Mein erstes Schuljahr war zu Ende und ich sah meinen ersten grossen Ferien entgegen.

Meine Heimat, das obersteirische Industrieviertel war kein Land bei dem man Erholung oder Sommerfrische dachte, es war düster und grau. Rauchende Schlote wurden positiv gesehen, Aufschwung und Wiederaufbau war die allgemeine Devise. Es war laut und dreckig, vom Umweltschutz wusste niemand etwas - das Wort gab es gar nicht.

Meine Familie konnte sich nicht einmal das Notwendigste leisten, von Urlaub oder Ferien konnte keine Rede sein. Ferien bedeuteten für mich nur, dass ich nicht zur Schule gehen konnte und das fand ich schade, denn damals ging ich noch gerne zur Schule. Für eine Überraschung sorgte gleich nach Schulschluss mein Vater. Er eröffnet mir : „Du darfst zur Mitzitant nach Wien fahren und kannst dort die Ferien verbringen“. Das klang eher nach einer Anordnung als nach einer freudigen Botschaft. Der Hintergrund dieser Aktion war schlicht und einfach, dass kein Geld im Haus war und jeder Esser weniger zu Buche schlug, jedenfalls drückte sich so mein Vater auf seine kaufmännische Art aus. Zum meinem Glück verstand ich diese Worte damals noch nicht.
Für mich war das ein Riesending, denn ich mochte meine Mitzitant und ihren Mann den Pepionkel wirklich gern, nicht nur weil ich von ihnen immer Geschenke erhielt. Immer wenn sie uns besuchten, spürte ich echte Herzlichkeit und Fürsorge in ihrem herrlich wienerischen Worten. Meine Begeisterung war gross, denn ich schwärmte immer schon von den Strassenbahnen einer Großstadt, den hohen Häusern und eleganten Geschäften. Das war mein Ding. Das war Klasse!
Der Tag meiner Reise war schnell gekommen. Es war ausgemacht, dass mich meine Eltern in den Zug setzen, dem Schaffner Bescheid geben dass er ein Auge auf mich hält und mich die Mitzitant am Wiener Südbahnhof abholt.
Ich allein im Schnellzug nach Wien, was für ein Tag! Die Fahrt dauerte fast vier Stunden, das war mir nur recht, denn Zugfahren war meine zweite grosse Leidenschaft und kam gleich nach der Strassenbahn, denn eine echte Wiener Tramway kannte ich nur aus Bildern. Die Südbahn wurde damals noch mit Dampfloks befahren, über den Semmering war das trotz einer zweiten Lok als Verstärkung, ein Kraftakt. Ich konnte mich nicht sattsehen. Die Aufregung wurde immer grösser, denn der Zug kam in die Aussenbezirke von Wien. Manchmal konnte ich in Strassenzüge hineinsehen und in Meidling war es dann so weit, ich sah meine erste Strassenbahn. Sogar eine Dreiergarnitur, wenn ich nicht irre, war das die Linie 118. Jawohl, so hatte ich mir das vorgestellt. Einfach großartig. Als wir in den damals gerade im Bau befindlichen Südbahnhof einfuhren.
Die Ansagen schallten durch viele unsichtbare Lautsprecher und ein Gewühl von Bahnreisenden schob sich auf den Bahnsteigen und durch die riesige Halle.
Da wusste ich, das ist meine Stadt!
Der Schaffner nahm mich zur Seite und sagt mir, ich soll einfach da am Zug stehen bleiben. „Denn wenn alle Reisenden weg sind, kann dich deine Tante am leichtesten finden“. Sagte es und war verschwunden. In diesem Moment fuhr mir die Angst in die Kehle. Die Angst vergessen zu werden.

