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Der Findling

RolfKirsch Autor: RolfKirsch offline   Datum: 05.04.2011 11:37 Uhr
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Kategorie: Texte -> Krimi

»Komm, Ludolf, lass dich nicht so hängen. Es gibt nichts Schöneres, als an einem sonnigen Sonntagmorgen im April über den Hümmling zu wandern.«

Lattmann richtete seine Worte nach hinten über die Schulter. Er genoss den freien Tag ohne Verpflichtung in der grauen Kreispolizeibehörde, wo er als Oberinspektor für die Strauch- und Eierdiebe dieser Gegend zuständig war. Er war auch sicher, heute nicht gebraucht zu werden. Zum einen, weil er nicht einmal Bereitschaftsdienst hatte, zum anderen, weil sein Diensthandy daheim auf dem halbhohen Flurschrank sicher lag und keine Handy-Melodie der Welt ihn hier erreicht hätte.

Als Lattmann keine Reaktion bemerkte, blieb er stehen und drehte sich um. Aber auf welche Weise sollte er auch eine Antwort erhalten? Fünf Meter hinter Lattmann schlurfte Ludolf träge heran. Ludolf war Lattmanns Bulldogge, die schon wegen ihrer Existenz als Lebewesen der anderen Art keine Antwort hätte geben können. Selbst wenn Ludolf dazu in der Lage gewesen wäre, bliebe unsicher, ob er Lattmanns Hohelied auf den sonnigen Aprilsonntag überhaupt in irgendeiner Weise gewürdigt hätte. Ludolf hasste Spaziergänge, die am Sonntagmorgen generell und die in der grellen Sonne ganz besonders. Ludolf genügte es vollständig, bei der Lösung von Lattmanns Fällen auf seine Weise zu assistieren, am Sonntag aber auf Lattmanns Wohnzimmerteppich mit dem Kopf auf den Vorderpfoten stundenlang auszuruhen.

Ludolf hatte Lattmann erreicht. Um anzudeuten, dass er nun dringend eine ausgiebige Pause nötig habe, hechelte er verzweifelt vor sich hin und verdrehte die Augen. Doch Lattmann war, was seinen Sonntagsspaziergang anging, von einer Unerbittlichkeit, die Ludolfs Hass auf solche Unternehmungen nur weiter förderte. Daher warf er noch einmal einen sehnsuchtsvollen Blick auf den weit zurückliegenden Parkplatz, wo Lattmanns alter Golf sich für den Heimweg bereit hielt.

Im Vorwärtsschreiten nahmen Ludolf und Lattmann ungefähr zur gleichen Zeit wahr, dass in den weiten und fast waldlosen Feld- und Wiesenlandschaften zwei Männer mitten auf einem gepflügten Acker offensichtlich heftig miteinander stritten. Man hörte gegeneinander gesprochene Wortfetzen, ohne sie zu verstehen und sah heftige und wilde Gesten, die dem jeweiligen Gegner galten. Als Lattmann sah, dass einer der beiden Männer den anderen so heftig schubste, dass dieser strauchelte, beschleunigte er zu Ludolfs Leidwesen seinen Schritt. Und als Lattmann erkannte, dass der gerade Gestürzte sich wieder aufrappelte und nunmehr auf seinen Angreifer losging, rief Lattmann, so laut er konnte: »Hehe, hallo, halloooo!«

Die beiden Männer stutzten und stoppten ihren Kampf, der augenscheinlich gerade begonnen hatte. Beide wandten ihren Blick in Richtung Lattmann und nahmen offensichtlich wahr, dass Lattmann schnellen Schrittes auf sie zukam und darüber hinaus auch noch mit einem gefährlichen Hund bewaffnet war. Lattmann, der erkannte, dass sein Zuruf Wirkung hatte, was die vorübergehende Beendigung des Zweikampfes betraf, beschleunigte seinen Schritt. Ludolf blieb nichts weiter übrig, als in einen trägen Galopp zu verfallen, wenn er mit Lattmann auf einer Höhe bleiben wollte.

Das allerdings hatte er vor. Denn schließlich schien gerade ein interessanter Fall zu beginnen, der ohne Ludolfs Assistenz von Lattmann allein möglicherweise nicht gelöst werden konnte. Viele Fälle der Vergangenheit hatten das belegt.

