Sie saßen um große Feuer und wärmten sich. Es war ja schon hoch im Norden Indiens und der Winter stand bevor. Am Tag glühte noch der Hauch den Boden, aber in den Nächten herrschte bereits die Kühle. Peter fand sie ganz zufällig, auf einen Spaziergang außerhalb Amritsar. Um die lodernden Flammen kauerten Männer mit abgerissenen Kleidern: bärtig, ungewaschen, mit struppigen Haaren, und Peter platzte da ganz unvorbereitet rein, ohne zu wissen, worauf er sich da jetzt einlassen würde.
Peter fühlte sich auch jetzt wieder wie ein Blatt im Wind. Schon als Kind ließ er sich treiben. Eltern und Lehrer versuchten seine Sinne mit Zukunftshalluzinationen zu vernebeln und sein Denken mit Zielen und Zwecken zu betäuben. Als Entziehungskur verwandelte er die Maserungen und Risse in seiner Schulbank, den Stühlen und Wänden mit Stiften und Messer in kleine Figuren. Natürlich verwandelten sich auch die hässlichen Zahlen in seinen Zeugnissen schwebende Gottheiten und Engel. Was Richtiges gelernt, hatte er folglich nie. Als er die Schule verließ, hatten auch Menschen, die Peter liebten, Sorge um seine psychische Verfassung. Verwirrt und verschüchtert suchte er das Weite. Jahrelang irrte Peter nun schon ziellos als Straßenmaler und Seemann über Länder und Meere, bis ihn schließlich ein Zufall als 23-jährigen hier nach Indien brachte.
Doch wer waren nun diese Menschen an den Feuern, die wie Bettler gekleidet waren? Peter war das erste Mal außerhalb von Amritsar. Die Männer waren groß und kräftig gebaut - viel größer als er. Sie lächelten ihm mit stillen Gesichtern freundlich zu und forderten ihn auf, neben ihnen Platz zu nehmen. Sobald er saß, war Peter auch schon wieder für sie vergessen. Sie sahen schweigend in das Feuer, reichten sich gegenseitig eine Art Pfeife, ein kleines verziertes mit Silber beschlagenes Elfenbeinrohr, aus dem dicker Ruß quoll, der süßlich roch. Jetzt war die Pfeife bei seinem unmittelbaren Nachbarn angelangt. Er lächelte Peter zu und zeigte ihm, wie man die Pfeife raucht, ohne sie mit den Lippen zu berühren. Er umspannte die Pfeife mit beiden Händen und saugte den Rauch in die Faust, um ihn erst dann einzuatmen. Dieser warme, süße Qualm versetzte Peter augenblicklich in einen Zustand absoluter Stille. Schweigsam starrte er in das Feuer, stundenlang. Irgendjemand sorgte dafür, dass das Feuer nicht ausging, dass es immer lichterloh brannte.
Das Feuer verwandelte sich nach und nach in ein Licht, das alles ausfüllte, was Peter selbst noch mit geschlossenen Augen sehen konnte. Es breitete sich immer weiter aus, überstrahlte alle anderen Empfindungen - sogar die Geräusche, die Geräusche der Nacht. Die Grillen, das Zirpen alles verschwand in diesem Feuer, in diesem unwirklichen Leuchten. Und dann waren da nicht mal mehr die Empfindungen des Körpers. Peters Selbstbewusstsein hörte auf zu existieren. Stattdessen war da nur noch dieses einheitliche Leuchten des Lichtes, das alles in sich aufnahm und niemand war dar, der es betrachtete. Es bestand ganz aus sich heraus. Das Licht hatte Subjekt und Objekt miteinander vereinigt. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Innen und Außen. Das einzig Existierende war jetzt nur noch dieses Leuchten.
Als Peter wieder zu sich kam, muss es lange nach Mitternacht gewesen sein. Sein Nachbar stieß ihn sanft an. Er wies mit einer Geste darauf hin, dass die Asche von meiner Pfeife gleich ins Feuer fallen würde und Peter aufpassen sollte. Es war wichtig, dass keine Asche, keine Verunreinigung in dieses Feuer fiel. Das Feuer war heilig. Zwar war Peter jetzt wieder bei vollem Bewusstsein, aber irgendetwas an seiner Wahrnehmung hatte sich verändert. Er fühlte mich absolut glücklich und entspannt. Auch seine Magenkrämpfe, die ihn seit langem auf seiner Reise quälten, gaben Peter wenigstens in dieser Nacht eine kurze Ruhepause. Sein Körper befand sich in einem absoluten Ruhezustand. Seine Sinne waren wach und die Gedanken klar wie Kristalle. Er sah sich um und erkannte alles wie in einem Brennglas. Er war nicht nur Betrachter, sondern selbst Bestandteil einer Wahrnehmung, die sich vereinheitlicht hatte. Das Feuer brannte noch immer lichterloh, und er saß auf diesem angewärmten Boden. Nein, falsch nicht er, es war sein Körper. Darüber breitete sich dieser sternenklare Nachthimmel. Aber da saßen noch die anderen - schweigsam in sich gekehrte bärtige Gestalten. Manche hatten sich schon schlafen gelegt, genau an der Stelle, wo sie vorher gesessen hatten. Peter wurde nun auch müde und legte sich einfach zur Seite. Irgendjemand breitete eine Wolldecke über ihn, und er schlief selig ein.
