Vorwort
Märchen sind eine wunderbare Sache – wenn man auf Kitsch, Klischees und realitätsferne Romanzen steht. Eine wunderschöne, unschuldige Heldin, die in ihrem Leben nichts anderes tut, als zu putzen und brav auf ihre Rettung zu warten. Ein strahlender Prinz, der in maßgeschneiderter Kleidung auf seinem weißen Pferd angeritten kommt, um sie aus ihrem Elend zu befreien. Ein dramatischer Ball, eine magische Verwandlung, ein verlorener Schuh – und natürlich das unvermeidliche Happy End. Wie romantisch. Oder auch: Wie unglaublich langweilig. Denn mal ehrlich – in welchem Universum ist es eine sinnvolle Lebensstrategie, einfach nur hübsch zu sein, sich von der Familie herumkommandieren zu lassen und darauf zu hoffen, dass irgendwann ein reicher Typ auftaucht, der alle Probleme löst? Und warum, um alles in der Welt, muss es immer ein gläserner Schuh sein? Wer kann denn bitte in so einem Teil laufen? Die Wahrheit ist: Das Leben ist kein Märchen. Die meisten von uns haben keine sprechenden Mäuse als Freunde, keine gute Fee, die auf Knopfdruck Designer-Kleider herbeizaubert, und ganz sicher keinen Prinzen, der mit einem verdächtig gut sitzenden Haarschnitt den perfekten Retter spielt. Nein, das Leben besteht aus Arbeit, Stress, peinlichen Momenten und der ständigen Frage, ob man sich lieber für seine Träume oder für das entscheidet, was von einem erwartet wird. Und genau darum geht es in dieser Geschichte. Cinderella in Chucks ist kein typisches Märchen. Hier gibt es keine magische Rettung, keine schmachtenden Blicke über den Ballsaal hinweg und kein „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Stattdessen gibt es eine Heldin, die sich nicht auf ihr Schicksal verlässt, sondern es selbst in die Hand nimmt. Eine junge Frau, die Chucks trägt, weil sie sich in ihnen wohlfühlt, die sich nicht von einer oberflächlichen Gesellschaft vorschreiben lässt, wie sie auszusehen oder sich zu verhalten hat, und die sich von einer glitzernden Märchenwelt nicht blenden lässt. Natürlich gibt es auch einen Prinzen – aber ob der wirklich die Lösung aller Probleme ist? Nun, das müsst ihr selbst herausfinden. Was ihr in dieser Geschichte erwarten könnt:
• Eine sarkastische Heldin, die sich von niemandem vorschreiben lässt, wie ihr Leben zu laufen hat.
• Eine Stiefmutter, die in jeder modernen Karrierefrau steckt, die nach Perfektion strebt – nur mit weniger Sympathie.
• Zwei Stiefschwestern, die denken, das Leben sei eine einzige Instagram-Story.
• Einen Prinzen, der vielleicht mehr ist als nur ein hübsches Gesicht.
• Und jede Menge Chaos, Lacher und unerwartete Wendungen.
Denn wer sagt eigentlich, dass Märchen immer gleich enden müssen?
Macht euch bereit für eine moderne Cinderella-Geschichte – ohne Magie, aber mit einer ordentlichen Portion Humor, Realität und einer Heldin, die sich nicht retten lässt, sondern ihren eigenen Weg geht. Und ja – sie trägt Chucks.
Viel Spaß beim Lesen!
Prolog
Mitternacht. Ich renne. Die Chucks an meinen Füßen klatschen bei jedem Schritt auf das teure Pflaster. Ein schwarzer Ledersneaker löst sich von meinem Fuß und fliegt in eine völlig falsche Richtung. Perfekt. Wirklich. Könnte dieses Desaster noch klischeehafter werden? Hinter mir höre ich Stimmen. Rufe. Schritte. Und irgendwo ein verdammtes Smartphone, das definitiv gerade ein Video von meiner absolut spektakulären Flucht aufnimmt. Ich wette, morgen früh bin ich ein viraler Trend.
#HashtagMysteryGirl.
Ich könnte lachen, wenn ich nicht gerade außer Atem wäre und in einem völlig übertriebenen Ballkleid stecken würde, das sich anfühlt, als hätte jemand versucht, mich in eine übergroße Geschenkverpackung zu quetschen. Ich hasse dieses Ding. Wirklich. Es kratzt. Es engt mich ein. Und es ist nicht mal mein Stil. Eigentlich wollte ich hier gar nicht sein. Ich wollte keinen verdammten Ball besuchen, keine glitzernde Märchenwelt betreten, keine absurden Small-Talk-Gespräche mit gelangweilten Reichen führen und vor allem wollte ich keinen arroganten CEO-Erben kennenlernen, der denkt, dass Frauen sich um ihn reißen müssten, nur weil er „der Prinz“ ist.
Tja. Und trotzdem bin ich hier. War ich hier. Denn jetzt renne ich um mein Leben – oder zumindest um meine Würde. Aber von vorne. Heute Morgen war noch alles ganz normal. Normal in dem Sinne, dass meine Stiefmutter mir eine neue Standpauke darüber gehalten hat, wie unfähig ich sei. Normal in dem Sinne, dass meine Stiefschwestern sich gegenseitig darüber informiert haben, wie viele Likes ihr neuestes Selfie bekommen hat. Normal in dem Sinne, dass ich mich fragte, ob es irgendwann einen Punkt geben würde, an dem mein Leben weniger… sagen wir mal… lächerlich wäre. Und dann kam die Einladung. „Der Prinz lädt zum Ball.“
Als wäre das ein verdammtes Casting für eine Royal-Reality-Show. Meine Stiefschwestern waren natürlich aus dem Häuschen. Meine Stiefmutter sah es als die perfekte Gelegenheit, unser „Familienimage“ aufzupolieren (Spoiler: Ich bin in dieser perfekten Instagram-Familie nur der unfotogene Makel). Und ich? Ich wollte eigentlich nur einen ruhigen Abend mit Pizza und Netflix verbringen. Aber nein.
Stattdessen wurde ich in dieses Kleid gesteckt, mit einer Tonne Make-up zugespachtelt und – Überraschung! – als „die kleine Schwester“ ausgegeben, die zufällig mitgeschleppt wurde. Als wäre ich eine lästige Fußnote im perfekten Social-Media-Leben meiner Familie. Und dann… dann lief alles aus dem Ruder. Der Ball war noch schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Überall glitzernde Menschen mit perfekten Lächeln, oberflächliche Gespräche über Aktienkurse und Privatjets, Champagner in lächerlich kleinen Gläsern – und mittendrin ich, die sich am liebsten in der Ecke versteckt hätte. Doch dann passierte das Unerwartete: Ich landete in einem Gespräch mit IHM. Dem „Prinz“. Nicht, weil ich es wollte. Sondern weil ich – natürlich – meinen Drink über ihn verschüttet habe. Peinlich? Absolut. Verdient? Vielleicht ein bisschen. Und dann geschah etwas noch Merkwürdigeres. Er lachte. Und ich lachte auch. Und plötzlich war da kein reicher Typ mehr, kein unerreichbarer CEO-Erbe – sondern nur ein Kerl, der sich genauso fehl am Platz fühlte wie ich. Dumm nur, dass ich genau in diesem Moment realisierte, dass ich hier nicht bleiben konnte. Dass ich es nicht wollte. Ich gehöre nicht in diese Welt. Ich will nicht in diese Welt. Und deshalb renne ich jetzt. Durch dunkle Straßen, mit nur einem Schuh, ein Herzschlag entfernt davon, mich komplett auf die Nase zu legen. Ich höre ihn meinen Namen rufen – oder zumindest das, was er für meinen Namen hält. Denn natürlich habe ich ihm den falschen gesagt. Er kommt näher. Und ich tue das Einzige, was mir in den Sinn kommt: Ich tauche in die nächste Gasse ein, springe über einen Zaun, lande unsanft in einem Hinterhof voller Mülltonnen und schaffe es irgendwie, in der Dunkelheit zu verschwinden. Mein Herz rast. Mein Atem geht keuchend. Ich bin weg.
Aber mein verdammter Schuh? Der bleibt zurück. Tja. Blöd gelaufen.
1. Märchen? Ja, klar!
Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Diejenigen, die an Märchen glauben – und diejenigen, die wissen, dass das Leben meistens eher wie eine schlecht geschriebene Reality-Show abläuft. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Nicht, dass ich Märchen nicht mögen würde. Ich meine, die Idee ist nett: Magische Helfer, wunderschöne Prinzessinnen, ein perfekter Prinz, der zufällig genau im richtigen Moment auftaucht, um dich aus deinem Elend zu befreien. Das ist doch großartig, oder? Oder, und das ist wahrscheinlicher: Eine völlig realitätsferne Fantasie, die Generationen von Menschen eingeredet hat, dass Frauen nur hübsch genug sein müssen, um gerettet zu werden, und Männer einfach nur gut aussehen und reich sein müssen, um automatisch die Welt zu regieren.
Nicht gerade die Botschaft, mit der ich aufgewachsen bin. Stattdessen bin ich mit einer Stiefmutter aufgewachsen, die den Begriff „harte Liebe“ ein bisschen zu wörtlich nimmt, und mit zwei Stiefschwestern, die ihre Daseinsberechtigung darin sehen, ihre gesamte Existenz in Social-Media-Posts zu verwandeln. Ach ja, und falls sich jetzt jemand fragt: Nein, ich bin nicht adoptiert. Ich bin biologisch mit dieser völlig dysfunktionalen Familie verbunden. Mein Vater – der einzige Mensch, der mich jemals wirklich verstanden hat – hatte vor ein paar Jahren die grandiose Idee, zu sterben und mich mit diesen Menschen allein zu lassen. Nicht gerade der Held, der mich aus diesem Elend befreit, oder?
Also, hier sind wir: Ich, Ella, 19 Jahre alt, unfreiwilliges Aschenputtel dieser modernen Märchenhölle. Ich verbringe meine Tage damit, in einem winzigen, überfüllten Café zu arbeiten, in dem Kunden denken, dass ein „Bitte“ und „Danke“ optional sind. Meine Nächte verbringe ich damit, Hausarbeiten zu erledigen, weil meine Stiefmutter es für unter meiner Würde hält, in einem „ordinären Studentenwohnheim“ zu leben. Also, Überraschung: Ich wohne immer noch zu Hause. Und ja, das ist genauso schrecklich, wie es klingt. Jeden Morgen wache ich auf und frage mich, ob es irgendwann einen Punkt geben wird, an dem sich alles ändert. Ob irgendwann eine magische Fee auftaucht und sagt: „Hey, Ella, sorry für die letzten Jahre, hier ist ein Job, den du liebst, eine Wohnung, die du dir leisten kannst, und ein Leben, das dich nicht jeden Tag an den Rand des Wahnsinns treibt.“
Spoiler: Sie taucht nicht auf. Stattdessen weckt mich heute Morgen die sanfte, liebevolle Stimme meiner Stiefmutter: „Ella, steh endlich auf! Du siehst jetzt schon aus wie ein Wrack, musst du das noch schlimmer machen?“ Ich grummele irgendetwas Unverständliches und vergrabe mich tiefer unter meiner Decke. Vielleicht, wenn ich mich tot stelle, lässt sie mich in Ruhe. „Ella!“ Okay, offensichtlich nicht. Ich reiße die Augen auf, nur um festzustellen, dass meine Stiefmutter in meiner Zimmertür steht – mit ihrer typischen, perfekt gestylten Frisur und ihrem strengen Blick, der mir jedes Mal das Gefühl gibt, ich sei ein fehlerhaftes Produkt, das man zurückgeben würde, wenn es eine Quittung gäbe. „Steh auf. Jetzt. Und zieh dir was Vernünftiges an. Wir haben heute einen wichtigen Termin.“ Ich blinzele sie an. „Wichtiger Termin? Heißt das, ihr habt einen weiteren Schönheitschirurgen gefunden, der bereit ist, eure Nasen für einen Rabatt zu richten?“ „Sehr witzig.“ Sie verdreht die Augen. „Nein, es geht um den Ball.“ „Welchen Ball?“ „Den Ball.“
Ich starre sie an. Dann begreife ich. „Oh nein. Nein, nein, nein. Vergiss es. Ich werde nicht zu irgendeinem peinlichen Debütantinnen-Ball gehen, nur damit ihr mich als eure hässliche Begleitung präsentieren könnt.“ „Ella, übertreib nicht.“ Sie seufzt, als wäre ich der nervigste Mensch auf dem Planeten. (Vielleicht bin ich das in ihrer Welt auch.) „Es ist DER Ball. Vom Prinzen. Und wir werden hingehen. Alle.“ „Warte. Halt. Moment.“ Ich richte mich im Bett auf. „Der Typ schmeißt ernsthaft einen königlichen Ball, um sich eine Freundin zu suchen? Ist das ein Casting oder was?“ „Ella…“ „Und er kann sich nicht einfach bei Tinder anmelden oder so?“ „Ella!“ „Oder eine Dating-Show drehen? ‚Der Bachelor‘, aber mit mehr Glamour und weniger Rosen?“ „Bist du fertig?“ Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Noch nicht, aber ich komme zum Punkt: Ich. Gehe. Nicht.“ „Doch. Tust du.“ „Nein.“ „Ella, du hast nicht wirklich eine Wahl.“ Ich schnaube. „Ach, und warum nicht?“ „Weil ich es sage.“ Oh, natürlich. Die ultimative Logik. Ich rolle mit den Augen. „Du wirst dabei sein“, fährt sie fort, als wäre unser Gespräch bereits entschieden. „Und du wirst dich benehmen. Keine dummen Kommentare, kein Sarkasmus, kein Versuch, alles mit deiner üblichen Tollpatschigkeit zu ruinieren. Wir haben ein Image zu wahren.“ „Euer Image vielleicht“, murmele ich. „Unser Image“, korrigiert sie mich scharf. „Und du wirst ein Kleid tragen. Und Make-up. Und dich wie eine Dame verhalten. Und falls du auch nur einen Moment daran denkst, irgendeine Szene zu machen oder dich daneben zu benehmen, kannst du deine Sachen packen und auf der Straße leben. Hast du mich verstanden?“ Ich beiße mir auf die Lippe. Sie meint es ernst. Ich könnte widersprechen. Könnte mich dagegen wehren. Aber wenn ich eines über meine Stiefmutter weiß, dann ist es, dass sie immer gewinnt. Also nicke ich. Langsam. „Gut“, sagt sie zufrieden. „Dann zieh dich an. Wir haben eine Menge vorzubereiten.“ Sie dreht sich um und geht, ihre hohen Absätze klacken laut auf dem Boden.
Ich lasse mich zurück auf mein Kissen fallen und starre die Decke an. Ein königlicher Ball. Ernsthaft. Ich bin mir nicht sicher, was lächerlicher ist: Dass meine Familie tatsächlich glaubt, der Prinz könnte sich für sie interessieren – oder dass irgendjemand glaubt, dass ich mich in ein glitzerndes Kleid stecken und für einen reichen, arroganten Typen den perfekten Auftritt hinlegen werde. Märchen? Ja, klar.
2. Stiefmutter des Grauens
Falls es eine olympische Disziplin für emotionale Kälte gäbe, würde meine Stiefmutter Gold holen. Jedes Mal. Mit Weltrekord. Viktoria – ja, ich nenne sie beim Vornamen, weil „Mama“ oder auch nur „Mutter“ bei ihr ungefähr so unpassend wäre wie ein Kuscheltier in einem Horrorfilm – ist die Sorte Frau, die mit einem einzigen Blick Menschen zum Zittern bringt. Sie hat perfekte blonde Haare, die immer so liegen, als hätte sie einen persönlichen Windmaschinen-Assistenten. Sie trägt keine Klamotten, sie trägt Statement-Outfits. Und sie betritt einen Raum nicht einfach – sie erscheint. Das Problem ist: Wenn man ihr Kind ist, oder in meinem Fall zumindest halb so was Ähnliches wie ihr Kind, dann bekommt man von dieser ganzen Coolness genau gar nichts ab. Stattdessen kriegt man ihr strenges Pokerface, ihre messerscharfen Kommentare und das ewige Gefühl, dass man irgendwie nur ein unerwünschter Fleck auf ihrem ansonsten makellosen Leben ist.
Natürlich hat sie nicht immer so getan, als wäre ich Luft. Früher, als mein Vater noch lebte, war sie zwar auch schon distanziert, aber immerhin höflich. Sie spielte die perfekte Ehefrau, die perfekte Mutter, die perfekte Gastgeberin bei ihren Dinnerpartys, bei denen ich als Kind still in der Ecke sitzen und nett lächeln musste, während sie sich mit anderen glänzend manikürten Frauen über Dinge unterhielt, die für mich klangen wie die Beschreibung einer sehr teuren Tapete. Aber dann starb mein Vater. Einfach so. Herzinfarkt. Ein Tag war er noch da, am nächsten nicht mehr. Und mit ihm verschwand auch der letzte Funken an Wärme, den Viktoria jemals für mich übrig hatte. Seitdem bin ich für sie nicht mehr als eine Verpflichtung, eine Erinnerung an einen Fehler in ihrem sonst so durchgestylten Leben. Ich gehöre nicht in ihre perfekte Welt aus Designermöbeln und Karriereplänen. Ich bin die unerwünschte Randnotiz, das hässliche Entlein, das nicht in ihren Hochglanz-Familienauftritt passt. Und das lässt sie mich jeden einzelnen Tag spüren. Heute zum Beispiel. Ich sitze am Küchentisch und versuche, mein Müsli zu essen, ohne mit jemandem zu reden. Es ist eine bewährte Strategie: Wenn man sich unsichtbar macht, kann man keine Befehle bekommen. Aber Viktoria hat mich schon entdeckt. Sie taxiert mich mit diesem Blick, den sie immer aufsetzt, wenn sie sich fragt, wie zum Teufel sie mit mir biologisch verwandt sein kann. „Ella, könntest du vielleicht einmal in deinem Leben darauf achten, wie du dich hinsetzt?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich sitze doch.“ „Nein, du lümmelst.“ Ich kaue demonstrativ langsam an meinem Löffel vorbei und lasse ihn mit einem kleinen Klonk gegen meine Schüssel fallen. Viktoria atmet hörbar aus, als müsse sie ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um mich nicht direkt vor die Tür zu setzen. „Hör zu, Ella“, beginnt sie mit ihrer kühlen, perfekt modulierten Stimme. „Ich weiß, dass du es für witzig hältst, dich wie ein rebellischer Teenager zu verhalten, aber irgendwann musst du erwachsen werden. Und zwar jetzt.“
Ich blinzle sie an. „Jetzt? Sofort? Soll ich mir ein Klemmbrett holen und eine Powerpoint-Präsentation über meine neuen Erwachsenenpläne machen?“ Sie ignoriert mich. „Heute Nachmittag gehen wir Kleider anprobieren.“ „Ähm. Nein.“ „Doch.“ „Wofür?“ „Für den Ball.“ Ich starre sie an, als hätte sie mir gerade gesagt, dass wir zum Mond fliegen. „Welchen Ball?“ „Den Ball.“
Oh. Den Ball. Den mit dem Prinzen.
Natürlich. Ich habe davon gehört, aber ich habe es erfolgreich verdrängt. Angeblich lädt irgendein reicher Schnösel die gesamte obere Gesellschaftsschicht des Landes zu einer glitzernden Veranstaltung ein, um sich – und jetzt kommt’s – eine Freundin zu suchen. Oder eine zukünftige Ehefrau. Oder einfach ein bisschen Unterhaltung, wer weiß das schon. Ich hatte gehofft, dass ich mit dem Thema nichts zu tun haben müsste. Aber offensichtlich habe ich mich zu früh gefreut. „Ich gehe nicht“, sage ich entschlossen. „Doch, das wirst du.“ „Nein. Wirklich nicht.“ „Ella.“ Ihre Stimme klingt gefährlich ruhig. „Ich werde nicht mit dir diskutieren. Wir werden alle hingehen. Du wirst dich benehmen, du wirst ein anständiges Kleid tragen, du wirst nicht wieder in diesen schrecklichen Turnschuhen aufkreuzen, und du wirst dich zusammenreißen.“ „Oder was?“ Ich verschränke die Arme. „Schmeißt du mich raus?“ Sie hebt die Augenbrauen. „Wenn du unbedingt wissen willst, wie es sich anfühlt, ohne Geld und ohne Dach über dem Kopf dazustehen – gerne. Ich kann es einrichten.“ Ich presse die Lippen zusammen. Viktoria ist nicht die Sorte Mensch, die Drohungen einfach so ausspricht. Sie meint das ernst. „Du wirst mitkommen“, sagt sie und nimmt sich ihre Tasse Tee, als sei unser Gespräch bereits beendet. „Und damit ist das Thema durch.“ Ich würde ihr so gerne sagen, was ich von ihr und ihren dämlichen Bällen halte. Ich würde ihr so gerne entgegenschleudern, dass sie mich nicht zwingen kann, in ihr falsches, lächerliches Leben zu passen. Aber ich tue es nicht. Weil ich weiß, dass es nichts bringt. Also stehe ich auf, schnappe mir meine Tasche und gehe ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Ich werde also zu diesem verdammten Ball gehen. Aber wenn sie glaubt, dass ich mich einfach so in ihr perfektes Märchenpressbild fügen werde, dann hat sie sich geschnitten.
Game on, Viktoria.
3. Job gesucht, Drama gefunden
Es gibt wenige Dinge im Leben, die ich noch mehr hasse als früh aufzustehen. Eines davon ist mein Job. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich nach dem Schulabschluss zumindest ein paar Monate lang nichts tun könnte, außer mich in meinem Zimmer zu verkriechen, Serien zu schauen und mich darüber zu wundern, warum ich mit einer Familie gestraft wurde, die mehr Wert auf ihr Instagram-Image legt als auf menschliche Beziehungen. Aber nein. Viktoria war der Meinung, dass ein „nutzloses Herumsitzen“ nicht in ihr Haus passe, und da sie die Macht hatte, mich rauszuwerfen, wenn ich nicht spurte, musste ich mir einen Job suchen. Spoiler: Es wurde ein Job in einem kleinen Café in der Innenstadt.
