ich schreibe diese Zeilen in dem Bewusstsein, dass unsere Beziehung kompliziert ist – doch welche große Liebe ist es nicht? Ihr seid das Duo, das mich aus dem Reich der Träume in die Realität befördert. Oder zumindest in eine akzeptable Simulation davon.
An den Kaffee:
Du bist der sanfte Verführer. Noch warm, noch duftend, noch voller falscher Versprechen. Du flüsterst mir zu: „Heute wird alles anders.“ Dabei weiß ich, dass du nur eine vorübergehende Lösung bist – ein flüssiger Strohhalm, an den ich mich klammere, während das Leben wartet.
Danke für diese tägliche Illusion von Produktivität. Dass du meine Hand zum Zittern bringst, nehme ich hin – immerhin zittern wir gemeinsam.
An die Zigarette:
Du bist der schlechte Einfluss, auf den ich mich verlassen kann. Während der Kaffee lügt, bist du ehrlich: „Ja, das hier ist schlecht für dich. Und? Willst du etwa jetzt schon erwachsen sein?“
Dein erstes Ziehen am Morgen ist wie ein kleiner Aufstand – ein rauchiges „Nein“ zur Gesundheit, ein „Ja“ zum kontrollierten Verfall. Du verwandelst die frische Morgenluft in etwas Dringlicheres, Persönlicheres. Und lässt mich husten, damit ich spüre: Ich lebe. Zumindest statistisch gesehen.
Besondere Anerkennung gilt dem gemeinsamen Moment:
Wenn sich der dampfende Kaffee und der aufsteigende Rauch vermählen – das ist eure Hochzeit, und ich bin der Priester, der diese sündige Vereinigung segnet. Ihr seid das Yin und Yang meines Morgens: der eine gibt Energie, der andere nimmt Lebenszeit. Ausgleichende Gerechtigkeit, bevor der Tag überhaupt begonnen hat.
In Würdigung eurer unzertrennlichen Symbiose verleihe ich euch den Titel:
„Offizielle Übersetzer der Nacht in Tag – Abteilung: Sinnfindung durch Sucht“
Ihr verwandelt:
„Ich kann nicht“ in „Gebt mir erst fünf Minuten“
Morgenmüdigkeit in nervöse Klarheit
Existenzielle Fragen in praktische Handgriffe: Tasse heben, Feuerzeug bedienen, ausatmen.
Mögest du, Kaffee, nie kalt werden.
Mögest du, Zigarette, nie nass werden.
Mögen wir auch in zehn Jahren noch dieses stille Einverständnis teilen: Dass man manchmal etwas braucht, das einen wachhält – und etwas anderes, das einen vergessen lässt, warum.
Mit rauchiger Dankbarkeit und zitternder Zuneigung,
Euer zeitweiliger Komplize
P.S. Sollte die Wissenschaft eines Tages beweisen, dass ihr doch gesund seid – wäre ich zutiefst enttäuscht. Die ganze Romantik des Verbotenen wäre dahin. Bitte bleibt, wie ihr seid: ein kleiner, täglicher Widerstand.
P.P.S. Der zweite Kaffee und die zweite Zigarette wissen, dass sie nur Abklatsche sind. Aber ihr – ihr seid die Originale. Die Erstlinge. Die Heiligen des Alltags.
Kommentar:Kein Kommentar. In Erinnerung noch nachvollziehbar. Entfernt. Ja, das trifft es irgendwie, weil ich mit beidem aufgehört habe. Anfängliche Bedenken, dass es langweilig werden würde, dass die Kreativität sich verabschieden würde ...
Unbestätigt.
dein Kommentar hat mich zum Schmunzeln gebracht – gerade weil er so knapp und gleichzeitig so vielsagend ist.
Ja, ich glaube dir sofort, dass du diese morgendliche Dreiecksbeziehung noch gut kennst, auch wenn du sie inzwischen beendet hast. Und ich freue mich, dass du bestätigen kannst, was viele befürchten:
Man verliert weder die Kreativität noch das Leben, wenn man Kaffee und Zigarette verabschiedet. Nur die Ausreden.
Dass du trotzdem noch genau spürst, wie dieser erste Schluck und der erste Zug einmal funktioniert haben – das zeigt mir, dass du den Text nicht nur gelesen, sondern gefühlt hast.
Und das ist alles, was ich mir wünsche.
Vielleicht ist es ja so:
Man hört auf – aber man vergisst nicht.
Und manchmal reicht die Erinnerung, um ein kleines Lächeln zu provozieren.
Oder ein „Ja, so war das.“
Danke dir für dieses Augenzwinkern zwischen den Zeilen.
Es passt perfekt zu diesem Brief an zwei alte, zweifelhafte Freunde.
Herzliche Grüße
Johann
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Allein ist das Herz im Lebensgestöber.
Der Wind kennt deinen Namen schon, er flüstert ihn mir leise zu.
Das Herz ist voller alter Narben,
es sehnt sich so sehr
nach einem neuen [ ... ]