In der Nacht hatte es sich bewölkt, und als Peter aufwachte, hingen schwere Wolken tief am Himmel, so tief, dass es Peter vorkam, als ob er sie berühren könnte. Einige der bärtigen Gestalten saßen schon aufrecht, andere lagen noch, aber alle waren sie wach. Der Himmel wurde immer schwärzer, jeden Moment konnte ein Unwetter hereinbrechen. Und doch brachte sich niemand in Sicherheit. Die Männer saßen nur da und Peter schien es, dass sie warteten.
Am Horizont fing es an zu donnern. Ein tiefes Grollen, das langsam näherkam. Peter konnte sehen, dass alle in die gleiche Richtung stierten. Es hatte den Anschein, als ob sie angespannt lauschten. Jetzt saßen sie da und warteten auf das Ergebnis ihrer Meditation. Es fing langsam an zu regnen, aber der Regen wurde immer stärker und dann schüttete es vom Himmel, so wie es nur in Indien passieren kann. Plötzlich war der Dschungel wiedererwacht. Diese durch Lianen und Schlingpflanzen undurchdringlich gewordene Natur mit ihren Palmen, Bananenbäumen, Lotusblüten und Orchideen erstrahlt dann wieder in ihren natürlichen Farben, nachdem der Regen sie befreit hat - vom Staub der Trockenheit. Wenn dann der Regen auf diese braune - manchmal über Monate erhitzte Erde – fällt, ergibt sich ein dicker Nebel, der verbunden mit dem Duft der unzähligen Dschungelblumen an Weihrauch erinnert. Es regnete eine halbe Stunde. Niemand dachte daran, sich vor dem Regen zu schützen. Sie lächelten zufrieden vor sich hin, strichen gelegentlich das Wasser aus ihren Bärten. Der Regen war warm und tat Peter gut. Er erinnerte ihn daran, dass er einen Körper hatte.
Doch wusste er noch immer nicht, wer diese Leute waren. Da gab es ein paar Zelte, auch ein paar Elefanten. Vielleicht waren es Elefantentreiber? Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort Englisch, aber sie waren alle freundlich. Peter hatte das Gefühl, als ob er sich mit ihnen unterhalten hätte, aber auf einer anderen Weise, die keiner Worte bedarf. „Warum will ich eigentlich wissen, wer sie waren?“, fragte sich Peter. Wollten sie denn wissen, wer er war? Vielleicht gibt es ein Verständnis, was viel intensiver, viel direkter als die Sprache ist. Vielleicht ist es die Ebene des Gefühls, was natürlich nicht fragt, was jemand ist. Es fragt immer, wie jemand ist. Und auch nur einzig und allein jetzt in diesem Moment eine absolut richtige und eindeutige Beurteilung eines anderen Menschen, wie sie der Verstand fordert, ist ihm fremd. Das Gefühl erkennt nur eine momentane, eine auf den jeweiligen Moment bezogene Wahrheit an. Es sieht die Welt nicht durch die Brille der Vorurteile. Das Gefühl gibt allen Dingen das Recht und die Freiheit sich zu verwandeln - einschließlich sich selbst. Als ihm das bekannt wurde, hatte er keine Fragen mehr, denn auf dieser Ebene kannten er diese Menschen bereits. Kannten er sie schon immer, denn das ist es ja, was die Menschen ähnlich macht: Empfindungen. Peter erachtete nun die gefühlsmäßige Beurteilung immer als wertvoller als die Beurteilung mit dem Verstand, und so war es ihm möglich in einem völlig fremden Land zu leben und sich doch nie und zu keiner Zeit als Fremdling zu fühlen.