Nicht, dass ich mich für zu gut zum Arbeiten halte – ganz im Gegenteil. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass meine Seele bei jedem Cappuccino, den ich falsch mache, ein kleines bisschen mehr zerbröselt. Es ist nicht mal der Job an sich, der das Problem ist. Klar, Kaffee machen kann stressig sein, aber es gibt schlimmere Dinge. Schlimmer ist die Kundschaft. Denn dieses Café ist nicht einfach irgendein schnuckeliges kleines Lokal mit freundlichen Menschen und entspannter Musik im Hintergrund. Nein, es ist ein angesagter Treffpunkt für Menschen, die glauben, dass ein vierfacher Soja-Latte mit extra Hafermilchschaum und zwei Spritzern Vanillesirup ein essenzieller Teil ihrer Persönlichkeit ist. Und ich? Ich bin der Mensch, der ihnen diesen Wahnsinn servieren muss. Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mich ernsthaft frage, warum ich nicht einfach irgendwo in den Bergen als Einsiedlerin lebe. Kaum habe ich meine Schicht begonnen, steht schon eine Kundin vor mir, die mit perfekt gemachten Wimpern klimpert und mich mit einem Blick ansieht, der mir sofort klarmacht, dass sie mich nicht für einen echten Menschen hält.„Einen Matcha-Latte mit Mandelmilch, aber bitte nur mit genau 60 Grad Temperatur“, sagt sie in einem Ton, als bestelle sie eine Luxusyacht. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Klar. Und dazu noch einen Kaviar-Toast oder nur das Getränk?“
Sie blinzelt mich an, offensichtlich nicht sicher, ob ich sie gerade verarsche oder nicht. Ich entscheide mich, das Lächeln beizubehalten, um meinen Job nicht zu riskieren. Zehn Minuten später hat sich die Schlange verdoppelt, mein Kollege Tom ist spurlos verschwunden (wahrscheinlich im Lager, um so zu tun, als hätte er zu tun), und ich schwöre, dass ich kurz davor bin, einem Kerl, der seinen Kaffee zum dritten Mal wegen „zu wenig Schaum“ zurückgehen lässt, einfach das gesamte Milchkännchen über den Kopf zu schütten. Aber das wahre Drama beginnt erst, als die Tür aufgeht und jemand den Laden betritt, den ich in diesem Moment am wenigsten sehen will. Meine Stiefschwestern. Livia und Sophia. Die beiden betreten den Raum, als gehörte ihnen der ganze Laden, was vielleicht daran liegt, dass sie in ihrer eigenen Welt sowieso denken, dass ihnen alles gehört. Sie tragen farblich perfekt abgestimmte Outfits, haben ihre Handys bereits in der Hand und filmen ihren „Daily Coffee Run“ für ihre Follower. Ich versuche, mich hinter der Espressomaschine zu verstecken, aber natürlich bleibt mir dieses Glück nicht vergönnt. „OMG, Ella?!“ Livia bleibt abrupt stehen und reißt die Augen auf, als hätte sie gerade einen seltenen Vogel in freier Wildbahn entdeckt. „Was machst du denn hier?“ Sophia sieht mich an, als hätte sie mich gerade beim Mülldurchwühlen erwischt. Ich blinzele sie an. „Ich arbeite? So wie normale Menschen?“ Livia runzelt die Stirn. „Warte. Du hast echt einen Job?“
„Nein, ich trage die Schürze nur aus modischen Gründen.“ Sie wirft Sophia einen Blick zu, dann prusten beide los. „Oh mein Gott, das ist ja zu witzig! Du bist eine… Barista?“ Livia betont das Wort so, als hätte ich mich entschieden, als Straßenkünstlerin mein Geld zu verdienen. Ich atme tief durch und zwinge mich zu professioneller Freundlichkeit. „Möchtet ihr etwas bestellen oder seid ihr nur hier, um mich auszulachen?“
„Hmmm…“ Sophia tippt auf ihrem Handy herum. „Einen Caramel Macchiato mit extra Vanille, weniger Milch und mehr Schaum. Aber nicht zu viel Schaum. Und bitte mit Hafermilch, aber nur, wenn sie bio ist.“ Ich seufze. „Und du?“ frage ich Livia. „Ein Matcha-Latte, aber bitte nicht so… bitter. Kannst du das irgendwie süßer machen?“ Ich starre sie an. „Also… mit Zucker?“ „Ihh, nein! Mit… keine Ahnung… irgendwas ohne Kalorien.“ „Mit Luft?“ Sie verdreht die Augen. „Mach einfach irgendwas.“ Ich drehe mich um und beginne, die Getränke zuzubereiten, während die beiden weiter in ihr Handy quatschen. Natürlich geht es um den Ball. Natürlich geht es darum, was sie anziehen werden, was Viktoria geplant hat, wie wichtig es ist, auf den richtigen Moment für die perfekte Instagram-Story zu warten. Und natürlich ignorieren sie völlig, dass ich existiere. Bis Livia plötzlich einen Geistesblitz hat. „Oh mein Gott, Ella, du musst mit uns ein Video machen!“
Ich drehe mich langsam um. „Was?“ „Ja! So nach dem Motto: ‚Hier ist unsere süße kleine Schwester, die so normal ist, dass sie in einem Café arbeitet!‘ Die Leute lieben so was!“ „Danke, aber nein danke.“ „Warum nicht? Hast du Angst, dass man dich mit uns in Verbindung bringt?“ Sie grinst. „Zu spät.“ „Eher Angst, dass ich aus Reflex den Milchschaum über euch schütte“, murmele ich. Sie hört es natürlich nicht. Stattdessen hält sie mir bereits ihr Handy hin. „Nur eine kleine Story. Ich schwöre, wir machen dich berühmt!“ Ich nehme einen tiefen Atemzug und lächle. Dann nehme ich den Becher mit ihrem Macchiato, stelle ihn auf den Tresen – und lasse den Deckel „versehentlich“ abrutschen, sodass ein ordentlicher Schwall Schaum über den Rand läuft und auf ihre perfekt manikürten Finger tropft.
Livia quietscht auf. „Ugh! Ella!“ Ich hebe unschuldig die Schultern. „Ups.“
Sophia prustet los. „Das ist das Beste, was heute passiert ist.“ „Vergiss es!“ Livia schnappt sich den Becher, wirft mir einen mörderischen Blick zu und stapft zur Tür. „Viel Spaß noch in deinem aufregenden kleinen Leben, Ella.“ Sie rauscht hinaus. Sophia folgt ihr grinsend. Ich sehe ihnen nach, nehme mir einen Schluck meines eigenen Kaffees und kann mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Job gesucht, Drama gefunden. Und irgendwie war es das heute wert.
4. Prinzessinenallergie
Wenn es eine Sache gibt, die mich mehr nervt als meine Stiefmutter und meine Stiefschwestern, dann ist es die absurde Faszination der Gesellschaft für Prinzessinnen. Ernsthaft, was soll das? Ich verstehe ja, dass kleine Mädchen sich von glitzernden Kleidern und Krönchen angezogen fühlen, aber irgendwann muss doch der Punkt kommen, an dem man realisiert, dass das ganze Konzept völlig bescheuert ist. Eine Prinzessin ist im Grunde nichts anderes als eine Frau, die aufgrund von Geburt oder Heirat in einem goldenen Käfig sitzt, immer perfekt aussehen muss und dann darauf hoffen darf, dass niemand sie auf politischer Ebene ausnutzt. Klingt nach einem super Leben. Und doch dreht sich seit Wochen alles um den Prinzen. Ja, genau den. Den reichen, attraktiven, königlichen Thronfolger, der beschlossen hat, seinen eigenen persönlichen Casting-Event zu veranstalten, weil es offenbar zu anstrengend ist, jemanden auf normalem Wege kennenzulernen. Statt einfach mal wie ein normaler Mensch ein Date zu haben, organisiert er also einen glamourösen Ball, zu dem sämtliche Frauen eingeladen sind, die in irgendeiner Weise als potenzielle „Zukünftige“ infrage kommen. Was für eine absolute Reality-Show. Und das Schlimmste daran? Alle machen mit. Wirklich alle. Meine Stiefschwestern führen seit Tagen intensive Diskussionen darüber, welches Kleid sie tragen sollen, welche Schuhe am besten zum perfekten Instagram-Moment passen und ob man Highlighter auf den Schultern tragen sollte, um „im Ballsaal zu schimmern“. Ich würde mich ja fragen, ob sie das ernst meinen, aber leider weiß ich, dass sie es tun. Und Viktoria? Sie ist natürlich voll dabei. Sie sieht das Ganze als geschäftliche Gelegenheit. Denn wenn eine ihrer „perfekten“ Töchter sich den Prinzen schnappt, dann wäre das nicht nur ein gesellschaftlicher Aufstieg, sondern auch ein fantastischer PR-Move für ihr Unternehmen. Ich dagegen kann gar nicht so oft mit den Augen rollen, wie ich es eigentlich gerne würde. „Ella, ich habe mit dir geredet.“ Ich blicke von meinem Buch auf. Ich sitze in der Küche, habe mir eine Tasse Tee gemacht und versuche, so zu tun, als würde mich der Trubel um den Ball nicht interessieren. Viktoria steht in der Tür, mit verschränkten Armen und einem ungeduldigen Blick. „Hast du überhaupt zugehört?“ „Nicht wirklich“, sage ich ehrlich. Sie seufzt genervt. „Ich sagte, dass du morgen mit uns zum Stylisten kommst.“ „Warum sollte ich das tun?“ „Weil du nicht auf diesem Ball auftauchen kannst, wie du jetzt aussiehst.“ „Danke für das Kompliment.“ „Ella.“ Ihr Tonfall ist scharf. „Ich erwarte von dir, dass du dich zusammenreißt. Ich weiß nicht, was dein Problem mit dem Ball ist, aber du wirst dabei sein. Und du wirst dich benehmen. Und du wirst vernünftig aussehen.“ Ich schnaube. „Sorry, aber ich habe eine Prinzessinnenallergie.“ Livia, die auf dem Barhocker neben mir sitzt und sich gerade ihre Nägel lackiert, wirft mir einen abschätzigen Blick zu. „Das ist nicht witzig, Ella. Nicht jeder ist so anti-alles wie du.“ „Anti-alles?“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Ja.“ Sie wedelt mit der Hand, als wolle sie mich in eine Schublade stecken und für erledigt erklären. „Du bist immer so… so abweisend. Du hasst Kleider, du hasst Partys, du hasst Romantik… kein Wunder, dass du noch nie einen Freund hattest.“ „Wow. Danke für die tiefenpsychologische Analyse.“ „Das ist doch wahr!“, mischt sich Sophia ein, die bis eben noch damit beschäftigt war, Selfies zu machen. „Wann hast du dich das letzte Mal für irgendwas begeistert? Mal ehrlich, Ella, du könntest echt mal ein bisschen mehr Interesse zeigen. Das Leben ist nicht nur Sarkasmus und Sneaker.“ „Mein Leben schon.“ „Das ist traurig.“ Ich zucke die Schultern. „Ich komme klar.“ Viktoria, die uns bis jetzt beobachtet hat, hebt nur eine Augenbraue. „Genau das ist das Problem. Du bist viel zu zufrieden mit deinem mittelmäßigen Dasein. Aber das hier ist eine Chance, Ella. Eine Gelegenheit, dich zu zeigen. Einen Eindruck zu hinterlassen. Und ich werde nicht zulassen, dass du sie vermasselst.“ „Für wen genau ist das eine Gelegenheit? Für mich? Oder für dich?“ Ein kurzer Moment der Stille. Dann ihr typisches, kaltes Lächeln. „Beides.“ Ich schüttele den Kopf. „Vergiss es. Ich gehe da hin, weil du mich zwingst. Aber ich werde mich nicht für euch verbiegen.“ „Das werden wir ja sehen.“ Mit diesen Worten dreht sie sich um und verlässt die Küche. Livia und Sophia tauschen einen Blick, bevor auch sie mir einen letzten abschätzigen Blick zuwerfen und dann in ihr eigenes Universum aus Beauty-Tipps und Social-Media-Posts zurückkehren. Ich sitze allein am Tisch, trinke meinen Tee und seufze leise. Eine Prinzessin werde ich ganz sicher nicht. Aber wenn sie mich schon zu diesem verdammten Ball zwingen – dann werde ich wenigstens dafür sorgen, dass es für alle eine unvergessliche Nacht wird.
5. Ein Date mit dem Chaos
Manchmal frage ich mich, ob mein Leben eine versteckte Kamera-Show ist. So eine, bei der die Zuschauer sich schlapp lachen, während ich mich durch die Absurditäten meines Daseins kämpfe. Nehmen wir zum Beispiel heute. Es fängt harmlos an. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, habe mir Kopfhörer aufgesetzt und höre Musik, während ich durch die Stadt schlendere. Die Sonne scheint, es ist einer dieser seltenen Tage, an denen die Luft nach frischem Kaffee und nicht nach Abgasen riecht, und für einen kurzen Moment denke ich: Hey, vielleicht wird das heute mal ein ganz normaler, unspektakulärer Tag. Ich hätte es besser wissen müssen. Denn kaum biege ich um die Ecke, kracht jemand direkt in mich rein. Ich meine nicht so ein harmloses „Ups, sorry, ich hab dich leicht gestreift“-Zusammenprallen. Nein. Das ist ein Full-Body-Slam, ein „Oh mein Gott, ich habe gerade einen menschlichen Airbag getroffen“-Zusammenprall.
Mein Kaffee, den ich in der rechten Hand halte, fliegt in einem perfekten Bogen durch die Luft. Der andere, der Typ, der mich umgerannt hat, stolpert zurück, rudert wild mit den Armen – und bekommt den kompletten Inhalt meines Bechers mitten auf sein teures, offensichtlich maßgeschneidertes Hemd. Es gibt diesen einen Sekundenbruchteil, in dem die Welt stillzustehen scheint. Dann setzt das Chaos ein. „Verdammt!“ Er schaut an sich herunter, während braune Kaffeeflecken sich langsam über den weißen Stoff ausbreiten. Ich starre ihn an. „Oh.“ Er hebt den Kopf, seine Augen blitzen auf. „Oh? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“ Ich zucke die Schultern. „Hättest du lieber ein herzzerreißendes Drama? Soll ich mich theatralisch entschuldigen und auf die Knie fallen?“ Er funkelt mich an. „Ich wurde gerade mit heißem Kaffee übergossen.“ „Hey, sieh es mal positiv: Jetzt hast du wenigstens eine Ausrede, dir neue Klamotten zu kaufen.“ Er zieht eine Augenbraue hoch. „Und du hast wirklich nicht das geringste Schuldgefühl?“ „Nicht wirklich. Immerhin warst du derjenige, der mich umgerannt hat.“ „Ich war abgelenkt.“
„Tja. Willkommen in der Welt der Menschen, die aufpassen, wohin sie gehen.“ Er schüttelt den Kopf, als könne er nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert. Ich nutze die Gelegenheit, um ihn mir genauer anzusehen. Teure Klamotten – oder zumindest das, was davon übrig ist. Teure Uhr am Handgelenk. Haare, die so perfekt gestylt sind, dass ich fast sicher bin, dass er einen persönlichen Friseur hat. Und dieses Gesicht… Moment mal. „Oh, scheiße.“ Ich blinzele. „Du bist ER.“ Er verzieht das Gesicht. „Wer?“ „Der Prinz-Typ.“ Ich schnippe mit den Fingern, als könnte ich so seinen Namen aus meinem Gedächtnis ziehen. „Wie hieß du noch gleich? Richard? Henry? Sebastian?“
„Adrian“, sagt er trocken. „Ah. Stimmt. Adrian.“ Ich nicke. „Der royale Bachelor. Ich hätte dich mir irgendwie… größer vorgestellt.“ Er schnaubt. „Und ich hätte gedacht, dass du ein bisschen mehr Anstand hast.“
„Tja, wir beide wurden enttäuscht.“ Ein paar Passanten bleiben stehen, tuscheln, schauen neugierig herüber. Wahrscheinlich haben sie erkannt, wer er ist. Ich dagegen frage mich nur, wie zur Hölle ich es geschafft habe, den zukünftigen König mit Kaffee zu taufen. „Also gut“, sagt er schließlich und seufzt. „Wie gedenkst du, das wieder gutzumachen?“ „Hä?“ „Du hast mein Hemd ruiniert.“ Er deutet auf die Kaffeeflecken. „Das ist ziemlich sicher nicht mehr zu retten. Also? Was schlägst du vor?“ „Ähm.“ Ich kratze mich am Kopf. „Ich könnte dir einen neuen Kaffee kaufen?“ Er blinzelt mich an. „Einen neuen Kaffee?“ „Ja. Also, ich meine… du hast jetzt ja nichts mehr zu trinken.“ Für einen Moment sieht es so aus, als könnte er nicht fassen, dass ich das ernst meine. Dann lacht er leise. „Wow. Deine Problemlösungsfähigkeiten sind wirklich beeindruckend.“ Ich zucke die Schultern. „Besser als gar nichts.“ Er mustert mich, dann schaut er an sich herunter. „Fein. Ein Kaffee. Aber du bezahlst.“ Ich rolle mit den Augen. „Ja, ja. Komm schon.“ Und so passiert das, was ich nie für möglich gehalten hätte: Ich lande auf einem „Date“ – wenn man das so nennen kann – mit dem Prinzen. In einem kleinen Café, das definitiv nicht zu den edlen Etablissements gehört, in denen er normalerweise abhängt. Er nimmt sein Hemd ab, trägt jetzt nur noch ein einfaches schwarzes T-Shirt (und wow, der Typ ist wirklich trainiert), während ich ihm seinen Kaffee über den Tisch schiebe. „Also“, sagt er, während er den Becher an seine Lippen führt. „Hast du dich eigentlich schon für den großen Ball vorbereitet?“ Ich verschlucke mich fast an meinem eigenen Getränk. „Oh, bitte. Ich gehe nur hin, weil meine Stiefmutter mich zwingt. Ich habe null Interesse an dem ganzen Zirkus.“ Er hebt eine Augenbraue. „Ist das so?“ „Ja.“ Ich lehne mich zurück. „Ich habe eine prinzipielle Abneigung gegen alles, was mit Märchenklischees zu tun hat. Und dich inklusive.“ „Wow. Charmant.“ „Ich weiß.“ Er grinst, und für einen Moment sieht er gar nicht mehr so aus wie der arrogante Prinz aus den Magazinen. Mehr wie… ein Typ, der eigentlich ganz normal sein könnte, wenn man ihn aus seinem goldenen Käfig lässt. „Weißt du“, sagt er schließlich, „ich habe eine Theorie.“
„Oh, bitte. Erleuchte mich.“ „Du gibst dich cool und distanziert, aber in Wahrheit willst du genauso ein Märchen wie alle anderen.“ Ich lache laut. „Oh, nein. Da liegst du komplett falsch.“ „Ach ja?“ „Ja.“ Ich lehne mich vor. „Wenn ich ein Märchen hätte, dann wäre es keines mit einem hübschen Prinzen und einem kitschigen Ballkleid. Mein Märchen wäre ich, in einer coolen Wohnung, mit einem Job, den ich liebe, und absolut niemandem, der mir sagt, wie ich zu leben habe.“ Er betrachtet mich nachdenklich. Dann hebt er sein Glas. „Auf dein Märchen.“ Ich grinse und stoße mit ihm an. Und in diesem Moment denke ich zum ersten Mal, dass Adrian vielleicht doch nicht so schrecklich ist, wie ich dachte. Vielleicht.
6. Chucks gegen High Heels
Das Problem mit High Heels ist nicht nur, dass sie unbequem sind. Oder dass sie aussehen, als seien sie eine Erfindung der Inquisition. Oder dass sie mich jedes Mal dazu bringen, meine motorischen Fähigkeiten infrage zu stellen. Nein, das Problem mit High Heels ist, dass sie eine verdammte Metapher sind. Ein Symbol für alles, was meine Stiefmutter von mir erwartet. Ein Zeichen dafür, dass man sich verbiegt, um in eine Welt zu passen, die für einen nicht gemacht ist. Und wenn es eine Sache gibt, die ich mit jeder Faser meines Seins ablehne, dann ist es genau das. Also ja. Ich weigere mich, sie zu tragen. Aber natürlich sieht Viktoria das anders. „Ella, das ist nicht verhandelbar“, sagt sie und hält mir ein Paar silberne Stilettos hin, die mindestens zehn Zentimeter hoch sind und gefährlicher aussehen als so manche Waffe. Ich blicke von dem Schuh zu ihr und wieder zurück. „Ich passe lieber. Ich hänge an meinen Knöcheln.“ „Es geht nicht um dich“, sagt sie mit dieser überlegenen Ruhe, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt. „Es geht um unser Image.“ „Ach, das berühmte Familienimage. Ich vergaß.“ Ich verschränke die Arme. „Also ist es dir wichtiger, dass ich in diesen Folterinstrumenten herumlaufe, als dass ich den Abend tatsächlich überlebe?“ „Niemand stirbt an High Heels, Ella.“ „Oh, da wäre ich mir nicht so sicher.“ Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. „Lass mich mal googeln, wie viele Leute sich jedes Jahr durch Stürze in diesen Dingen ernsthaft verletzen.“ Viktoria presst die Lippen aufeinander. „Du bist so anstrengend.“ „Ich weiß. Ein echtes Wunder, dass ich noch keinen Preis dafür bekommen habe.“ Sie atmet langsam durch, als müsse sie sich daran erinnern, dass es unhöflich wäre, mich vor Zeugen zu erwürgen. „Ich werde nicht mit dir diskutieren. Zieh sie einfach an.“ Ich sehe auf die Schuhe. Dann auf meine geliebten, abgetragenen Chucks. Meine Chucks sind ein Teil von mir. Sie sind bequem, sie sind zuverlässig, und sie haben mich durch einige der chaotischsten Tage meines Lebens begleitet. Ich habe in ihnen meinen ersten Job angetreten, bin in ihnen durch den Regen gerannt, habe in ihnen Abende mit Pizza und Filmen verbracht. Sie sind vielleicht alt, aber sie sind echt. Diese Schuhe hingegen? Sie sind eine Lüge. Und ich bin nicht bereit, mich für diesen Ball – oder für irgendjemanden – in eine Lüge zu verwandeln. „Ich werde Chucks tragen“, sage ich fest. Viktoria blinzelt, als hätte ich ihr gerade mitgeteilt, dass ich plane, den Ball in einem Kartoffelsack zu besuchen. „Bitte was?“ „Du hast mich schon verstanden.“ „Ella, sei nicht albern. Niemand geht in Turnschuhen auf einen königlichen Ball.“ „Dann bin ich eben die Erste.“ „Du willst mich in Verlegenheit bringen.“ „Oh, Viktoria, nein.“ Ich lege eine Hand auf mein Herz. „Dass du so etwas von mir denkst…“ Ihr Blick verfinstert sich. „Ich werde das nicht akzeptieren.“ „Dann lass es eben bleiben.“ Für einen Moment herrscht Stille. Ich kann sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Sie ist es gewohnt, zu gewinnen. Daran, dass Menschen nachgeben, wenn sie ihren Willen durchsetzen will. Ich bin aber nicht „Menschen“. Ich bin ich. Und ich bin nicht bereit, mir von ihr vorschreiben zu lassen, wer ich sein soll. Sie lehnt sich zurück, ihre Miene wird ausdruckslos. „Fein“, sagt sie kühl. „Mach, was du willst. Aber wenn du dich zum Gespött der Leute machst, ist das deine Sache.“ „Das ist ein Risiko, das ich gerne eingehe.“ Sie sagt nichts mehr. Sie nimmt nur ihre Tasche und verlässt das Zimmer. Ich blicke ihr nach und lasse mich dann grinsend aufs Bett fallen. Chucks gegen High Heels. 1:0 für mich.