Unterwegs überlegte sich Lattmann, was er sagen wollte, wenn er beide Männer erreicht haben würde. Es ist nicht allzu selten, dachte Lattmann, dass Kampfhähne sich plötzlich gegen einen Streitschlichter verbrüdern, den beide als Einmischer in eine Angelegenheit begreifen, die nur sie beide etwas anginge. Lattmann stapfte über den frisch gepflügten Acker, einige eingesprenkelte Sandflächen erleichterten das Gehen. Um friedlich zu wirken, verlangsamte er seinen Schritt, je näher er kam. Darüber freute sich Ludolf, der eine dankbare Miene aufsetzte, wie es Lattmann schien.

»Es sah von weitem so aus,« sagte Lattmann, als er die beiden Männer erreichte, die geduldig auf ihn warteten, »dass es ein Problem gäbe. Kann ich helfen? Mein Name ist Lattmann, Oberinspektor Lattmann.«
Lattmann schien es sinnvoll, seinen Dienstgrad zu nennen, obwohl Sonntag war und die Sonne schien.

»Oberinspektor?«, stieß einer der beiden hervor, der wie ein Bauer, der den Kirchgang hinter sich hatte, gekleidet war. »Oberinspektor? Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Sie können gleich diesen Lump hier verhaften. Wegen Diebstahls.«

»Diebstahl? Diebstahl?«, rief der andere in seinem Sonntagsanzug. »Wenn Sie mich mitnehmen wollen, dann können Sie diesen Kerl auch gleich mitnehmen. Wegen Unterschlagung.«

»Gemach, gemach!«, sagte Lattmann und spürte, dass der Sonntag für ihn gelaufen war. Aber dieser Fall kann interessant werden, dachte er. Zwei Männer mitten auf einem gepflügten Acker, die sich an die Gurgel gehen wollen und sich gegenseitig wilde Vorwürfe machen. Das kann ja eine schöne Sonntagsunterhaltung werden, ging es ihm durch den Kopf. Und nachdem er sich schon soweit in die Pflicht hat nehmen lassen, könne er, Lattmann, schließlich nicht einfach weitergehen und die beiden Streiter sich selbst überlassen. Womöglich stünde am anderen Tage in der Zeitung: »Kampf auf Leben und Tod auf einem Acker auf dem Hümmling. Zufällig vorübergehender Oberinspektor der hiesigen Kriminalpolizei schritt nicht ein. Disziplinarverfahren wurde eingeleitet.«

Lattmann hatte eine Entscheidung getroffen, die Ludolf sichtlich genoss, der sich schon niedergelassen hatte und sicher war, dass die Fortsetzung dieses Sonntagsspazierganges in der grellen Sonne für heute ausblieb. Und bis zum nächsten Sonntag wäre noch viel Zeit, und die Hoffnung auf Regen, welcher Lattmann dann im Haus einsperren würde, ließe sich jetzt schon pflegen.

»Ich schlage vor, dass jeder von Ihnen nun seine Sicht der Dinge erzählt, der jeweils andere ihn nicht dabei unterbricht. Danach werden wir weitersehen.«, sagte Lattmann aufgeräumt, der erkannte, dass sein Dienstgrad ihn nun in eine Position setzte, die auf beide Kontrahenten nicht ohne Eindruck blieb.

»Wollen Sie anfangen?«, fragte er den Bauern, der sichtlich ungeduldiger erschien als der andere im Sonntagsanzug.

»Also, das ist so«, antwortete der Bauer. Sein Kontrahent verdrehte schon die Augen in der Erwartung, dass nun lauter Unsinn erzählt würde. Aber er blieb still.

»Also, das ist so!«, wiederholte der Bauer, »das hier, dieser Acker, das ist mein Acker. Und an dieser Stelle, da, genau da, wo wir jetzt stehen, da hat schon, seit ich das kenne, also schon seit meiner Kindheit ein großer Stein gelegen. Ein großer, ziemlich runder Stein. Ich würde sagen, gut und gerne zwei bis drei Tonnen schwer, ziemlich rund. Ein Findling, wie man so sagt. Hier waren schon Schulklassen und haben den besichtigt. Und die Lehrerin hat von der Eiszeit erzählt, damals vor vielen hundert Jahren.«

»Na, ist wohl schon etwas länger her«, redete der Anzugmann dazwischen.

»Halt die Klappe, jetzt bin ich dran. Du kannst nachher deine Schoten erzählen«, fuhr der Bauer auf und wandte sich wieder Lattmann zu.