Das hielt Peter natürlich nicht davon ab, Hintergründe zu erfragen. Das ist ähnlich wie in einer Liebesbeziehung: Das verliebte Gefühl hinterfragt - verwundert über sich selbst - ganz automatisch die geheimnisvolle Ursache seiner eigenen Entstehung. Und so hatte Peter nichts Wichtigeres zu tun, als seinen Freund in Amritsar die Geschehnisse der letzten Nacht zu erzählen. Er hoffte, ein wenig Licht in die ganze Angelegenheit bringen zu können. Peter hatte ihn vor ein paar Tagen dort im goldenen Tempel kennengelernt. Der Freund kam wie Peter jeden Tag dorthin, um im Tempel der Musik zuzuhören. Er hatte große Ähnlichkeit mit Mahatma Gandhi. Dieser kahlköpfige Brahmane aus Benares mit seiner kleinen Brille war auch schon fast siebzig Jahre alt. Ein ewiger Pilger, der sein Leben vollständig der Religion geweiht hatte. Peters Freund stammte aus einer alten und recht reichen Priesterkaste, mit der er sich aber überworfen hatte. Er ging in jungen Jahren nach England und studierte dort Jura. Zurückgekehrt nach Benares übernahm er dann gleich einen sehr schwierigen Fall. Es handelte sich um eine Vergewaltigung mit tödlichem Ausgang. Ihm wurde die Verteidigung des Angeklagten aufgetragen. Obwohl der Angeklagte seine Unschuld beteuerte, verlor der noch unerfahrene junge Anwalt diesen Prozess. Der Mann wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Später stellte sich das Urteil als Justizirrtum heraus, der Mann war tatsächlich nicht verantwortlich für die Tat. Daraufhin legte sein Freund augenblicklich das Amt nieder und lebte seitdem ein spirituelles Leben.
Ihm erzählte Peter dann noch am gleichen Abend, was sich in der Nacht zuvor zugetragen hatte. Der Brahmane hörte ihm zu, ohne Zwischenfragen zu stellen. Seine Augen waren anfangs gesenkt, aber wurden im Laufe der Erzählung lebendig. Und am Ende sah er mich nur noch mit seinen wie Steinkohle blanken Pupillen, die im makellosen Weiß lagen, erwartungsvoll an. Er wollte erst einmal wissen, wie ich selber über die Sache dachte, um dann - wie er versicherte - entsprechend meiner Antwort zu reagieren. Dazu war Peter aber gar nicht in der Lage. Ihm fiel weiter nichts als die Bemerkung ein, dass er jetzt am liebsten auch Elefantentreiber werden möchte. Darüber lächelte der Brahmane verständnisvoll, wurde daraufhin aber gleich wieder ernst. „Nein“, sagte er, „das waren keine Elefantentreiber. Das waren Swamies Yogis aus dem Himalaya, die jetzt im Winter aus ihren kalten Gefilden hinabgestiegen waren, um in wärmeren Gegenden Unterkunft zu finden. Dass du mit ihnen am Feuer sitzen durftest, kannst du dir hoch anrechnen. Mit dieser Geste haben sie dich als Ihresgleichen, einen Sannyasin - einen Haus- oder Heimatlosen -anerkannt. Diese Yogies treffen nur im Winter zusammen, wenn es im Himalaya zu kalt ist. Aber sobald es dort wieder wärmer wird, geht jeder wieder zurück in seine eigene kleine Einsiedelei. Dort in absoluter Abgeschiedenheit kommt es mitunter vor, dass der eine oder andere Yogi Kräfte entwickelt, die über das menschliche Verständnis hinausgehen, nur so erklärt sich der Regen, den wir letzte Nacht nach einer langen Trockenzeit hatten. Es war ein Regenritual. Aber das war nur eine Begleiterscheinung. Worum es ihnen wirklich geht, weist weit darüber und das menschliche Verständnis hinaus.“ Peter wollte noch etwas über das geheimnisvolle Licht erfahren und über den darauffolgenden Bewusstseinszustand, der ganz anders war als alles, was er jemals zuvor erlebt hatte. Der Brahmane sagte nur: „Frage nicht nach dem Licht, damit du seine Quelle nicht verlierst. Bleibe nirgendwo hängen und tue nichts, was dein Gewissen belasten würde. Dann wird das Licht vielleicht eines Tages zurückkommen, immer bei dir bleiben und dich in sich aufnehmen, bevor es verlöscht. Aber vor allem sollst du wissen: Es hat nichts mit dem Rauch zu tun. Du kannst wieder rauchen, und du wirst sehen, es wird nicht zurückkommen. Dieser Rauch war als Medium nur in dieser bestimmten Konstellation wirksam. Ich rate dir nicht dazu, es noch mal zu tun. Auch sehne dich nicht nach Gemeinsamkeit mit den Yogis. Denn das, was sie sind, sind sie nicht durch Gemeinsamkeit“, dann wandte sich der Brahmane wieder der Musik im Tempel zu. Als Peter aufstand, wusste er: „Ich bleibe ein Heimatloser.“


© Torsten Krippner


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