7. Hashtag: Hilfe!
Es gibt Tage, an denen man aufwacht und ahnt, dass etwas Schreckliches passieren wird. So ein dumpfes Gefühl im Bauch, dass sich wie eine unterschwellige Warnung anfühlt.
Heute ist genau so ein Tag. Ich weiß es in dem Moment, als ich mein Handy einschalte und von einem Dutzend Benachrichtigungen erschlagen werde. Nachrichten, Erwähnungen, Likes – mein Bildschirm sieht aus, als hätte jemand beschlossen, mein komplettes Leben in die sozialen Medien zu zerren. Mit zusammengekniffenen Augen öffne ich Instagram. Und da ist es. Ein Video. Ein Video, in dem ich im Café stehe, mein Gesicht genervt verziehe und gerade einem besonders anstrengenden Kunden seinen dämlichen überkomplizierten Kaffee reiche. Über mir prangt der Text:
„Unsere Schwester, die Barista – so bodenständig, so süß! #LittleElla #CinderellaInChucks #KeepItReal“
Mir bleibt fast die Luft weg. Livia und Sophia. Natürlich. Sie haben mich ohne mein Wissen gefilmt, das Ganze mit irgendwelchen idiotischen Hashtags versehen und es in die Welt hinausgeschickt. Ich scrolle durch die Kommentare.
„Awww, ich liebe es, wenn reiche Mädels so tun, als würden sie arbeiten!“
„Wie süß! Aber warum sieht sie so mürrisch aus? XD“
„Also, wenn meine Schwestern so wären, würde ich mich schämen…“
Ich schmeiße mein Handy aufs Bett, presse mir die Hände ins Gesicht und atme tief durch. Hashtag. Hilfe. Es ist nicht nur peinlich – es ist verrat. Ich meine, wer macht so was? Wer benutzt seine eigene Schwester als Social-Media-Material, ohne sie auch nur zu fragen? Ich brauche eine Sekunde, um mich zu sammeln, dann marschiere ich nach unten. Livia und Sophia sitzen wie immer auf der Couch, ihre Handys in der Hand, kichernd über irgendein Video. „Ihr seid nicht euer Ernst“, sage ich, meine Stimme gefährlich ruhig.
Livia sieht auf. „Oh, du hast es gesehen?“ „Natürlich habe ich es gesehen! Mein Handy hat sich angefühlt, als würde es explodieren!“
Sophia verdreht die Augen. „Stell dich nicht so an. Es ist nur ein harmloses Video.“ „Harmlos? Ihr habt mich ohne meine Erlaubnis gefilmt und ins Internet gestellt!“ „Oh mein Gott, chill mal, Ella“, sagt Livia und winkt ab. „Das ist Werbung für dich! Wir machen dich berühmt.“ „Ich WILL nicht berühmt werden!“ „Doch, klar.“ Sophia grinst. „Jeder will berühmt werden.“ Ich reiße die Arme hoch. „Nein. Nicht jeder. Nicht jeder will sein Leben in hässlichen Hashtags zusammengefasst haben. Nicht jeder will analysiert und beurteilt werden von Leuten, die ihn nicht mal kennen!“ Livia schnaubt. „Boah, du bist echt empfindlich.“ „Das ist nicht empfindlich, das ist NORMAL!“ „Du solltest dankbar sein“, mischt sich Sophia wieder ein. „Wir haben dein Image aufpoliert. Vorher warst du nur irgendein niemand, und jetzt reden die Leute über dich.“ „Ich will nicht, dass die Leute über mich reden!“ „Das glaubst du jetzt“, murmelt Livia und tippt weiter auf ihrem Handy. „Warte mal ab. Das wird nur noch größer.“ Mein Magen zieht sich zusammen. „Wie meinst du das?“ Sophia hält mir ihr Handy hin. „Hier, sieh selbst.“ Ich nehme es zögernd entgegen – und dann sehe ich, was sie meint. Mein Name. Mein Gesicht. Überall. Auf TikTok. Auf Twitter. Auf Instagram.
Memes, Clips, Kommentare.
„Cinderella in Chucks – die Schwester, die keiner kannte!“
„Die Anti-Prinzessin – und sie geht zum Ball!“
„Vergesst die reichen Schwestern – diese hier ist das wahre Highlight!“
Mir wird schlecht. Ich schmeiße ihr das Handy zurück. „Löscht es.“ Livia zieht die Augenbrauen hoch. „Bist du irre? Wir löschen doch nicht den besten Content, den wir je hatten.“ „Es ist MEIN Leben!“ „Und es ist UNSER Account. Wir entscheiden, was wir posten.“ Ich sehe sie an und weiß, dass ich nichts tun kann. Sie haben bereits gewonnen. Sie haben mein Gesicht und meinen Namen in ihre perfekte Instagram-Welt gezogen, und es gibt keinen Weg mehr zurück. Hashtag: Hilfe.
8. Wenn das Leben dir Zitrone gibt…
Es gibt diesen Spruch: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus. Netter Gedanke. Wirklich. Aber was, wenn das Leben dir keine normalen, saftig-gelben Zitronen gibt, sondern vertrocknete, schrumpelige, viel zu saure Dinger, die dir direkt ins Auge spritzen? Und was, wenn du mitten in diesem Chaos stehst, ohne Zucker, ohne Wasser, ohne irgendein Mittel, um aus dem sauren Mist tatsächlich etwas Genießbares zu machen? Dann stehst du da, mit einer Grimasse im Gesicht und fragst dich, ob es nicht klüger gewesen wäre, einfach alles hinzuschmeißen. Genau so fühlt sich mein Leben gerade an.
Seit Tagen geht diese dämliche Geschichte mit dem Video viral. Überall tauchen Posts auf. Leute, die mich nicht kennen, haben plötzlich eine Meinung zu mir. Die einen finden es „erfrischend“, dass ich mich von meinen „perfekten“ Schwestern unterscheide. Die anderen halten mich für eine unhöfliche, griesgrämige Bedienung, die sich mal zusammenreißen sollte. Es gibt Kommentare, die sagen, dass ich „cool“ wirke, andere sagen, ich sei nur neidisch. Neidisch. Auf was bitte? Darauf, dass meine Schwestern ihr ganzes Leben nach Likes ausrichten? Dass sie Stunden damit verbringen, das perfekte Selfie zu machen? Dass sie sich über jedes Detail ihres Körpers den Kopf zerbrechen, weil sie in einem System gefangen sind, das ihnen einredet, dass sie nur dann wertvoll sind, wenn sie perfekt aussehen? Wenn das Erfolg ist, dann bin ich verdammt froh, gescheitert zu sein. Und als wäre das nicht genug, muss ich mich auch noch mit Viktoria herumschlagen. „Du wirst dich jetzt benehmen“, verkündet sie beim Abendessen mit ihrer typischen Eiseskälte. „Du hast genug Aufmerksamkeit auf dich gezogen. Ich erwarte, dass du beim Ball zumindest den Anschein von Anstand wahrst.“ „Oh, natürlich“, sage ich und schneide mit meinem Messer demonstrativ ein Stück Salat in winzige Teile. „Ich werde mich benehmen. Ich werde mich sogar so sehr benehmen, dass die Leute denken, ich hätte eine Gehirnwäsche hinter mir.“ Viktoria kneift die Lippen zusammen. „Ich meine es ernst, Ella.“
„Ich auch.“ „Das ist eine Chance für uns alle.“ „Für uns? Oder für dich?“ „Du bist Teil dieser Familie.“ Ich lache bitter. „Ach ja? Das ist mir neu.“ Ihre Augen verengen sich. „Hör auf, dich in Selbstmitleid zu suhlen. Ich erwarte von dir, dass du dich zusammenreißt. Du wirst dort sein, du wirst dich anständig kleiden, du wirst lächeln und du wirst nicht mit diesem ständigen Trotzverhalten alles ruinieren.“ Ich starre sie an. „Und wenn ich es doch tue?“ Sie lehnt sich zurück, ein leises, überlegenes Lächeln auf den Lippen. „Dann überlege ich mir, ob du wirklich noch einen Platz in diesem Haus hast.“ Bumm. Die Drohung hängt im Raum, schwer wie Blei. Ich wusste, dass es irgendwann darauf hinauslaufen würde. Dass sie mich immer nur geduldet hat, weil es einfacher war, als mich ganz loszuwerden. Aber jetzt? Jetzt hat sie endlich eine Gelegenheit, mich in die Enge zu treiben. Ich atme langsam aus.
„Weißt du was, Viktoria?“ sage ich leise. „Wenn du mich loswerden willst, dann sag es einfach. Hör auf, so zu tun, als ginge es hier um irgendwas anderes.“ Für einen Moment flackert etwas in ihren Augen. Vielleicht Wut. Vielleicht Überraschung. Vielleicht eine Spur von… Unsicherheit? Dann ist es weg. „Iss auf“, sagt sie nur kühl.
Ich schiebe meinen Teller weg und stehe auf. Ich habe keinen Hunger mehr.
9. Ball? Ich dachte, das wäre ein Witz
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in einer absurden Reality-Show gefangen bin. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich hier stehe, in einem Kleid, das aussieht, als hätte eine Disney-Prinzessin es erbrochen, während meine Stiefschwestern sich gegenseitig anhimmeln, als wären sie auf einer verdammten Oscar-Verleihung. „Oh mein Gott, Sophia, dein Glow ist UNGLAUBLICH!“ quietscht Livia und sprüht noch mehr Highlighter auf ihre bereits schimmernden Wangen. „Danke, Babe, aber schau dich mal an! Ich meine, diese Haare?! Du bist eine Göttin.“ Ich würde mir ja in die Faust beißen, um das Fremdschamgefühl zu unterdrücken, aber leider sind meine Hände damit beschäftigt, nicht das Kleid zu zerreißen, das mir Viktoria aufgedrängt hat. Es ist blau, bodenlang, und hat mehr Tüll als mein gesamtes Leben an Würde. „Ella, kannst du BITTE mal aufhören, dich zu benehmen, als würdest du zur eigenen Hinrichtung fahren?“ schnauzt mich Viktoria an. „Steh gerade.“ „Ich stehe so gerade, wie es mir dieses Ding erlaubt.“ Ich deute auf das Kleid, das sich anfühlt, als hätte jemand versucht, mich in Geschenkpapier zu wickeln. „Du siehst wunderschön aus“, sagt sie mit einem falschen Lächeln. „Versuch doch, es wenigstens zu genießen.“ Ich gebe ein unbestimmtes Grummeln von mir.
Genießen? Einen Abend voller versnobter Adliger, narzisstischer Millionärskinder und einem „Prinz“, der glaubt, dass ein Ball die beste Art ist, eine Freundin zu finden? Klar. Das wird bestimmt mein persönliches Highlight des Jahres. Ein Chauffeur fährt mit einer Limousine vor. Ernsthaft. Eine verdammte Limousine. Livia und Sophia kreischen, als würden sie gleich in den Himmel aufsteigen.
„Das ist SO ikonisch!“ Sophia filmt bereits für ihre Story, während Livia sich dramatisch die Hand vor den Mund hält. „Ich kann nicht glauben, dass DAS unser Leben ist!“ „Ich schon.“ Ich rolle mit den Augen. Dann werden wir hineingeschoben, ich lande irgendwo zwischen einer Ladung Satin und einer Tonne Haarspray, und ehe ich mich versehe, rollen wir durch die Stadt, auf dem Weg zu einem Abend, den ich jetzt schon bereue. Die Location ist natürlich atemberaubend. Riesiges Schloss. Überall goldene Verzierungen, Kronleuchter, die aussehen, als könnten sie ein kleines Land finanzieren, und eine Treppe, die so lang ist, dass ich mich kurz frage, ob man sich beim Runterfallen das Genick bricht oder nur ein paar Knochen. Am Eingang stehen Fotografen. Blitzlichtgewitter. Ich versuche, mich unauffällig im Hintergrund zu halten, aber natürlich sind meine Schwestern in ihrem Element. Sie posieren, werfen Küsse in die Kameras, drehen sich im perfekten Winkel, damit das Licht ihre Gesichter schmeichelhaft trifft. „Ella, komm her!“ Sophia zieht an meinem Arm. „Lass uns ein Schwesternfoto machen!“ „Oh nein, auf keinen Fall.“
„Stell dich nicht so an.“ „Ich weigere mich, Teil eurer Social-Media-Strategie zu sein.“ „Ella.“ Viktorias Tonfall ist nicht einmal laut, aber ich weiß, dass sie mich am liebsten bei der ersten Gelegenheit strangulieren würde. „Tu es.“ Ich seufze, stelle mich neben die beiden und zwinge mich zu einem Lächeln. „Eins, zwei, drei… Hashtag Royalty!“ Klick. Ich fühle mich offiziell wie ein Teil eines schlechten Werbespots. Dann geht es weiter ins Innere des Ballsaals. Und ja, der ist beeindruckend. Hohe Decken, riesige Spiegel, überall kunstvolle Dekorationen. Ein Live-Orchester spielt klassische Musik, und ich habe das vage Gefühl, in eine andere Epoche geworfen worden zu sein. Menschen in eleganten Kleidern und maßgeschneiderten Anzügen flanieren durch den Raum, lachen in perfekt einstudierten Tönen, nippen an Champagnergläsern, als wäre das hier völlig normal. Ich nehme mir das nächstbeste Getränk, das ich finden kann, und versuche, unauffällig eine Ecke zu finden, in der ich mich vor diesem Wahnsinn verstecken kann. Doch dann höre ich eine vertraute Stimme. „Na, das ist ja eine Überraschung.“ Ich drehe mich um. Und da steht er. Adrian. Der Typ, dem ich neulich einen Kaffee über den Designeranzug geschüttet habe. Der zukünftige König. Der Grund, warum das hier alles passiert. Und natürlich sieht er aus, als wäre er einem Hochglanzmagazin entsprungen. Dunkler Anzug, perfekt sitzende Krawatte, dieses selbstbewusste Grinsen, das ihm wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt wurde. „Hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen“, sagt er. Ich nippe an meinem Getränk. „Ich auch nicht.“ „Aber du hast es geschafft.“ „Gegen meinen Willen, aber ja.“ Er mustert mich kurz, dann deutet er auf meine Füße. „Chucks? Ernsthaft?“ Ich zucke die Schultern. „Jemand musste die Tradition brechen.“ Er schüttelt amüsiert den Kopf. „Weißt du, du bist wirklich… interessant.“ Ich verziehe das Gesicht. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das als Kompliment nehmen soll.“ „Du solltest.“ Er lehnt sich gegen eine der Säulen, nimmt einen Schluck aus seinem Glas und betrachtet mich nachdenklich. „Und? Was hältst du vom Ball?“ Ich schaue mich um. Die glitzernden Kleider, die gekünstelten Gespräche, die gespielte Perfektion. Dann blicke ich wieder zu ihm. „Ich dachte, das wäre ein Witz.“ Er lacht leise. „Tja, willkommen in meiner Welt.“ Und zum ersten Mal seit diesem ganzen Alptraum habe ich das Gefühl, dass vielleicht nicht alles so schrecklich wird, wie ich dachte. Vielleicht.
10. Die hässlichen Schuhe des Schicksals
Es gibt Dinge, die man im Leben einfach nicht vermeiden kann. Steuererklärungen. Peinliche Familienfotos. Und die Tatsache, dass jeder Mensch irgendwann in einem Outfit landet, das er zutiefst bereut.
Für mich ist es heute soweit. Ich stehe inmitten eines übertrieben glamourösen Ballsaals, umgeben von Menschen, die so aussehen, als wären sie einem royalen Märchenbuch entsprungen, und frage mich ernsthaft, ob ich mir mit diesem Auftritt gerade das gesellschaftliche Todesurteil unterschrieben habe. Denn während alle anderen in funkelnden High Heels oder glänzend polierten Lederschuhen über den Marmorboden gleiten, stehe ich hier in meinen alten, abgetragenen Chucks. Die Schuhe, die meine Stiefmutter als „unfassbare Peinlichkeit“ bezeichnet hat. Die Schuhe, wegen denen meine Stiefschwestern mich ansahen, als hätte ich eine Todsünde begangen. Die Schuhe, die absolut nicht in diese perfekte Welt passen. Und genau deshalb liebe ich sie. Natürlich hätte ich einfach nachgeben und die verdammten High Heels tragen können, die Viktoria für mich ausgesucht hatte. Aber dann hätte ich mich in dieser Rolle wiedergefunden, in die sie mich seit Jahren pressen will – als Teil ihrer perfekt inszenierten Familie, die nach außen hin strahlt, während im Inneren alles verlogen ist.
Also nein. Keine High Heels. Keine perfekte Fassade. Nur ich. Und meine Chucks. Die Reaktionen im Saal sind… durchwachsen. Die ersten Gäste werfen mir irritierte Blicke zu. Einige tuscheln. Andere mustern mich, als wäre ich ein Straßenköter, der sich aus Versehen in ein Fünf-Sterne-Restaurant verirrt hat. Livia und Sophia? Die flippen innerlich komplett aus. Ich sehe es an ihren panisch geweiteten Augen, an dem künstlichen Lächeln, das sie aufsetzen, während sie sich anmutig zwischen den Gästen bewegen und so tun, als würden sie mich nicht kennen. Viktoria? Sie steht am anderen Ende des Saals und sieht aus, als würde sie mich allein mit der Kraft ihrer Gedanken vaporisieren wollen. Ich genieße es. Ich genieße es sogar sehr.
„Interessante Schuhwahl.“ Ich drehe mich um und sehe Adrian, den Prinzen, wie er mich mit einem schiefen Grinsen betrachtet. Natürlich sieht er wieder aus wie der personifizierte Hochglanz-Magazin-Traum. Maßgeschneiderter Anzug, perfekt sitzende Haare, dieser souveräne Ausdruck, als könnte nichts auf der Welt ihn aus der Ruhe bringen.
„Danke“, sage ich und nehme einen Schluck von meinem Getränk. „Dachte, jemand muss mal ein Zeichen setzen.“ „Ein Zeichen?“ Ich nicke. „Gegen den Wahnsinn. Gegen die Klischees. Gegen Schuhe, die Frauen dazu zwingen, sich den ganzen Abend den Rücken zu ruinieren, nur weil irgendjemand vor 300 Jahren beschlossen hat, dass Schönheit Leiden erfordert.“ Er schmunzelt. „Und? Wie läuft es so mit deinem stillen Protest?“
Ich blicke mich im Raum um. Die skeptischen Blicke, die schockierten Gesichter, das Getuschel, das meine Stiefschwestern verzweifelt zu übertönen versuchen. „Ich würde sagen, erfolgreich.“ Adrian hebt sein Glas. „Auf die Rebellion.“ Ich stoße mit ihm an. Dann beugt er sich leicht vor. „Du weißt schon, dass das hier vermutlich morgen überall in den Medien sein wird, oder?“ Ich zucke die Schultern. „Soll mir recht sein.“ Er mustert mich kurz, dann lacht er leise. „Weißt du was? Ich glaube, du bist genau das, was dieser Ball gebraucht hat.“ „Ich weiß.“ Ich grinse. „Aber du kannst ruhig so tun, als hättest du die Idee gehabt.“ Er lacht, und für einen Moment fühlt sich dieser Abend fast so an, als könnte er tatsächlich Spaß machen. Fast. Bis meine Stiefmutter in meinem Blickfeld auftaucht. Ich erkenne es sofort. Die Art, wie sie sich durch den Saal bewegt – mit absoluter Kontrolle, mit einer Zielstrebigkeit, die nur eins bedeuten kann: Ich bin dran.