Ich stieg, obwohl streng verboten, auf eine Wartebank am Bahnsteig und hielt Ausschau, da sah ich meine zwei Erlöser kommen. Meine Mitzitant, eine korpulente Frau und daneben den Pepionkel, kein Mann grosser Worte, trotzdem hatte ich immer das Gefühl bei ihm gut aufgehoben zu sein. Und ich hatte mich nicht geirrt.
Der große Moment war gekommen. Erstmals fuhr ich mit einer Strassenbahn, nämlich mit dem 67er Richtung Favoriten. Vor Begeisterung war mir ganz schlecht. Viele elegante Geschäfte mit chromblitzenden Portalen, Pelze und feinstes Tuch in den funkelnden Schaufenstern. Schlaraffenland.
Mitzitant und Pepionkel wohnten am Laaerberg, beim Amalienbad mussten wir aussteigen und hinauf „zu de Behm“, damals ein gängiger Satz, denn am Laaerberg waren die Ziegelwerke und Lehmgruben. Noch zu Zeiten der Monarchie hatten sich hier vorwiegend Menschen aus den ehemaligen Kronländern Böhmen und Mähren angesiedelt. Die „Behm“ halt. Und jetzt kam ich dazu, ein original „Gscherter“, wie man in dieser Gegend zu uns Provinzlern sagte.
Der Pepionkel war immer schwer in Arbeit als Polier bei einer großen Wiener Baufirma. Und die Mitzitant? Sie war die Schwester meines Vaters, nannte mich Ferry und arbeitete in der Ankerbrot-Fabrik. An Wochentagen stand ich unter der Patronanz der böhmischen Oma, die wohnte ganz nah am Ziegelteich und dem alten böhmischen Prater in einem winzigen Häuschen mit Garten. Sie war eine gutmütige Babička und sprach nur gebrochen deutsch, ihr Mann, der Wenzel, gar nicht. Bei meiner Babička gab es immer Kafitschko oder so ähnlich, jedenfalls war damit eine Art Kaffee gemeint, den ich nur mit geschlossenen Augen und Todesverachtung getrunken habe.

Als ich wiedermal die Mitzitant von der Arbeit abholte, wurde ich ihrem Chef vorgestellt, dem Herrn Listopad, für mich ab sofort Onkel Listopad.
Ich war schwer beeindruckt von diesem wirklichen „Herrn“. Statt Krawatte trug er ein Mascherl und ich fasste es nicht, Gamaschen an den Schuhen, aber sowas von edel. Dazu war er sehr einfühlsam und hat mich gekonnt ausgefragt und bald mein Herz gewonnen. Er wusste auf alles eine Antwort, immer schlüssig und verständlich, heute würde ich sagen: mein „Superman“.
Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, er war Witwer und bei den Damen sehr beliebt, was mir allerdings eher lästig war. Ich wollte ihn für mich alleine haben. Mein erster Ausflug mit Onkel Listopad führte in die Ankerbrot-Fabrik. Das war ein Erlebnis! Damals wurde zum großen Teil noch mit ein und zweispännigen Pferdefuhrwerken, bemalt mit dem großen Anker-Logo, das Brot ausgefahren. Das waren hunderte Gespanne und noch mehr Pferde, und all dies durfte ich besichtigen. Die große Expedithalle und die Stallungen. Nie werde ich diesen eigenartigen Geruch zwischen Pferden und frischem Brot vergessen.
In diese Zeit fiel mein Geburtstag. Bei mir zuhause gab es keine Geburtstagsfeier oder Ähnliches. Wenn ich Glück hatte, bekam ich neue Schuhe, die sowieso dringend notwendig waren.
Onkel Listopad hat mir zum Geburtstag eine Überraschung versprochen. Ich war gespannt.
Am Tag darauf kam es dann aber ganz dick...
Er holte mich mit einem Taxi ! ab. Das gibt´s ja gar net! Die Fahrt ging zum Kahlenberg und über die Höhenstraße, es war wunderbares Wetter und mein „väterlicher Freund“ übertraf sich selbst, er erzählte mir Sachen über Wien und seine Geschichte und was wir nicht noch alles unternehmen würden.
Er fragte mich: „Ferry, magst mit mir zum Wirt´n gehen?“ Was für eine Frage, „Ja natürlich, klar!“
Das Wirtshaus war das Stammlokal der Führungsleute von Ankerbrot, eigentlich war es ein Restaurant, gerade fein genug für meinen Gentleman-Onkel. Es war in der Quellenstraße, dort wo die Straßenbahn immer so laut knirschend um die Kurve fuhr. Ein Riesen-Hallo als ich mit Onkel Listopad das Lokal betrat, wir gingen - nein - wir schritten durch das Gastzimmer zu einem anderen Raum, dem sogenannten Extrazimmer, nur für besondere Gäste.
Die Tür ging auf und Musik begann zu spielen und alle sangen irgend etwas. Happy Birthday war es nicht, egal. Da standen jetzt die Mitzitant, der Pepionkel, die Nachbarin und ein paar andere Freunde, natürlich meine Babička aber ohne ihren Wenzel.

