Dies ist die Geschichte einer Höllenfahrt.

Ich: "Mama, was ist ein Gangster?"
Mama: "Ein Gangster ist einer, der böse Sachen macht."
Ich: "Oh, bitte beschütze mich immer vor solchen Leuten!"

15 Jahre später

Ich gehe mit meiner Freundin in einen dänischen Vergnügungspark. Ich schaue die Achterbahn an und habe das Bedürfnis, mich spontan zu übergeben. Doch sie möchte da unbedingt rein. Also lasse ich mich breitschlagen. Wir stehen beschissene drei Stunden an. Kurz bevor wir drankommen, sage ich noch "Lass uns jetzt lieber nach Hause fahren, ich habe noch einen wichtigen Termin in Deutschland.". Aber zu früh gefreut, jetzt sind wir doch noch an der Reihe. Wir steigen ein. Sie so: "Ich freue mich so!". Die Achterbahn fährt los. Sie wird langsam schneller. Als wir im Looping sind, bleibt die Achterbahn stehen. Ich habe es doch gewusst. Ich beginne, meine Freundin zu hassen. Sie guckt mich mitleidig an, aber ich gucke weg. Ich springe aus der Achterbahn, sowas muss ich mir nicht bieten lassen!

Ich: "Mama, wo bin ich?"
Mama: "Du bist im Krankenhaus!"
Ich: "Okay, und wo?"
Mama: "In Flensburg. Man hat dich bewusstlos auf dem Boden gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht."
Ich: "Hm, das ist gut. :) Wann werde ich entlassen?"
Mama: "Du bist schwer verletzt und kommst frühestens in vier Wochen raus."
Ich: "Scheiße! Erst sperrt man mich in die Achterbahn ein und jetzt in dieses Krankenhaus! :("

Mama geht auf die Toilette und als sie wiederkommt, bin ich nicht mehr da. Sie ruft die Polizei, hat aber keine Ahnung, wo ich sein könnte.

Ich stelle mich an die B 199 und hoffe, dass mich jemand mitnimmt. Einige Autos fahren vorbei, die Fahrer gucken mich nur schief an. Ich wundere mich warum. Nach einer Weile hält ein junger Mann an. Er lächelt mich nett an und ich denke mir "Die Welt ist doch nicht so schlecht wie ich dachte!". Ich setze mich auf den Beifahrersitz. Er fährt los. Ich gucke in den Spiegel. Hilfe! Wie sehe ich denn aus? Mein Gesicht ist mit Wunden übersät. Wäre ich doch lieber bei Mama geblieben! Bei einem Einkaufszentrum in Handewitt halten wir an. Ich überlege, ob er vielleicht Zigaretten kaufen möchte, unterm Sitz entdecke ich eine leere Zigarettenschachtel. Er kommt aber bald wieder, mit Klebeband in der Hand. Ehe ich mich versehe, hat er das Auto verschlossen. Das passt mir natürlich nicht, schon wieder eingesperrt! Ich versuche zu flüchten, aber er klebt mir mit dem Klebeband den Mund zu. Plötzlich sagt er "Du Gangster oder ich Gangster? Ich bringe dich jetzt in die Hölle, Versager!". Er fährt wieder los, dieses Mal mit deutlich überhöhtem Tempo. Eigentlich will ich mich wehren, doch ich habe Angst, dass ich tot bin, wenn er mir ein Mal in die Fresse haut. In Leck halten wir wiederum an, er ist in ein Waldgebiet abgebogen. Er zieht sich die Hose und die Unterhose aus und sagt zu mir "Leck mich am Arsch, du Opfer!". Ich bin es ja schon gewohnt, benutzt zu werden, also folge ich seiner Aufforderung. Ich würde ihm am liebsten auf sein hässliches Hinterteil kotzen, aber irgendwie traue ich mich nicht. Das hat wohl auch damit zu tun, dass er eine geladene Pistole in der Hand hält. Er fährt wieder aus dem Waldstück heraus. Jetzt sind auf der B 5 angelangt. Der nächste Zwischenstopp ist Husum. Wir parken Hinter der Neustadt. Er sperrt mich im Auto ein. Als er wiederkommt, hat er teuren Schmuck bei sich, den er angeblich aus dem Schloss vor Husum geklaut hat. Wir fahren weiter auf der B 5, bis wir auf die B 202 einbiegen. Über die B 203 gelangen wir auf die A 7. Als wir über die Rader Hochbrücke fahren, die wir aufgrund von Bauarbeiten nur im Schneckentempo überqueren können, scherzt er höhnisch "Spring doch von der Brücke, bevor sie einstürzt!". Als wir nach einer Ewigkeit wieder runter sind von der Brücke, wechseln wir auf die A 210. Bei Achterwehr manövriert der Depp die Karre in die Eider, was wohl auch an seinem Alkoholpegel liegt. Auf der Rader Hochbrücke hat er den Fahrer neben uns mit der Pistole bedroht und so eine ganze Menge Alk erbeutet. Wir laufen ein paar Meter durchs Dorf, bis er ein Auto gefunden hat, das ihm gefällt. Hier gibt es ja nicht viel, also fahren wir schnell weiter. Über die Rendsburger Landstraße gelangen wir zum Kieler Südfriedhof. Er ballert auf ein paar Gräber und lacht sich schlapp. Wir fahren auf der B 404 weiter. Bei Wankendorf krachen wir mit einem anderen Wagen zusammen. Wir laufen nach Ruhwinkel und kommen dort für ein paar Tage bei einem Bauern unter. Als sein Magen prall gefüllt ist, erschießt er alle Bewohner des Bauernhofes und reißt sich die Wertsachen samt Auto unter den Nagel. Jetzt geht es weiter auf der A 21. In Bad Oldesloe überfällt er die dort ansässige Spirituosenfabrik und lässt so viel Alkohol mitgehen, wie ins Auto passt. Wir wechseln auf die A 1.

