Erika liebte das Licht im September. Es war fast golden. Insekten spielten darin und kleine Stäubchen ließen ihre Fotos weich, fast mystisch erscheinen. Die Kamera um den Hals, die Fototasche mit einem zweiten Objektiv, Filtern und Reinigungspinsel auf der Schulter, schlenderte sie durch den Park des Naturkundemuseums.
Als Tatortfotografin bei der Kriminalpolizei Neubrandenburg hatte sie es mit Opfern von Gewalttaten zu tun. Mit Grausamkeiten, die sie gerne ausgeblendet hätte. Doch die Bilder brannten sich in ihr Gedächtnis ein und in ihre Seele. Deshalb waren diese Nachmittage im Park für Erika ein wichtiger Ausgleich. Hier fotografierte sie, was ihre Seele heilte. Seltene Pflanzen, Skulpturen, und immer wieder den See. Enten, Schwäne, den Reiher auf seiner hölzernen Plattform.
Auch an diesem Nachmittag schlenderte Erika entspannt durch den Park. Sie hatte den See schon halb umrundet und tauchte in ein naturbelassenes Areal ein. Auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes ließ sie sich nieder und setzte die Fototasche ab. Die Luft war warm und roch nach Moder. Bienen summten, Schmetterlinge gaukelten durch die einfallenden Sonnenstrahlen und blauschimmernde Libellen schwirrten im Schilf. Verträumt sah Erika auf den See hinaus. Plötzlich blieb ihr Blick hängen. Etwas ragte aus der Wasseroberfläche. Gerade so viel, dass sich die Bewegung des Wassers brach und ein Kräuselmuster entstand. Es war kein Ast, auch kein Stein, irgendetwas Fremdes hatte sich in den See geschlichen… ein kalter Schauer erfasste Erika und zugleich schalt sie sich, völlig über zu reagieren. Fast automatisch griff sie zu ihrer Kamera, setzte das Teleobjektiv auf, sah hindurch und schüttelte den Kopf. Nein. Das war unlogisch. Das konnte so nicht aussehen. Und doch war es kein Irrtum. Erika sah die Fingerspitze einer Frau. Es war ein rot lackierter Fingernagel, der die Kräuselung im Wasser verursachte. Der Rest der Hand oder der ganzen Frau blieb im moderigen Wasser verborgen. Sie drückte auf den Auslöser, zoomte, löste wieder aus. Mit eiskalten Händen packte sie die Kamera in die Fototasche. Weg hier, bloß weg.
Zuhause sah sie sich ihre Aufnahmen im Computer an. Es war eindeutig eine Fingerspitze mit einem rot lackierten Nagel. „Das kann nicht sein“, sagte Hauptkommissar Lukas Lukasz, der sich über sie beugte und dabei seinen Arm um ihre Schultern legte. Erika schmiegte sich hinein und genoss wie immer die Ruhe und die Kraft, die ihr Ehemann ausstrahlte. „Wenn dort unten eine Leiche läge, wäre die Hand doch abgesackt.“ „Und wenn sie festhängt, an einem Ast, oder im Schilf?“ „Dann würde sie sich mit dem Wasser bewegen…“. Bei dem Gedanken an eine tote Frau, die aus dem Wasser herauswinkt, lief Erika ein Schauer über den Rücken. „Willst du deine Leute holen und nachsehen?“. „Nein Schatz, ich habe den Eindruck, dass es sich um etwas Anorganisches handelt. Etwas, was nicht in den See gehört. Morgen früh, bei Tageslicht werden wir uns die Sache gemeinsam ansehen.“
Erika wusste, wenn Lukas einmal ‚nein‘ gesagt hatte, gab es kein Zurück mehr. Er war nicht nur ihr Ehemann, er war auch ihr Vorgesetzter. Aber in ihr rumorte es. Tatortfotografin zu sein, das war für sie nicht nur ein Job, das war eine Aufgabe. Ein Versprechen an die Opfer, dazu beizutragen, ihren Mörder zu finden. Und hier lag eine Frau im Wasser und streckte ihr mit letzter Kraft die Hand entgegen. Erika schüttelte den Kopf. ‚Du bist ja irre, wer weiß, was da liegt…‘. Aber ihre Fantasie lief bereits auf Hochtouren. Und die bildliche Vorstellungskraft, die sie als Fotografin entwickelt hatte, bescherte ihr grausame Bilder.
In der folgenden Nacht lag sie wach und starrte an die Zimmerdecke. Weit aufgerissene Augen starrten zu ihr hinunter und schienen um Hilfe zu flehen. Ein Mund, leicht geöffnet und doch nicht fähig, Worte zu formulieren. Sie setzte sich auf und schlug die Hände vors Gesicht, doch die Bilder blieben. Neben ihr schnarchte Lukas zufrieden vor sich hin. Leise stand sie auf und schlüpfte ins Ankleidezimmer. Schwarze Leggins, ein schwarzes, langärmeliges T-Shirt. Die blonden Haare versteckte sie unter einer randlosen schwarzen Kappe. Die Gummistiefel mit den Socken stellte sie an die Wohnungstür. Lukas hatte sofort gemerkt, dass seine Frau das Bett verlassen hatte. Jetzt stand er leise auf und folgte dem Lichtstrahl zur Küchentür. Im schwachen Licht der Herdlampe stand Erika und sortierte mehrere Gegenstände auf der Anrichte. „Du siehst ja aus wie Catwoman“, schmunzelte er. Dann sah er auf die Gegenstände, die sie zusammengetragen hatte. Ein großes und ein kleines Messer, die Haushaltsschere, Paketband, eine Taschenlampe, ein Bund Dietriche, einen alten Schraubenzieher, Eimalhandschuhe, kleine Gefrierbeutel und die obligate Rolle Haushaltspapier, ohne die Erika nie zu einem Einsatz erschien. Lukas schüttelte den Kopf. „Was du so alles in der Besteckschublade aufbewahrst…“, dann nahm er sein Handy von der Ladestation und wählte. „Nils, bitte entschuldigen Sie, dass ich zu dieser Uhrzeit anrufe, haben Sie Lust auf etwas… sagen wir mal, nicht ganz Legales? Und bringen Sie ihre Anglerstiefel mit.“, „Cool, Chef, wo soll ich hinkommen?“.