Und ich weiß genau, was gleich kommt. „Ella.“ Ihre Stimme ist ruhig. Zu ruhig. Ich blicke auf. „Oh, hey, Viktoria. Genießt du den Abend?“ Ihr Lächeln ist kalt. „Was genau, glaubst du, tust du hier?“ „Tja…“ Ich blicke an mir herunter, tue so, als würde ich überlegen. „Ich würde sagen: Stehen, trinken, Gespräche führen.“ „In diesen Schuhen.“ „Oh, sind die aufgefallen? Komisch. Ich dachte, niemand schaut hier auf die Füße.“ Sie atmet langsam ein, als würde sie ihre Geduld sammeln. „Ella. Du bringst unsere Familie in Verlegenheit.“ Ich nippe an meinem Glas. „Tja, Viktoria, das ist ja mal ein Ding. Ich dachte, das sei dein Job.“ Für den Bruchteil einer Sekunde verzieht sich ihr Gesicht. „Du bist so unglaublich undankbar“, zischt sie schließlich. „Ich habe dir eine Chance gegeben, dich anständig zu präsentieren. Ich habe dir alles gegeben, was du brauchst, um heute Abend nicht wie eine… eine…“ „Eine was?“ Ich hebe herausfordernd eine Augenbraue. „Eine Person mit eigenem Willen?“ Sie presst die Lippen aufeinander. „Du bist eine Schande.“
„Oh nein, Viktoria, bitte nicht!“ Ich lege dramatisch eine Hand auf mein Herz. „Meine Ehre! Mein Ansehen! Wie werde ich jemals damit leben können?“ Ich kann sehen, wie sie innerlich explodiert, aber sie tut ihr Bestes, es sich nicht anmerken zu lassen. Immerhin sind wir in der Öffentlichkeit. „Lass mich dir einen Rat geben, Ella“, sagt sie schließlich leise, mit einem Lächeln, das nichts Freundliches an sich hat. „Du hältst dich für lustig. Für unangepasst. Aber in Wahrheit bist du nur eine Fußnote in einer Geschichte, die dich längst überholt hat.“ Sie mustert mich abschätzig. „Und du wirst nie eine von uns sein.“ Ich lehne mich vor. „Gott sei Dank.“ Dann lächle ich, drehe mich um und lasse sie stehen. Adrian, der das ganze Gespräch interessiert mitverfolgt hat, hebt die Augenbrauen. „Das war… beeindruckend.“ „Danke.“ Ich nehme einen weiteren Schluck. „Aber ich fürchte, das war erst der Anfang.“ Denn ich weiß, dass Viktoria das nicht einfach so auf sich sitzen lassen wird. Aber weißt du was? Ich auch nicht.
11. Dramatische Auftritte und andere Katastrophen
Es gibt viele Dinge, die ich mir für mein Leben hätte vorstellen können. Eine Karriere als Künstlerin. Eine eigene Wohnung, weit weg von meiner durchgeknallten Familie. Vielleicht sogar ein Roadtrip durch Europa, nur ich und meine Musik. Aber weißt du, was definitiv nicht auf der Liste stand?
Im Mittelpunkt eines königlichen Balls zu stehen, während sich Dutzende von Menschen zu mir umdrehen, als hätte ich soeben verkündet, dass ich ein Alien bin. Doch genau das passiert gerade. Ich habe keine Ahnung, wie es soweit kommen konnte. Vielleicht liegt es an meinen Chucks, die inmitten all der funkelnden Schuhe wirken, als wäre ich versehentlich aus der falschen Dimension hier gelandet. Vielleicht liegt es an Viktoria, die mich inzwischen mit einer Intensität anstarrt, als könne sie mich allein mit Gedankenstrahlen eliminieren. Oder vielleicht liegt es daran, dass ich es irgendwie geschafft habe, mir mein Getränk über das Kleid zu kippen. Ja. Richtig gehört. Während ich versucht habe, mich unauffällig an den Rand der Tanzfläche zu schleichen, ist es passiert: Ein unachtsamer Schritt, ein kleiner Rempler – und zack, mein Champagner ist nicht mehr im Glas, sondern auf meinem Kleid. Und nicht nur ein bisschen. Nein. Ein kompletter Schwall, der sich über den blauen Tüll ergießt, wie ein verdammter Wasserfall der Peinlichkeit. Die Gespräche um mich herum verstummen. Die Musik scheint kurz leiser zu werden. Und ich? Ich starre einfach nur auf den feuchten Fleck, der sich über mein Kleid ausbreitet, während mein Gehirn panisch nach einer Lösung sucht. „Wow.“ Ich blicke auf. Adrian steht vor mir, ein schiefes Grinsen auf den Lippen. „Das ist mal ein Auftritt“, sagt er. „Ach, halt die Klappe.“ Ich ziehe eine Grimasse und versuche, das nasse Stück Stoff von meiner Haut zu lösen. „Das ist doch alles lächerlich.“ Er lehnt sich amüsiert näher. „Soll ich dir ein neues Glas besorgen, damit du den Look vollenden kannst?“ „Oder du könntest mir einfach eine Decke bringen, damit ich mich hier drunter verstecken kann.“ Er lacht leise. „Tut mir leid, die habe ich leider nicht im königlichen Repertoire.“ Ich seufze und werfe einen kurzen Blick auf Viktoria. Sie sieht aus, als hätte sie innerlich bereits drei Nervenzusammenbrüche durchlebt. In ihrer perfekten Welt passieren solche Dinge nicht. Und wenn doch, dann sicher nicht mir – nicht in einer Nacht, in der ich mich ausnahmsweise mal nicht danebenbenehmen sollte.
Tja. Pech gehabt. „Hier“, sagt Adrian plötzlich und reicht mir ein Stofftaschentuch. Ich hebe eine Augenbraue. „Echt jetzt? Wer benutzt heutzutage noch Taschentücher?“
„Gentlemen.“ „Und du?“ „Eher aus nostalgischen Gründen.“ Ich nehme es widerwillig und tupfe den Stoff ab, obwohl ich weiß, dass das sowieso nichts mehr retten wird. „Weißt du“, sagt Adrian nachdenklich, „ich glaube, du hast gerade alle Frauen im Saal auf zwei Arten inspiriert: Die eine Hälfte bewundert deinen Mut, in diesen Schuhen hier aufzutauchen, die andere ist beeindruckt von deiner Fähigkeit, dich selbst innerhalb von Minuten ins Chaos zu stürzen.“ Ich schnaube. „Schön, dass ich die Unterhaltung des Abends bin.“ „Ganz ehrlich?“ Er zwinkert. „Du bist der einzige Grund, warum dieser Abend nicht stinklangweilig ist.“ Ich starre ihn an. Dann schüttele ich den Kopf und lache. „Das kann doch nicht dein Ernst sein.“ „Doch.“ Er sieht sich um. „Hast du dir diese Menschen mal angeschaut? Alle spielen ihre perfekte Rolle, als wäre das hier eine verdammte Oper. Aber du? Du bist die einzige, die einfach nur sie selbst ist.“ Ich sehe ihn einen Moment lang an. Und dann wird mir klar: Er meint es ernst. Adrian, der perfekte Prinz, der Thronfolger, der Kerl, der in einer Welt voller Erwartungen lebt, findet das hier tatsächlich… amüsant. Ich weiß nicht, was mich mehr irritiert – die Tatsache, dass er mich nicht auslacht, oder dass ich plötzlich das Gefühl habe, als wäre ich nicht ganz allein in diesem absurden Spiel. „Na schön“, sage ich schließlich und streiche mir eine Strähne aus dem Gesicht. „Wenn ich schon die Showeinlage des Abends bin, dann sollte ich wenigstens etwas daraus machen, oder?“ Er grinst. „Das klingt vielversprechend.“ Ich strecke ihm die Hand hin. „Tanzen?“ Er blinzelt überrascht. „Ehrlich?“ „Warum nicht?“ Ich zucke die Schultern. „Wenn wir schon in einem Märchen gefangen sind, können wir es genauso gut durchziehen.“ Er mustert mich einen Moment, dann nimmt er meine Hand.
„Na gut, Cinderella in Chucks“, sagt er leise. „Dann lass uns mal für ein bisschen Drama sorgen.“ Und mit diesen Worten zieht er mich auf die Tanzfläche – mitten in den strengen Blick meiner Stiefmutter, mitten in die Erwartungen der Gäste, mitten in das Chaos, das ich nicht geplant habe, aber vielleicht genau das ist, was ich brauche.
12. Der Prinz und das Chaosgirl
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mit einem echten Prinzen auf einer Tanzfläche stehen würde. Und doch passiert genau das. Adrian hält meine Hand, führt mich durch den Raum, als wäre das hier für ihn die normalste Sache der Welt. Wahrscheinlich ist es das auch. Ich meine, der Typ wurde praktisch dazu erzogen, auf Bällen herumzutanzen, während ich mich normalerweise von solchen Veranstaltungen so weit wie möglich fernhalte. Und trotzdem… ist es seltsam angenehm. Ich meine, ja, es gibt diese klassische, überdramatische Musik im Hintergrund, und ja, alle starren uns an, als hätten sie gerade das Finale einer königlichen Dating-Show erreicht. Aber Adrian sieht nicht so aus, als würde ihn das stören. Er wirkt völlig entspannt. „Weißt du, du tanzt gar nicht so schlecht“, sagt er, während er mich geschickt um eine Gruppe neugieriger Zuschauer herumführt.
„Danke, ich hatte genau null Unterricht“, erwidere ich trocken.
„Beeindruckend.“ „Sag das nicht zu laut, sonst erwarten die Leute noch mehr von mir.“ Er lacht leise. „Du hast wirklich ein Talent dafür, Erwartungen zu untergraben.“ „Das ist eine meiner besten Eigenschaften.“ Er zieht mich ein kleines Stück näher, gerade so viel, dass es auffällt, aber nicht zu viel, um unangenehm zu sein. Ich spüre die Blicke auf uns, spüre, wie meine Stiefschwestern wahrscheinlich innerlich explodieren, während Viktoria irgendwo am Rand des Raumes steht und mental eine Liste von Beleidigungen für mich vorbereitet. Ich sollte mich unwohl fühlen. Aber das tue ich nicht. „Du hast mich überrascht, weißt du?“, sagt Adrian nach einer Weile. Ich hebe eine Augenbraue. „Oh? Weil ich dir keinen zweiten Kaffee übergeschüttet habe?“
„Weil du anders bist, als ich erwartet habe.“ Ich schnaube. „Ja, ich bin mir sicher, du hast genau das typische Märchenprinzessinnen-Klischee erwartet, oder? Jemanden, der dir huldigt, dich anhimmelt, dich mit großen Augen ansieht, während du königliche Weisheiten von dir gibst?“
„Ganz ehrlich?“ Er grinst. „Ja, ein bisschen.“ „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen.“ „Ich bin nicht enttäuscht.“ Er mustert mich für einen Moment, und sein Blick ist so offen, so direkt, dass ich mich fast unwohl fühle. „Weißt du, Ella, die meisten Menschen hier… sie sehen mich nicht wirklich.“ Ich runzle die Stirn. „Wie meinst du das?“ „Sie sehen den Prinzen. Den Titel. Die Rolle, die ich spielen muss.“ „Und was bist du dann wirklich?“ Er zuckt mit den Schultern. „Jemand, der gerne mal einen Abend hätte, an dem er nicht das perfekte Bild abgeben muss.“ Ich mustere ihn. Der Typ, der alles zu haben scheint – Reichtum, Einfluss, ein ganzes Königreich in Aussicht – und trotzdem redet er, als würde er sich manchmal am liebsten aus seinem eigenen Leben stehlen. „Tja“, sage ich schließlich, „dann hattest du Glück, dass ich heute beschlossen habe, das komplette Ball-Protokoll zu ruinieren.“ Er lacht. „Definitiv.“ Die Musik verlangsamt sich, der Tanz neigt sich dem Ende zu. Ich sollte jetzt wahrscheinlich einen höflichen Knicks machen, mich bedanken und mich wieder in eine Ecke verziehen. Aber natürlich wäre ich nicht ich, wenn ich es nicht irgendwie schaffe, selbst aus diesem Moment ein Chaos zu machen.
Denn genau in dem Moment, in dem Adrian mich loslässt, um mich elegant zurückzuführen, bleibe ich mit dem Fuß an meinem eigenen Kleid hängen.
Ein Ruck, ein unschönes Geräusch, ein kleines Plopp, und plötzlich bin ich nicht mehr sicher, ob ich gerade die Kontrolle verliere oder einfach vom Boden verschluckt werde. Es passiert in Sekundenbruchteilen: Ich stolpere. Adrian versucht, mich zu fangen. Ich versuche, mich an irgendetwas festzuhalten – was leider bedeutet, dass ich seine Krawatte erwische. Und dann – BAM. Ich lande direkt auf ihm. Er liegt auf dem Rücken, ich halb auf seiner Brust, während der halbe Ballsaal in atemloser Stille auf uns herabblickt. Ich spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt. „Okay“, sage ich nach einer Sekunde, in der ich nur versuche, meine Würde zusammenzukratzen. „Das war nicht geplant.“ Adrian blinzelt mich an. Dann grinst er. „Ich weiß nicht“, murmelt er. „Ich finde, es hat einen gewissen Charme.“ Ich schnaube. „Klar. Ich mache das immer, um Eindruck zu schinden.“ „Hat funktioniert.“ Ich rolle mit den Augen, während er sich aufsetzt und mir hilft, mich wieder zu sortieren. Irgendwo in der Menge höre ich ein unterdrücktes Kichern. Und dann – Applaus. Ja. Die Leute applaudieren.
Wahrscheinlich, weil sie denken, das sei irgendeine ausgeklügelte romantische Szene gewesen. Weil sie sich einbilden, dass ich gerade dabei bin, die Hauptrolle in ihrer königlichen Liebesgeschichte zu übernehmen. Und weißt du was? Lass sie doch. Ich stehe auf, streiche mein Kleid glatt, nehme einen tiefen Atemzug – und dann drehe ich mich um und verbeuge mich vor dem Publikum. Adrian lacht laut, erhebt sich ebenfalls und folgt meinem Beispiel mit einer dramatischen Geste. Ich blinzele zu ihm. „Du hast echt keine Angst vor peinlichen Momenten, oder?“ „Nicht, wenn du dabei bist.“ Seine Worte hängen für einen Moment in der Luft, und ich spüre einen kurzen Stich in meiner Brust. Nicht unangenehm. Aber ungewohnt. Ich sage nichts dazu, sondern schenke ihm nur ein schiefes Grinsen. „Dann mach dich auf noch mehr gefasst, Prinz Charming“, sage ich schließlich. „Ich hoffe es.“ Und als ich mich umdrehe, sehe ich am Rand des Raumes Viktoria stehen. Ihre Lippen sind schmal zusammengepresst, ihre Augen funkeln vor Wut, während meine Stiefschwestern hektisch in ihre Handys tippen. Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes passieren wird. Aber eines weiß ich genau: Dieser Abend ist noch lange nicht vorbei.
12. Sarkasmus ist meine Superkraft
Wenn ich eine Superkraft hätte, dann wäre es nicht die Fähigkeit zu fliegen, durch Wände zu gehen oder Gedanken zu lesen. Nein. Meine Superkraft ist Sarkasmus. Und heute Abend muss ich sie so dringend einsetzen wie noch nie.
Ich wusste ja, dass dieser Ball anstrengend werden würde. Ich wusste, dass ich mit jeder Menge oberflächlicher Menschen konfrontiert sein würde, die sich für wahnsinnig wichtig halten. Aber ich war nicht darauf vorbereitet, in eine Konversation nach der anderen gezogen zu werden, in der mein letzter Funken Verstand auf eine harte Probe gestellt wird. „Oh, Ella, nicht wahr?“ Eine blondgelockte Dame mit einem Kleid, das vermutlich mehr kostet als meine gesamte Existenz, taxiert mich von oben bis unten. „Du bist doch die Schwester von Livia und Sophia?“ Ich setze mein bestes falsches Lächeln auf. „Ja. Überraschung, es gibt noch eine von uns.“ „Ach, wie entzückend.“ Sie kichert in ihr Champagnerglas. „Und… was machst du so?“ „Im Moment? Ich versuche zu überleben.“ Sie blinzelt, unsicher, ob sie lachen soll oder nicht. Ich nehme ihr die Entscheidung ab, indem ich mir einen Schluck von meinem Drink genehmige und mich umdrehe, bevor sie auf die Idee kommt, mir weitere Fragen zu stellen, die mich direkt ins Koma befördern.
Doch kaum habe ich mich umgedreht, steht schon der nächste Kandidat bereit. Ein Typ mit perfekt gegeltem Haar, der so aussieht, als hätte er sein Lächeln in einem Werbespot für Zahnpasta trainiert. „Ah, du bist also die berühmte Ella.“ Ich runzle die Stirn. „Famous last words.“ Er lacht – natürlich einstudiert –, bevor er mir seine Hand hinhält. „Felix. Von der und der Familie.“ Ich schüttele seine Hand, weil es unhöflich wäre, es nicht zu tun. „Ella. Von den Chaosgeschwistern.“ „Ich habe ja gehört, dass du… sagen wir, etwas unkonventionell bist.“ „Unkonventionell ist ein sehr höfliches Wort für das, was meine Stiefmutter über mich sagt.“ Er grinst. „Ich finde es erfrischend. Endlich mal jemand, der sich nicht verstellt.“ Ich mustere ihn. Er sieht ehrlich interessiert aus, aber ich traue diesen Ballgästen nicht über den Weg. Meistens bedeutet „erfrischend“ einfach nur „unterhaltsam für fünf Minuten, bevor ich mich wieder wichtigeren Leuten zuwende“. „Also, Ella, was hältst du von diesem Abend?“ fragt er und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. „Oh, fantastisch. Nichts liebe ich mehr als unbequeme Kleider, aufgesetzte Gespräche und die ständige Angst, dass ich mich auf der Tanzfläche blamiere.“ Er lacht erneut. „Du bist echt nicht wie die anderen hier.“ „Tja, einer muss ja die Statistik sprengen.“ Ich will gerade weiterziehen, als eine weitere Stimme sich einmischt. „Ella, du bist wirklich die Unterhalterin des Abends.“ Ich drehe mich um – und natürlich steht da Adrian. Der Prinz. Der Typ, mit dem ich vor einer Stunde noch auf dem Boden lag. Er grinst mich an, die Art von Grinsen, die sagt: Ich weiß genau, dass du gerade innerlich leidest, aber ich genieße es trotzdem. Felix räuspert sich. „Adrian, alter Freund! Ich wusste gar nicht, dass ihr euch kennt.“ „Oh ja“, sagt Adrian entspannt. „Ella hat mir bereits sehr eindrucksvoll gezeigt, dass sie sich nicht an gesellschaftliche Konventionen hält.“ „Ich nenne es Individualismus“, sage ich trocken.
Felix schmunzelt. „Dann bin ich ja gespannt, was du als Nächstes planst.“
„Vermutlich einen dramatischen Abgang in einer Wolke aus Sarkasmus und genervtem Augenrollen.“ Adrian lacht. „Das würde mich nicht überraschen.“ Ich seufze. „Ich hasse es, vorhersehbar zu sein.“ „Dann überrasche mich.“ Ich schiebe mein Glas in Adrians Hand. „Halte das mal kurz.“ Dann drehe ich mich auf dem Absatz um und marschiere Richtung Buffet – weil, wenn ich diesen Abend schon durchstehen muss, dann wenigstens mit vollem Magen. Während ich mich durch die Reihen von perfekt angerichteten Häppchen schlage, höre ich hinter mir Adrians Stimme. „Weißt du, ich glaube, du bist mein Highlight des Abends.“ Ich drehe mich halb um, hebe eine Augenbraue und grinse. „Dann hast du definitiv zu wenig Spaß in deinem Leben, Prinz Charming.“ Und mit diesen Worten greife ich mir das größte Stück Schokoladentorte, das ich finden kann, und lasse ihn stehen.
13. Mitternacht, Baby!
Ich habe schon einige peinliche Momente in meinem Leben erlebt. Aber die Szene, die sich gerade abspielt, toppt sie alle. Mitternacht.
Der Moment, in dem Märchen ihren Höhepunkt erreichen. Der Moment, in dem magische Verwandlungen enden, Kutschen wieder zu Kürbissen werden und Prinzessinnen panisch davonlaufen. Nun, ich bin definitiv keine Prinzessin. Aber ich laufe trotzdem. Und nicht besonders elegant, falls das irgendjemanden interessiert. Ich stolpere über den Ballsaal, mein Kleid verheddert sich in meinen Beinen, und meine Chucks quietschen auf dem perfekt polierten Marmorboden. Im Hintergrund höre ich noch die Live-Musik, das Gemurmel der Gäste – und eine Stimme, die meinen Namen ruft. „Ella! Warte!“ Ich ignoriere es. Ich habe keine Zeit für königliche Dramen. Mein Herz schlägt wie verrückt, mein Kopf ist ein einziges Chaos. Ich muss hier raus. Jetzt. Wie konnte das nur passieren? Vor fünf Minuten war noch alles in Ordnung – na ja, so in Ordnung, wie es eben sein kann, wenn man als Chaosqueen auf einem Ball voller geschniegelter Adliger festsitzt. Ich hatte mir gerade eine zweite Portion Dessert geholt und wollte mich diskret in eine dunkle Ecke zurückziehen, als plötzlich – BOOM – alles eskalierte. Zunächst einmal hatten meine Stiefschwestern es nicht länger ausgehalten, dass ich die Aufmerksamkeit auf mich zog. Also beschlossen sie, mich öffentlich zu „outen“. „Ach übrigens“, hatte Livia mit ihrem süßlichsten Lächeln verkündet, „wusstet ihr schon, dass unsere kleine Schwester eigentlich nur hier ist, weil sie von unserer Stiefmutter gezwungen wurde?“ „Ja, sie hält ja eigentlich nichts von diesem ganzen Prinzessinnen-Quatsch“, fügte Sophia mit gespielt überraschter Miene hinzu. „Aber irgendwie scheint sie doch ziemlich Gefallen daran zu finden… oder?“ Und dann – als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre – folgte der wahre Höhepunkt des Abends: Adrian. Der verdammte Prinz, der sich scheinbar einen Spaß daraus macht, mein Leben komplizierter zu gestalten, stand plötzlich direkt vor mir. Mit diesem Blick, als würde er mich tatsächlich sehen, und nicht nur das Mädchen in den Chucks, das nicht hierhergehört.
