Eingestellt von LadyLabyrinth am 20.06.2010 Aufrufe: 220 Kommentare: 0
Kategorie: Geschichten -> Liebe
A relationship is like a straw made of glass.
Der Ball
»Emilie, das ist Leonard Verlaine. Leonard, das ist Emilie Turner, meine Tochter.« Der ganze Stolz meiner Mutter schwang in ihren freundlichen Worten, die gekonnt zu ihrer mütterlichen Stimme passten.
Ich blickte dem jungen Mann vor mir nicht in die Augen, sah höflich etwas an ihm vorbei. Dabei senkte ich meinen Kopf und machte einen Knicks. Leonard, vor mir, schien etwas unbeholfen. Er taxierte mich aus seinen grauen Augen unsicher, was, nebenbei bemerkt, alles andere als höflich war, und wiederholte meine Begrüßung mit einem einfachen Nicken.
»Ich bin sehr erfreut, Miss Turner«, fügte er mit einem eisigen Lächeln hinzu, das zu seinem harten Gesicht passte. Dieser junge Mann, so schien es mir, wurde in seiner Kindheit wohl sehr streng gehandhabt. Nicht ein leisester Hauch von wahrer Freude oder Belustigung war an ihm zu entdecken. Er schien einen Stock verschluckt zu haben, jenen hatte er wohl gegen seine jugendliche Fröhlichkeit eingetauscht.
Schon jetzt verfluchte ich meine Mutter für ihre Männerwahl.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte ich aus purer Höflichkeit und sah ihn dabei immer noch nicht an. Er starrte währenddessen unverhohlen und diese Schamlosigkeit hätte mich aufregen können, aber ich wollte meiner lieben Mama nicht diese Qual antun, auf einem privaten Ball vor all ihren Freunden und Bekannten bloßgestellt zu werden. So riss ich mich zusammen und zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. »Vielen Dank für Ihre Einladung«, sagte ich noch, bemüht um eine Konversation, die wahrscheinlich nicht funktionieren würde, denn schon jetzt spürte ich, dass Mr. Verlaine kein Interesse an mir hatte und wir uns wohl nur über die üblichen Themen unterhalten würden, um uns dann kühl zu verabschieden, in der Hoffnung, uns nicht so schnell wieder zu sehen.
»Wollen Sie tanzen, Miss Turner?«, fragte er schließlich. Der leidende Unterton in seiner Stimme entging auch meiner Mutter nicht, die jetzt äußerst nüchtern wirkte, da sie erkannte, dass ihr Verkupplungsversuch sich gerade in ein Desaster verwandelte. Aus diesem Grunde ließ sie uns beide, mit der Ausrede, sie wolle uns Zeit zum Kennenlernen geben, stehen. Ich hatte gar keine andere Wahl als seine Einladung anzunehmen und so kam ich ihr natürlich nach ? was blieb mir auch anderes übrig?
Wortlos ließ ich mich zu Beginn des nächsten Liedes von ihm auf die überfüllte Tanzfläche führen. Die Paare standen eng aneinander gereiht, obgleich in dem Saal so viel Platz war. Das Haus der Verlaines war riesig genauso wie ihr Vermögen. Das war der einzige Grund meiner Mutter, mich mit ihm zu verkuppeln. Sie wollte mich so gut wie möglich in Sicherheit wägen. Dabei waren wir selbst nicht arm. Mein Vater verdiente gut in seiner Kanzlei in Birmingham und Mutter führte den wahrscheinlich perfektesten Haushalt in der ganzen Stadt.
Vorsichtig schlängelten wir uns an den Reifröcken und Fracks vorbei, bis zu einer freien Stelle, die wir dann einnahmen. Leonards Hand war wie ein Stein und es stellte sich heraus, dass seine tänzerischen Künste nicht gerade die besten waren. Wenigstens eine Sache hatten wir gemeinsam. Früher hatte ich Bälle und Tänze geliebt, aber seitdem meine Mutter versuchte, mich unter Dach und Fach zu bringen, waren sie nur noch eine stundenlange, fruchtlose Qual.
»Sie tanzen sehr gut, Mr. Verlaine«, war mein zweiter Versuch ein Gespräch aufzubauen. Leonard hatte gar nicht auf mich geachtet, sondern gedankenlos in den Raum geschaut, seinen Blick über die tanzenden Paare wandern lassen, um höchstwahrscheinlich eine Fluchtmöglichkeit zu suchen, doch nun wandte sich sein aschblonder Schopf mir zu.
