Ich habe das Sprichwort, dass eine Welt so dunkel werden kann, leibhaftig erlebt. Es ist erschreckend, wie viel Traurigkeit ein Mensch mit sich rumschleppen kann, wenn es keine Zuflucht mehr gibt. Weil man niemanden erzählen kann, wie diese Gedanken angefangen haben, dich zu kontrollieren. Wie sehr du von dieser Einsamkeit ertrinkst. Niemand ist da, der versteht, der dieses Leid teilt. Keine Existenz auf dieser Erde ist in der Lage zu heilen, was so unmenschlich zerbrochen ist. In dir und in deinen Augen, die dich so durchbohren, dass es dir Angst macht. Diese Augen die nichts mehr sehen können, diese Augen die nur kritisieren. Du bist so alleine in dieser Hülle, die du mit eigener Hand erschaffen hast. Eine Hülle so kalt, dass alles um dich herum erfriert. Niemand war da. Keiner der mir sagte, ich sei genug. Nur dieses etwas, das im Kopf verweilte, dass mir zuschrie, ich würde nicht ausreichen. Bei dem was ich tue und was ich bin. Keiner, der diese Kette brechen wollte. Ich lief mit weinenden Herzen durch diese leeren Straßen, so verlassen von jedem. Sie brachten mir das Zweifeln bei, diesen unglaublichen Hass auf diese Welt. Dieser Schmerz, so groß und mächtig, der sich in meinen Venen durchbohrte, - dieser Schmerz war alles, was da war. Ich hörte auf die Tage zu zählen. Es war, als würde dieses Leben für alle herum weitergehen, während ich versuchte mit gebrochenen Beinen hinterher zu kommen. Du fehltest. In jedem Atemzug fehltest du. Du warst mein Zuhause und als du gingst, wurde ich obdachlos. Und niemand, der es verstand. Aber ich konnte nur lieben, was du mir gegeben hast. Ich konnte nur sein, wenn du an meiner Seite warst. Glücklich, frei und ganz. Weil du wie ich warst. Und als du gingst, nahmst du mir alles. Meine Existenz und diese gerissene Seele. Es war der Weltuntergang, der Beginn dieses Selbsthasses. Wieso habe ich dir nicht genügt? Wieso warst du alles und ich war nur vorgespielt? Ich war so verloren. So verdammt verloren. Und niemand da, der diese Hilfeschreie hören wollte, sie waren alle taub. Wie oft wurde ich gefragt, was mein Problem ist. Und wie gerne hätte ich Ihnen gesagt, dass in mir alles untergeht. Aber ich schwieg. Jedes mal schwieg ich erneut. Alles was sie mir gaben, war das Gefühl von Unvollkommenheit. Ich war nicht willkommen. Nur ein Schatten, der ständig hinter einer Freundin lief. Ich klammerte mich so sehr an den Gedanken, dass jemand diese verstörte Seele gerade biegen könnte und suchte nach Menschen, die ihr ähnelten, um diese Leere zu füllen. Aber niemand. Niemand war du. Und in diesem Moment hörte ich meine Dämonen zum ersten Mal. Stimmen in meinem Kopf, die umher irrten. Sie waren meine Begleiter, ständig verweilten sie im Hinterkopf. "Rede nicht, du bist nicht gut genug dafür. Beweg dich nicht, sonst fällst du auf. Aus dir kommt nur Dummheit raus, du weißt nichts. Du hast keine Ahnung. Rede nicht. Du wirst nie gut genug sein. Iss nichts, das hat zu viel Zucker. Iss nicht, das macht dich nur noch fetter, als du schon bist. Iss nichts, iss nichts, iss nichts." Diese Sätze brannten sich auf meiner Haut. Und durch sie fingen meine Knochen an, hervor zu ragen. Ich sah, wie mein Bauch anfing, zu schrumpfen. Ich sah zu, wie meine Hände zerbrechlich wurden. Niemals hätte ich mir vorstellen können, in einem Moment gefangen zu sein, so kontrolliert von Zwängen und Ängsten. Angst zu essen, Angst mich zu wiegen. Wann immer die Zahl auf der Waage stieg, konnte ich spüren, wie alles in mir zerfiel. Ich war wieder nicht genug. Aber je weniger sie wurde, desto befreiter fühlte ich mich. In den Augen der anderen war ich krank. Selbst als sie sagten, mein Körper wäre zu dünn, lächelte ich. Ich bekam die Bestätigung, dass sie mich endlich bemerkten. Ich lächelte, weil sie endlich sahen, dass ich wirklich krank war. Besessen von der Kontrolle. Und dennoch war sie immer schöner. Egal, wie kurz meine Klamotten waren, egal, wieviel Mühe ich mir gab, sie war selbst mit einem Pullover hübscher. Es waren ganze 7 Monate, in denen ich in den Spiegel blickte und nichts schönes in mir fand.

Und diese unendlichen Minuten, in denen ich meine Reflexion beobachtete. Ich kenne sie zu gut. Diese Momente, in denen die Minuten zur Ewigkeit wurden. Stunden, in denen ich mein Spiegel beobachtete und wartete, bis diese Person darin sich umdrehen würde. Ständig, jeden Tag. Ich versuchte zwanghaft zu werden, was ich früher war. Und dieses Ich im Spiegel hasste alles, was ich nicht mehr war und wieder sein wollte.


© Elena Petliaki


0 Lesern gefällt dieser Text.

Diesen Text als PDF downloaden




Kommentare zu "Wie alles begann."

Es sind noch keine Kommentare vorhanden

Kommentar schreiben zu "Wie alles begann."

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.