Perfekt unperfekt
Was ist das, dass wir uns ständig falsch fühlen? Als nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht hübsch genug, nicht nett genug, einfach als nicht genug? Woher kommt dieses ständige Gefühl einfach zu wenig zu sein, oder nicht passend? Mir fällt das in letzter Zeit immer öfter auf, dass so viele Menschen ständig nach Perfektionismus und Vollkommenheit streben. Die oder der machen das besser als ich. Die oder der ist klüger als ich. Sie ist viel verständnisvoller und freundlicher als ich. Auch ich ertappe mich ständig dabei mich mit anderen zu vergleichen.
Und Überraschung, wir steigen meistens sehr schlecht aus bei so einem Vergleich. Und warum? Ganz einfach, weil wir uns selbst viel kritischer beäugen als andere. Wir sind zu uns selbst meist viel strenger, verzeihen weniger Fehler und Verfehlungen als bei den Mitmenschen. Denn wir erwarten von uns immer 100%, Minimum. 150% wären natürlich noch besser, aber 100% müssen es sein. Denn so hat man zu sein. Immer das Beste geben, immer freundlich sein, immer bemüht sein, schön angepasst, nicht auffallen, nicht anecken, nicht provozieren, und schon gar nicht versagen.
Wer gibt schon gerne zu, dass er es nicht geschafft hat, dass er etwas falsch gemacht hat, oder dass etwas nicht ausgereicht hat. Wer gesteht sich schon ein, dass die Leistung zu wenig war oder dass man sich „ Gott bewahre“ geirrt hat, dass man falsch lag mit seiner Annahme? Das bedeutet Schwäche. Man gibt zu, dass man schwach ist, dass man nicht gut genug war. Man lässt vor den anderen die Hosen runter, ist angreifbar und könnte zum Gespött der anderen werden. Zur Zielscheibe für Verurteilung und Hohn, oder schlimmer noch, man könnte die Achtung und Anerkennung verlieren. Was wäre wenn wir alle offen darüber reden würden, wenn uns mal etwas misslungen ist, wir uns irren oder einen schwachen Moment haben? Was wäre, wenn wir uns Momente eingestehen würden in denen wir nicht beherrscht, besonnen und überlegt reagieren und handeln?
Wer wären wir dann, wenn wir zugeben würden, dass wir alle Fehler machen, dass wir alle schlechte Tage haben, uns mal unsicher fühlen, und einfach mal eine Umarmung bräuchten? Wer wären wir, wenn wir uns und anderen eingestehen würden, dass wir nicht immer perfekt sind, und es auch gar nicht sein wollen und können. Wir wären Menschen. Denn das ist Menschsein. Wir sind Menschen, wir sind nicht perfekt. Wir machen Fehler, wir haben Schwächen, wir haben Ängste, Sorgen, Zweifel. Wir haben Wünsche, Träume und Sehnsüchte.
So unterschiedlich wir alle sind, in Weltanschauung, Hautfarbe, sozialer Schicht oder unseren Vorlieben, so gleich sind wir. Denn wir sind alle Menschen. Und Menschen sind nicht perfekt. Keiner. Niemand. Kein einziger von uns ist perfekt. Wie wäre es also wenn wir aufhören würden danach zu streben und uns gegenseitig nicht mehr diesem Druck aussetze würden? Wenn wir die Masken ablegen würden, die Panzer und Schwerter senken und uns eingestehen, dass wir alle Menschen sind.
Wir sind glücklich, liebevoll, freundlich, mitfühlend, ehrgeizig und bestrebt unser Bestes zu geben. Wir sind aber auch unglücklich, bösartig (wenn auch nur im Gedanken), unfreundlich, gleichgültig, faul und wollen nicht immer kämpfen oder lieb und nett sein. Der Mensch ist ein Wunder, aber er ist nicht perfekt, also hören wir auf es sein zu wollen und es vorzutäuschen. Seien wir authentisch im Menschsein.


© Michaela Friedl


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