Schweigen ist nicht immer Gold.
Manchmal ist es nur der Staub, der sich auf eine Stimme legt, die zu müde geworden ist, um noch nach draussen zu finden.

In den letzten fünf Jahren bin ich verschwunden – Stück für Stück, fast unmerklich. Mein Körper wurde zum Fremdland, meine Tage zu engen Räumen. Es gab eine Zeit, da fühlte sich jedes Aufstehen an wie ein Gang durch zähen Nebel, jeder Atemzug wie ein verhandelter Kompromiss mit Kräften, die ich nicht mehr verstand.

Ich nenne es heute mein Wehstück – jene Jahre, in denen nichts mehr leicht war und alles, selbst das Kleinste, Gewicht bekam.

Ich war sprachlos, nicht weil ich nichts zu sagen gehabt hätte,
sondern weil alles in mir nach innen gestürzt war.
Wie ein Haus, das nicht einstürzt, sondern langsam in sich zusammensackt.

Und doch: Irgendwann, ganz leise, begann etwas zu wachsen. Ein Funke, ein Drängen, ein Ahnen: dass ich mich nicht verloren habe, sondern nur vergraben. Ich habe mich nicht wiedergefunden wie etwas, das man einfach vom Boden aufhebt. Ich habe mich ausgegraben. Zentimeter für Zentimeter. Mit blossen Händen.

Heute ist meine Stimme anders als früher. Sie ist rauer, ehrlicher, brüchiger vielleicht – aber sie ist wieder da. Und ich schreibe, weil jedes Wort ein Schritt nach draussen ist. Weil Sprache mir zurückgibt, was die Stille mir genommen hat.

Sprachlos war lange sprachlos.
Jetzt nicht mehr.

#Longcovid


© Sprachlos


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Kommentare zu "Sprachlos war lange sprachlos"

Re: Sprachlos war lange sprachlos

Autor: akilegna   Datum: 19.11.2025 17:34 Uhr

Kommentar: Kenne ich, liebe(r) Sprachlos, mir ging es auch mal so. Das Leben verläuft nicht immer geradeaus. Manchmal macht es Pause.
Alles Gute
Angelika

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