Und dann sagte er es. Laut genug, dass alle es hören konnten. „Ella… bleib doch noch ein bisschen.“ Ich erstarrte.
Es war nicht nur eine Bitte. Es war eine Einladung. Eine öffentliche. Als ob ich eine Wahl hätte. Als ob ich nicht in einem Raum voller Menschen stehen würde, die nur darauf warteten, dass ich mich blamiere. Und genau da wusste ich: Ich muss hier weg. Also rannte ich. Und hier bin ich jetzt. Mitternacht. Auf der Flucht vor einem Märchen, das nicht meins ist. Ich stürme durch die riesige Eingangshalle, vorbei an überraschten Dienern und verdutzten Gästen. Die großen Flügeltüren sind zum Greifen nah – noch ein paar Meter, dann bin ich draußen. Dann – natürlich, weil mein Leben eine einzige Slapstick-Komödie ist – passiert es. Ich stolpere. Über nichts. Über Luft. Über mein eigenes verdammtes Kleid. Und mein rechter Schuh – mein geliebter, treuer, abgetragener Chuck Taylor – verabschiedet sich von meinem Fuß und segelt in einem eleganten Bogen durch die Luft. Mitten in die Hände von Adrian. Perfekt. Ich liege flach auf dem Boden, mein Kleid ist irgendwo hinter mir verrutscht, und ich bin mir zu 99 % sicher, dass mir die halbe Stadt morgen in einer Meme-Compilation begegnen wird. Adrian betrachtet meinen Schuh, dann mich. Sein Blick ist eine Mischung aus Belustigung und echter, unverfälschter Neugier. „Ich glaube, du hast etwas verloren“, sagt er. Ich stöhne. „Lass mich einfach sterben.“ Er lacht. „Oder ich helfe dir auf?“ Er reicht mir eine Hand. Ich blicke darauf, dann auf sein Gesicht.
Und das ist der Moment, in dem ich es wirklich realisiere. Ich könnte bleiben.
Ich könnte ihm meine Hand geben, mich von ihm aufhelfen lassen, vielleicht sogar zurück in diesen verdammten Ballsaal gehen. Aber das bin nicht ich. Ich bin kein Märchen.
Ich bin keine Prinzessin. Ich bin Ella, die Chaosqueen, die sich nicht retten lässt. Also tue ich das Einzige, was mir in den Sinn kommt. Ich springe auf, reiße ihm meinen Schuh aus der Hand und renne weiter. Draußen ist es kalt, aber die frische Luft tut gut. Mein Herz hämmert in meiner Brust, meine Füße schlagen auf das Kopfsteinpflaster, als ich durch den dunklen Hof eile. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Ich weiß nur, dass ich weg muss. Mitternacht. Das Märchen ist vorbei. Und ich bin verdammt noch mal nicht Cinderella.
14. Flucht mit Stil (oder so)
Ich renne. Meine Füße schlagen laut auf das Pflaster, während ich durch den riesigen Innenhof des Schlosses haste, mein Kleid flattert hinter mir her wie die Fahne einer besiegten Armee. Mein Herz hämmert in meiner Brust, und mein einziger Gedanke ist: Weg. Weg hier, bevor noch irgendwas Schlimmeres passiert. Hinten im Ballsaal herrscht wahrscheinlich das absolute Chaos. Ich kann mir die Schlagzeilen morgen schon vorstellen:
“Geheimnisvolle Chaos-Prinzessin stürzt sich aus königlichem Ball!”
“Wer ist das Mädchen in Chucks und warum rennt sie weg?”
“Fashion-Skandal! Tüll trifft auf Turnschuhe – ist das das Ende der Mode?”
Okay, das letzte ist vielleicht etwas übertrieben, aber angesichts der Reaktionen auf meine Schuhwahl wäre es nicht ganz ausgeschlossen. Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter – keine Verfolger in Sicht. Gut. Ich brauche einen Plan. Erste Option: In einer dunklen Ecke des Schlosses verschwinden, mich in einen Vorhang wickeln und hoffen, dass mich niemand findet. Zweite Option: Ein Taxi rufen und mit dem letzten Rest meines Bargelds so weit wegfahren, wie es reicht. Dritte Option: Einfach weiter rennen, bis ich aus diesem verdammten Kleid falle. Ich entscheide mich für eine Kombination aus zwei und drei. Gerade als ich einen schmalen Seitenausgang erreiche, höre ich hinter mir eine Stimme. „Ella!“ Oh nein. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wem diese Stimme gehört. Ich habe sie heute Abend oft genug gehört. Adrian. Der Prinz. Der Typ, der mir immer dann über den Weg läuft, wenn ich es am wenigsten brauche. Ich beschleunige meinen Schritt. Vielleicht gibt er ja auf, wenn er merkt, dass ich nicht vorhabe, stehen zu bleiben. „Ella, ernsthaft?“ Seine Stimme klingt amüsiert. „Du kannst doch nicht einfach mitten in der Nacht barfuß durch den Hof rennen.“ Ich bleibe abrupt stehen, drehe mich um und stemme die Hände in die Hüften. „Erstens“, sage ich und deute auf meine Füße, „ich bin nicht barfuß. Ich habe noch einen Schuh an.“ Adrian hebt meinen zweiten, verlorenen Chuck, den er immer noch in der Hand hält. „Und das hier?“ Ich schnippe mit den Fingern. „Beweismaterial. Behalte ihn als Erinnerung.“ Er schüttelt lachend den Kopf und kommt ein paar Schritte näher. „Weißt du, es gibt Leute, die würden das hier als ein Zeichen sehen“, sagt er. Ich blinzele. „Ein Zeichen wofür?“ „Na ja… Mädchen verliert Schuh, Junge findet Schuh. Klassische Märchenlogik.“ Ich lache trocken. „Hör zu, Prinz Charming. Nur weil das in irgendeinem veralteten Märchen funktioniert, heißt das nicht, dass es hier genauso läuft.“ Er grinst. „Also willst du nicht, dass ich dich finde und mit dir eine kitschige Romanze beginne?“ „Korrekt. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Kerl mit einem Schuhfetisch, der mir nachrennt.“ Adrian hebt eine Augenbraue. „Und was brauchst du dann?“ Ich öffne den Mund – und schließe ihn wieder.
Gute Frage. Ich weiß nur, dass ich nicht hier sein will. Nicht in dieser Welt aus Glitzer, Regeln und lächerlichen Erwartungen. „Ich brauche einfach…“ Ich deute in die dunkle Nacht hinaus. „Freiheit.“ Für einen Moment sieht er mich nur an. Dann seufzt er und reicht mir meinen Schuh. „Dann solltest du wohl gehen.“
Ich blinzele überrascht. „Einfach so?“
„Na ja, es wäre ja unhöflich, dich gefangen zu halten.“ Ich nehme meinen Schuh, ziehe ihn an und richte mich auf. „Ich wusste gar nicht, dass Prinzen so locker mit rebellischen Mädchen umgehen.“ Er grinst. „Tja, vielleicht bin ich kein typischer Prinz.“
Ich schüttle den Kopf. „Definitiv nicht.“ Stille. Nur das entfernte Geräusch von Musik aus dem Ballsaal.
Dann sage ich leise: „Danke.“ Adrian hebt eine Augenbraue. „Wofür?“ „Dafür, dass du mich nicht aufhältst.“ Er lächelt schief. „Vielleicht hoffe ich einfach, dass du irgendwann von selbst zurückkommst.“ Ich rolle mit den Augen. „Sehr clever formuliert.“ Er lacht. „Ich versuche es wenigstens.“ Ich ziehe meine Jacke enger um mich, werfe ihm noch einen letzten Blick zu – dann drehe ich mich um und laufe los. Weg von den Kronleuchtern. Weg von den Ballkleidern. Weg von einer Welt, die nicht meine ist. Flucht mit Stil? Nicht wirklich. Aber hey – immerhin mit beiden Schuhen.
15. Das große Rätselraten
Es gibt viele Möglichkeiten, einen Tag zu beginnen. Manche Menschen stehen auf, machen Yoga und trinken frisch gepressten Orangensaft. Andere kuscheln sich noch einmal in die Decke und drücken die Snooze-Taste mindestens fünfmal. Ich hingegen wache auf, weil mein Handy durchdreht. Es vibriert, pingt, klingelt – eine absolute Kakophonie aus Benachrichtigungen, die mich direkt aus meinen Träumen reißt. Mit einem Stöhnen taste ich nach dem Gerät, blinzele gegen das grelle Licht und sehe auf den Bildschirm. 82 neue Nachrichten. „Was zur Hölle…?“ murmele ich und entsperre mein Handy. Der erste Name, der mir entgegenleuchtet, ist Sophia. Sophia: Bist du IRRE??? Okay. Keine Begrüßung. Kein „Guten Morgen, liebe Schwester“. Einfach direkt eine aggressive SMS. Ich scrolle weiter. Livia: Ella, ruf mich SOFORT an!!!
Unbekannte Nummer: Bist DU das auf den Fotos mit dem Prinzen? OMG!
Ich runzle die Stirn und öffne Instagram. Und dann wird mir alles klar. Mein Gesicht. Überall. Ich. Mit Adrian. Ich. In meinen Chucks. Ich. Auf der Tanzfläche. Ich. Am Boden mit dem Prinzen. Ich. Inmitten eines verdammten Märchens, das ich nie bestellt habe. Die Schlagzeilen sind genauso schlimm, wie ich befürchtet habe.
„Das geheimnisvolle Mädchen in Chucks – wer ist sie wirklich?“
„Cinderella 2.0? Prinz Adrian tanzt mit mysteriöser Fremden“
„Vergesst die Stiefschwestern – diese Chaos-Queen hat alle Blicke auf sich gezogen!“
Ich lasse mein Handy sinken und schließe die Augen. Tief durchatmen. Keine Panik. Vielleicht wird das nicht so schlimm. Vielleicht interessiert das in ein paar Stunden niemanden mehr.
Dann vibriert mein Handy erneut. Diesmal ist es Viktoria. Viktoria: Wir müssen reden. Sofort. Natürlich müssen wir das. Ich wälze mich aus dem Bett, schlüpfe in meine treuen Chucks – ja, DIE Chucks, die jetzt anscheinend legendär sind – und schlurfe nach unten. Im Wohnzimmer sitzen bereits meine Stiefmutter und meine Stiefschwestern, beide mit finsteren Mienen und einer Energie, die mich an eine Gerichtsverhandlung erinnert. „Setz dich“, befiehlt Viktoria.
„Guten Morgen auch“, murmele ich und lasse mich in einen Sessel fallen.
Livia verschränkt die Arme. „Ella. Was. Hast. Du. Getan?“ „Gute Frage.“ Ich reibe mir die Augen. „Was genau ist das Problem?“ Sophia fuchtelt mit ihrem Handy herum. „Das Problem? DU bist das Problem! Du bist überall in den Medien! Die Leute reden mehr über dich als über uns!“ „Okay, und…?“ Livia fängt an zu hyperventilieren. „Und? UND?! Wir haben JAHRE damit verbracht, uns einen Namen zu machen! Wir haben auf unser Image geachtet, unsere Social-Media-Strategie perfektioniert – und dann kommst DU und ruinierst ALLES!“ Ich blicke zwischen den beiden hin und her. „Wartet mal. Lasst mich das richtig verstehen: Ihr seid nicht sauer, weil ich in den Schlagzeilen bin. Ihr seid sauer, weil IHR nicht in den Schlagzeilen seid?“ Sophia zieht die Nase kraus. „Natürlich sind wir sauer! Du warst nie Teil unseres Plans!“ „Oh nein, wie schrecklich für euch“, sage ich trocken. „Mein Beileid.“ Viktoria räuspert sich. „Ella, ich werde es mal einfach für dich formulieren: Das hier ist ein Problem. Ein großes Problem.“ „Nur für euch.“
„Nein“, sagt sie scharf. „Auch für dich. Du hast keine Ahnung, was du da angestellt hast.“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nur getanzt habe und dann sehr, sehr ungeschickt über meinen eigenen Fuß gefallen bin.“ „Mit dem PRINZEN!“ Sophia fuchtelt erneut mit ihrem Handy. „Die Leute spekulieren, ob ihr ein Paar seid!“ Ich reiße die Augen auf. „Was?!“
Livia nickt heftig. „Ja! Alle fragen sich, wer du bist! Woher du kommst! Ob du seine heimliche Freundin bist! Es gibt sogar eine Theorie, dass du eigentlich eine Adlige bist, die sich undercover als Rebellin ausgibt!“ Ich starre sie an. „Okay, das ist… kreativ.“ Viktoria massiert sich die Schläfen. „Ella, wir müssen das kontrollieren, bevor es außer Kontrolle gerät.“ „Zu spät“, murmele ich. Sie ignoriert mich. „Wir müssen deine Geschichte anpassen. Dich neu verpacken. Wenn du klug bist, nutzt du das zu deinem Vorteil.“
Ich blicke sie fassungslos an. „Warte. Willst du mir gerade ernsthaft sagen, dass ich diesen Wahnsinn ausnutzen soll?“ „Natürlich!“ Viktoria lehnt sich vor. „Das hier ist eine Chance, Ella! Die Welt interessiert sich für dich – also gib ihnen, was sie wollen!“ Ich kann nicht glauben, was ich da höre.„Ihr habt doch alle den Verstand verloren“, sage ich langsam. „Das hier ist kein Film. Ich will kein Star werden. Ich will nicht die nächste Royal-Romance-Sensation sein.“ „Dann hättest du nicht mit dem Prinzen tanzen sollen“, zischt Sophia. Ich knurre frustriert. „Ich wusste ja nicht, dass das meine Eintrittskarte in eine Reality-Show ist!“ Viktoria hebt eine Augenbraue. „Dann solltest du lernen, schlauer zu sein.“ Ich presse die Lippen zusammen. Natürlich sieht sie das so. Für sie ist das alles nur ein Spiel. Image. Einfluss. Macht. Sie kann nicht verstehen, dass ich einfach nur… ich sein will. Ich stehe auf. „Wisst ihr was? Macht, was ihr wollt. Aber lasst mich da raus.“ Livia fängt an zu protestieren, aber Viktoria hebt eine Hand. „Ella, denk gut nach. Wenn du das jetzt ablehnst, könnte das deine einzige Chance sein.“ Ich blicke ihr direkt in die Augen. „Gut.“ Ich hebe mein Kinn. „Dann verzichte ich dankend.“ Und mit diesen Worten drehe ich mich um und verlasse den Raum. Mein Kopf dröhnt. Ich schnappe mir meine Jacke, steige auf mein altes Fahrrad und fahre los, einfach nur weg. Wohin? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich nicht Teil von Viktorias Spiel sein werde.
Nicht jetzt. Nicht jemals.
16. Plötzlich ein Social-Media-Star
Ich habe das Internet unterschätzt.
Wirklich. Ich dachte, wenn man einen dramatischen Abgang von einem königlichen Ball hinlegt, dann sorgt das vielleicht für ein paar neugierige Blicke, ein paar peinliche Kommentare in irgendwelchen Gruppen – und dann geht die Welt einfach weiter. Aber nein. Ich war naiv. Denn das Internet vergisst nichts. Und vor allem liebt es Chaos. Mein Chaos. „Ella, DU BIST TRENDING!“ Livia steht mitten in meinem Zimmer, wedelt mit ihrem Handy und sieht aus, als hätte sie gerade eine Oscar-Nominierung erhalten. Ich blinzele sie an. „Was?“ „Schau!“ Sie hält mir ihr Handy vors Gesicht, und ich brauche eine Sekunde, um mich an den Anblick zu gewöhnen. Mein Name. Mein Gesicht. Überall.
„Cinderella in Chucks – die rebellische Ballkönigin!“
„Wer ist die mysteriöse Unbekannte, die den Prinzen verzaubert hat?“
„Fashion-Fail oder Statement? Das Internet diskutiert über DIE Schuhe des Abends!“
Ich starre auf die Schlagzeilen, scrolle durch unzählige Bilder und Videos von mir – einige von der Tanzfläche, andere von meinem absolut grandiosen Sturz. Und dann gibt es die Memes. Ja.
Die verdammten Memes. Ein Bild von mir, wie ich auf dem Boden liege, mit der Bildunterschrift:
„Wenn du versuchst, elegant zu sein, aber das Leben andere Pläne hat.“
Ein anderes zeigt mich in meinen Chucks neben all den hochhackigen Designerschuhen mit dem Titel:
„Wenn dein inneres Ich rebelliert.“
Und dann das Schlimmste: Ein Video von mir und Adrian auf der Tanzfläche, Zeitlupe, dramatische Musik, irgendein romantisches Zitat aus einem kitschigen Film. „NEIN.“ Ich lasse das Handy sinken. „Nein, nein, nein. Das ist nicht real.“ „Oh, es ist sehr real!“ Sophia steht in der Tür, ihr eigenes Handy in der Hand. „Du hast eine halbe Million neue Follower. Die Leute wollen MEHR!“ „Mehr WOVON?!“ Ich reiße die Arme in die Luft. „Ich habe absolut nichts getan!“
„Und genau das ist es! Du bist echt! Authentisch! Die Leute LIEBEN das!“ Livia setzt sich neben mich aufs Bett. „Das hier ist deine Chance, Ella! Du könntest richtig durchstarten!“ Ich starre sie an. „Durchstarten? Als WAS? Als unfreiwilliges Meme?“ „Nein! Als… als Influencerin! Oder als It-Girl! Oder einfach als die coole, unperfekte Cinderella!“ „Ich will aber gar keine Cinderella sein!“ Sophia seufzt dramatisch. „Ella, du checkst es nicht. Du KANNST nicht mehr nicht berühmt sein. Das hier ist größer als du.“ Ich schüttele den Kopf. „Ich will das nicht. Ich will mein altes Leben zurück.“ „Tja, zu spät.“ Livia zeigt mir einen weiteren Artikel. „Guck mal. Selbst die Klatschblätter fragen sich, was dein nächster Schritt ist.“ „Mein nächster Schritt?“ Ich reibe mir die Schläfen. „Ich dachte, die interessiert nur, welche Farbe mein Kleid hatte und ob ich mir den Knöchel verstaucht habe.“ „Oh, das auch“, sagt Sophia. „Aber hauptsächlich fragen sie sich, ob du und Adrian… na ja, du weißt schon.“ Ich reiße den Kopf hoch. „WAS?“ Livia kichert. „Na ja, ihr habt getanzt. Du bist spektakulär gestürzt. Er hat dich angesehen, als wärst du das Aufregendste, was ihm je passiert ist.“ „Das war Mitleid!“ rufe ich. „Oder Liebe.“ „HÖR AUF, Livia.“ Aber sie hält mir ihr Handy wieder hin. Ein Artikel von irgendeinem königlichen Gossip-Blog.
„Hat Prinz Adrian seine perfekte Partnerin gefunden?“
Ich lasse mich rückwärts auf mein Bett fallen. „Das ist ein Albtraum.“ „Nein, das ist GENIAL!“ Sophia strahlt. „Denk doch mal nach! Wenn du das richtig spielst, könntest du ALLES haben. Ruhm, Geld, vielleicht sogar eine richtige Beziehung mit dem Prinzen!“ „Ich will aber keins davon!“ Ich greife nach meinem Kissen und drücke es mir ins Gesicht. „Ich will einfach nur meine Ruhe!“ Livia lacht. „Tja, Pech gehabt. Du bist jetzt offiziell eine Berühmtheit.“ Ich seufze. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Wahnsinn rauskommen soll. Aber eines ist sicher: Das hier wird nicht einfach verschwinden.
17. Kaffee, Klatsch und Katastrophen
Es gibt nur eine einzige Sache, die mich in Zeiten der Krise zuverlässig auf Kurs hält: Kaffee. Und da mein Leben gerade eine sich rasant entwickelnde Reality-Show ist, brauche ich sehr, sehr viel davon. Also sitze ich jetzt in meinem kleinen Lieblingscafé, eingeklemmt zwischen einer Gruppe von Rentnern, die sich über die steigenden Brotkosten beschweren, und einem Hipster-Typen, der seinen Cold Brew mit einer derart ernsten Miene trinkt, als würde er einen seltenen Jahrgangswein verkosten. Perfektes Chaos. Genau mein Ding. Ich habe mich extra in eine Ecke gesetzt, Kapuze tief ins Gesicht gezogen, um nicht erkannt zu werden. Ich meine, bis vor zwei Tagen hätte mich in diesem Café keine Menschenseele beachtet – ich war einfach nur eine weitere chronisch müde Studentin, die mit Koffein ihren Überlebenskampf führt. Jetzt? Jetzt bin ich anscheinend ein Social-Media-Phänomen. Mein Handy liegt vor mir auf dem Tisch und vibriert ununterbrochen. Nachrichten, Erwähnungen, Follower-Anfragen – als hätte die ganze Welt plötzlich beschlossen, sich für mich zu interessieren. Ich starre mein Handy an, als wäre es ein lebendiges Wesen. Vielleicht, wenn ich es lange genug ignoriere, hört es auf. Vielleicht löst sich diese ganze absurde Situation einfach in Luft auf. „Ella?“ Ich zucke zusammen und blicke hoch. Oh. Großartig. Natürlich steht ausgerechnet Adrian vor mir. Perfekt gestylt, als hätte er gerade einen royalen Werbespot für Designer-Anzüge verlassen. Und trotzdem sieht er nicht aus wie der aalglatte, unnahbare Prinz, den man aus Magazinen kennt – nein, er sieht… müde aus. Und ein bisschen amüsiert.