»Sie müssen mir nicht schmeicheln, Miss Turner. Wir beide wissen, dass ich ein miserabler Tänzer bin.« Seine Stimme war monoton und gekünstelt manierlich. Dieser Tanz würde lange andauern.
»Ich wollte es nicht so grob ausdrücken, Mr. Verlaine.« Ich lachte etwas und musste mir dann einen kleinen Aufschrei unterdrücken, als sein Fuß plötzlich mit meinem kollidierte.
»Danke, das weiß ich zu schätzen.« Dann sah er zu seinen Füßen. »Sehen Sie, Miss Turner, ich bin ein Tölpel beim Tanzen, ganz ungeschickt und ohne jegliches Taktgefühl.«
Oh ja, Mr. Verlaine, wie Recht Sie haben.
»Seien Sie nicht so streng zu sich!« Ich musste über seinen sachlichen und vollkommen lustlosen Ton von vorhin kichern. »Niemand ist perfekt. Sie haben sicherlich ihre Vorzüge in anderen Bereichen.«
»Natürlich.« Er hob seinen Kopf und schien sich etwas aufzuplustern. Es fiel mir ausgesprochen schwer, in seiner Gegenwart ernst zu bleiben. Wie konnte jemand aus so gutem Hause, so unnatürlich arrogant sein? Selbst die Adligen wussten Arroganz als einen schlechten Charakterzug anzuerkennen. War es doch ein Laster, das Generationen an Freundschaft, Familie und Liebe zerstören konnte, wenn es sich nur zu stark in den Köpfen der Menschen eingefressen hatte.
Darauf antwortete ich nicht, sondern hing dafür meinen eigenen Gedanken nach. Es war schon der fünfzehnte Ball in einem Jahr, auf dem meine Mutter erfolglos bemühte, mich an den Mann zu bringen. Ich war kratzbürstig und sie war unerschütterlich in ihrer Geduld. Mama verstand es einfach nicht, warum jemand wie ich keine Heiratsanträge bekam und als sehr uninteressant galt. Ihrer Meinung nach, müsste ich bei meinem Aussehen und meinem Stand nur so überlaufen von Freiern sein ? dem war aber nicht so. Meiner Meinung nach, lag es ganz klar an meinem Aussehen. Ich fand mich nicht hässlich, nein, ganz im Gegenteil, ich war einigermaßen hübsch, aber es schien, als ob gerade das alle abschreckte. Ich war relativ groß und sehr schlank, deshalb hatte ich auch keine Probleme mit Korsetts jeglicher Art. Meine Haare waren hüftlang und schwarz, meine Freundin Victoria meinte immer, dass sie einen violetten Schimmer innehatten. Sie umrahmten mein ovales Gesicht, in dem man unter einem Paar geradliniger, feiner Augenbrauen zwei große braune Augen finden konnte. Diese saßen über einer geraden, zierlichen Nase und einem vollen anscheinend immer schmollenden Mund. Ich war blass, sogar meine Lippen waren bleich.
Eigentlich hätte ich mir auch getrost selbst eine Ehegatten suchen können, immerhin war ich schon einundzwanzig, aber meine Mutter schien das zu vergessen oder sie traute meinem zarten Alter nicht zu, eine solch wichtige Entscheidung selbst zu treffen.
Da Leonard und ich es vorzogen zu schweigen, konnte ich meinen Blick ruhig über den Saal schweifen lassen. Nirgendwo konnte ich meine Freundin Victoria entdecken. Die Gute sollte eigentlich mit ihrem Ehemann Charles auch anwesend sein. Vielleicht waren sie gerade in einem anderen Raum, bei den anderen selbstgefälligen Ehepaaren. Es war furchtbar frustrierend. Victoria war zwei Jahre jünger als ich und erwartete schon ein Kind ? sie war sehr glücklich. Vielleicht, weil sie sich ihren Ehepartner selbst aussuchen durfte. Charles war bei meinem Vater eingestellt und verdiente bei ihm gutes Geld. Victoria führte vollkommen zufrieden mit sich und der Welt einen kleinen Haushalt. So wie es sein sollte. Das Einzige, was störte, war ihre stürmische Freundin Emilie, die die Männerwelt zum Zittern brachte. Ich wusste, dass sie sich insgeheim bei den anderen Hausfrauen über mich ausließ, alle lachten über mich, doch ich ließ mir nichts anmerken und blieb immer unerschütterlich freundlich und bewahrte meine Manieren. Niemand sollte mir nachsagen, ich wüsste mich nicht zu benehmen.
