Was bleibt.

Schon früh begruben die Menschen ihre Toten, gar mit deren persönlichen Dingen, damit die Toten nicht herumgeisterten. Oder sie vernichteten die Toten auf mannigfache Weise, verbrannten sie, um vor ihnen verschont zu sein.

Aber die meiste Zeit in der Vergangenheit blieben die Menschen respektvoll mit ihren Toten in Kontakt, gingen zu den Totenstätten, die Ahnen um Rat und Hilfe bittend. Auf diese Art schufen die Ahnen Geschlechter, Völker und Kulturen.

Einer wollte eine bürgerliche Familie gründen. Die wäre dann geblieben nach den Ausbildungen und Existenzgründungen der Kinder in deren Kindern. Doch seine Anstrengungen wurden zu Nichte gemacht. Es sollen nun die Enkel realisieren, was ihm nicht gelang. Andernfalls führt der Weg des Fleisches und der Dinge auf den Müll.

Was bleibt ist das Erinnern. Der Tote lebt so lange, so lange die Menschen sich erinnern.

Will einer, daß man sich erinnert, wenn er geht? Wie soll es den Zurückbleibenden gehen ohne ihn? Geht er im Zorn oder im Einvernehmen?

Was blieb von Vater und Mutter? Nur was einer erinnert bleibt von Vater und Mutter, und auch nur, wenn ihm danach ist. Nach ihrem Tod sind Vater und Mutter völlig von einem abhängig. Den meisten ist nicht nach dem Erinnern an die Toten.

Was bleibt ist das Erinnern in der Familie und unter Freunden. Aber oft ist einer der letzte Überlebende und allein auf der Welt. Wohnungsauflöser und Entrümpler sind die Protagonisten der Zeit.

Früher war es auch nicht anders. Die wenigsten hatten Familie im bürgerlichen Sinn. Der Tod des Dienstboten im Armenhaus als Schicksal. Nach dem regelmäßigen Dahinschlachten ganzer Bevölkerungen kam das einsame Sterben der Hinterbliebenen. Oder einer starb als Habenichts im Schutz der gegen marodierende Horden befestigten, immer beengten, Stadt. Nur für den Reichen gab es Platz und Erinnerung.

Im Familienkreis alt werden, das ist vorbei. In der übervölkerten Welt wird einer abgeschoben und verlassen. Im Kreis von Schulfreunden, Arbeitskollegen und Nachbarn sterben, das ist eine Idylle.

Etwas für Gott und die Menschheit schaffen macht unabhängig von den zerstörerischen Zeitläuften.

Was bleibt ist die Kunst, vor zehntausenden Jahren in die Menschheit gekommen. Seit der Steinzeit ein Brennspiegel der Identität. Kultur als einziges überanimalisches Agens.

Nicht nur ist jeder ein Künstler, es will auch heraus aus ihm. Joseph Beuys. Wohin? zu wem? zumindest vor das geistige Auge, auch in menschenloser Einsamkeit. Das bleibt dann in der fünften Dimension auf immer aufgehoben.

Das während der Lebenszeit erschienene Existentielle nicht öffentlich gemacht zu haben, das ist das Versäumnis.

Was bleibt von einem beliebigen Menschen? Es gibt die Dokumente der staatlichen Verwaltung, Lebensdaten. Es gibt Erinnerungen, Photographien, Gegenstände bei Familie und Freunden.

Gesellschaftliche Beiträge erscheinen in Listen von Wissenschaft und Kunst. Seit drei Jahrzehnten gibt es textliche und bildliche Repräsentationen im Internet. Die hauptsächlichen Spuren eines Menschen stammen aus seiner Arbeitswelt.

Am persönlichsten sind die Photographien, die ein Mensch gemacht hat. Photographie ist allgemein das kreativste individuelle Medium. Traurig, wenn die fotografische Hinterlassenschaft eines Menschen spurlos entsorgt wird. Inwieweit diese Photographien persönliches Erleben eines Menschen ausdrücken, Kunst sind, oder ob sie nur den Zeitgeist paraphrasieren, ist dahingestellt.