Ein langer Tisch, eine Tafel, war festlich gedeckt wie bei einem Gala-Dinner. So etwas kannte ich nur aus Erzählungen, es hat nur so gefunkelt. Mittendrin die Geburtstags-Torte, nur für mich!
Das erste Mal in meinem Leben musste ich die Kerzen auf einer Torte ausblasen, alle möglichen Leute redeten auf mich ein und busselten mich ab, mein Gott, ich hab mich wirklich geschämt.

Für kurze Zeit kam sogar der Gedanke der Flucht auf. Aber nur kurz. Hab schnell ein paar Tränen zerdrückt und ging weiter auf Entdeckungsreise. Mitten auf der Tafel stand ein großer Korb mit allen möglichen Südfrüchten, die meisten kannte ich gar nicht. Herausragend war ein ganzer Bund Bananen, für mich das absolut Exotischste was ich kannte. Ich hab sie lange angeschaut und Onkel Listopad hat mir Mut gemacht „Nimm sie dir, das gehört jetzt alles dir, das ist mein Geschenk an dich!“
Meine Bananen. Ich war sowas von stolz, dass ich jetzt Besitzer eines ganzen Bundes Bananen war. Man hat mich aufgefordert doch eine zu essen. Sie hatten wohl bemerkt, dass das für mich neu war, ich hatte von Bananen zwar gehört, aber gegessen hatte ich noch nie eine. Ich wollte keine essen, trotz der gut gemeinten Aufforderung nicht. Ich wollte sie alle behalten bis zu meiner Heimreise und sie meinen Freunden zu Hause in der Steiermark zeigen, das war ja der absolute Hammer! Bis dahin waren aber noch vier lange Wochen. Meine Tanten und Onkels haben sich gebogen vor Lachen.
Ein leichtes Unbehagen befiel mich dann doch noch, so ganz traute ich dem Frieden nicht, denn immer wenn es irgendwo feierlich wurde, kam unweigerlich der Aufruf zum Gedicht aufsagen.
Ich hatte vergessen, dass ich auf meiner eigenen Geburtstagsfeier war. So ein Glück!

Der Tag ging zu Ende und mein Einzug ins Paradies vollkommen.
Meine Bananen standen auf meinem Nachtkastl und ich träumte dem nächsten Tag entgegen .
Morgen ist nämlich Stephansdom-Tag mit Onkel Listopad!


© halifax


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Beschreibung des Autors zu "Damals in Wien"

Meine ersten Schritte die Autobiografie eines Aussenseiters in literarische Form zu bringen.
Gar nicht so einfach, die Dinge des Lebens eines Entwurzelten im Fokus des Protagonisten zu erzählen. Es sind sozusagen Labor-Arbeiten, Experimente im Perspektivenwandel.

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Kommentare zu "Damals in Wien"

Re: Damals in Wien

Autor: axel c. englert   Datum: 05.06.2014 16:24 Uhr

Kommentar: Bin diese ersten Schritte gerne mitgegangen - es hat sich gelohnt!
Die liebevoll erzählte Geschichte verbreitet mehr als nur ein
interessantes Wiener Lokal – Kolorit…..
Experiment gelungen!

LG Axel

Re: Damals in Wien

Autor: halifax   Datum: 05.06.2014 17:14 Uhr

Kommentar: Danke für den wohlwollende Kommentar. Das macht Mut zum weiterschreiben.
LG Ferdinand

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