Von der U-Bahn aus hat man zwischen den Stationen Pragsattel und Stadtbibliothek die Straße gut im Auge. Heute regnet es stark. Ein Auto fährt mit schnellen Scheibenwischern. Hinter den Scheiben sitzen zwei Menschen. Ein Mann und eine Frau. Die Frau sitzt am Steuer. Immer wieder verschwindet ihr Gesicht für einen Moment hinter den Wischern. Beim ersten Blick sah ich noch ein strahlendes Lächeln weißer Zähne. Vielleicht sahen die Zähne auch nur hinter dem Regen so weiß aus. Aber auch wenn es so wäre: Eine sich nur manchmal offenbarende oder im Kontrast erscheinende Schönheit ist interessanter, als die stets vorhandene. Sie kommt ohne Schminke aus, weil sie besonders ist. Das Besondere liegt nicht allein im Auge, sondern vielmehr im Herzen des Betrachters.
Die Scheibenwischer klären das Glas vor den Augen der Frau. Sie sieht die anderen Autos und bemerkt im Augenwinkel die aufsteigenden Schienen der U-Bahn.
Doch von einem Scheibenwischerschlag zum Nächsten ist das Lächeln weg. So als ob ein Schauspieler plötzlich eine neue Rolle interpretieren würde. Die Mundwinkel ziehen sich nach unten. Die eben noch gehügelten Wangen sind Flachland. Durchs Flachland ziehen sich zarte Flüsse. Falten auf der Stirn und Tränen? Aber kann man von einer fahrenden U-Bahn aus Tränen in einem fahrenden Auto erkennen? Man kann!
Und es waren nicht die vom Scheibenwischer stetig zur Seite gepflügten Regentropfen. Der Mann neben der Frau blieb ein Geist. Sein Gesicht konnte man gar nicht erkennen. Der Blendschutz ragte über Kopf und Schultern obgleich doch gar keine Sonne schien. Wahrscheinlich betrachtete er sich im Spiegel des Blenders.
Aber seine Arme bewegten sich. Jene Arme, die bisher regungslos geblieben waren, begannen wild zu fuchteln. Das Fuchteln konnte man ohne Worte und Stimmen lesen. Zwischen den Schlägen der Scheibenwischer fielen böse Worte und heiße Tränen. Der Kopf des Mannes erschien. Er beugte sich zu ihr rüber. Bedrohlich hob er den Zeigefinger und ballte sogleich die Faust. Sein Gesicht war ein von Sorgen ausgebeuteter Steinbruch. Das Allgemeine offenbart sich unverschleiert vor den Augen, während die Abgründe desselben im Dunkeln liegen. Welche Erfahrungen fahren in diesem Auto still im Rücken der Gegenwart? Sein Gesicht verzog sich wie eine hässliche Faschingsmaske. Die Frau hatte die Geschwindigkeit der Scheibenwischer gedrosselt. Aber das Auto fuhr schneller. Jetzt verschwammen die beiden Gesichter der an die Vergangenheit geketteten Gegenwart hinter den nassen Scheiben. Die beiden sahen wie sich auseinanderziehende Gespenster aus. Vielleicht ist die Wahrheit der Menschen hinter Regenschauer und Glas besser aufgehoben, als unter freiem Himmel. Nach dem nächsten Scheibenwischerschlag legte sich Gelassenheit auf das Gesicht der Frau, während die Hände des Mannes wieder ruhten.

Die U-Bahn verschwand im Tunnel. Ich sah die beiden nie wieder.


© Copyright J. Renner 2020


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