Inspiration durch "Die Verschmutzung des Ich" von Jacques Lusseyran

Das Rauschen des Windes in den Bäumen verschafft mir immer ein Gefühl der Heimeligkeit, es versetzt mich direkt zurück nach Schleswig-Holstein, damals in den 1980ern. Untrennbar damit verbunden ist der Geruch nach schwarzem Ostfriesentee, dem unvermeidlichen Klickgeräusch des heißen Tees, wenn es in der Porzellantasse auf die Kluntjes gegossen wird und der wunderbare Geruch von selbstgebackenem Kuchen. Meistens Puffer oder Napfkuchen, immer aber fluffig und äußerst lecker. Ich werde auch nie die sich drehenden Wölkchen aus frisch geschöpftem Rahm - direkt vom Stall - auf der Oberfläche des Tees vergessen, waren sie doch schon so oft Inspiration und haben meine Phantasie angeregt.

Überhaupt Stall - ich habe auch sofort wieder den säuerlichen Geruch von frischem Kuhmist, den süßlichen Geruch der Silage, die die Kühe friedlich geräuschvoll und schnaubend zermalmen und den müsli-artigen Geruch des Trockenfutters, das übrigens ganz passable schmeckt, zumindest wenn man ein Kind ist, in der Nase.

Diese ganze Welt - und noch mehr - baut sich in meinem Innersten auf, wenn ich mich dem Geräusch des Windes in den Bäumen hingebe. Und schon ohne dass ich an die Knicks, Gräben, Maisfelder, Steinesammel-Aktionen und Ernten denke, merke ich, wie eine leichte Wehmut in mir aufsteigt. Ich komme mir vor wie ein Außerirdischer aus einer anderen Raumzeit. Denn was mir so heilig ist im Innersten ist größtenteils eine verlorene Welt.

Und auch, wenn es damals aus vielerlei Gründen nicht leicht war, so war mir die Natur, waren mir die Tiere doch immer noch Zuflucht. Eine Zuflucht, die heutzutage kaum mehr existiert. Die Insekten sterben in großem Stil, die Landwirtschaft ist industrialisiert, technisiert worden und die Natur hat kaum noch Raum, sich selbst frei zu entfalten. Die letzten Rückzugsgebiete für die Wildnis sind die nicht von Munition geräumten Areale, die militärische Sperrzone sind.

Aber für mich gibt es diesen Fluchtort nicht mehr. Ich spüre, wie eine nun größere Traurigkeit in mir aufsteigt. Für mich nicht und wohl auch für viele nachfolgende Generationen nicht mehr. Sie werden nie erfahren, was ihnen entgangen ist. Und in mir keimt die Frage: Ist das überhaupt lebbar ohne Schaden zu nehmen an der Seele, eine menschenwürdige Existenz?

Gleichzeitig bin ich froh darüber, dass ich diese Erinnerung habe. Ich trage diese verlorene Welt in mir. Sie ist doch noch nicht gänzlich verloren, denn solange ich sie in meinem Herzen habe, existiert sie weiter. Eine Welt des unmittelbaren seins, einfach nur existieren und ein Teil des Ganzen sein. Die Rauheit des Windes auf den Wangen zu spüren, ebenso wie die rauhe Oberfläche der größeren Findlinge beim Steinesammeln. Zu spüren, wie langsam die Nässe durch die Stiefel sickert beim Waten durch den Matsch, beim Stehen im Bach beim Dämmebauen, beim Abspritzen mit dem Schlauch. Die weichen Felle der Tiere zu spüren, sogar die haarigen warmen Borsten der Muttersau weicher zu erleben als erwartet, das pieksende Gerstenstroh, das weiche Heu,... diese Eindrücke sind alle in mir und Teil von mir.

Es ist zugleich wunder Punkt und Ressource, wie offenbar die meisten Schwächen auch immer der Quell innerer Stärke zu sein scheinen. Die Kunst besteht darin, sich auf das Innere Ich und diesen Kraftort einzulassen, sich der vordergründigen Traurigkeit zu stellen und sie nicht zu meiden, um sich, mit seinem Innersten verbunden, Kraft für die wüste Jetztzeit daraus ziehen zu können.

Die Geräusche zu hören, die Gerüche und Geschmäcker der verlorenen Welt wahrzunehmen und zu wissen, dass es ein großes Stück Echtheit und Unverfälschtheit in mir darstellt, die mich jederzeit aus der sinnentleerten künstlichen Reizüberflutung herauskatapultieren - und mich somit retten kann.

Und es ist gleich, ob es das Rauschen des Windes in den Bäumen ist, oder das Rauschen der Wellen und das Brausen des Windes am Meer, das mich direkt und unmittelbar spüren lässt, wie die Wellen meine Füsse umspülen, wie der Wind von unten unter meine Kleidung greift und mich erschauern lässt. Ich rieche sofort die salzige Luft, höre sofort das Kreischen von Möwen oder Mauerseglern. Nehme direkt die Unendlichkeit der Dimensionen um mich herum wahr - Weite und Zeit breiten sich in mir aus und ich werde innerlich ruhig, wohl wissend, daß ich nur ein winziger Bruchteil vom Ganzen bin.

Das nimmt einen enormen Druck von mir. Ich brauche nicht die Welt verändern oder sie gar zu retten versuchen. Ich bin nur ein kleiner Teil des Ganzen, es reicht, einfach zu sein. Und zwar, authentisch Ich zu sein! Damit verändere ich die Welt in genau dem Maße, in dem es richtig ist/ sein soll, ohne einem Ideal entsprechen zu wollen, oder gar zu müssen, einem abstrakten Ziel nachzujagen, ohne dass die Beeinflussung durch das Außen mich unter Zugzwang setzen kann.

Eine unbändige Freude steigt inmitten meiner Tränen auf, weil mir gerade der Geruch sonnengetrockneter Wacholderbüsche eines Mittelgebirges im Sommer in die Nase gestiegen ist. Ich rieche nicht nur die Ausdünstungen der Vegetation entlang des Pfades auf dem ich gedanklich stehe, ich spüre auch sofort die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Diese Erfahrung liebender Sommerwärme darf ich, kann ich und soll ich vergnügt nutzen, um der verhärteten Kälte der programmierten und getriebenen Leute etwas entgegenzusetzen, um mich vor ihren Ansprüchen zu schützen, um das Kunststück zu schaffen, bei mir zu bleiben in dieser Welt voller Sinnesverschmutzung


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