Ich bin nicht Martin Rütter –
denn dann hätte ich mit meinen über 150 Hundeschulen in Deutschland, der Welt und sogar Mallorca schon so viel Geld verdient, dass ich anderes zu tun hätte, als hier zu sitzen und Kolumnen zu schreiben.
Wäre ich Martin Rütter, würde ich allerdings daran verzweifeln, dass manche Menschen sich nicht darüber im Klaren sind, dass Hunde Hunde sind und keine Kinder.

Was ich aber bin: eine Hundebesitzerin.

Und seitdem ich so eine Fellnase in meinem Leben habe, verstehe ich, warum man als Hundetrainer zu einer nationalen und manchmal auch internationalen Berühmtheit werden kann und sie manchmal auch als „Hundeflüsterer“ verehrt werden.

DENN: Die meisten Hunde sind schlecht oder einfach gar nicht erzogen.

Das haben sie zwar mit vielen Kindern gemein (und das ist - in der Regel - die einzige Gemeinsamkeit), denn Kinder werden irgendwann älter und im besten Fall vernünftiger und es ist ihnen peinlich, wenn sie merken, dass nur ihre Freunde von lauten Rülpsern im Treppenhaus beeindruckt sind. Spätestens wenn der Crush sich angewidert abwendet, hat solch ein Verhalten ein natürliches Ende gefunden.
Hunde hingegen bleiben zeitlebens auf dem intellektuellen Stand eines Dreijährigen und sind zu solchen Transferleistungen nicht in der Lage (nein, auch kein superintelligenter Border Collie oder American Shepherd).

Das wissen Menschen wie Martin Rütter und die Hundeindustrie boomt: es gibt über 5330 Hundeschulen in Deutschland und die Hundehaltung insgesamt bewirkt einen jährlichen Umsatz von ca. 5 Mrd. Euro.

Das Kursprogramm vieler Hundeschulen liest sich dabei wie das Vorleseverzeichnis einer großen Universität.
Neben den basics wie „Welpenschule“ und „Grunderziehung“ gibt es nichts, was es nicht gibt:
Dog Dance, Senioren- und Handicaphunde (nicht die Besitzer, wohlgemerkt), Junghundekurs Teen Paws, Meet and Greet VIP Hunde, Elektrohalsband – Hundetraining (ernsthaft?!?), Krimiwanderungen oder den Social Walk.
Man gewinnt nicht nur den Eindruck, dass es mehr Förderprogramme für Hunde in Deutschland gibt als für Kinder, sondern auch, dass entweder die Besitzer oder die Hunde alle englisch sprechen.

Warum also gibt es trotz eines Überangebots an Trainingsmethoden so viele unerzogene Hunde, die Passanten anbellen, an Mitmenschen hochspringen, jeden Jogger oder Radfahrer als persönliche Provokation verstehen und im schlimmsten Fall sogar zubeißen?

Und warum wird Ungehorsam seitens des Hundes oft mit „Der tut nichts!“, „Der will doch nur spielen!“ oder „Das hat er aber noch NIE gemacht!“ entschuldigt und verharmlost?

Meiner Erfahrung nach nutzen zwar viele Hundefreunde das Angebot örtlicher oder berühmter Hundeschulen, aber sobald Hund und Herrchen den Hundetrainingsplatz verlassen, übernimmt Waldi das Zepter.
Waldi entscheidet dann nämlich,ob er wild hechelnd an der Leine zerrt, ob er sich als persönlicher Bodyguard des Menschen versteht oder ob er allen Verkehrsteilnehmern Hallo sagen möchte, ob sie es wollen oder nicht.

Und manche Verhaltensweisen sind ja auch „so süüüß!“!
Ja, der Hundeblick lässt nicht nur Hundeherzen höherschlagen.

Aber wenn eine Deutsche Dogge den massiven Kopf inklusive aus dem Maul tropfenden Sabberfäden auf den Esstisch legt, um beim candlelight dinner live dabei zu sein und der säuerliche Hundeatem einem selbst den Atem raubt, dann ist das definitiv nicht mehr „süß“.

Des Rätsels Lösung ist ganz einfach:
Hundebesitzer und Hundebesitzerinnen und solche, die es noch werden wollen: Lasst euch das Zepter nicht einfach so aus der Hand nehmen.
In einer Wolfsfamilie gibt es auch Alpha-Tiere, die den anderen sagen, wo es langgeht. Und da werden klare Worte gesprochen. Notfalls auch gehandelt. Mit Zähnen.

Jetzt bitte nicht den Hund beißen!
Aber: Seid das Alpha-Tier in eurer Hundebeziehung.
Und glaubt mir und meiner Hundetrainerin, dass auch euer Hund mit diesen Entscheidungen artgerechter leben kann.
Denn viele Hunde sind mit der anti-autoritären Erziehung und der damit einhergehenden Entscheidungsfreiheit überfordert.

Eine liebevolle, aber konsequente Erziehung führt für euch zu einem harmonischen und für euren Hund zu einem artgerechten Zusammenleben.

Dies lässt sich übrigens auch auf Kindererziehung anwenden. ;-)


© Ingrid Niemeyer


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