Frau Meier litt nach der Entbindung
An einer Dehnung der Empfindung.
Sie selber wusste nicht, dass diese
Gewisse Dehnung eine Krise,
Kurz eine schwere Störung seitens
der Hirnsubstanz und des Erweitens
der Spanne der Empfindungsdauer
war – nur ihr Arzt wusst’ es genauer.

Frau Meier wollt in ihren Jahren
nicht Treppen steigen sondern fahren
im Fahrstuhl, der so schnell wie Blitze
schont die Gesundheit und zur Spitze
betreffende Gebäudeteile
die Menschen trägt mit Windeseile.

Doch eins hat sie heut nicht entdeckt:
Das Schild „Halt! Vorsicht! Lift defekt“

Forsch tritt sie vorwärts, doch mit Macht
stürzt sie hinab im dunklen Schacht.

Denkend an obige Belehrung
weiß man, dass nun auf Grund der Störung
(diesmal im Ernste, nicht im Spiele)
eintritt die Dehnung der Gefühle.
Es sagt sich jeder, dass in Kürzen
sie muss im Erdgeschoss aufstürzen.

Sie jedoch wähnt infolge ihrer
Gefühlsverzerrung sich in Vierer-
Stockwerkhöh’ befindend, wo
sie doch schon schwebt auf Höhe zwo.
Die Sache endet einfach sehr,
Frau Meyer unten lebt nicht mehr.

Jedoch im Tod noch glaubt sie froh
Und frei sich schwebend in Stock zwo.

Wir lassen sie nun still verenden,
um ihrem Mann uns zuzuwenden.

***

Herr Meier, fremd in ferner Stadt
will, da der Alltag ihm zu glatt
und zu banal erscheinen tut,
was sehen, das ihm hebt den Hut.
So flieht er, da es ihm drin graust,
aus dem Hotel in dem er haust.

Vor einem Kino bleibt er steh’n
Und äugt – was gibt es hier zu seh’n?
Ein Pappplakat zeigt eine Faust,
die dürr – dem Manne kalt es graust –
die sich mit Mordgier und Gewalt
um einen blutigen Backstein krallt.

Und heute läuft – der Mann erschauert –
der Film „Lebendig eingemauert!“

Der Mann denkt, das könnt’ spannend sein,
kauft sich ein Ticket – Reihe neun.

Erwähnen muss ich hier nun auch,
dass es in jenem Lande Brauch,
ein Trinkgeld – nicht zu knapp bemessen –
der Platzanweiserin, die versessen
darauf ist, schnellstens auszuhändigen,
sonst ist ihr Rachsinn nicht zu bändigen.
sie muss von diesem Trinkgeld leben,
weil Kinos keinen Lohn dort geben.
Dem Mann ist all dies unbekannt,
leer bleibt die ausgestreckte Hand...

Von wilder Rachegier bewogen
schleicht sich die Frau, die so betrogen
zum Mann, der seinem Platz zuschreitet,
und raunt ins Ohr ihm, das geweitet:

„Mein Herr, der blinde Biobauer
haust hinter einer Küchenmauer,
dort eingemauert schon seit Jahren,
die Nachbarn haben’s nie’ erfahren?
Durchs Loch, fein hinterm Bild verborgen,
kann seine Frau ihn lang versorgen.

Durch dieses Loch kann er entkommen,
weil im Verlies er abgenommen.
Dann schlägt ihm einen Schnellkochtopf
ein Schwarzmaskierter auf den Kopf.
Wer hat die Wand wohl hochgezogen?
War es die Frau, die er betrogen?
War es der Nachbar, dem zuletzt
den Grenzstein er des nachts versetzt?

Und wer schlug mit dem Schnellkochtopf
dem Bauern tödlich auf den Kopf?
Die Frau erzählt es trauernd allen,
der Topf sei jäh vom Schrank gefallen.

Der Staatsanwalt glaubt diese List,
weil er im Bett ihr hörig ist.
Wer war es nun? S’ist schnell erzählt,
weil immer noch mein Trinkgeld fehlt.

Mein Herr, es war ein völlig anderer,
Er hieß Franz Schulz und war ein Wanderer,
Der wütend ihn einbetonierte,
weil er ihm kalten Tee servierte.
Doch weil der Bauer konnt’ entkommen,
hat er den Schnellkochtopf genommen
und ohne lange noch zu fragen
ihn damit gänzlich tot geschlagen.
Die Frau, obgleich ein geiles Huhn,
hat mit dem Morde nichts zu tun“.

Der Nervenkitzel ist dahin,
der Mann sitzt mit umwölktem Sinn,
desinteressiert am Filmgeschehen
entschließt er sich, nach Haus zu gehen,
und freudlos scheint ihm diese Welt,
weil er um seinen Spaß geprellt.

Zuerst entringt sich ihm ein Fluch,
dann weint er haltlos in ein Tuch.

O Mann! Greif schnell zum zweiten Tuche,
wenn heim du kehrst und beim Versuche,
die Teile, die im Liftschacht kleben
mit Herzmassage zu beleben;

und dann am End’ das Fazit ziehst,
dass man zwar in der Bibel liest,
dass Lazarus einst auferstanden –
doch der war noch im Stück vorhanden.

Der Mann ward tags drauf eingesargt,
gefällt von einem Herzinfarkt.
Es graust einen, wenn man erfährt,
dass beider Tochter unbeschwert
und ahnungslos erst nach zehn Jahren
vom Elternschicksal hat erfahren;
es wird erzählt, ihr Leben schwand,
weil wieder mal kein Arzt zur Hand.

So schließt nun dieses Trauerspiel –
Mir wurd’ es langsam selbst zu viel.


© mychrissie


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