„Verfolgst du mich?“ frage ich, während ich meine Kaffeetasse schützend umklammere. Er setzt sich einfach ungefragt mir gegenüber und bestellt mit einer beiläufigen Handbewegung einen Espresso. „Eigentlich wollte ich nur irgendwo in Ruhe Kaffee trinken. Ich wusste nicht, dass das hier deine geheime Festung ist.“ Ich seufze. „Tja, willkommen in meiner Burg aus Koffein und Verleugnung.“ Er lehnt sich zurück und mustert mich. „Also? Wie läuft’s im Leben als virale Sensation?“ Ich grummele etwas Unverständliches und nehme einen großen Schluck Kaffee. „Das ist der absolute Horror.“ Er lacht. „Oh ja? Ich dachte, du genießt es, die ganze Welt mit deinen Chucks herauszufordern.“ „Das war keine Herausforderung. Das war einfach Bequemlichkeit.“ „Und trotzdem reden jetzt alle über dich.“ Ich stöhne. „Sag mir bitte, dass dieser Wahnsinn bald vorbei ist.“ Er hebt eine Augenbraue. „Ella, du hast dich auf einem königlichen Ball in Chucks präsentiert, den Prinzen halb zu Boden gerissen und bist dann filmreif verschwunden. Das wird nicht so schnell vergessen.“ Ich lasse meinen Kopf auf die Tischplatte sinken. „Töte mich einfach. Bitte.“ „Tut mir leid, aber ich glaube, ich brauche dich noch für ein paar Schlagzeilen.“ Ich blicke ihn mürrisch an. „Sehr witzig.“ Er schmunzelt, nimmt seinen Espresso entgegen und trinkt einen Schluck. „Also gut. Was ist dein Plan?“ Ich blinzle. „Mein… Plan?“ „Ja. Willst du das einfach aussitzen? Dich für immer verstecken? Oder die Sache aktiv nutzen?“ Ich schnaube. „Oh klar, ich könnte Merchandise rausbringen. ‘Team Chucks’ oder ‘Ich bin auf einem Ball gestolpert und alles, was ich bekam, war dieser blöde Hoodie’.“ Adrian lacht laut. „Ich wette, das würde sich verkaufen.“ „Bitte gib Livia keine Ideen.“ Er grinst und stellt seine Tasse ab. „Weißt du, die meisten Leute würden töten für so einen Moment. Du bist über Nacht berühmt geworden.“ Ich verdrehe die Augen. „Ja, genau das wollte ich immer: die nächste Meme-Königin werden.“ „Es könnte schlimmer sein.“ „Ach ja? Wie denn?“ Er lehnt sich vor. „Du könntest tatsächlich in dieser Welt leben müssen. Jeden Tag. Mit Kameras, Erwartungen, Regeln. Und du könntest nicht einfach weglaufen, wenn es dir zu viel wird.“ Ich halte inne. Ich sehe ihn an – richtig an – und plötzlich verstehe ich, was er meint. Für mich ist das hier eine kurzfristige Katastrophe. Ein Moment, der hoffentlich irgendwann vorbeigeht. Für ihn? Das ist sein Leben. Jeden verdammten Tag. Ich schlucke. „Das klingt… anstrengend.“ Er zuckt mit den Schultern. „Man gewöhnt sich daran.“ Ich runzle die Stirn. „Echt jetzt?“ Ein Schatten huscht über sein Gesicht. „Nein.“ Für einen Moment ist da Stille. Dann lehnt er sich wieder zurück und lächelt schief. „Aber hey – wenigstens haben wir guten Kaffee.“ Ich seufze. „Okay, Punkt für dich.“ Er hebt seine Tasse. „Auf Kaffee und Katastrophen.“ Ich hebe meine ebenfalls. „Und auf unerwartete Schlagzeilen.“ Unsere Tassen klirren leise aneinander, und zum ersten Mal seit diesem ganzen Wahnsinn fühlt sich alles nicht mehr ganz so schlimm an. Vielleicht, nur vielleicht, überlebe ich das doch irgendwie.
18. Schuhe sagen mehr als Worte
Ich dachte immer, dass Schuhe einfach nur Schuhe sind. Etwas, das man trägt, um nicht barfuß durch die Welt zu laufen. Etwas, das bequem sein sollte, weil das Leben schon anstrengend genug ist. Aber in den letzten Tagen habe ich gelernt, dass Schuhe anscheinend eine tiefere Bedeutung haben. Zumindest für den Rest der Welt. Denn während ich versuche, mein Leben wieder auf Normalmodus zu stellen, scheint das Internet beschlossen zu haben, dass meine Chucks eine Art symbolischer Akt waren. Ein stiller Protest gegen das System. Ein rebellisches Statement gegen die veralteten Normen der High Society. Ein moderner Mittelfinger an die klassische Märchenlogik. Oder – und das wäre die Wahrheit – einfach nur die bequemste Wahl, weil ich High Heels hasse. „Ella, du musst dir das ansehen!“ Livia stürmt in mein Zimmer, ihr Handy wie eine heilige Schrift vor sich haltend. Ich seufze. „Livia, wenn das noch ein Artikel über meine Schuhwahl ist, kannst du es dir sparen.“ „Doch! Lies das! Das ist wichtig!“ Sie wirft sich neben mich auf mein Bett und hält mir das Display vor die Nase. Ich blinzele, bis sich die Worte vor meinen müden Augen scharfstellen.
„Chucks als Statement: Hat Ella das royale System herausgefordert?“
Ich lasse das Handy sinken. „Das ist doch nicht euer Ernst.“ „Doch! Die Leute lieben es! Sie sagen, du wärst eine Inspiration!“ Ich reibe mir die Schläfen. „Inspiration wofür? Wie man bei offiziellen Anlässen unangemessen gekleidet ist?“ „Nein! Für Individualität! Für Authentizität!“ Livia ist völlig aus dem Häuschen. „Hashtag #ChucksRevolution trendet gerade! Du bist offiziell ein Symbol für moderne Rebellion!“ Ich starre sie an. „Ich bin ein Symbol für Blasenfreiheit an den Füßen.“ Aber natürlich hört sie nicht auf mich. Sie scrollt weiter durch die Nachrichten und zeigt mir ein weiteres Highlight des Tages.
„Prinz Adrian äußert sich zu Ella und ihren ikonischen Schuhen.“
Ich blinzele. „WAS?“ Ich schnappe mir ihr Handy und klicke auf das Interview-Video. Da sitzt Adrian – natürlich völlig gelassen, völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass wir anscheinend immer noch Gesprächsthema Nummer eins sind.
„Was denken Sie über Ella und ihre Schuhwahl beim Ball?“, fragt ein Reporter. Adrian lehnt sich zurück, grinst leicht und antwortet: „Ich denke, dass Schuhe mehr über eine Person aussagen als Worte. Und Ellas Chucks haben mir alles gesagt, was ich wissen muss.“ Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden. Livia kreischt. „OH MEIN GOTT! Er hat dich gerade offiziell zur coolsten Person der High Society erklärt!“ Ich drücke ihr das Handy zurück in die Hand und stehe auf. „Das ist nicht real. Das ist alles ein verdammter Albtraum.“„Ein sehr glamouröser Albtraum!“ Ich laufe im Zimmer auf und ab. „Ich wollte doch nur, dass mich niemand bemerkt! Ich wollte einfach nur da sein, die Nacht überstehen und dann wieder in mein normales Leben zurückkehren!“
„Ja, das hat hervorragend funktioniert.“ Ich starre sie an. „Was soll ich jetzt tun?“ Livia grinst. „Ganz einfach: Du musst ihn treffen.“ Ich blinzele. „WEN?“ „Adrian, natürlich! Die Welt wartet darauf, was als Nächstes passiert! Und du kannst nicht einfach so aus der Geschichte verschwinden!“ Ich reiße die Arme hoch. „Ich wusste nicht mal, dass ich in einer Geschichte stecke!“ Livia hält ihr Handy hoch. „Das hier beweist das Gegenteil.“ Ich lasse mich mit einem Stöhnen auf mein Bett fallen. Schuhe sagen mehr als Worte? Dann hätten meine Chucks bitte mal sagen können, dass ich KEINE Lust auf königlichen Trubel habe.
19. Game Over?
Es gibt Momente im Leben, in denen man einfach weiß: Jetzt ist es vorbei.
So wie wenn man bei einem Videospiel die falsche Entscheidung trifft, der Bildschirm schwarz wird und in großen, gnadenlosen Buchstaben „GAME OVER“ aufleuchtet. Genau so fühlt sich das hier an. Ich sitze auf meinem Bett, mein Handy in der Hand, und scrolle durch einen endlosen Strom aus Nachrichten, Artikeln und Kommentaren. Egal, wie oft ich blinzele, es ändert sich nichts. Ich bin immer noch das Hauptthema der Woche. Es ist egal, was ich tue. Egal, ob ich versuche, das alles zu ignorieren oder mich zu verstecken – ich komme aus diesem Chaos nicht mehr raus. Und als ob das nicht schon genug wäre, steht Viktoria plötzlich in der Tür. „Ella“, sagt sie mit dieser eisigen Ruhe, die mich sofort alarmiert. Ich hebe den Kopf. „Ja?“ Sie tritt ins Zimmer, verschränkt die Arme vor der Brust und mustert mich mit einem Blick, der nichts Gutes verheißt. „Ich habe mich mit einigen Leuten beraten.“ Ich setze mich auf. „Beraten? Über was?“ „Über dich.“ Mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Oh wow, ich fühle mich direkt geschmeichelt.“ Sie ignoriert meinen Sarkasmus. „Ich hoffe, dir ist klar, dass du inzwischen eine öffentliche Person bist. Das bedeutet, dass dein Verhalten nicht nur dich betrifft, sondern auch uns. Deine Schwestern. Und mich.“ Ich lehne mich zurück. „Aha. Und das ist jetzt mein Problem, weil…?“ Viktoria hebt eine Augenbraue. „Weil du unsere Familie repräsentierst. Und weil wir einen Weg finden müssen, diesen plötzlichen Ruhm zu nutzen, anstatt ihn zu einem Skandal werden zu lassen.“ „Oh nein.“ Ich schüttle den Kopf. „Kommt nicht in Frage.“ „Ella.“ Sie seufzt, als würde sie mit einem trotzigen Kind sprechen. „Du kannst das nicht einfach ignorieren. Die Presse will eine Geschichte. Und wenn wir sie ihnen nicht geben, dann werden sie sich eine eigene ausdenken.“ „Dann lass sie doch.“ Ich verschränke die Arme. „Was interessiert mich, was irgendwelche Klatschblätter schreiben?“ „Vielleicht interessiert es dich nicht“, sagt sie kühl. „Aber Adrian schon.“ Ich erstarre. „Was soll das heißen?“ frage ich langsam. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, tippt ein paar Mal darauf herum und reicht es mir dann. Ich blicke auf den Bildschirm – und mir bleibt fast die Luft weg.
„Königshaus besorgt über Prinz Adrians neue Bekanntschaft – ist Ella eine Gefahr für sein Image?“
Mein Magen zieht sich zusammen. Ich öffne den Artikel und überfliege die Zeilen. Es ist genau die Art von Mist, die ich befürchtet habe: Spekulationen darüber, ob ich „würdig“ genug bin, ob ich nur auf Aufmerksamkeit aus bin, ob meine Chucks irgendein respektloses Statement gegen die Monarchie waren. Und dann der schlimmste Satz von allen:
„Quellen aus dem Umfeld des Palastes berichten, dass Adrian bereits unter Druck gesetzt wird, sich von ihr zu distanzieren.“
Ich spüre, wie mein Herz ein kleines bisschen langsamer schlägt. „Das ist nicht wahr“, murmele ich. „Bist du dir da sicher?“ Viktorias Stimme ist so kühl wie immer. „Es wäre nicht das erste Mal, dass das Königshaus sich gegen eine Person stellt, die nicht ins Bild passt.“ Ich schüttle den Kopf. „Aber Adrian ist nicht so. Er würde nicht—“ „Du glaubst wirklich, dass er die Kontrolle über alles hat?“ Viktoria hebt eine Augenbraue. „Er ist vielleicht ein Prinz, aber er ist nicht allmächtig. Es gibt Regeln. Erwartungen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass er gegen seine eigene Familie kämpfen würde, nur um dich zu beschützen?“
Ich schlucke. „Hör auf, so zu tun, als wäre das hier ein Spiel“, sagt sie leise. „Du bist nicht die Hauptfigur in einem romantischen Märchen. Du bist ein Mädchen, das durch einen Zufall ins Rampenlicht geraten ist. Und wenn du jetzt nicht klug handelst, dann könnte das alles sehr schnell gegen dich verwendet werden.“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Zum ersten Mal seit diesem ganzen Wahnsinn habe ich das Gefühl, dass ich die Kontrolle komplett verloren habe. „Also, was schlägst du vor?“ frage ich schließlich. Viktoria lächelt – und es ist das Lächeln einer Frau, die genau weiß, dass sie gewonnen hat. „Du wirst dich öffentlich äußern“, sagt sie. „Du wirst klarstellen, dass du keinerlei romantisches Interesse an Adrian hast. Dass du die ganze Sache nicht ernst nimmst. Und dann… dann gehst du zurück in dein normales Leben.“ Mein normal… was? Ich lache trocken. „Du glaubst also, wenn ich das einfach sage, dann hört dieser Wahnsinn auf?“ „Vielleicht nicht sofort“, gibt sie zu. „Aber es wäre ein erster Schritt. Und es würde Adrian helfen, aus der Schusslinie zu kommen.“ Adrian. Der Typ, der mich so angesehen hat, als wäre ich mehr als nur eine Schlagzeile. Der Typ, der mich verteidigt hat, als alle anderen mich bereits verurteilt hatten. Und jetzt soll ich ihn einfach… aufgeben? Ich sehe Viktoria an. „Und wenn ich das nicht tue?“ „Dann wird die Presse weitergraben“, sagt sie ruhig. „Sie werden alles über dich auspacken. Jede Schwäche, jeden Fehler, jede kleine Peinlichkeit. Und du wirst allein damit klarkommen müssen.“ Ich presse die Lippen zusammen. Game Over. Ich weiß, dass ich diese Partie nicht gewinnen kann. Aber verdammt, ich hasse es zu verlieren.
20. Plan B oder C oder F?
Ich war nie jemand, der sein Leben durchgeplant hat. Andere Leute hatten mit zehn schon eine Karrierevision, mit sechzehn einen Fünfjahresplan und mit zwanzig eine detaillierte Liste an Lebenszielen. Ich hingegen? Ich hatte immer nur eine Regel: Überleben und irgendwie durchkommen. Tja. Hat ja bisher fantastisch funktioniert.
Denn jetzt sitze ich hier, starre auf mein Handy und versuche, einen Weg aus diesem kompletten Wahnsinn zu finden. Plan A wäre gewesen, einfach nie auf diesem Ball zu erscheinen. Aber wir wissen alle, wie gut das geklappt hat. Plan B? Abtauchen, ignorieren, hoffen, dass sich der ganze Hype von selbst erledigt. Das Problem: Das Internet hat sich auf mich gestürzt wie eine Gruppe hungriger Möwen auf eine einzige Pommes. Plan C? Alles aufklären. Ein nettes Statement abgeben, in dem ich sage, dass ich keinesfalls Teil eines royalen Dramas sein will und dass meine Schuhwahl keinerlei versteckte politische Botschaft hatte. Aber dann? Werde ich einfach aus der Geschichte verschwinden? Die Welt wird vergessen, wer ich bin – aber will ich das überhaupt? Ich lasse mein Handy sinken und reibe mir die Schläfen. Ich brauche einen Plan. Irgendeinen. Gerade als ich darüber nachdenke, einfach in die Berge zu ziehen und als Einsiedlerin zu leben, klopft es an mein Fenster. Ich zucke zusammen. Okay. Das war jetzt nicht das Klopfen an der Haustür. Das war MEIN FENSTER.
Ich drehe mich langsam um – und natürlich. Natürlich ist es Adrian. Er steht draußen, in einer schwarzen Jacke, die Hände in den Taschen vergraben, und sieht mich an, als wäre das hier eine völlig normale Art, jemanden zu besuchen. Ich schiebe das Fenster auf. „Weißt du, du hast eine Vorliebe für dramatische Auftritte.“ Er grinst. „Und du für dramatische Abgänge.“ Ich seufze. „Was willst du?“
„Mit dir reden.“ „Und das ging nicht auf normalem Weg?“ „Ich dachte, das hier wäre effektiver.“ Er hat nicht ganz Unrecht. Ich werfe einen Blick über meine Schulter – Viktoria und meine Stiefschwestern sind nicht in Sicht. Dann schlüpfe ich aus dem Fenster und lande mit einem leisen Plopp auf dem Rasen. „Also?“ Ich verschränke die Arme. „Warum bist du hier?“ Adrian sieht mich an, und für einen Moment ist da keine Ironie, kein Grinsen – nur Ernst. „Weil ich wissen will, was du vorhast.“ Ich blinzle. „Was ich… was?“ „Viktoria hat mir gesagt, dass du eine Erklärung abgeben wirst.“
Ah. Natürlich hat sie das. Ich schnaube. „Hat sie das wirklich? Und was genau habe ich angeblich gesagt?“
„Dass du das Ganze nicht ernst nimmst. Dass du dich distanzieren wirst.“ Ich beiße mir auf die Lippe. „Und was hältst du davon?“ Er mustert mich einen Moment, dann seufzt er. „Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Ich meine, du bist aus einem Ballsaal geflüchtet. Barfuß.“ „Ich hatte noch einen Schuh an!“ protestiere ich automatisch. Er lacht leise. „Trotzdem. Es ist schwer vorherzusagen, was du als Nächstes tust.“ Ich lasse den Kopf in den Nacken fallen und starre in den Himmel. „Das ist das Problem. Ich weiß es selbst nicht.“ Adrian bleibt still. Dann sagt er leise: „Dann lass es dir nicht von anderen vorschreiben.“
Ich senke den Blick und treffe seine Augen. Er meint es ernst. „Das hier ist nicht nur meine Entscheidung“, sage ich schließlich. „Viktoria will, dass ich mich zurückziehe. Die Presse zerreißt mich. Und du hast deine eigene Familie, die dir wahrscheinlich sagt, dass ich die schlechteste Idee aller Zeiten bin.“ Adrian schnaubt. „Das tun sie tatsächlich. Aber ich habe nie auf sie gehört, also warum jetzt anfangen?“ Ich lache leise. Stille. Ich weiß, dass ich mich entscheiden muss. Wenn ich jetzt nachgebe, wenn ich das Statement mache, das alle hören wollen, dann ist es vorbei. Dann werde ich wieder unsichtbar. Aber wenn ich es nicht tue… Dann bleibt das Chaos. Und vielleicht bleibt auch Adrian. Ich atme tief durch. „Ich glaube, Plan B ist raus“, sage ich leise. Adrian hebt eine Augenbraue. „Und Plan C?“ Ich grinse. „Wird gerade durch Plan F ersetzt.“ „Plan F?“ „Plan: Fuck it. Ich mache, was ich will.“ Adrian lacht laut. „Das ist der beste Plan, den ich je gehört habe.“ Ich zucke die Schultern. „Dann los.“ Denn ich bin fertig damit, mich zu verstecken. Das hier ist mein Leben. Und ich werde selbst entscheiden, wie es weitergeht.
21. Der Prinz nervt - aber süß ist er schon
Es gibt eine ganz bestimmte Sorte Mensch, die mich wahnsinnig macht.
Die Sorte, die immer entspannt wirkt, egal wie verrückt die Welt um sie herum ist. Die Sorte, die sich in jeder Situation charmant herausreden kann. Die Sorte, die immer einen cleveren Spruch auf den Lippen hat, selbst wenn man sie gerade mit einem Todesblick durchbohrt. Kurz gesagt: Menschen wie Adrian. Ich meine, ernsthaft. Was stimmt nicht mit diesem Typen? Da renne ich wortwörtlich vor dem ganzen royalen Wahnsinn davon, nur damit er mir am nächsten Tag wieder über den Weg läuft – und das auch noch völlig unbeeindruckt, als wäre es die normalste Sache der Welt, mich zu verfolgen. „Lass mich raten.“ Ich verschränke die Arme und lehne mich gegen die Wand des kleinen Cafés, in dem wir uns zufällig (oder auch nicht) wieder treffen. „Du hast meine Adresse gegoogelt und beschlossen, dass es eine brillante Idee wäre, mich in meinem natürlichen Habitat aufzusuchen?“ Adrian grinst und setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber. „Eigentlich war das hier Zufall. Aber wenn es dich beruhigt, kann ich so tun, als hätte ich dich absichtlich gestalkt.“ Ich rolle mit den Augen. „Sehr beruhigend.“ Er winkt dem Kellner zu und bestellt sich einen Espresso, als hätte er den ganzen Tag Zeit. „Also, wie geht es meinem Lieblings-Internetphänomen?“ „Oh, großartig.“ Ich stütze das Kinn auf die Hand. „Jeden Tag neue Memes, meine Schwestern flippen aus, Viktoria plant wahrscheinlich, mich zu enterben, und meine Chucks werden inzwischen als Symbol für eine gesellschaftliche Revolution gefeiert. Und du?“ Er lehnt sich zurück und betrachtet mich mit diesem amüsierten Blick, der mich jedes Mal nervös macht. „Tja, meine Familie ist nicht begeistert von meiner neuen Gesellschaftswahl, die Presse spekuliert darüber, ob wir heimlich verlobt sind, und meine Berater glauben, dass ich einen PR-Schaden angerichtet habe.“ „Hört sich an, als würden wir beide unser Bestes tun, die Monarchie ins Chaos zu stürzen.“ Er hebt seine Espressotasse. „Auf unser Talent, Probleme zu verursachen.“ Ich kann nicht anders, als zu lachen. Ich will es nicht, aber er hat diese verdammte Fähigkeit, jede Situation aufzulockern, selbst wenn ich gerade noch in Selbstmitleid baden wollte.
