Die Digitalisierung hat mittlerweile fast sämtliche Bereiche des Lebens durchdrungen. Das hat auch seine Schattenseiten. Immer weniger Menschen können wirklich abschalten.
Da ist es im Alltag umso wichtiger bewusst Gelassenheit zu üben. Doch wie kommt man zu sich zurück, wenn man schon weit weg ist? Geht das überhaupt?
Ein Text darüber, was uns die Philosophie heute noch immer bringen kann: Gelassenheit

Der moderne Mensch lebt nicht jetzt. Er lebt im Gestern und Morgen und das macht in allzu häufig heute unglücklich. Seit der neolithischen Revolution hat sich über die kulturelle Evolution der Menschheit das System immer weiter ausdifferenziert. Die Welt ist komplizierter als zur Zeit der Jäger und Sammler. Ob es damals schon Depressionen gab? Wohl eher weniger.

Die Zahl der Menschen mit Depressionen ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Vornehmlich in den wirtschaftlich starken Industrieländern wie Japan, USA und Deutschland.
Das mag verschiedene Gründe haben.
Wer Erfolg haben will, der darf nicht locker lassen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Du bist deines Glückes Schmid. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Phrasen über Phrasen und überall die Betonung dessen, was wichtig zu sein scheint: Erfolg.
Wenn die Bedeutung von Erfolg dem Individuum von der Gesellschaft übergestülpt wird, dann wird es für jeden Einzelnen immer schwieriger die eigene Interpretation nicht aus den Augen zu verlieren.
Die Sinnbedeutung des Augenblicks steckt grundsätzlich in Jedem. Aber: In einer Welt, in der jeder Besonders sein muss, um so zu sein wie alle anderen, läuft etwas verkehrt.
Der Druck auf den Menschen ist groß und der ihm versprochene Gewinn ebenso? Paradoxerweise gewinnt mancher erst dann sein eigenes Leben zurück, wenn die Kopie seiner Selbst im Leben der Anderen Schiffbruch erleidet.
Doch woran liegt das? Was sind die Gründe?
Einer ist der, dass man keine Gelassenheit mehr zu pflegen im Stand ist. Ge-Lassen zu sein, heißt auch mal das Leben geschehen zu lassen, ohne immer die Kontrolle über alles zu haben.
Sich gehen lassen wird im Allgemeinen mit Verwahrlosung assoziiert. Bilder von stark Übergewichtigen oder Messi-Wohnungen leuchten im Kopf auf. Jener Kopf, der eben nicht so frei ist, wie wir es gerne hätten.
Was wir wie und in welcher Form bewusst wahrnehmen, wird im Sozialisationsprozess mehr oder weniger stark in Stein gemeißelt. Aber auch Steine verändern sich mit der Zeit. Es dauert halt ein bisschen. Die Natur selbst ist sich stetig entwickelnder Geist, wie Schelling meint: „Die Religion des Philosophen hat die Farbe der Natur.“

Und wir sind Teil der Natur. So wie die Sterne, der Mond und das ganze Universum.
Sich gehen lassen, heißt sich fühlen und machen lassen, ohne gleich an all die Sorgen zu denken, die den Moment verderben. Der Moment, den kaum noch jemand kennt. Wer hört das Knacken des Salatblattes im Mund, wenn die eigenen Zähne es zerkauen? Wer hört draußen bewusst das Zwitschern? Und ich rede nicht von Twitter...

Gelassenheit als Bestandteil der Achtsamkeit hat seit einigen Jahren auch im Westen Hochkonjunktur. Die Betonung liegt hier auf Konjunktur. Denn die Geisteshaltung des Kapitalismus verschmilzt allzu häufig mit dem Wunsch nach zügig erzeugter Seelen-Ruhe. Ersteres scheint dem Menschen nach Jahren der ökonomisch verfassten Sozialisation inkorporiert zu sein und Zweiterem folgerichtig im Wege zu stehen. Wer für die aufgebrachte Zeit der Meditation einen direkten Lohn in Form von Gelassenheit oder gar erhöhter Leistungsfähigkeit erwartet, transformiert den Stress nur von einer Form in die Andere. Und täglich grüßt das Murmeltier.
Ein neu geschaffener Markt, schafft längst noch keine neuen Menschen.
Und wo viel Geld im Spiel ist, da ist die Tiefe des Wassers meist auf Schenkelhöhe genormt.

