Der Wächter

Das schmiedeeiserne Tor öffnete sich und eine zierliche Erscheinung trat über die Schwelle. Unsicher um sich blickend, lief die Gestalt den verwinkelten Weg entlang, drehte sich anmutig an der nächsten Weggablung zu ihm hin und lächelte ihn mitleidig an. Erst jetzt fiel ihm auf, wie steif und gepeinigt die Gesichtszüge der jungen Frau auf ihn wirkten. Gleich darauf schien sie sich aber zu entspannen, ihr Schicksal anzunehmen, und er vermochte nun eine gewisse Tapferkeit in ihrem immer schneller werdenden Gang zu erkennen. Von der klaren Gestalt wandelte sie sich zur dunklen Silhouette und entschwand langsam in eine ihm unbekannte Ferne.

Ehe er sich weitere Gedanken über die junge Frau machen konnte, wurde das schwere Tor erneut geöffnet und eine ganze Familie trat ein. Die beiden Kinder (es schienen Zwillinge im jungen Alter zu sein) versteckten sich erst hinter den beiden Erwachsenen, die mit gesenktem Blick langsam den Weg betraten. Doch schnell fassten sie Vertrauen, neckten sich gegenseitig und rannten jubelnd im Kreis um ihre Eltern herum.

Im Eingangsbereich, so fiel ihm auf, wuchsen wilde Rosen, vor denen nun die elegant gekleidete Frau einen Moment lang stehen blieb. Sie beugte sich über die dornigen Blüten und inhalierte den schweren Rosenduft. Ihr sorgenvoller Blick verflüchtigte sich (wie zuvor bei der jungen Frau) und sie umarmte zärtlich ihren Mann. Dieser blickte jedoch ängstlich zum Horizont, als würde dort ein furchtbares Unwetter auf ihn lauern.

Der Frau entging dies nicht und so pflückte sie eilig eine Rose, hielt sie ihrem Gatten unter die Nase und auch seine sorgenvolle Grimasse wurde mild. Dann schritten sie eilig voran, wanden sich an der Weggablung ihm grüßend zu und verschmolzen mit dem frisch aufgezogenen Nebel, der ihm den Einblick versperrte. Nur die lustigen Kinderstimmen konnte er noch hören, bis auch diese im milchigen Nichts verstummten.

Erneut bewegte sich das schwere Tor und ein junger Mann forderte mit schnellem Schritt den Einlass in die Parkanlage. Um seinen Hals baumelte ein Strick, den er langsam und mit Bedacht, wie eine Krawatte aus feinstem Stoff, zum Kehlkopf führte. Im Gegensatz zu den anderen Personen, die bisher durch dieses Tor gekommen waren, schien dieser eitle Kerl nur auf sich selbst zu achten. Kühn marschierte er der Weggablung entgegen, doch verfehlte er den Weg und lief stattdessen auf eine kleine Kapelle zu.

Ein dicker Mann trat aus dem Schatten der Kapelle hervor, nahm den verirrten Läufer auf seine Arme und trug ihn widerstandslos zurück an die Weggablung, an der er ihn auf dem richtigen Weg absetzte. Als wäre der in sich versunkene, junge Mann nie ausgebremst worden, lief er zielstrebig weiter in den immer näher kommenden Nebel hinein und verschwand darin, wie zuvor die Familie.

Weder dem Irrläufer folgend, noch zurück zur Kapelle gehend, blickte der übergewichtige Mann nun zu ihm und schüttelte den Kopf. Mit dem Zeigefinger voran, kam er eilig auf ihn zu. Die Gesichtszüge des Mannes wurden immer deutlicher und es lag weder Zorn noch Aggression in ihnen, sondern Anstrengung und Fürsorge strahlten sie aus.

Der kräftige Herr blieb kurz vor ihm stehen, rang erschöpft nach Luft und wedelte rügend, aber lächelnd, mit dem Zeigefinger vor seiner mächtigen Brust. Hose und Hemd des Mannes waren dreckig; mit Erde und Laub benetzt.

„Was machst du denn hier, Richard?“,

fragte der wieder zu Kräften gekommene Mann sanftmütig und fügte mit besorgter Miene hinzu:

„Du kannst hier nicht bleiben. Sieh dich doch an. Als Wächter ist es meine Pflicht darauf zu achten, dass nur die Menschen, die durch das Tor kommen, eingelassen werden. Niemand soll hier umsonst warten, leiden oder sich verirren. Wie lange sitzt du schon hier auf der Mauer?“

Richard konnte sich nicht erinnern. Er schaute an sich herab und bemerkte erstmals, dass er ein Nachthemd trug. Offensichtlich hatte er auf der Mauer geschlafen, etwas geträumt, dass er nicht zu deuten vermochte. Sein Blick schweifte über die Parkanlage. Als sei der Nebel (der tatsächlich immer noch stetig näher kam) gewichen, sah er überall Grabsteine und Kreuze stehen.

Der mächtige Mann setzte sich neben ihn auf die Mauer und legte behutsam die Hand auf seine Schulter.

„Du kannst dich wohl nicht erinnern? Das tut mir Leid. Aber ich kann dir sagen, dass deine Zeit noch nicht gekommen ist. Du darfst noch einmal gehen; zurück in dein Leben, Richard. Und du musst dich nicht fürchten. Wenn deine Zeit einmal gekommen ist, sehen wir uns wieder; sofern du das wünscht. Dann führe ich dich auf deinen letzten Weg. Doch heute musst du nicht warten, in dieser nebligen Kälte, die elend in dein Nachthemd kriecht und dich verängstigt.“

In diesem Moment wurde Richard schwindlig. Er verlor sein Gleichgewicht und fiel von der Mauer. Im schier unendlichen Sturz versuchte er seine Hände in die steinerne Mauer zu krallen, seinen Sturz damit aufzuhalten, doch es gelang ihm nicht und blieb (das musste er sich eingestehen) ein aussichtsloses Unterfangen. Er wäre gerne noch beim Wächter geblieben und der Sog, ins Leben zurück, betrübte seine Sinne. Erbarmungslos war er den Kräften ausgeliefert, die an ihm zerrten.

Als er die Augen öffnete, blickte er in unbekannte Gesichter und atmete durch einen Schlauch . Alles war vertraut und fremd zugleich. Er war in sein Leben zurückgekehrt.


© Andreas Broska


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Beschreibung des Autors zu "Der Wächter"

Hier handelt es sich um eine wahre, von mir lediglich ausgeschmückte Geschichte, die mir mein Großvater erzählte, als er nach einem schweren Herzinfarkt in der Intensivstation erwachte.

Richard Rattler gewidmet.



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