Kleiner Erziehungsratgeber

Aus unseren Kindern sollen einmal ordentliche Menschen werden. Aufrecht, selbstbewusst, sozial, selbständig - und glücklich. Das jedenfalls wünscht man sich als Eltern. Kaum jemandem ist die Größe der Verantwortung bewusst, die man sich selbst auferlegt. Natürlich wollen wir nur das beste für unsere Sprösslinge. Aber was ist das beste?

Also erst mal mit schön viel klassischer Musik den runden Babybauch beschallen. Dann wird später ein ausgeglichener Mensch aus dem kleinen Fischlein im Fruchtwasser.

Verdammt! Ich war auf einem Meat Loaf Konzert. 1. Reihe. Ordentlich Vibration im Bauch. Ich hatte den Eindruck, es gefällt dem Bub - aber was habe ich angerichtet? Wird er nun ein wechselhafter Hektiker?
Vielleicht bleibt der Schaden begrenzt, weil ich später so viel mit ihm geredet habe. Und natürlich klassische Musik gehört. Auf jeden Fall tat das meiner Seele gut. So wie Heavy Metal ab und zu...

Dann kam das Kind zur Welt. Es schlief oft bei mir im Bett. Das hat viel Nähe erzeugt. Wir waren glücklich damit, bis ich in einem Elternratgeber las, dies sei total falsch. Es erzeuge schon früh eine emotionale Abhängigkeit, die später eine gute Entwicklung zur Selbständigkeit verhindere. Oh je! Da dachte ich, das Baby entwickele ein gesundes Urvertrauen und empfinde Geborgenheit. Wieder falsch gemacht!

Wir haben viel gespielt, gelacht, Bilderbücher angesehen, im Wald getobt und Spaß gehabt.

Hm, ja, nicht verkehrt, wenn auch die Ernsthaftigkeit nicht vernachlässigt wird.
Kann es schon Formen erkennen? Und zuordnen? Kann es schon mit einer Schere umgehen? Erste Sätze formulieren?
Nein?
Oh, dann stimmt was nicht. Also, DAS sollte es mit 2 1/2 Jahren auf jeden Fall schon können....
Ich bin wohl keine so gute Mutter. Er hatte noch nicht mal eine Schere in seinen kleinen Fingerchen...
Und dann ist es ja auch ständig fröhlich und so lebhaft! Hat es vielleicht ADHS? Kann es sich denn gar nicht mal eine Weile konzentrieren?
Äh - sollte es das müssen? Müsste es das sollen? Ich habe seine lebhafte Neugier immer als wunderbar empfunden und stets gefördert...

Naja, der Kindergarten soll die Versäumnisse richten.
Mensch Mutter!
Das Kind ist schon 2 1/2 Jahre alt und kennt gar keine Regeln? Ja, habt ihr denn zuhause nicht geübt???
Seufz. Nein. Für mich war es erst 2 1/2 Jahre alt. Was für Regeln müssen da eingehalten werden?
Stillsitzen?
Essen mit Gabel?
Aufräumen?
Das soll er doch erst lernen...
Dachte ich.

Dann: frühkindliche Spracherziehung für 3-jährige. Die Erzieher waren von der neuen Methode begeistert. Aus den USA. Dann muss es toll sein. Ich fand, mein Sohn könne schon prima sprechen. Er plapperte ganze Hörspielkassetten mit. Und was hatte er für geniale Wortschöpfungen!
Aber natürlich, die richtige Aussprache ist wichtig, verstehe ich.
Naja, wenigstens hatte er viel Spaß an den Sprachübungen. Er konnte sich kringelig lachen, wenn er die Erzieher mit immer neu falsch ausgesprochenen Wörtern zur Verzweiflung brachte.
Man schüttelte besorgt den Kopf. Was soll aus dem Jungen werden?

Vielleicht ist es besser, er nimmt am Englischunterricht teil?
Da er deutsch super beherrschte, hatte ich nichts dagegen. Gern wollte ich ihm Tür und Tor zu einer späteren Karriere öffnen...
Sollte er doch spielerisch eine 2. Sprache lernen.
So richtig begeistert hat's ihn nicht, nur wenn wir zuhause auf englisch auch neue Wörter erfanden, hatte er Spaß.