„Also gut, Adrian.“ Ich verschränke die Arme und mustere ihn skeptisch. „Warum bist du wirklich hier?“ Er stellt die Tasse ab und sieht mich ernst an. „Weil ich wissen will, was du vorhast.“ „Oh, du meinst, ob ich mich brav zurückziehe und verschwinde, wie es von mir erwartet wird?“ „Genau das.“ Ich lehne mich zurück und beobachte ihn. Er sieht mich direkt an, kein Lächeln, kein typischer Adrian-Witz. „Ich weiß es nicht“, sage ich schließlich ehrlich. „Ich dachte, wenn ich das einfach aussitze, wird es irgendwann langweilig und die Leute hören auf, sich für mich zu interessieren.“ „Das wird nicht passieren.“ „Danke für die aufmunternden Worte.“ „Ich meine es ernst.“ Er lehnt sich vor. „Du bist nicht einfach irgendein Klatschthema, Ella. Die Leute reden über dich, weil du nicht in das Schema passt. Und ganz ehrlich? Ich finde es ziemlich großartig.“ Ich starre ihn an „Großartig?“ Ich schnaube. „Es ist ein einziger verdammter Albtraum.“ Er grinst. „Klar. Aber wenigstens ein unterhaltsamer.“ Ich schüttele den Kopf. „Wie hältst du das aus? Dass jeder immer auf dich schaut, dass alles, was du tust, kommentiert wird?“ Er zuckt mit den Schultern. „Man gewöhnt sich dran.“ „Lüge.“ Er lacht. „Okay, vielleicht ein bisschen. Aber ich habe gelernt, mich nicht davon bestimmen zu lassen.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee und mustere ihn über den Rand meiner Tasse hinweg. „Und? Was schlägst du vor, oh weiser Prinz?“ Er tippt nachdenklich mit den Fingern auf den Tisch. „Ganz einfach: Mach was draus.“ „Was?“ „Nutze es. Lass dich nicht von der Geschichte überrollen – erzähle sie selbst.“ Ich runzle die Stirn. „Du willst, dass ich mich freiwillig noch mehr in diesen Wahnsinn stürze?“ „Ich sage nur, dass du entscheiden kannst, wie die Welt dich sieht. Willst du, dass sie dich als das peinliche Mädchen in Chucks und mit schlechtem Gleichgewicht in Erinnerung behalten? Oder als die, die gezeigt hat, dass sie sich von niemandem in ein Korsett stecken lässt?“ Ich starre ihn an. Verdammt. Warum macht das eigentlich so viel Sinn? „Ich hasse es, wenn du klug klingst“, murmele ich. „Tja, ich kann nicht nur gut aussehen.“ Ich verdrehe die Augen. „Da ist er wieder. Der arrogante Prinz.“ „Ich wusste, du hast ihn vermisst.“ Ich schüttele den Kopf und lache. Ja, er nervt. Ja, er bringt mich zur Weißglut. Aber verdammt, süß ist er schon. Und was noch schlimmer ist – ich fange an, ihn zu mögen. Game Over, Ella.
22. Cinderella schlägt zurück
Es gibt einen Punkt, an dem selbst die geduldigsten Menschen genug haben.
Ich bin zwar nicht gerade für meine Engelsgeduld bekannt, aber bis jetzt habe ich diesen ganzen Wahnsinn mehr oder weniger hingenommen. Ich habe die Schlagzeilen ignoriert, das Getuschel ausgeblendet und die Tatsache verdrängt, dass meine Stiefschwestern jeden einzelnen Artikel über mich mit Markierstift durchgehen, als würden sie eine wissenschaftliche Abhandlung über meinen Untergang schreiben. Doch heute reicht es. Heute ist der Tag, an dem Cinderella zurückschlägt. Es beginnt mit einem Artikel.
„Ella: Die goldene Käfig-Rebellin oder nur eine Aufmerksamkeitssuchende?“
Ich scrolle durch den Text, meine Wut wächst mit jedem Absatz.
„Ist Ella wirklich die erfrischende Rebellin, für die sie sich ausgibt? Oder ist sie nur eine weitere verzogene Außenseiterin, die das Rampenlicht genießt? Ihr plötzlicher Ruhm basiert auf nichts anderem als einem schlechten Auftritt bei einem Ball – und doch feiern sie manche als Symbol des Wandels. Doch ist sie das wirklich?“
Ich presse die Lippen zusammen. Okay. Genug. Ich klappe meinen Laptop zu, ziehe meine Jacke über und marschiere nach draußen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich will – aber ich weiß genau, dass ich nicht rumsitzen und zusehen werde, wie alle über mich reden, während ich schweige. Ich brauche eine Strategie. Eine Waffe. Oder, in meinem Fall: Einen Plan, der genauso chaotisch ist wie ich. Und wer könnte mir besser dabei helfen als der Typ, der mich in diesen Schlamassel erst richtig hineingezogen hat? Also schnappe ich mir mein Handy und wähle eine Nummer, die ich eigentlich nicht mal hätte haben sollen. Nach dem dritten Klingeln geht er ran. „Ella?“ Adrians Stimme klingt überrascht – und irgendwie auch erfreut. „Ich brauche deine Hilfe.“ Eine kurze Pause. Dann: „Wusste ich’s doch. Was hast du vor?“
Ich atme tief durch. „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir eine eigene Geschichte erzählen.“ Drei Stunden später sitze ich auf einem gemütlichen, kleinen Dachbalkon mitten in der Stadt, Adrian neben mir, mit einem Ausdruck in den Augen, der mir verrät, dass er nur darauf wartet, dass ich eine Bombe platzen lasse. „Also gut“, sagt er und lehnt sich entspannt zurück. „Was genau hast du vor?“ Ich drehe mein Handy zwischen den Fingern. „Alle haben eine Meinung über mich. Aber keine Sau hat mich je gefragt, was ich eigentlich denke. Also werde ich es ihnen sagen.“ Er hebt eine Augenbraue. „Via Social Media?“ Ich nicke. „Ganz genau.“ Er grinst. „Okay. Und wie genau?“ Ich nehme mein Handy, öffne Instagram und tippe eine neue Story.
„Hi. Ich bin Ella. Ihr kennt mich vielleicht als ‘die mit den Chucks beim Ball’, ‘die, die den Prinzen fast umgeworfen hat’ oder ‘die, die angeblich eine Revolution ausgelöst hat, obwohl sie eigentlich nur bequeme Schuhe tragen wollte’.“
Ich filme mich selbst, ein freches Grinsen auf den Lippen. „Tja. Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.“ Ich blicke Adrian an. „Bist du bereit, deinen royalen Ruf aufs Spiel zu setzen?“ Er lacht. „Definitiv.“ Ich tippe auf „Posten“. Und dann? Dann lehne ich mich zurück, schnappe mir Adrians Kaffeetasse und nehme einen triumphalen Schluck. Cinderella ist offiziell im Spiel.
23. Die Stiefmutter bekommt ihr Fett weg
Viktoria hasst es, wenn sie nicht die Kontrolle hat. Das ist eine ihrer goldenen Regeln. Egal, ob es um Geschäftstreffen, öffentliche Auftritte oder das perfekte Familienimage geht – sie zieht die Fäden, und alle anderen haben gefälligst mitzuspielen. Also kann ich mir ungefähr vorstellen, wie sehr sie gerade kocht. Denn zum ersten Mal in meinem Leben habe ich die Regeln geändert. Und sie kann nichts dagegen tun. „ELLA!“ Ihre Stimme hallt durch das Haus, als ich durch die Tür trete. Ich habe noch nicht einmal meine Jacke ausgezogen, da steht sie schon vor mir – die Arme verschränkt, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst, der Blick so tödlich wie ein Laserstrahl. Ich lehne mich gegen die Tür und ziehe eine Augenbraue hoch. „Oh, wow. Kein ‘Hallo’? Kein ‘Wie war dein Tag’? Ich bin enttäuscht.“ Viktoria wirft ihr Handy auf den Tisch, wo es aufleuchtet – und ich sehe sofort, was drauf ist. Meine Instagram-Story. Mein kleiner, frecher Monolog darüber, wie ich mir mein eigenes Narrativ zurückhole. Meine Entscheidung, nicht mehr still zu sein.
„Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?“ zischt sie. Ich zucke die Schultern. „Dachte, es wäre an der Zeit, dass die Welt die Wahrheit hört.“
„Die Wahrheit?“ Sie lacht kalt. „Ella, du hast KEINE AHNUNG, was du da gerade angerichtet hast.“ „Oh, ich glaube, ich habe es sehr wohl.“ Ich verschränke die Arme. „Zum Beispiel, dass du dich gerade tierisch aufregst, weil du dieses Mal nicht diejenige bist, die die Geschichte schreibt.“ Ihre Nasenflügel beben. „Ich habe dich gewarnt. Ich habe dir gesagt, dass du es nicht noch schlimmer machen sollst.“
„Schlimmer für wen? Für mich? Oder für DICH?“ Sie verengt die Augen. „Für uns alle.“ Ich lache bitter. „Oh bitte, Viktoria. Du meinst ‘für dein Image’.“ „Für dein eigenes verdammtes Wohl!“ Sie macht einen Schritt auf mich zu. „Du hast keine Ahnung, wie diese Welt funktioniert, Ella. Ich habe Jahre damit verbracht, mein Netzwerk aufzubauen, unsere Familie in die richtigen Kreise zu bringen. Und dann kommst du und reißt alles mit einem einzigen Post ein!“ Ich spüre, wie sich Wut in mir aufbaut. „Oh, du meinst das ‘Familienimage’, das auf Lügen und Manipulation aufgebaut ist? Das, bei dem ich mich klein machen und in dein perfektes Schema pressen lassen soll? Danke, aber nein danke.“ Sie atmet scharf ein. „Du hast keine Wahl.“ Ich trete näher an sie heran, meine Stimme leiser, aber schärfer. „Doch, Viktoria. Die hatte ich schon immer. Du hast nur gehofft, dass ich es nie merke.“ Sie öffnet den Mund, aber in diesem Moment platzt Livia ins Zimmer, ihr Handy in der Hand, die Augen weit aufgerissen. „OH MEIN GOTT!“ kreischt sie. „Ella, du bist auf JEDEM Kanal! JEDER repostet dein Video! Selbst Promis kommentieren es!“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Oh? Welcher Promi?“ Sophia, die direkt hinter Livia steht, rollt mit den Augen. „Irgendein Schauspieler hat ‘Girl, you just dropped the mic’ geschrieben.“ Ich grinse. „Sieh mal einer an.“ Viktoria atmet langsam aus. „Ihr versteht es einfach nicht. Ihr seid alle so verdammt naiv.“ Livia tippt auf ihrem Bildschirm herum. „Ich weiß nicht, Viktoria. Sieht so aus, als wäre Ella gerade die Königin der sozialen Medien.“ „Ich brauche keine Krone“, sage ich lässig. „Ich habe Chucks.“ Sophia prustet los. Livia kichert. Viktoria dagegen sieht aus, als würde sie am liebsten das gesamte Haus in Brand setzen. „Das hier ist nicht vorbei, Ella“, sagt sie mit eisiger Stimme. Ich neige den Kopf. „Oh, das glaube ich auch. Aber weißt du was?“ Ich lehne mich vor. „Dieses Mal bin ich bereit zu kämpfen.“ Und dann drehe ich mich um, lasse sie stehen – und genieße zum ersten Mal das Gefühl, wirklich frei zu sein.
24. Karriere statt Krone
Ich habe nie davon geträumt, eine Prinzessin zu sein. Während andere kleine Mädchen ihre Puppen in Glitzerkleider steckten und Hochzeiten mit imaginären Prinzen nachspielten, war ich diejenige, die lieber in den Baumhäusern der Nachbarschaft hockte und sich fragte, wie schwer es sein könnte, ihre eigene Firma zu gründen. Ich habe nie verstanden, warum das Ziel eines Mädchens sein sollte, jemanden zu heiraten, der in einem Schloss wohnt. Warum nicht lieber ein eigenes Schloss bauen? Deshalb ist es fast schon ironisch, dass mein Name jetzt in den gleichen Schlagzeilen steht wie der von Prinz Adrian. Seit meiner kleinen Social-Media-Rebellion hat sich das öffentliche Interesse nicht gelegt – im Gegenteil. Jetzt wollen alle wissen, was mein nächster Schritt ist. Werde ich mich doch noch in das royale Drama stürzen? Werde ich meine „moderne Cinderella-Story“ weiterführen? Die Antwort ist einfach. Nein. Denn ich habe Besseres zu tun. „Ella, bist du sicher, dass du das willst?“ Adrian steht vor mir, die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben. Wir treffen uns in einem kleinen Park, weit weg von neugierigen Blicken – was in letzter Zeit schwieriger ist, als ich zugeben will. Ich nicke. „Ja. Mehr als sicher.“ Er seufzt und lehnt sich gegen die Parkbank. „Die Presse wird nicht einfach aufhören, über dich zu berichten.“ „Dann sollen sie berichten.“ Ich zucke die Schultern. „Sollen sie schreiben, dass ich ‘die Krone ausgeschlagen habe’ oder dass ich ‘die Anti-Prinzessin’ bin. Ist mir egal.“ Er mustert mich. „Und was wirst du stattdessen tun?“ Ein Lächeln huscht über meine Lippen. „Meine eigene Sache.“ Ich ziehe mein Handy hervor und zeige ihm eine Seite, die ich seit Tagen im Geheimen aufbaue. Eine Website. Mein eigenes Projekt. „Ich bin kein Royal. Aber ich habe jetzt eine Plattform – und ich werde sie nutzen.“ Er überfliegt die Seite, scrollt durch die Inhalte. „Du willst eine Organisation gründen?“ „Genau. Eine, die junge Frauen unterstützt, ihren eigenen Weg zu gehen. Karriere statt Krone.“ Ich deute auf das Logo, das ich mir ausgedacht habe. „Ich bin es leid, dass Mädchen immer eingeredet wird, dass sie auf ihren Prinzen warten sollen. Warum nicht selbst zur Königin werden?“ Adrian schüttelt grinsend den Kopf. „Du bist echt nicht zu stoppen, oder?“ „Nicht mehr.“ Er legt sein Handy weg und sieht mich an. „Weißt du, ich hätte dich wirklich gerne an meiner Seite gehabt.“ Mein Herz macht einen kleinen Sprung.
Aber ich lächle nur. „Ich bin trotzdem hier.“ Er atmet tief durch, dann lacht er leise. „Weißt du, normalerweise bin ich derjenige, der Entscheidungen trifft, die alle überraschen. Aber du hast mich geschlagen.“ „War ja auch nicht schwer.“ Ich zwinkere. Er grinst, dann streckt er mir die Hand hin.„Dann viel Erfolg, Ella. Ich glaube, du wirst die Welt aufwirbeln.“ Ich schüttele seine Hand. „Ich weiß.“ Und als ich mich umdrehe und in die Zukunft gehe, weiß ich: Ich habe vielleicht keine Krone. Aber ich habe etwas viel Besseres. Mein eigenes Leben.
25. Der große Showdown
Man sagt, es gibt im Leben diese einen Momente, in denen sich alles entscheidet. Für mich ist dieser Moment genau jetzt. Ich stehe im riesigen Saal eines Luxushotels, das für eine Charity-Gala gemietet wurde. Überall glitzert es, die Luft riecht nach teurem Parfum und Champagner, und die Gäste unterhalten sich in gedämpften, perfekt einstudierten Gesprächen. Es ist die Art von Veranstaltung, die Viktoria liebt. Und die Art von Veranstaltung, die mich normalerweise in den Wahnsinn treibt.
Aber heute bin ich nicht hier, um mich zu verstecken. Heute bin ich hier, um ein Kapitel zu beenden. Ich atme tief durch, straffe die Schultern und gehe durch die Menge. Ich kann die Blicke spüren, das Flüstern. Die Leute erkennen mich. Natürlich tun sie das. Ich bin die unpassende Cinderella, die, die keinen Prinzen wollte, die, die die Regeln gebrochen hat. Und ehrlich? Ich genieße es ein bisschen. Ich entdecke Viktoria an einem der vorderen Tische. Perfekt gestylt, in einem makellosen Kleid, als hätte sie den ganzen Trubel der letzten Wochen mit Leichtigkeit überstanden. Aber ich kenne sie. Und ich weiß, dass sie innerlich tobt. Sie hebt langsam den Blick und sieht mich. Für einen Moment sehe ich Überraschung in ihren Augen – vielleicht, weil sie dachte, ich würde mich nach unserer letzten Auseinandersetzung einfach zurückziehen. Tja. Falsch gedacht.
Ich bleibe vor ihr stehen und lächle süßlich. „Oh, Viktoria. Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen.“ Sie setzt ihr höflichstes Lächeln auf – das, bei dem man kaum merkt, wie sehr sie einen eigentlich verabscheut. „Ella. Ich hätte nicht erwartet, dass du heute Abend hier auftauchst.“ „Ja, das habe ich mir gedacht.“ Ich lehne mich leicht vor. „Aber ich konnte mir das Spektakel nicht entgehen lassen.“ Viktoria legt den Kopf schief. „Ich hoffe, du bist hier, um zu zeigen, dass du doch noch Vernunft besitzt.“ Ich tue, als würde ich nachdenken. „Hmm. Nein, nicht wirklich.“ Ihre Augen verengen sich. „Ella, du hast genug Chaos angerichtet.“ „Ach ja? Dann lass uns doch mal zusammenfassen, was ich ‘angerichtet’ habe.“ Ich hebe einen Finger. „Erstens: Ich habe es gewagt, nicht nach deiner Pfeife zu tanzen.“ Ein zweiter Finger. „Zweitens: Ich habe es mir erlaubt, meine eigene Stimme zu benutzen, anstatt mich in dein perfekt inszeniertes Familienbild einzufügen.“ Ein dritter Finger. „Und drittens: Ich habe meine Plattform genutzt, um jungen Frauen zu zeigen, dass sie keine Krone brauchen, um wertvoll zu sein.“ Ich verschränke die Arme. „Ja, ich verstehe schon, warum das eine Katastrophe für dich ist.“ Viktoria bleibt ruhig – aber ich sehe es in ihren Augen. Sie HASST, dass sie die Kontrolle über mich verloren hat.
„Du glaubst wirklich, dass du dieses Spiel gewonnen hast, oder?“ fragt sie leise. Ich lache. „Oh, Viktoria. Ich spiele dein Spiel nicht mehr.“ Sie öffnet den Mund, aber in dem Moment geht ein Raunen durch den Raum. Ich drehe mich um – und natürlich. Adrian. Er ist gerade hereingekommen, und natürlich sieht er aus, als würde er in einen verdammten Werbespot für königliche Eleganz gehören. Unsere Blicke treffen sich. Und plötzlich wird mir klar, dass das hier nicht nur mein Showdown mit Viktoria ist. Das hier ist auch der Moment, in dem sich entscheidet, was mit uns passiert. Er geht langsam auf mich zu, während um uns herum getuschelt wird. Die Luft ist zum Schneiden gespannt. „Ella“, sagt er schließlich. „Adrian.“ Er betrachtet mich einen Moment lang – und dann grinst er. „Ich hätte wissen müssen, dass du nicht einfach still bleibst.“ Ich grinse zurück. „Und ich hätte wissen müssen, dass du auftauchst, um dir das Drama anzusehen.“ Er lehnt sich leicht vor. „Du hast also wirklich nicht vor, dich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen?“ Ich atme tief durch. „Nein.“ Er nickt langsam. Dann hält er mir die Hand hin. „Dann solltest du wohl wissen, dass ich dich nicht allein da drin stehen lasse.“ Für einen Moment bin ich sprachlos. Ich blicke von ihm zu Viktoria, die mich mit einem Blick durchbohrt, der mir früher Angst gemacht hätte. Aber nicht mehr. Ich lächle, nehme Adrians Hand – und trete endgültig aus dem Schatten. Heute endet das Märchen.
Und meine eigene Geschichte beginnt.
26. Stiefschwestern im Reality-Check
Es gibt Gespräche, auf die freut man sich ungefähr so sehr wie auf eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung.
Dieses hier steht ganz oben auf der Liste. Ich sitze am Küchentisch, ein riesiger Becher Kaffee vor mir, während ich mental meine gesamte Geduld zusammenkratze. Gegenüber von mir sitzen Livia und Sophia – meine lieben Stiefschwestern, die in den letzten Wochen eine Mischung aus hysterischer Empörung und panischer Selbstinszenierung hingelegt haben, die selbst in einer Telenovela zu übertrieben gewesen wäre. „Also“, sage ich und rühre seelenruhig in meinem Kaffee, „ihr wolltet mit mir reden. Hier bin ich. Erleuchtet mich.“ Livia schnaubt dramatisch. „Erleuchten?! Ella, ist dir eigentlich klar, was du uns angetan hast?“ Ich hebe eine Augenbraue. „Oh, entschuldige. Meinst du, dass ich euch mit meiner bloßen Existenz aus eurem perfekten Selfie-Himmel gestürzt habe?“ Sophia verdreht die Augen. „Sehr witzig.“ Livia fuchtelt mit ihrem Handy herum. „Früher haben die Leute über UNS geredet! Über unsere Outfits, unsere Events, unsere Influencer-Kooperationen! Und jetzt? Jetzt fragen sie nur noch nach DIR!“ Ich nippe an meinem Kaffee. „Klingt schrecklich.“
„Ja, das IST es!“ Livia wirft die Arme in die Luft. „Die Leute vergleichen uns mit dir! Sie sagen, dass wir oberflächlich sind und dass du die ‘wahre Cinderella’ bist! Dabei haben WIR jahrelang an unserem Image gearbeitet!“ Ich lehne mich zurück und betrachte sie amüsiert. „Also stört euch nicht, dass ich plötzlich Aufmerksamkeit bekomme – sondern dass ihr weniger bekommt?“ Sophia funkelt mich an. „Natürlich stört uns das! Du hast nicht mal etwas dafür getan! Du bist einfach nur… reingestolpert!“ „Wörtlich“, murmle ich. Livia stöhnt. „Das ist nicht fair! Wir haben uns so viel Mühe gegeben, um relevant zu bleiben, und du wirst einfach so berühmt!“ Ich verschränke die Arme. „Okay, Reality-Check, Mädels: Ich wollte das alles überhaupt nicht. Ich wollte nie in die Schlagzeilen. Ich wollte nie mit einem Prinzen in Verbindung gebracht werden. Und ich habe mich sicher nicht in irgendeine perfekte Rolle gedrängt. Ich bin einfach nur… ich.“
Sophia rollt mit den Augen. „Ja, genau DAS ist ja das Problem! Du tust nichts und bist trotzdem interessanter als wir!“ „Weißt du, Sophia, vielleicht liegt das daran, dass ich keine Fassade aufbaue.“ Sie blinzelt. „Was soll das heißen?“ „Es heißt, dass ihr euer Leben nur nach der Außenwirkung gestaltet. Nach Likes, nach Kommentaren, nach Kooperationen mit Marken, die euch genau das perfekte Leben verkaufen lassen, das sie brauchen. Und jetzt, wo plötzlich jemand auftaucht, der nicht in dieses Konzept passt, bricht eure heile Insta-Welt zusammen.“ Stille.
