Vergangenes.

„Leidest du?“, fragte sie. „Leiden? Ich litt. Früher.
Ich konnte das Loch in meinem Herzen sehen, konnte Schwarz und Weiß nicht mehr unterscheiden. Es ist, als riss sie mir meine Seele aus dem Leibe.
Selbst die Hölle hätte nicht schlimmer sein können, als diese Gedanken in meinem Kopf - immer und immer wieder übertönte die eine Stimme die andere:
"Versager, nutzlos, unerwünscht".
Ich war alles – und gleichzeitig nichts. Ich war da, aber wollte gehen, rennen, fliehen, vor all diesen vertrauten Gesichtern. Die Angst war mein Freund.
Sie war immer da und ich konnte sie hören, laut und deutlich.
Ich biss mir ins eigene Fleisch zu denken, Liebe wäre die Heilung. Stattdessen plagten mich Zweifel. Nachts war ich wie gelähmt. Vor Schmerzen und vor Trauer. Man hat keine Kraft, zu versuchen, etwas zu sein. Man hinterfragt jegliches. Seinen Gegenüber, seine eigenen Familie und sich selbst. Am meisten sich selbst.
Und es ist wie ein Kampf. Ein Krieg, der so nutzlos erscheint, weil man Waffen gegen sich selbst richtet. Gegen seinen eigenen Kopf. Es saugt einen förmlich die Kraft aus den Venen, als wäre jeglicher Sinn verloren gegangen. Es hat wehgetan zu lachen, weil es sich nicht richtig anfühlte. Ohne sie durfte ich nicht. Ich konnte es nicht. Die Sehnsucht brannte durch meine Adern und verkohlte alles in mir,
was irgendwie noch da war. Verrückt, nicht wahr? Jemanden zu vermissen,
der dir alles nehmen wollte, der nie gezögert hat, dich mit seinen eigenen Händen zu verletzen. Und Mitleid war hier nicht erwünscht. Ich hatte niemanden an meiner Seite, der diese dunklen Schatten unter meinen Augen hätte vertreiben können – nicht mal dann, als ich es so sehr wollte.
Deshalb ist die Einsamkeit mein einziger Freund. Kritisiere mich nicht für das,
was sich einst mal mein Zuhause nannte, als alle gingen.
Ich war nie dafür geschaffen, mit jemanden zu sein. Aber das ist in Ordnung so.
In der dunkelsten Ecke meines Kopfes werde ich immer sein.
Da wo ich hingehöre, wo diese Dämonen selbst das grellste Licht vertreiben.
Ich bin ich, wenn ich einsam sein kann.
So vollkommen glücklich in dieser Einsamkeit.


© Elena Petliaki


1 Lesern gefällt dieser Text.


Diesen Text als PDF downloaden




Kommentare zu "Vergangenes."

Re: Vergangenes.

Autor: possum   Datum: 07.06.2019 3:17 Uhr

Kommentar: Liebe Elana, dein Werk benötigt keine weiteren Worte ... tief berührend!

lieben Gruß!

Kommentar schreiben zu "Vergangenes."

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.