Dieses Kind hatte überhaupt zu viel Spaß. Wo soll das mal hinführen?

Als er 5 Jahre alt war, riet man uns, ihn ein Instrument lernen zu lassen. Das war groß im Trend und pädagogisch total wertvoll für Konzentration und Fingerfertigkeit.
Ich beobachtete meinen Sohn, wie er 4 Stunden lang nach Anleitung ein supercooles Legoraumschiff baute und wie er mit dem Schraubenzieher überall in der Wohnung Schrauben herausdrehte (er durfte keine Löcher mehr in das Sofa stechen) und so entschied ich, er brauche kein Instrument.

Oh, Mutter, was verwehrtst du ihm!?

Im letzten Kindergartenjahr war er dann recht einsam. Die meisten seiner Freunde wurden per Antrag schon mit 5 Jahren vorzeitig eingeschult, als Beweis ihrer überragenden Intelligenz. Sie haben sich im Kindergarten schon soo unterfordert gefühlt!
Ich fand, die Zeit des Kind-sein-dürfens sei kurz genug und so schulten wir unseren Sohn erst mit vorgeschriebenen 6 Jahren ein. Da so viele Kinder jünger als er waren, hat er davon profitiert. Er zeigte eine gute Intelligenz und eine rasche Auffassungsgabe. Ein Großteil der Klasse war noch nicht soweit. Gut für sein Selbstbewusstsein und seine Noten. In der 3. Klasse wiederholten etliche seiner alten Freunde und waren wieder in seiner Klasse. Warum wir unseren Sohn so spät eingeschult hätten, fragte eine Lehrerin. Wieso spät? Ganz normal halt.

Ab der 4. Klasse hatte er Englischunterricht. Von seinen mühsam erlernten Vorkenntnissen war rein gar nichts mehr vorhanden. Er hasste dieses Fach. Allerdings stellte er sich in allen handwerklichen Belangen sehr geschickt an. Seit der 5. Klasse ist er in einer Gitarren-AG. Hat er selbst gewählt. Klassische Musik findet er grässlich. Er hört und spielt Punk-Rock.
Da bin bestimmt ich schuld. Und Meat Loaf...

Wenigstens hat die viele, ungebührliche Kuschelzeit als Baby wohl nicht so sehr geschadet.
Er ist sehr selbständig. Und selbstbewusst. Oha!
In der letzten Klasse war er Klassensprecher, im Zeugnis bescheinigte man ihm ein außergewöhnliches soziales Engagement.
Gott sei Dank, wo ich doch soo viele Erziehungsfehler gemacht habe...

Zum Glück sind Kinder schon fertige Menschen. Man muss sie nicht erst dazu machen. Das geschieht von ganz allein.
Wenn man sie lässt...


© Verdichter


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Beschreibung des Autors zu "Kleiner Erziehungsratgeber"

Das eigene Gefühl ist immer noch der beste Ratgeber!

Khalil Gibran: "Du kannst deinen Kindern deine Liebe geben, nicht aber deine Gedanken. Sie haben ihre eigenen."

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Kommentare zu "Kleiner Erziehungsratgeber"

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Ines tells. Yeah!   Datum: 14.11.2017 19:29 Uhr

Kommentar: Herrlich :-D

Props gehen raus an: Verdichter!

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Ines tells. Yeah!   Datum: 14.11.2017 19:29 Uhr

Kommentar: Herrlich :-D

Props gehen raus an: Verdichter!

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: MoonShiner@   Datum: 14.11.2017 22:38 Uhr

Kommentar: Ich finde es mutig, diese Kritik offen zu zeigen. Ich finde unsere Kinder haben viel zu wenig Möglichkeiten, ein Stück Kind zu sein. In jungen Jahren wird soviel von ihnen verlangt. Kein Wunder das sie überfordert sind.