»Einige Jahre habe ich hier Mais angebaut und, als der Mais hoch stand, habe ich für die Kinder einen Irrgarten angelegt. Ich habe Wege reingemäht, und der Stein, dieser Findling war ziemlich in der Mitte vom Irrgarten. Die Kinder hatten einen Heidenspaß, den zu finden.«

»Von wegen für die Kinder. Am Eingang hast du gesessen und Geld kassiert, von jedem, der in deinen Irrgarten wollte. Von Jahr zu Jahr wurde der Preis höher und Kinder kamen überhaupt nicht mehr, sondern nur so ein paar Deppen aus der Stadt, die deine Anzeige vom Eiszeit-Irrgarten in der Zeitung gelesen haben. Weiß eigentlich das Finanzamt davon?«

»Halt die Klappe, Mensch! Ich red` hier nicht vom Finanzamt, sondern davon, dass du den Stein gestohlen hast.«

»Dass ich nicht lache. Ich bin also nachts auf deinen blöden Acker geschlichen und habe mir den Findling auf den Buckel geladen und weggeschleppt, oder?«

»Du sollst die Klappe halten. - Herr Oberinspektor, es ist so. Dieser feine Herr da, das ist unser Ortsvorsteher. Sich selbst nennt er Bürgermeister, hach. Dieser Ortsheini hier hat die Möglichkeit, sich entsprechende Geräte aus dem Fuhrpark kommen zu lassen, den Findling aufzuladen und verschwinden zu lassen. Die Leute dafür stellt ihm auch noch der Fuhrpark.«

»Warum sollte der Bürgermeister das tun?«, warf Lattmann ein.

»Das kannst du dem Oberinspektor erzählen!«, rief der Bauer dem Ortsvorsteher zu. Dieser nahm auch gleich das Wort.

»Also zunächst einmal,« antwortete dieser, »wenn ich den Fuhrpark beauftragt hätte, diesen Stein wegzufahren, müsste es ja Mitarbeiter des Fuhrparks geben, die das aussagen könnten.«

»Ihr Schweine haltet doch alle zusammen!«, rief der Bauer.

»Und außerdem gibt es hier gar keine Fahrzeugspuren. Alles nur gepflügter Acker.«

»Ist doch leicht, auf einem Acker die Spuren wieder wegzumachen.«

»Ich würde gerne wissen, warum Ihnen der Vorwurf gemacht wird, diesen Stein zu stehlen, der immerhin zwei bis drei Tonnen schwer sein soll.«, mischte sich Lattmann ein.

»Gut, das ist so. Vor einigen Woche kam Herr Reuters...«, und damit zeigte der Ortsvorsteher auf den Bauern, »...vor einigen Wochen kam Herr Reuters zu mir und machte einen Vorschlag. Er sagte, dass er auf seinem Feld diesen Findling wegen seines großen historischen Wertes der Gemeinde gerne überlassen wolle. Es kämen immer wieder Schulklassen, die etwas über die Eiszeit lernen wollten. Die würden seinen Acker zertrampeln und die Einsaat kaputt machen und außerdem, wenn der Stein in der Ortsmitte läge, zum Beispiel an der Kreuzung, dann hätten alle was davon und die Schulklassen auch. Natürlich meinte er, so ganz geschenkt ginge es nicht. Den Abtransport müsste die Gemeinde übernehmen und 1000 Euro wolle er für dieses wertvolle Stück Findling.«

»Und was ist aus diesem Handel geworden?«, fragte Lattmann.

»Bescheißen wollte er mich!«, rief Reuters.

»Jetzt hältst du die Klappe!«, rief der Ortsvorsteher. »Also, ich hab gleich gemerkt, der Reuters wollte diesen Stein endlich von seinem Acker haben. Er störte nur noch beim Pflügen und Ernten. Die Sache mit dem Irrgarten war auch ausgelutscht. Jetzt wollte er ihn loswerden und die Gemeinde sollte auch noch dafür blechen, dass sein Acker von diesem lästigen Stein befreit wird. Deswegen habe ich ihm gesagt: `Gut, wir holen dir den Stein vom Feld weg und stellen ihn an der Kreuzung wieder auf. Aber da er ziemlich rund ist, müssen wir noch eine Befestigung machen, damit nicht irgendwelche Jugendliche mit ihren überschüssigen Kräften das Ding auf die Straße rollen. Deswegen kann eine Bezahlung nicht in Frage kommen`, habe ich ihm gesagt.«

»Was ist dann passiert?«, fragte Lattmann.

