Emulsion.


Die Sehnsucht nach der passiv aufnehmenden Emulsion.

Du bist ein Körper und du bist eine Welle. Das ganze Universum ist Körper oder Welle, so wie es Heisenberg-Schrödinger gerade wollen.

Die Körper senden Teilchen ab, treffen meinen Körper und Goethes Auge. Da die Körper sich hart im Raum stoßen, verändert deine teilchenhafte Erscheinung den Weg meiner Billardkugel.

Die Wellen des Universums durchdringen dich und mich. Sie brechen sich aurisch an dir hin zu mir und zu Newtons Auge.

Die Wellen des Universums durchdringen dich und brechen sich hin zur Wand dieses Zimmers. Du bist ab jetzt für immer in jedem Atom dieses Zimmers. Noch in Millionen Jahren kann einer deiner Existenz in den Atomen dieses Zimmers begegnen. Dafür sollte das Zimmer aber möglichst aus dem Verkehr gezogen werden - Friedhofsruhe, Gruft. Schon sechs Überlagerungen auf der Wand dieses Zimmers ergeben weißes Rauschen und die Korrelation der im weißen Rauschen enthaltenen Originalbilder wird immer aufwendiger, je mehr überlagert wird.

Die Wellen des Universums durchdringen dich und brechen sich hin als Licht zur Linse meiner - analogen - fotografischen Kamera. Dein Licht ist ab jetzt für immer in den Atomen dieser Filmemulsion - die Filmemulsion ist eine liebevolle Gruft. Die Wellen des Projektors werfen deine Existenz aus der Emulsion an die Wand dieses Zimmers und brechen sich an ihr hin in meine Augen. Mit der Aufnahme zusammen ist das eine zweifach verdünnte Brechung.

Die Projektion der Emulsion auf das Photopapier und meine Betrachtung des Papierbildes ist eine dreifache Verdünnung. Eine dreifache Verdünnung entfernt dich fast schon ins Geisterreich. Eine Diaprojektion ist demgegenüber ein Meditationsbild in der Kapelle deiner Andacht. Ein Papierbild liefert mich deiner Willkür aus, du kannst es auf den Marktplatz tragen, an die Häuserwände plakatieren.

Die Wellen des Universums durchdringen dich und brechen sich hin zur Linse meiner - analogen - Videokamera. Dein Licht trifft ein System, das es in magnetische Schwingungen umwandelt - so ist die Aufzeichnung meiner Videokamera bereits eine zweifache Verdünnung. Außerdem ist die Umwandlung in magnetische Schwingungen ein aktiv Energie vernichtender Vorgang, der die Originalschwingungen deiner Existenz in einem Elektrosmog vernebelt. Die emulsive Fotografie ist hingegen ein rein passives Geschehen.

Die Digitalisierung der Magnetaufzeichnung durch den Recorder in Pixel des Bildschirms macht dein Bild endgültig zur Schimäre. Kein Atom des Bildschirmes enthält mehr die Schwingungen deiner Existenz. So bliebe mir nur noch, das Magnetband der Videokamera direkt in mich einzuspeisen.

Die Wellen deiner Stimme gehen in zweifacher Verdünnung in die - analoge - Magnetkassette. Der akustische Lautsprecher überträgt mir Atome deiner Stimmbänder. Die digitale CD dagegen verbreitet Schimärenklänge.

Die Wellen des Universums durchdringen dich und den Maler und brechen sich einander hin. Die Hand des Malers realisiert die Interferenz eurer gebrochenen Schwingungen. Du bist auf der Leinwand im Rauschen des Malers versunken. Du erscheinst erst durch die Korrelationsanalyse des Betrachters, wenn er gewillt ist, den Maler aus seinem Herzen zu entfernen. Die Filmemulsion enthält dich demgegenüber konkret atomar.

Das digitale Zeitalter stellt die Frage nach der Information. Informationen sind Schimären, Hörensagen über etwas Existierendes. Es geht darum, was die einzelnen Schimären - Pattern - in uns auslösen. Das digitale Zeitalter bildet so die im Betrachter wirksamen Schimären ab und keinesfalls die äußeren Objekte, es liefert die Pattern, die im weißen Rauschen des Betrachterhirns erkennbare Formationen auslösen.

Die digitale Welt abstrahiert mich zu einem dem Betrachter einordenbaren Bild. Dieses Bild macht mich neuguenaischen Eingeborenen paranoid, es unterwirft mich dem Bilderzauber des eine mir fremde Welt assoziierenden Betrachters. Ich sehne mich nach der schweißigen Emulsion.

Es kann ja auch sein, daß der Wunsch nach Digitalisierung daher kommt, daß die Menschen sich nicht mehr in die Grüfte der elterlichen und polizeilich archivierenden Emulsionen - wie Fingerabdrücke - bannen lassen wollen. Es kann ja sein, daß die Menschen sich bewußt als Schimären ins Netz stellen, um ihre lebenatmenden Höhlen dem Zugriff der surfenden Voyeure zu entziehen.


© Karl Hausruck


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