Gruß Moonshiner@

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Ikka   Datum: 15.11.2017 11:08 Uhr

Kommentar: Liebe Verdichter, dieses "Gefällt mir!" habe ich dir diesmal nicht wegen poetischer Zeilen gegeben, sondern weil ich mich in deine Sorgen, Bemühungen, kurzum in die Erziehung deines Sohnes sehr gut einfühlen kann. Ja, mit diesen "Problemen" schlägt man sich als Eltern rum.
Meine Perspektive ist heute eine andere, nämlich die aus der Sicht der Oma. Und ich bin dir nun dankbar für deinen "Kleinen Erziehungsratgeber", denn ich ertappe mich dabei, so manches bei den jungen Eltern zu wünschen, was letztlich Druck macht: Reinlichkeitserziehung, musikalische Förderung, nicht zuletzt religiöse Bildung. Letztere hast du nicht angesprochen - ich gestehe es hier an dieser Stelle, dass ich diese gerne für meine Enkelin hätte. Ich könnte zu diesem Thema noch sooo viel sagen .... :-))
Lieben Gruß,
Ikka
P.S.: Danke für Khalil Gibran - super Zitat!

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Karwatzki,Wolfgang   Datum: 15.11.2017 13:43 Uhr

Kommentar: Khalil Gibran verdient mehr als ein kurzes Zitat:

Kahlil Gibran ( 1883 – 1931)
Deine Kinder sind nicht deine Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,
und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht.
Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen.
Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht, sie dir gleich zu machen.
Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern.
Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Lass deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten.

Abgedruckt in:A.S Neil, Deutsche Ausgabe „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung - das Beispiel Summerhill“, rororo 1969

LG
Wolfgang

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Verdichter   Datum: 15.11.2017 15:14 Uhr

Kommentar: Lieber Wolfgang, vielen Dank für den "ganzen" Gibran! Ich kannte nur das Zitat, aber du hast recht: der ganze Text hat es verdient gelesen zu werden.

Und an Ikka: Ich habe in sofern ein bißchen gemogelt, als dass ich ja 2 Söhne habe, deren Entwicklung hier zu einem zusammengefasst wurden. Mein Ältester war auch in der Musikschule, macht aber heute nichts mehr. Der jüngste war es nicht und spielt heute sehr erfolgreich Gitarre. "Musikgefühl" kann man nicht beibringen, höchstens wecken - wo es denn schlummert. Sonst erwacht es irgendwann von allein und will hinaus. Und Glauben kann man, glaube ich, nur vorleben, alles andere führt zu nichts. Ich bin kein Experte, weiß der Himmel nicht, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass alles das fruchtet, was mit Vergnügen getan wurde.
Hab Vertrauen in deine Kinder!

Lieber Gruß, Verdichter

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Ikka   Datum: 15.11.2017 17:07 Uhr

Kommentar: Liebe Verdichter, vielen Dank für deine reichhaltigen Ausführungen! Du hast Recht: Die Vorbildfunktion der Eltern spielt bei der Erziehung eine große Rolle, noch besser, so auch dein Wort, das "Vorleben".
Danke auch für deine Ermutigung, was das Vertrauen in die eigenen Kinder anbelangt!
Schönen Nachmittagsgruß,
Ikka

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: Ezra Ypsilon   Datum: 15.11.2017 22:33 Uhr

Kommentar: DAS war aber gesellig geschrieben! Da würde ich glatt eine Fortsetzung lesen wollen!

Ezra Y.

Re: Kleiner Erziehungsratgeber

Autor: possum   Datum: 16.11.2017 0:15 Uhr

Kommentar: Da hast du mir voll und ganz aus dem Gefühl gesprochen und ich nehme an all den Eltern die noch bereit sind Kinder den Freiraum zu geben ... zuviele üben einen Machtdruck aus, der oftmals ausartet und huschen von einem Kurs zum Andern, unser kleiner Enkel spielt am Liebsten mit Werkzeug in der Garage und dort gibts immer gar gefährliche Dinge zu entdecken, er hält nichts von seiner kleinen Kinderbohrmaschine, da muß schon die Richtige herhalten ... schmunzel! Tolles Werk liebe Verdichter!

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