»Ihre Mutter ist eine sehr reizende Frau, Miss Turner.«
Überrascht blickte ich zu Leonard Verlaine, der mich von ganz alleine angesprochen hatte. Vermutlich wollte er nur die Etikette wahren.
»Oh ja, sie ist eine wunderbare Persönlichkeit«, erwiderte ich mit Nachdruck in der Stimme. Ich liebte meine Mutter abgöttisch, auch nur deshalb machte ich bei ihren Verkupplungsversuchen mit. Wenn einer funktionieren würde, würde ich diesen Mann auch ehelichen ? es fiel mir schwer, ihr einen Wunsch abzuschlagen.
Mutter war eine herzensgute Frau, die sich um drei Kinder kümmerte, zwei Mädchen und einen Jungen. Lucas, meinen siebzehnjährigen Bruder, meine kleine vierzehn Jahre alte Schwester Therese und natürlich meine Wenigkeit, die eigentlich schon längst aus dem Haus sein sollte. Mutter war immer geduldig, verständnisvoll, wusste es, sich zu behaupten, wenn es darauf ankam, und niemand beherrschte die Benimmregeln wie sie. Sie war ein Genie, auch wenn sie teilweise zu unbegründeter Neugierde und Hysterie tendierte.
Und ich wünschte, ich hätte mehr von ihrem Charakter geerbt als von meinem stürmischen, oft dickköpfigen Vater. Er war auch sehr liebevoll, hatte einen Humor, den meine Mutter oft nicht verstand, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, führte er das auch durch ? nur, wenn es um Mama ging, dann wurde er weich wie geschmolzene Butter.
Ganz klar kam ich vom Charakter her sehr stark nach meinem Vater und vom Aussehen her nach meiner Mutter.
»Sie mögen Ihre Mutter sehr?«, wollte Leonard weiter wissen. Sein Interesse war gut hörbar nur gespielt, doch ich machte ohne mit der Wimper zu zucken diese Farce mit.
»Natürlich, meine Mutter ist mein Vorbild. Sie bedeutet mir sehr viel.«
Leonard hob seine Augenbrauen und sah mich skeptisch an. Ich verzog keine Miene, als er mir aus Versehen auf den Fuß trat und lächelte mein Unschuldslächeln. Als er keine Zeichen von Heuchelei an mir finden konnte, entspannte sich sein Gesicht wieder und er sah ? wahrhaftig ? beinahe freundlich aus. Er schenkte mir ein echtes Lächeln, auch wenn es nur sehr klein war.
»Sie sind eine interessante junge Dame, Miss Turner. Warum sehe ich also keinen Ring an Ihrem Finger?«
Diese Frage warf mich vollkommen aus der Bahn. Meine Beine gerieten aus dem Takt und es dauerte einen Moment, bis ich meine Fassung wieder gewann. Vergeblich suchte ich nach den richtigen Worten, die ich auf eine solch unerhörte Frage geben konnte, ohne gleich schnippisch zu wirken, oder mich in Verlegenheit zu bringen. Nachdenklich betrachtete ich Mr. Verlaines weißes, faltenloses Hemd, das an seiner gut gebauten Brust klebte.
»Sie kennen sicherlich das Werk Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Sie schreibt fantastische Bücher.« Leonard nickte abwartend. »Ich teile lediglich Elizabeth Bennets Meinung.«
»Die da wäre?«, hakte er nach und kam mir etwas näher. Jedenfalls soweit, wie es mein dunkelrotes Kleid zuließ.
»Nur den, der mein Herz berührt, werde ich heiraten. Deshalb werde ich als alte Jungfer enden.« Ein leises Lachen stahl sich auf meine Lippen; ich konnte mir diesen Spaß einfach nicht verkneifen.
Leider schien Mr. Verlaine keinen Spaß zu verstehen, denn er schien diesen Scherz ernst zu nehmen und nickte nur kurz. Ich kam mir so tölpelhaft vor und war äußerst erleichtert, als das Lied sich dem Ende neigte und wir uns dann von unserem Tanzpartner trennten. Ich bezweifelte stark, dass mich Leonard ein zweites Mal zum Tanze auffordern würde.
Auf Twitter veröffentlichen Auf MySpace veröffentlichen Auf Facebook veröffentlichen Seite weiterempfehlen
Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Registrieren Sie sich kostenlos bei uns!