Sinn des Lebens ist, seine Erfahrungen an die nächste Generation weiter zu geben, sagt das Volk.

Einen Menschen lieben, ein Kind heranbilden, schreiben, malen, musizieren, fotografieren, sammeln, ein Haus bauen, seine Träume dokumentieren, das Land bestellen, einen Garten pflegen, Kochen, das sind individuelle Schöpfungen.

Die wichtigste Manifestation eines Menschen ist sein Körper, vor allem sein Gesicht. Der Körper ist metaphysisch. Er greift von oben in die irdische Raumzeit herab. Das Gesicht zeigt den Abglanz davon. Kultur ist der Beleg dafür. Geld und Gold trennen uns von den oberen Sphären. Sie dienen der irdischen Herrschaft über die Menschen.

Von jedem geborenen Menschen muß ein Portrait existieren. Der Staat darf nicht nur eine Gedenkwand seiner gefallenen Soldaten errichten, sondern er muß die Portraits aller Menschen bewahren. Die Grundlage dazu sind die Personalausweise und Reisepässe.

Das aktuelle soziale Netzwerk heißt facebook, Gesichtsbuch. Einer präsentiert sich dort nach seinem Belieben. Jeder lebende Mensch, danach jeder Verstorbene, muß in facebook repräsentiert sein. Andernorts werden die Toten gestrichen, da sie keine Kunden mehr sind. Facebook muß vergesellschaftet werden, auf internationaler Ebene.

Jeden Menschen der vergangenen hundert Jahre zur Erscheinung zu bringen ist ein notwendiges Kulturprojekt.

Mit Abbildung, Tonaufzeichnung und einem von ihm geschaffenen Werk jeden einzelnen Menschen der Nachwelt überantworten.

Zwar bewahrt das Internet die virtuellen Schritte eines Menschen und enthüllt noch den Enkeln die Mouseclicks der Großeltern. Wirklich klar aber erscheint ein Mensch in den von ihm bewahrten Objekten, in der Bücher- und Musiksammlung, in der Sammlung der Fotografien, in der Sammlung der Objekte von Natur und Zivilisation, die er wert befand.

Ein Neunundachtzig-jähriger hat eine Wohnung voll Bücher, dreireihig in die Regale gestellt. Jedes seiner Bücher liebt er. Oft findet er eines erst nach Tagen, aber er findet es bestimmt innerhalb seiner eigenen vier Wände. Welch ein Schatz für die Menschheit ist die Büchersammlung dieses alten Menschen. Eine konkrete Realisation der literarischen Kultur. Bald wird sie in den Müll geworfen.

Was bleibt mit den Fragen, woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich? Üblich ist der Verweis auf die familiäre Generationenfolge. Die Familiennamen orientierte Generationenforschung ist als Erklärung des Seins eines Menschen völlig unsinnig.

Jeder hat acht Urgroßeltern. Sie können kaum soweit erfaßt werden, daraus das eigene Sein zu erklären. Es ist wie eine Mischung aus acht unterschiedlichen Fruchtsäften. Der Apfelsaft, der für den Urgroßvater steht, erklärt die Mischung nur zum geringen Teil. Wenn auch ein Geschmack dominiert, so ist das nur eines von vielen Merkmalen der Mischung, aus der einer besteht.

Es ist unsinnig, sich aus einem Jahrhunderte zurückreichenden Stammbaum zu erklären. Die Eigenschaften eines darin identifizierten Urahns sind für das aktuelle Sein des Menschen irrelevant, ein Achtel, ein Sechzehntel, ein Zweiunddreißigstel.