Ge-lassen Sein heißt Ver-lassen. Wer Gelassenheit an den Tag legt, kann die Zuschreibungen Anderer bewusst verlassen. In diesem Verlassen auf Basis der Gelassenheit zeigt sich ein großes Abenteuer. Und selbstredend auch ein äußerst schwieriges, wenn nicht gar utopisches Unterfangen. Schließlich entbehren nicht alle Zuschreibungen anderer der Grundlage der Wahrheit. Die Wahrheit herauszufinden, ist das, was das Leben erst spannend macht.
Die Suche ist das Ziel, sofern man sie als Wunder zu betrachten im Stande ist. Auch das ist ein Teil von sinnstiftender Gelassenheit: Man wird nie die ganze Welt verstehen. Da ist es doch schöner sie bewusst zu fühlen, solange man Gelegenheit dazu hat.

Und wer die Ratschläge derer die eben nicht an der eigenen Stelle sind, nicht hören will, der muss fühlen. Fühlen wie es ist, man Selbst zu sein. Mit aller Verantwortung und dem ganzen Zauber aus eigener Erfahrung zu werden, wer man ist.

Vielleicht haben wir zu viel Zeit, um Probleme zu erfinden, während andere echte zu lösen haben? Dabei heißt es doch immer die modernen Menschen hätten im Allgemeinen zu wenig Zeit.
Zu wenig Zeit für sich trifft es wohl präziser. Denn objektiv freie Zeit ist subjektiv nicht selten verkopfte Zeit voller Sorgen. Doch wer den Augenblick nicht ehrt, dem wird der Wert der Zukunft auf Dauer verwehrt.
Vielleicht hatte auch Seneca Recht: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“
Über die Definition von Nutzen wäre freilich zu streiten.

Dabei kann die achtsame Form des Lassens ein Straßenschild sein, das uns auf den richtigen Weg bringt. Etwas Sein lassen ist uns im Sinne des Aufhörens bekannt. Jemanden Sein zu lassen ist da schon weit weniger verbreitet. Kaum Jemand der in seinem Sein belassen wird. Die Stimmen von außen sind zu laut und zu zahlreich. In der Gegenwart spielen manche eine Rolle, mit der Hoffnung in Zukunft sie selbst sein zu dürfen. Und dann ist die Zukunft plötzlich Vergangenheit.
„Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die vom Morgen abhängt.“ (Seneca)
Innehalten und im Moment zu leben kann der eigenen Zukunft mehr Impulse aufzeigen und Horizonte öffnen, als man denkt. Wer die Zeit denkt, lebt nicht. Wer die Zeit fühlt, stirbt nicht.

Wer zu viel denkt, vergisst das Wesentliche. Etwas, das in Vergessenheit gerät, kann jedoch zumindest theoretisch wieder erinnert werden. Erinnerung als Rückkehr zu Realität und Identität, ja zum Leben selbst.
Das könnte gerade in unserer digital übersättigten Welt immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Hyperrealität a la Baudrillard bricht sich bereits die Bahn der Zukunft.
Die Gesellschaften werden sinntaub. Die Ablenkungsspirale der aufgeblähten Medienwelt durchdringt und zersetzt die Wahrnehmung von der Wirklichkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne der Generation „Digital Native“ ist zumeist eher der Flügellänge einer Libelle denn der eines Seeadlers ähnlich. Gelassenheit scheint in einem Zustand permanent neurotisch anmutender Verfügbarkeit nicht mehr in die neue Zeit zu passen. Ein Tag ohne Whatsapp ist vielen Menschen bereits unvorstellbar geworden.

Da braucht es Techniken, um sich der Präsenz der Sinne wieder bewusst zu werden. Denn wie Oscar Wilde ganz richtig bemerkte kommt es darauf an, „die Seele mittels der Sinne und die Sinne mittels der Seele zu heilen.“





Vogelstimmen bewusst durch die Ohrmuscheln hindurch hören und klingen lassen

An Blumen oder Gewürzen riechen und an nichts denken, als den Geruch zwischen den Nasenflügeln. Den Duft in den ganzen Körper strömen lassen

Die ziehenden Wolken am Himmel bewusst ziehen lassen

Barfuß gehen und die einzelnen Teile des Körpers zuerst denken und dann fühlen

Beim Essen bewusst kauen und schlucken ohne währenddessen zu sprechen

Das wird Vielen schwer fallen. Wir sind schon sehr weit von der Natur entfernt. Doch intuitiv kann jeder das Sein ohne Schleier der Zeiten erleben.