»Sauer war der Kerl. Ist er immer, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Er hat noch eine ganze Weile gefeilscht, hat mir was von `historisch` und `Eiszeit` und `Sensation` und `Fremdenverkehr` erzählt, bis ich duselig wurde und aufs Klo musste. Also hab` ich schließlich gesagt, 400 Euro kriegst du und keinen Cent mehr.«

»Ist Herr Reuters darauf eingegangen?«, fragte Lattmann.

» `Ich tu` es nur für die Allgemeinheit.`, hat er geschwafelt: `Also gut, 400 Euro, aber bar auf die Hand.` Ich hab ihm gesagt, ich könnte nicht einfach in die Gemeindekasse greifen. Ich müsste den Betrag wegen der Abrechung schon überweisen.«

»Und dann?«, Lattmann war neugierig.

»Reuters sagte, wenn das Geld auf seinem Konto sei, könnten wir das wertvolle Stück abholen und die Kreuzung verschönern.«

»Das ist es ja, das ist es ja!«, rief Reuters.

»Was ist?«, wollte Lattmann wissen.

»Dieser Schuft hat nur 200 Euro überwiesen. Dann hat er telefoniert, dass die anderen 200 Euro kämen, wenn der Stein abgeholt worden sei. Ich habe noch gesagt, ganz höflich habe ich gesagt, dass das nicht die Abmachung ist. Abgemacht ist was anderes. Ich hab meine Vorschriften, hat er gefaselt und dann aufgelegt. `Gut`, hab` ich gesagt: `Ich hab auch meine Vorschriften.` «
»Wie ist es dann weitergegangen?«

Lattmann wurde etwas ungeduldig. Ludolf schlief mittlerweile, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt.

Reuters reckte sich. »Zuerst habe ich gesagt, der kriegt den Stein nicht, wenn die restlichen 200 Euro nicht eingegangen sind, und wenn ich das Ding Tag und Nacht bewachen muss. Ist immerhin fast zwei Kilometer von meinem Hof entfernt. Aber dann hab` ich mir gesagt, was soll es. Soll er das Ding holen, bevor es mir weiter im Weg rumliegt. Ja, und vor zwei Wochen war er dann weg, der Findling. Also hab` ich gedacht, jetzt hat er ihn holen lassen und die 200 Euro werden dann ja bald kommen. Kamen aber nicht.«

»Warum nicht, Herr Bürgermeister?«, wandte sich Lattmann an den Ortsvorsteher.

»Weil wir ihn nicht haben holen lassen. Heute morgen wollte ich noch einmal nachsehen, welche Maschinen wir vom Fuhrpark brauchen, um ihn zu transportieren. Da sehe ich ihn nicht mehr, den Stein. Er ist weg. Und rundherum alles sauber gepflügt, als wäre dieser Findling mit seinen drei Tonnen zum Himmel aufgestiegen. Dafür kommt dieser Kerl hier auf mich zu und brüllt mich an, wo die restlichen 200 Euro sind.
Ich habe ihm gesagt, wenn er den Stein nicht mehr habe, müsse die Gemeinde die bereits angewiesenen 200 Euro zurückhaben. Reuters war dagegen der Ansicht, er müsse die restlichen 200 Euro haben, weil er meinte, ich hätte dieses Ding bereits holen lassen. So gab ein Wort das andere, bis Sie glücklicherweise gekommen sind. Er hat mich schließlich schon körperlich angegriffen.«

Lattmann merkte, dass die Stellungnahmen nun zum Abschluss kamen.

»Herr Bürgermeister, auf Ehre und Gewissen, haben Sie den Stein holen lassen?«

»Sie können sich gerne unsere Kreuzung ansehen. Und wenn Sie meinen, ich hätte mir dieses Drei-Tonnen-Eiszeitdings unter den Nagel gerissen, können Sie eine Hausdurchsuchung machen. Ist doch lächerlich, das Ganze. Vielleicht liegt er im Schlafzimmer auf meinem Nachtschränkchen. Außerdem können Sie morgen alle Leute vom Fuhrpark fragen und die Maschinen nach dieser Ackerkrume untersuchen lassen.«

»Dann hat diesen Stein sonst jemand gestohlen!«, rief Reuters. »Vielleicht so ein Eiszeitforscher oder so ein Typ.«

»Quatsch Eiszeittyp - du hast den Stein verschwinden lassen und willst die 200 Euro an die Gemeinde nicht rausrücken.«

»Lieber Herr Oberinspektor!«, richtete sich Reuters auf. »Sie können auch bei mir eine Haus- und Hofbesichtigung machen und gucken, ob ich den Stein unterschlagen habe. Wo soll er denn sein? Hier ist er jedenfalls nicht mehr. Also hat ihn ein anderer geklaut oder er ist tatsächlich mit seinen drei Tonnen in den Himmel gestiegen oder es war doch dieser feine Herr Oberbürgermeister.«