Sie trafen sich vor dem Haupteingang des Naturkundemuseums. Der Park war von einer hohen Mauer umgeben und nur durch das Foyer des Museums zu erreichen. Aber Erika kannte einen Eingang in der Mauer, durch das sie auch außerhalb der Öffnungszeiten in den Park gelangen konnte. Sie öffnete die Tür mit einem Dietrich und führte ihre Begleiter durch ein Gewirr von Geißblatt und Knöterich auf den Hauptweg. Mit ihren abgeschirmten Taschenlampen folgten sie ihr bis zu dem umgestürzten Baum. Nils leuchtete auf den See hinaus und erfasste tatsächlich die Fingerspitze. Dann nickte er, „Leiche.“ Ohne viel Worte schlüpfte er in seine Anglerstiefel. Auch Erika hatte inzwischen ihre Gummistiefel angezogen. Sie reichten ihr nicht ganz bis zum Knie und trugen ein auffälliges Rosenmuster. Lukas lachte: „Catwoman, so gehst du nicht ins Wasser…“. Auch Nils grinste bei ihrem Anblick, aber Erika ließ sich nicht beirren. Ruhig setzte sie das Blitzlicht auf ihre Kamera, prüfte die Verbindung, nickte dann zu Nils hinüber: „Kann losgehen.“
Vorsichtig ließen sich die beiden Männer ins Wasser gleiten, darauf bedacht, kein unnötiges Geräusch zu machen, die Wasservögel nicht zu stören oder einen Museumswärter aus dem Schlaf zu holen. Nils berührte den Finger, bekam eine Hand zu fassen, zog vorsichtig daran. Ein Arm kam zum Vorschein - dann ging es nicht weiter. Offenbar hatte sich der Körper in den Wasserpflanzen verfangen. Lukas watete zum Ufer zurück und Erika reicht ihm die Haushaltsschere. Damit versuchte er, einen Kopf, einen Körper, aus seinem Bett aus Algen zu befreien. Nils zog und stütze den Körper, ohne Angst, in weiches verwesendes Fleisch zu fassen. Er hatte schnell gespürt, dass das hier etwas anderes war. Lukas auch, aber im Gegensatz zu seinem Assistenten, konnte er es nicht gleich einordnen. In einem Schwall von Seewasser brachten sie eine Frau an Land. Als sie sie aufrichteten, spritzte das Wasser aus ihren Haaren, so dass Erika schnell ihre Kamera hinter den Rücken hielt. Nils streichelte der Frau über den Arm. „So feines Material…“. Erika verstaute Kamera und Blitz in der Fototasche und senkte dabei den Kopf, um zu verbergen, wie erschüttert sie war. Als sie sich gesammelt hatte, drehte sie sich wieder um und stand der Frau aus dem See gegenüber. Algen hatten sich in ihrem langen Haaren verfangen. Die Augen aufgerissen, voller Angst und Schmerz, der Mund wie ein Stöhnen. Sie trug ein rotes Kleid, das sich klatschnass und ein wenig obszön zwischen ihre Oberschenkel schmiegte. Der Ausschnitt war heruntergerissen und zwischen ihren nackten Brüsten steckte ein Messer. Genau das gleiche, das Erika in der Tasche hatte und das aus dem Messerblock in ihrer Küche stammte. Lukas riss es mit einem kräftigen Ruck heraus. Die Frau fiel nach vorn und Erika streckte automatisch die Arme aus. Sie hielt sie und drückte sie an sich. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie zog ihr das zerrissene Kleid zurecht, so dass die Brüste wieder bedeckt waren, zupfte die Algen aus dem nassen Haar. Tief in ihr breitete sich der Schmerz aus. Ein alter Vertrauter, den sie bei jedem Einsatz fühlte. Es war der Schmerz der Opfer. Mitunter auch der Schmerz der Täter, denn, so hatte Lukas einmal gesagt, jeder Mord beginnt mit einem Gefühl. Kommissar Lukasz sah seine Frau an. „Eigenartig“ dachte er, „bei ihrem Job als Tatortfotografin ist sie so tough. Sie wickelt jeden Einsatz konzentriert und präzise ab.“ Viele Täter hatten sie schon aufgrund ihrer Fotos gefasst. Er hatte immer gedacht, sie hätte mit der Zeit eine gewisse Widerstandkraft entwickelt, genau wie er. Eine Fähigkeit, nach jedem Fall eine innere Tür hinter sich zu schließen. Und nun stand sie hier, nass bis auf die Haut, und weinte um eine Silikonpuppe.
„Wenigstens müssen wir keinen Mord melden…“, versuchte er sie zu beruhigen. „Doch Lukas, das war Mord.“


© Susanna-Ka


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