Ziel führender ist, die Eltern zu charakterisieren und deren Einfluß auf sein Sein zu betrachten. Die Eltern vereinigen in sich je die Summe ihrer Ahnen. Einer ist Milchkaffee, wenn die Eltern Kaffee und Milch sind. Wenn die Großeltern Kaffee und Schokolade sowie Milch und Honig sind, dann ist einer ein komplexeres Mischgetränk.

Es geht um die Mischung eines Menschen aus seinen Eltern. Für einen Ahnen interessiert er sich nur, weil er vielleicht ein Großeltern oder gar Urgroßeltern persönlich gekannt hat und so Träger der Erinnerung an sie ist. Der gesamte Ahnenstrom ist ja jeden Falls in ihm.

Einer ist mit allen seinen Ahnen vollkommen verwandt, also meist mit vielen ihm unbekannten Menschen und nicht nur mit dem Namen gebenden Urahn. Das Sein der Eltern zu verstehen, ist die einzige Erfolg versprechende Ergründung.

In der Frage hinsichtlich dessen, was bleibt, gelten die Nachkommen als besonders wichtig. Wenn einer mit allen seinen Ahnen vollkommen verwandt ist, ist er es mit seinem Kind nur zur Hälfte. In seinem Kind ist einer mit völlig fremden Ahnenströmen vermischt. Mit seinem Enkel ist einer nur zum Viertel verwandt in einem noch viel größeren Meer fremden Blutes.

So ist einer selbst das Kind schon ganz und gar nicht mehr. Jedes Kind ist ein völlig neues Wesen.

Es ist vielmehr das Kind, das an den Eltern Interesse hat. Das Kind will, daß einer mit dem anderen in ihm harmoniert, auf daß das Kind nicht zerrissen werde. Das Kind stiftet die Familie zur Sicherung seines eigenen Seins. Kein Eltern findet darin das eigene Weiterleben.

Wer die Familie zerstört, zerstört das Kind. Kinder brauchen Familie. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl ergehe. Und die Kinder danken es vielfach, sie bewahren die Erinnerung.

Das Alter ist geprägt durch Lebenserfahrung, Gebrechlichkeit und Angst vor dem Tod. Dem ist Respekt, Rücksichtnahme, Verzeihen und Zuwendung entgegenzubringen. Die Mutter mißachten ist Sünde, den Vater achten bringt Ehre. Jesus Sirach.

Jeder ist eine einzigartige Schöpfung. Die Vereinigung von Individuen ist heilig.

Was bleibt, kommt einzig und allein aus einem selbst. Entlasse das Kind in die Freiheit und sichere soweit wie möglich sein Familienerfordernis. Die Nachkommen tragen bestenfalls zur Erinnerung bei. Sie können für keines deiner Erfordernisse als Stellvertreter dienen, können dich nicht vollenden. Nur das von dir selbst geschaffene bleibt.

Es geht dabei nicht um die großartige Frage, was einer dem Sinn des Lebens hinzuzufügen hat. Es geht um die Markierung seines Weges, um die Manifestation seiner Erfahrung, um den alten Grund für Religion. Jeder ist Prophet.

Gedanken

Fotografie - schon daß jemand etwas sieht und es fotografisch festhält, ist numinos, ist eine künstlerische Aktion wie die Höhlenmalerei vor dreißig tausend Jahren. Das Internet ist die Bilderwand der neuzeitlichen Kulthöhle.

Musik machen, in einer Band, einem Orchester, gar im Chorgesang, ist Ausdruck der Gottesanwesenheit.

Theaterspielen, Oper, kultisches Zelebrieren einer grundsätzlich immer mythischen Erzählung im Hier und Jetzt, markiert eine Zeitspanne im Unendlichen.

Malen und Gestalten, jeder Strich setzt magische Erfahrung in die Welt.

Wer will werten zwischen dem anerkannten Künstler und einem beliebigen Menschen? Die so genannten Museen am allerwenigsten.

Erinnerung kann auch durch staatliche Institutionen bewahrt werden.


© Karl Hausruck


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