»Lieber Herr Reuters!« Lattmann wurde förmlich. »Ob der Herr Bürgermeister den Stein hat abholen lassen, ließe sich in den nächsten Tagen leicht überprüfen. Ich vermute, er hat es nicht getan. Er hätte zu viele Leute zur Verschwiegenheit anstiften müssen, die Maschinen ließen sich unschwer danach untersuchen, ob sie auf Ihrem Acker waren, und einen Stein dieser Größe ließe sich auch nicht so leicht verstecken.«

»Aber mir vorzuwerfen, dass ich so einen Stein verstecken könnte, das fällt diesem Ortspräsidenten schnell ein. Noch einmal mein Angebot. Durchsuchen Sie meinen Hof. Sie werden bei mir keinen Stein finden. Hiermit stelle ich einen Strafantrag gegen Unbekannt. Irgendjemand hat meinen wertvollen Findling auf dem Gewissen.«

»Das glaube ich nun wirklich nicht«, meinte Lattmann ruhig.

»Ach, die Polizei, die Polizei. Jetzt glaubt sie auch schon an eine Himmelfahrt.«, spottete Reuters.

»Das nicht gerade, Herr Reuters. Ich bin davon überzeugt, dass Sie immer noch im Besitz dieses Findlings sind. Sie haben sich so über den Kuhhandel mit dem Ortsvorsteher geärgert, dass Sie beschlossen haben, den Stein zu behalten und die 200 Euro von der Gemeinde auch.«

»Das ist doch die Höhe! Und wo soll der Stein sein?«

»Nun, Ludolf, deine Hilfe ist jetzt gefragt. Fassen wir zusammen: Der Ortsvorsteher hat den Stein nicht holen lassen, zum Himmel ist er auch nicht aufgefahren, auf dem Hof von Herrn Reuters wird er auch nicht zu finden sein. Seine Entfernung durch eine fremde Person ist höchst unwahrscheinlich.«

»Reden Sie mit Ihrem Hund?«, rief Reuters. »Sagen Sie mir lieber, wo ich den Stein hingetragen haben soll? Vielleicht habe ich ihn in Stücke gesprengt.«

»Nein, Herr Reuters, ich habe den Boden schon grob untersucht. Hier liegen keine kleinen, versprengten Findlingsstücke mehr herum. Ihr Acker scheint unberührt.«

»Dann, lieber Herr Oberinspektor, haben Sie ein Problem.«

»Ludolf, würdest du mir beim Lösen des Problems helfen und hier ein wenig scharren?« - Ludolf stand erst einmal nur auf.

Reuters macht ein überraschtes Gesicht. »Sie glauben doch nicht, dass ich einen solchen Stein von dieser Größe ...? Ist doch lächerlich.«

»Sie haben neben dem Stein ein großes Loch gegraben. Den sandigen Untergrund, auf den Sie beim Graben gestoßen sind, haben Sie über das ganze Feld verteilt. Diese sandigen Einsprengsel auf Ihrem Acker sind mir gleich aufgefallen. Sie brauchten den Stein mit Ihrem Traktor nur noch in das Loch zu stoßen. War er nicht ziemlich rund, dieser Findling? - Sogar der Ortsvorsteher hatte Sorge, dass kräftige Jugendliche den Stein vom Seitenstreifen auf die Straße hätten rollen können. Vielleicht ist dieser Stein auch gar nicht zwei bis drei Tonnen schwer, sondern vielleicht nur ein bis eineinhalb Tonnen. Dann haben Sie das Loch zugeschüttet und das Feld sauber gepflügt. Ludolf, würdest du bitte an dieser Stelle hier einmal graben?«

»Lassen Sie doch diesen blöden Köter in Ruhe!«, rief Reuters und stiefelte erbost davon, warf dem Ortsvorsteher aber noch einen Blick zu: »Als ob es mir auf eure 200 Kröten angekommen wäre. Die Ehre ist es, die Ehre. Und Abmachung ist Abmachung. Aber davon versteht diese sogenannte Obrigkeit ja heute nichts mehr.«

Ludolf überhörte großzügig die Bezeichnung »Köter«, schielte den entfernten Parkplatz an, auf dem Lattmanns Golf stand und befand, dass er und sein Boss es einmal wieder sehr gut gemacht hätten.

 

© Rolf Kirsch

 

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