigen aus. Langsam erwacht der Schulhof.
„Da bist du ja Maja. Ich muss dir unbedingt zeigen, was ich gerade gelernt habe. Kommst du?“ Ihre beste Freundin Neele begrüßt sie stürmisch. „Meinetwegen“ Maja und schlendert hinter Neele her, die schon die Turnstangen erreicht hat. Ein letztes Mal dreht sie sich zu ihrer Mutter um. „Ich hole dich heute Nachmittag ab.“ ruft sie von weitem. Ein Luftkuss, dann braust der grüne Kombi davon.
Neele ist schon auf die unterste Stange geklettert. Mit einem Bein hakt sie sich ein. Schon saust sie wie ein Windrad einmal um die Stange herum. „Probier du auch mal. Ist ganz leicht.“ Mit einem Sprung landet sie gekonnt wieder auf ihren Füßen. „Wie bist du da rauf gekommen?“ staunt Maja und lässt ihren Ranzen zu Boden sinken. „Ich zeig´s dir.“ Geschwind klettert Neele wieder nach oben.
„Eine Fledermaus!“ ertönt es plötzlich. Einige Kinder stürmen zum hinteren Teil des Schulhofes. Maja und Neele folgen dem Gedränge zu dem Holzvorstand neben dem Fahrzeugschuppen. Ein älterer Junge mit Spiderman-Jacke stellt sich entschlossen vor den Eingang: „Stopp nicht alle auf einmal“. Schützend breitet er die Arme aus. Da entdeckt Maja das kleine Fellknäuel. Regungslos hängt es kopfüber an der Wand. Es hält sich mit den Krallen an der rauen Mauer fest. Maja muss an die Fledermauswanderung mit Herrn Trapp vor ein paar Wochen denken. Er war mit einer winzigen Fledermaus von Kind zu Kind gegangen. Maja durfte sie streicheln. Sie erinnert sich an die schwarzen Knopfaugen, das flauschige Fell, die großen Ohren und an die kleinen spitzen Zähne.
„Ist die süß“ schwärmt das Mädchen neben ihr und rückt sich die Brille zurecht. Sie und die anderen drängeln weiter nach vorne. Die Wand kommt immer näher. „Die ist bestimmt ausgestorben.“ ruft jemand von hinten. „Nee, die schläft doch nur.“ ertönt es von der anderen Seite. „Ich komm fast dran.“ Ein Junge mit roten Haaren und frechen Sommersprossen reckt die Arme ganz hoch. Er war unter den anderen hindurchgeschlüpft und steht jetzt genau unter dem flauschigen Bündel. Er versucht die Wand hoch zu klettern. „Macht mal ne Räuberleiter. Dann kann ich sie runter holen.“ kommandiert er seinen Kumpels hinter sich. „Nein. Lass sie in Ruhe.“ platzt es aus Maja heraus. Der Sommerspross hält kurz inne und dreht sich zu Maja um. „Sagt wer?“ Er baut sich vor ihr auf. „Der ist ja mindestens zwei Köpfe größer als ich.“ schießt es ihr durch den Kopf. Ihre Knie werden puddingweich. Wo war bloß Neele? Sie könnte jetzt Hilfe gebrauchen. „Ich, ich wollt ja nur nicht, dass sie dich beißt.“ stottert sie hastig. Ihre Wangen fühlen sich heiß an.
„Denkst du, ich hab Angst vor so nem Winzling?“ lacht er und lässt eine Kaugummiblase direkt vor ihrer Nasenspitze zerplatzen.
„Wo ist denn der Findling?“ Ein paar Kinder haben den Hausmeister geholt. Herr Kittel bahnt sich umständlich einen Weg durch das Gedränge. Durch seine braune Hornbrille betrachtet er das kleine Fellknäul von allen Seiten. Nachdenklich streicht er sich durch seinen grauen Bart.
„Da, sie bewegt sich.“ Neele deutet auf die samtig schimmernden Flügel. Ein Raunen geht durch die Menge. Der kleine Pelzling öffnet die großen Knopfaugen und schaut sich neugierig um. Für einen Moment scheinen alle Kinder die Luft anzuhalten.
Die Fledermaus breitet ihre Flügel aus und flatterte los. Majas Mund steht weit auf. Mit einem Satz ist sie über die Köpfe der Kinder hinweg geflogen. Dabei berührt ein Flügel fast Majas Kopf. Sie kann den leichten Luftstrom auf ihrer Stirn spüren. Ein bisschen kommt es ihr so vor, als wollte sie „Danke.“ sagen. Dann ist sie hinter dem Kastanienbaum im Morgenrot verschwunden. „Was hat die den hier gemacht?“ überlegt Maja laut. „Vielleicht wollte sie mal gucken, wer hier neu an an der Schule ist.“ Herr Kittel zwinkert Maja zu.
Die Fledermausversammlung löst sich auf. „Wer als erster bei den Stangen ist, hat gewonnen.“ Das lässt Maja sich nicht zweimal sagen und ist noch vor Neele da. Sie zieht sich mit den Füßen an der Seite hoch. Mit den Beinen hakt sie sich fest ein, während sich ihre Hände von der Stange lösen. Dann hängt sie auf einmal, kopfüber, wie eine Fledermaus. Ihre langen Haare berühren fast den Boden. Das fühlte sich lustig an so zu baumeln, irgendwie fast schwerelos. Alle Kinder um sie herum stehen Kopf. Auch Frau Kräuter, ihre Klassenlehrerin, kommt verkehrt herum die Treppe herunter. Die Mädchen schauen sich an und müssen lachen. „Wusstest du, dass Fledermäuse mit den Ohren sehen können?“ fragend schaut sie zu ihrer Freundin herüber, die sich neben ihr niedergelassen hat. Neele schüttelt den Kopf, dass die Haare fliegen. Maja schließt die Augen.
Der Schulgong ertönt unverhofft. „Üben wir nachher weiter?“ erkundigt sich Neele beim Absprung. Eilig schnappt sie sich ihren Ranzen. Maja nickt eifrig. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlecht hier an der Schule, aber nur vielleicht.


© 2022 Kathleen Scholz, Alle Rechte vorbehalten


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