Dann verschränkt Livia die Arme. „Du tust ja so, als wären wir nur Fake.“ Ich hebe eine Augenbraue. „Sind wir ehrlich: Seid ihr euch sicher, dass ihr wisst, wer ihr seid, wenn niemand zusieht?“ Sophia öffnet den Mund, schließt ihn wieder und starrt dann auf ihr Handy. Livia schnaubt. „Ach, komm schon. Das ist doch alles nur Gerede. Die Welt dreht sich um Aufmerksamkeit. Und jetzt hast DU sie. Glückwunsch.“ Ich mustere sie und sehe zum ersten Mal etwas, das wie echte Unsicherheit aussieht. Vielleicht ist es das erste Mal, dass ihnen klar wird, dass ihr Leben nicht aus mehr besteht als einer perfekten Online-Illusion. „Ihr könntet das auch haben“, sage ich schließlich. Sophia blinzelt. „Was meinst du?“ „Ihr könntet euch entscheiden, mal echt zu sein. Euch nicht mehr nur darüber zu definieren, was andere sehen sollen. Mal aus diesem perfekten Bild auszubrechen und zu tun, was ihr wirklich liebt.“ Livia lacht trocken. „Und was, bitte schön, lieben wir?“ Ich zucke die Schultern. „Keine Ahnung. Aber vielleicht solltet ihr das rausfinden.“ Stille. Für einen Moment sehe ich, dass meine Worte einen kleinen Riss in ihrer perfekt polierten Fassade hinterlassen haben. Ob sie ihn je größer werden lassen? Keine Ahnung. Aber ich habe meinen Punkt gemacht. Ich stehe auf, nehme meinen Kaffee mit und werfe ihnen einen letzten Blick zu. „Viel Spaß bei eurer Selbstfindung.“ Und mit diesen Worten lasse ich sie sitzen – inmitten von Designerhandtaschen, gesponserten Kooperationen und der Frage, wer sie eigentlich sind, wenn niemand zusieht.
27. Von Chucks und anderen Wundern
Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die, die High Heels tragen und das auch noch genießen. Und die, die wissen, dass das Leben zu kurz für schmerzende Füße ist. Ich gehöre definitiv zur zweiten Kategorie. Und genau deshalb stehe ich jetzt hier, mitten auf einem Event, das mir früher Albträume bereitet hätte, in meinen alten, abgetragenen Chucks – während um mich herum die High-Society in schimmernden Designerschuhen herumstolziert. Ein Wunder, dass ich überhaupt eingeladen wurde. Ein noch größeres Wunder, dass ich freiwillig gekommen bin. „Du hättest wenigstens versuchen können, unauffällig zu sein.“ Ich drehe mich zur Seite und sehe Adrian, der mit einem Glas Champagner in der Hand neben mir auftaucht. Natürlich sieht er perfekt aus. Das tut er immer. Anzüge scheinen bei ihm einfach besser zu sitzen als bei normalen Menschen. „Unauffällig ist nicht mein Stil“, erwidere ich und nippe an meinem eigenen Getränk – einer Cola, weil ich mich weigere, so zu tun, als wäre ich plötzlich in Champagner vernarrt. Adrian mustert mich mit einem amüsierten Lächeln. „Das habe ich inzwischen verstanden.“ Ich lehne mich gegen die hohe Fensterbank und lasse meinen Blick über den Raum schweifen. Überall elegante Menschen, künstlich perfekte Lächeln, Gespräche über Dinge, die mich nicht interessieren. „Erinnerst du dich an den Ball?“ frage ich leise. Adrian hebt eine Augenbraue. „Den Ball, auf dem du spektakulär gestürzt bist? Ja, vage.“
Ich schnaube. „Sehr witzig.“ Er lehnt sich neben mich. „Was ist mit dem Ball?“ Ich lasse den Blick weiter durch den Raum schweifen. „Damals dachte ich, dass ich nie in diese Welt passe. Dass ich einfach nur versehentlich in ein Märchen geraten bin, das nicht für mich geschrieben wurde.“ Er sieht mich aufmerksam an. „Und jetzt?“ Ich atme tief durch. „Jetzt weiß ich, dass es nie um das Märchen ging. Sondern darum, meine eigene Geschichte zu schreiben.“ Adrian lächelt. „Also doch eine kleine Revolution.“ „Immer.“ Wir stehen für einen Moment einfach nur da, während um uns herum das Event weiterläuft. Ich höre das leise Klingen von Gläsern, das Getuschel, die üblichen Höflichkeitsfloskeln. Und dann sagt Adrian plötzlich: „Weißt du, du hast es geschafft.“ Ich sehe ihn fragend an. „Was meinst du?“ „Du hast etwas verändert. Die Leute reden anders über dich. Nicht mehr nur als ‘die mit den Chucks’. Sondern als jemand, der sich nicht verbiegen lässt.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Und das findest du beeindruckend?“ Er grinst. „Ich finde alles an dir beeindruckend.“ Ich spüre, wie meine Wangen warm werden. „Adrian…“ „Ich meine es ernst.“ Seine Stimme ist leise, aber bestimmt. „Du bist nicht einfach nur ein Skandal, Ella. Du bist ein verdammtes Wunder.“ Mein Herz schlägt schneller. Ich will etwas Schlaues sagen. Etwas Sarkastisches, das die Spannung auflockert. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fällt mir nichts ein. Also tue ich das Einzige, was mir in den Sinn kommt. Ich trete einen Schritt näher an ihn heran, sehe ihm direkt in die Augen und sage: „Warte ab. Das war erst der Anfang.“ Und während er lacht und mich ansieht, als wäre ich wirklich ein verdammtes Wunder, weiß ich, dass er mir glaubt. Denn manchmal brauchen Märchen keine Krone. Manchmal reichen ein Paar alte Chucks.
28. Der Prinz hat Konkurrenz
Ich dachte immer, wenn mein Leben mal einem Liebesdrama ähneln würde, dann wäre ich diejenige, die Popcorn isst und sich über die offensichtlichen, völlig vermeidbaren Missverständnisse der Hauptcharaktere lustig macht. Tja.
Jetzt bin ich mitten in meinem eigenen verdammten Rom-Com-Chaos. Und ich bin nicht sicher, ob ich lachen oder schreiend davonrennen soll. „Wer ist das?“ Adrians Stimme ist ruhig, aber ich kenne ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass das nur Fassade ist.
„Das?“ Ich werfe einen Blick über meine Schulter zu Liam, der am anderen Ende des Raums mit einem Glas Wein in der Hand steht und sich so entspannt umschaut, als gehöre ihm der Laden. „Ach, das ist nur ein alter Freund.“ „Ein alter Freund.“ Adrians Tonfall ist neutral. Zu neutral. „Jup.“
Er mustert mich. „Wie alt genau?“ Ich nippe an meinem Getränk. „Sagen wir so: Ich habe mit ihm schon Pizza auf dem Uniboden gegessen, bevor ich jemals daran gedacht habe, mit einem Prinzen auf einem Ball zu tanzen.“ Adrian verengt die Augen ein wenig. Ich versuche, mir mein Grinsen zu verkneifen. „Und was macht dieser… Liam hier?“ fragt er schließlich. „Er ist geschäftlich in der Stadt“, sage ich unschuldig. „Und als er gehört hat, dass ich hier bin, dachte er, wir könnten uns mal wiedersehen.“ Adrian hebt eine Augenbraue. „Und zufällig ist er auf derselben Veranstaltung wie wir?“ „Zufälle passieren.“ „Mhm.“ Ich weiß nicht, was mich mehr amüsiert – Adrians offenkundige Skepsis oder die Tatsache, dass er sich so sehr Mühe gibt, cool zu bleiben. Denn das hier ist neu. Normalerweise ist Adrian derjenige, der alle um den Finger wickelt, der mit seinem typischen Charme jede Situation meistert. Aber jetzt? Jetzt steht er da, seine Kiefermuskeln arbeiten leicht, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er Liam jeden Moment einer intensiven Sicherheitsüberprüfung unterziehen will. Liam hat uns inzwischen entdeckt und steuert direkt auf uns zu. Großartig. „Ella!“ Er grinst breit, bevor er mich in eine spontane Umarmung zieht. „Wow, es ist echt lange her!“ Ich lache. „Definitiv! Was machst du hier?“ Er zuckt mit den Schultern. „Geschäftstermine. Aber als ich gehört habe, dass du hier bist, dachte ich, ich schau mal vorbei.“ Adrian räuspert sich. Liam dreht sich zu ihm. „Und du bist?“ „Adrian.“ Ein kurzes, professionelles Lächeln. „Prinz Adrian.“ „Ah.“ Liam nickt langsam, als hätte er ihn gerade erst wahrgenommen. „Cool.“ Cool? COOL?! Ich presse die Lippen zusammen, um nicht laut loszulachen.
Ich meine – niemand nennt den verdammten Kronprinzen eines Landes einfach nur „cool“. Adrian blinzelt. „Freut mich… dich kennenzulernen.“ Liam grinst. „Gleichfalls. Ich muss sagen, Ella war schon immer gut darin, interessante Leute um sich zu scharen.“ Adrian mustert ihn für eine Sekunde. „Ja. Das scheint sie zu sein.“ Oh. Ohhh. Habe ich gerade den Beginn eines subtilen Konkurrenzkampfes zwischen einem zukünftigen König und meinem alten Uni-Kumpel ausgelöst? Perfekt. Ich kann nicht anders – ich genieße es ein kleines bisschen. Liam wirft mir ein Zwinkern zu. „Also, Ella, vielleicht sollten wir demnächst mal was trinken gehen. Alte Zeiten aufleben lassen.“
Adrian legt unauffällig eine Hand an meine Taille. Sehr unauffällig. Ich beiße mir auf die Lippe, um mein Grinsen zu verbergen. „Klingt gut“, sage ich. Adrian atmet leise aus. Liam grinst. „Super. Ich melde mich.“ Er klopft mir auf die Schulter – und wirbelt dann mit absoluter Gelassenheit davon. Ich sehe ihm nach. Dann blicke ich zu Adrian. „War das gerade… Eifersucht?“ frage ich süßlich.
Er verzieht keine Miene. „Nein.“ „Wirklich?“ „Mhm.“ Ich lehne mich näher. „Ich glaube, du magst keine Konkurrenz.“ Adrian dreht sich zu mir, sieht mir direkt in die Augen. „Konkurrenz ist nur ein Problem, wenn man sich nicht sicher ist, dass man bereits gewonnen hat.“ Oh. Mein Herz macht einen unerwarteten Sprung. Verdammt. Er ist wirklich gut.
Ich lehne mich zurück und mustere ihn. „Na dann, Prinz Charming, zeig mir doch mal, dass du gewonnen hast.“
Adrian grinst – ein langsames, herausforderndes Grinsen. „Mit Vergnügen.“ Tja. Das könnte interessant werden.
29. Happy End? Vielleicht anders als gedacht
Ich habe nie an klassische Happy Ends geglaubt. Die, in denen die Prinzessin ihren Traumprinzen bekommt, sie in einem Schloss leben und bis ans Ende ihrer Tage glücklich sind. Erstens, weil Schlösser verdammt kalt sind. Und zweitens, weil mein Leben einfach nicht so funktioniert. Trotzdem stehe ich jetzt hier, mitten in der Nacht, auf einer Dachterrasse mit Blick über die Stadt, neben einem echten, verdammten Prinzen. Und ich frage mich: Was jetzt? Adrian lehnt sich gegen die Brüstung, die Hände in den Taschen seines Mantels. „Du siehst aus, als würdest du nachdenken.“ Ich schnaube leise. „Verrückt, oder? Ich dachte, mein Gehirn wäre nur Deko.“
Er grinst. „Also? Woran denkst du?“ Ich wende den Blick von der Stadt ab und sehe ihn an. „Daran, dass ich nicht weiß, was ich will.“ Adrian bleibt still. Wartet. Ich atme tief durch. „Ich meine, schau uns an. Du bist der verdammte Kronprinz. Dein Leben ist durchgeplant, von hier bis zum Mond. Und ich?“ Ich breite die Arme aus. „Ich bin Ella. Ich bin Chaos. Ich bin ein Meme. Ich habe mich mehr oder weniger aus Versehen in diese Welt verirrt.“ Er mustert mich nachdenklich. „Und?“ Ich runzle die Stirn. „Und was?“ „Warum klingt das wie ein Abschied?“ Ich blicke weg. „Weil es vielleicht einer ist.“ Er lacht leise. „Du willst also weglaufen?“ „Nicht weglaufen. Weitergehen.“ Ich zucke die Schultern. „Ich habe mich zu lange von anderen definieren lassen. Von Viktoria, von den Erwartungen der Gesellschaft, von der Presse. Ich will mein eigenes Leben, Adrian.“ Er lehnt sich vor, seine Stimme ruhig. „Und du glaubst, das geht nicht mit mir?“ Ich schlucke. „Ich glaube, dass es mit einem Prinzen kompliziert ist.“ Stille. Er betrachtet mich einen Moment lang, als würde er eine Entscheidung treffen. Dann sagt er: „Weißt du, alle erwarten, dass ich das perfekte Königshaus-Spiel mitspiele. Dass ich irgendwann eine ‘passende’ Frau finde, eine, die sich nahtlos einfügt. Eine, die sich den Regeln beugt.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Tja. Das wäre dann wohl nicht ich.“ Er grinst. „Nein. Und genau deshalb bist du die Einzige, die mich interessiert.“ Mein Herz setzt für eine Sekunde aus. Verdammt. „Adrian…“ Ich atme tief durch. „Was, wenn ich nicht Teil dieser Geschichte sein will?“ Er neigt den Kopf leicht zur Seite. „Dann schreibe ich eine neue mit dir.“ Ich lache ungläubig. „Du bist unmöglich.“ „Und du bist stur.“ „Passt also.“ „Perfekt.“ Ich sehe ihn an. Lange. Dann schüttle ich den Kopf und lache. „Kein klassisches Happy End, oder?“ frage ich leise. Er grinst. „Vielleicht ein besseres.“ Und zum ersten Mal seit diesem ganzen Wahnsinn fühle ich mich genau da, wo ich sein soll. Nicht als Prinzessin. Nicht als Märchenfigur. Sondern einfach als Ella.
Epilog - Und wenn sie nicht gestorben sind…
Das Märchen endet normalerweise mit „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Aber mal ehrlich – was für ein langweiliges Ende wäre das bitte?
Das wahre Leben ist nicht so einfach. Es gibt keine magische Lösung, die alle Probleme verschwinden lässt. Keine perfekten Hochzeiten, nach denen nie wieder etwas schiefläuft. Keine Kronen, die alle Sorgen wegzaubern.
Und genau deshalb ist das hier kein Märchen. Sondern meine Geschichte.
Es sind sechs Monate vergangen, seit ich auf diesem verdammten Ball in Chucks aufgetaucht bin und unwissentlich das Internet gesprengt habe. Sechs Monate seit dem Chaos. Seit den Schlagzeilen. Seit dem Moment, in dem ich zum ersten Mal wirklich wusste, dass ich mein eigenes Leben in die Hand nehmen muss. Und wie sieht dieses Leben jetzt aus? Nun, es beginnt damit, dass ich an einem sonnigen Morgen in meiner eigenen, winzigen Wohnung aufwache – ohne Stiefmutter, ohne hysterische Schwestern, ohne jemanden, der mir vorschreibt, wer ich sein soll. Ich habe mir diesen kleinen Ort selbst ausgesucht. Die Wände sind voll mit Postern, meine Bücher stapeln sich in chaotischen Türmen, und meine Sneakersammlung nimmt mehr Platz ein, als ich zugeben will. Es ist nicht perfekt. Aber es ist meins. Und das Beste daran? Ich verdiene mein eigenes Geld – mit meinem eigenen Projekt.
Was als spontane Instagram-Rebellion begann, hat sich in etwas verwandelt, das ich selbst nie für möglich gehalten hätte. Ich habe eine Plattform geschaffen, die sich an junge Frauen richtet, die keine Märchenprinzen brauchen, um ihren Weg zu finden. Die sich nicht in ein vorgefertigtes Bild pressen lassen wollen. Die laut sind, unbequem, echt. Mein Postfach ist voll mit Nachrichten von Mädchen, die mir erzählen, dass sie dank meiner Geschichte den Mut gefunden haben, für sich selbst einzustehen. Dass sie ihre Träume verfolgen, auch wenn alle um sie herum sagen, dass es nicht klappt. Und weißt du was? Das ist besser als jede Krone. Natürlich wäre das hier nicht meine Geschichte, wenn es nicht eine ganz bestimmte Person geben würde, die immer noch regelmäßig auftaucht – meist mit einem frechen Grinsen und einer unverschämten Selbstverständlichkeit.
Adrian. Ja. Der verdammte Prinz. Er ist immer noch da. Nicht als Märchenprinz, nicht als Teil eines kitschigen Liebesdramas. Sondern als… er selbst. Er ist nicht perfekt. Ich auch nicht. Aber genau deshalb funktioniert es. Wir haben keine romantischen Hochzeitspläne, keine pompösen Verlobungsgerüchte (auch wenn die Presse sich immer noch regelmäßig irgendeine absurde Story ausdenkt). Stattdessen haben wir uns einfach entschieden, das zu tun, was sich richtig anfühlt. Ohne Erwartungen. Ohne Drehbuch. Nur wir. Ich sitze in meinem Lieblingscafé, meine Chucks auf dem Stuhl gegenüber abgestützt, als mein Handy vibriert. Adrian.
Adrian: Bereit für eine spontane Eskapade?
Ich grinse.
Ich: Kommt drauf an. Wie illegal ist sie?
Adrian: Hmm. Grenzwertig.
Ich: Perfekt. Ich bin dabei.
Ich schnappe mir meine Jacke, trinke den letzten Schluck Kaffee und verlasse das Café mit einem Gefühl, das ich lange nicht hatte: Freiheit. Vielleicht gibt es keine perfekte Märchenwelt. Aber es gibt Spontanität. Chaos. Verrückte Entscheidungen. Und manchmal reicht das vollkommen aus.
Nachwort - Kein Märchen, sondern meine Geschichte…
Wenn du bis hierhin gelesen hast, dann hast du mich durch all das Chaos begleitet. Durch den Ball, den ich nie besuchen wollte. Durch das Internet-Drama, das ich nicht kommen sah. Durch Momente voller Sarkasmus, rebellischer Entscheidungen und unerwarteter Wendungen. Und jetzt sind wir hier. Aber was bleibt nach all dem? Wenn uns Märchen eines beigebracht haben, dann, dass das Leben nach einem großen, dramatischen Höhepunkt auf magische Weise perfekt wird. Die Prinzessin heiratet den Prinzen, das Böse wird besiegt, und alle tanzen glücklich in den Sonnenuntergang. Aber in Wirklichkeit hört das Leben nicht einfach auf, nur weil eine Geschichte zu Ende erzählt ist. Es geht weiter. Immer. Ich habe nie daran geglaubt, dass eine Krone oder ein perfektes Kleid mich zu jemandem machen, der mehr wert ist. Ich habe nie geglaubt, dass mein Glück davon abhängt, ob ein Prinz mich auswählt. Und ich habe definitiv nie geglaubt, dass ich mich in ein System einfügen muss, das nie für Menschen wie mich gemacht wurde. Aber weißt du, was ich gelernt habe? Dass es okay ist, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt.
Dass es okay ist, laut zu sein, unbequem, anders. Und dass es okay ist, sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was von einem erwartet wird.
Denn manchmal ist das beste Happy End einfach die Entscheidung, das eigene Leben so zu führen, wie es sich richtig anfühlt – ohne Regeln, ohne Drehbuch, ohne Märchenlogik. Also, falls du gerade an einem Punkt in deinem Leben stehst, an dem du das Gefühl hast, dass du nicht in die Geschichte passt, die dir erzählt wird – dann schreibe deine eigene. Trag deine Chucks. Stell unbequeme Fragen. Sei laut, wenn andere wollen, dass du leise bist. Denn das hier ist nicht Cinderella’s Story. Es ist deine. Und sie ist es verdammt noch mal wert, erzählt zu werden.
Ella wollte nie eine Prinzessin sein. Sie hasst unbequeme Kleider, versnobte Partys und erst recht die absurde Vorstellung, dass ein Ball ihr Leben verändern könnte. Doch als sie ausgerechnet in Chucks auf einem royalen Event landet, löst sie einen Medienhype aus – und plötzlich steht die Welt Kopf. Während das Internet sie zur rebellischen Cinderella erklärt und ihre Stiefmutter vor Wut schäumt, versucht Ella nur eins: ihren eigenen Weg zu finden. Doch zwischen königlichen Erwartungen, unerwarteten Gefühlen und jeder Menge Chaos merkt sie, dass das Leben kein Märchen ist – und genau das macht es so verdammt spannend.
Die Kälte lockt den Willen, meine Kindlichkeit zu leben,
wenn der Winter seine Pracht mir vor die warme Haustür legt.
Wie ins Geheim, im Stillen, tanzen Flocken mir entgegen,
dass mein pochend [ ... ]
Warum ist mein Leben so voller
Wahrheit? Ich trinke Morgens
für Stunden Kaffee. Denke an
Märchen, Engel, Wunder und
Paradiese. Und Musik spielt im
Kopf. Und Tänze wecken den Tag.
Und [ ... ]