Wie schon am Anfang dieses Textes am Rande angeklungen, ist jene „Seinsvergessenheit“ im Sinne Martin Heideggers kulturell unterschiedlich verteilt. Stereotype sind häufiger wahr, als so mancher es wahrhaben will.
Und sie sind auch nicht per se schlecht, sondern liefern dem Menschen vielmehr Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Südländer pflegen die Gelassenheit meist intensiver als die ewig besorgten Männer und Frauen des Norden. Die kulturelle Konditionierung ist anders.

Vielleicht ist es so, dass das Leben im Hier und Jetzt die beiden intensiven Pole im Menschen entzügelt. Sowohl den Pol zum Glück durch präsentes Sein, als auch den Pol zur Zerstörung durch unüberlegtes Handeln. Vielleicht sind manche Gesellschaften wirtschaftlich weniger ausdifferenziert, aber das heißt nicht, dass sie kulturell unterentwickelt sind. Im Gegenteil: Die Kultur einer Gesellschaft kann intensiver und interessanter sein, wenn sie nicht ausschließlich durch wirtschaftliche Werte überschrieben darniederliegt. Die ökonomische Überschreibung der Kulturen ist jedoch auf ihrem fragwürdigen Siegeszug kaum noch aufzuhalten.

Was ist nun der richtige Weg? Sich immer Sorgen machen und von der Vergangenheit und Zukunft treiben lassen oder sorglos in den Tag leben, als gebe es nichts anderes als den Moment selbst?
Wie so oft liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.

Hin und wieder eben doch auch an Morgen zu denken, kann helfen, das Morgen überhaupt noch zu erleben. Wir leben in einem System, in dem die volle Achtsamkeit unmöglich erscheint. Ein System, das uns aber krank macht, wenn wir ihm gar nichts entgegensetzten. Das Entgegen muss von Innen kommen. Es kommt von dem Ent-lassen des Drucks aus sich Selbst. Techniken der bewussten Achtsamkeit helfen. Ein altbekanntes und probates Hilfsmittel: Der Schlaf.

Wer tief schlafen kann, kann loslassen. In diesem Los-lassen offenbart sich jene Ge-lassenheit, die Phantasie und Erholung zeitigt. Viele von uns brauchen das dringend. Im Traum ist man sich selbst vielleicht näher, als man es im Wachen je sein könnte. Und:
„Wer einmal sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“
(Stefan Zweig)
Es gibt für den Leser wahrscheinlich mehr Gründe aus einem halbvollen Glas lustvoll zu trinken, als ein halbleeres traurig zu beäugen.
In diesem Sinne: Immer schön locker bleiben!


© Copyright J. Renner 2020


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Beschreibung des Autors zu "Philosophie der Gelassenheit"

Philosophie der Achtsamkeit




Kommentare zu "Philosophie der Gelassenheit"

Re: Philosophie der Gelassenheit

Autor: [email protected]   Datum: 20.01.2020 20:22 Uhr

Kommentar: Viele der Gedanken sind mir schon vertraut und tangieren ja auch die Lehren Buddhas bzw. die der Achtsamkeit des Zen. Trotzdem ist es gut, sich das immer wieder einmal ins Bewusstsein zu holen. Nunja, Stefan Zweig konnte seinen Anspruch dann selbst vielleicht auch nicht mehr gerecht werden, wenn man seinen Suizid und Abschiedsbrief so deuten mag.

Re: Philosophie der Gelassenheit

Autor: joe   Datum: 21.01.2020 13:36 Uhr

Kommentar: Danke für deinen Kommentar, Torsten.
Zen-Philosophie ist eine große Inspiration. Das hast du Recht.
Das Zitat von Zweig finde ich sehr schön.
Leider ist es vorm Hintergrund seiner Biografie nicht wirklich von ihm selbst erfüllt worden.

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