An den Rest der Geschichte kann ich mich nicht mehr erinnern, nur noch daran, dass wir schlussendlich im Bodensee untergingen und dadurch das Zeitliche segneten. Der Penner hat also verloren.


© Christian Alexander Tietgen


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Beschreibung des Autors zu "Höllenfahrt"

Die Idee zu der Geschichte kam mir schon vor ein paar Wochen. Aber sie war mir bisher zu heftig. Jetzt bin ich aber gerade geladen, also höchste Zeit, die Geschichte abzufassen.

Abschluss am 3. Januar 2018: Ursprünglich war eine Fortsetzung geplant, aber der Hintergrund der Geschichte ist mir nicht mehr so präsent. Zwischen Schleswig-Holstein und dem Bodensee führte die Höllenfahrt auch noch durch Niedersachsen, Bremen, das Ruhrgebiet, Kassel und Würzburg, alles Orte, an denen ich bis 2014 gewesen war.

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Kommentare zu "Höllenfahrt"

Re: Höllenfahrt

Autor: axel c. englert   Datum: 03.04.2014 19:18 Uhr

Kommentar: Hallo!
Mir gefällt das Andersartige an Deiner Geschichte – die Gott sei
Dank nicht artig ist.

LG Axel

Re: Höllenfahrt

Autor: Christian Alexander Tietgen   Datum: 03.04.2014 20:29 Uhr

Kommentar: Da steckt viel versteckte Kritik drin. Ich habe fast nur Orte erwähnt, an denen ich schon war. So bekommt das Ganze eine gewisse Authentizität. Zusätzlich habe ich ein paar Sachen eingebaut, von denen ich gehört habe, um die Geschichte etwas abzurunden und spannender zu machen. Ich finde, wenn eine Geschichte zu persönlich wird, kann sie etwas schwerfällig werden. Man kann eigene Erlebnisse aufgreifen, aber man sollte nicht zu sehr ins Detail gehen, sonst ist es keine Geschichte mehr, sondern ein Bericht. Eine Geschichte ist anschaulicher und eingängiger als ein Lehrbuch. Ich kann hundert Mal den Zeigefinger erheben und sagen "Tu dies nicht, tu das nicht!". Aber wenn ich es anhand eines Beispiels aufzeige, geht das viel eher in den Kopf rein.

Das Andersartige dient also dazu, die Geschichte interessant zu machen, aber auch dazu, sie zu verfremden.

Re: Höllenfahrt

Autor: Christian Alexander Tietgen   Datum: 06.04.2014 17:38 Uhr

Kommentar: Inspiration für die Geschichte war vor allem der Film "Nicht mein Tag". Aber das Geiseldrama von Gladbeck war glaube ich ähnlich gestrickt.

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