Es verbleiben nur noch wenige Tage auf Bali, der Insel der Götter. Von den Ceking Rice Terraces bis in den idyllischen Ort Ubud sind es nur noch wenige Kilometer. Der Weg führt durch üppig wuchernden Tropenwald. Undurchdringbares Dickicht säumt den schmalen Pfad. Die Geräusches des Dschungels untermalen die exotische Atmosphäre. Lassen auf die Anwesenheit von Tieren schließen. Man sieht diese selten. Nur gelegentlich schwingen sich neugierige Makaken von Ast zu Ast. Bald ist das Dorf erreicht. Der junge Traveller steuert einen schattigen Platz vor einem Coffee-Shop an. Der Weg hierher war körperlich überaus anspruchsvoll. Gleichwohl, ein sinnliches Erlebnis, dieser Marsch durch diese tropische Traumlandschaft. Nun der Wunsch nach Erfrischung. Er erholt sich schnell. Wohlgefühl stellt sich ein. Die Erschöpfung ist bald vergessen. Geräusche aus der Ortschaft dringen an sein Ohr. Erst verhalten. Dann nähern sich rhythmische Laute. Der Klang von Zimbeln und Blasinstrumenten ist deutlich zu vernehmen. Und nun sieht er es: Ein festlich geschmückter Umzug nähert sich. Die Begleiter summen und murmeln andächtig feierliche Gebete. Dazu rhythmische Bewegungen. Die geben der Darbietung eine besondere Aura. Opulente Festlichkeit. Eine exotische Komposition der Sinne.
Es sind die letzten Meter des Umzugs. Eine Bestattungszeremonie. Das Ziel ist der üppig geschmückte Platz der Kremation. Am Rande des Dorfes. Der Reisende schaut gefesselt der Darbietung zu. Fasziniert von der feierlichen Stimmung des Trauerzugs. Alleine die Vielfalt der Farben. Betont die prächtige Festbekleidung. So ganz anders als Zuhause. Eine würdevolle Stimmung der besonderen Art. Dabei fast heiter. In der Mitte des Zuges ein offener Sarkophag. Die Teilnehmer der Zeremonie richten letzte stumme Grüße an den Verstorbenen. Dezente Gesten des Abschieds.
Und mittendrin vier Europäer: Zwei Paare bewaffnet mit einer Videokamera. Sie begleiten die Zeremonie. Viele Schritte lang. Immer dicht am Sarg. Die monströse Kamera permanent auf den Toten gerichtet. Leichtes Gerangel um die besten Positionen. Kein Einheimischer gebietet Einhalt. Das verstieße gegen die Gastfreundschaft. Die aufgeregte Begeisterung der Fremden dominiert die Szene. Einmaliges Erlebnis. Authentisch. Das sind die häufigsten Begriffe. Und deutlich herauszuhören die sprachliche Herkunft. Zweifelsfrei deutsche Idiome, die zum stillen Beobachter herüberdringen. Nie ist ihm der Begriff Fremdschämen klarer bewusst gewesen.
Und dieses Gefühl kommt erneut in ihm hoch. Wochen nach der Rückkehr in Deutschland. Ein Bericht in einem Reisejournal. Von unverfälschten Ritualen auf Bali ist die Rede. Authentisch. Urtümliche Einheimische. Exotik pur. Faszinierende Rituale. Und wie offen die Menschen dort sind. Gegenüber Fremden. Selbst in sehr privaten Situationen. Wenige Monate später werden in Deutschland Spezialarrangements dorthin angeboten. Strandurlaub inklusive Teilnahme an Totenzeremonien. Unverfälscht. Mit Erfolgsgarantie.
Kommentar:Ohhhh, mannnn! Du hast es einfach super eingefangen, ohne Anklage. Es wirkt einfach durch die Beschreibung. Sodass man selber sich für diese Urlauber schämen muss, obwohl man nicht dabei gewesen ist. Und ja, das Schlimmste kommt dann noch. Dass es dann noch ausgeschlachtet wird, Pauschalreisen zu exotischen Begräbnisfeiern. Mit echten Toten! Der Kick für den Pauschaltouristen, der sonst schon alles gesehen hat. Ich glaube, ich wäre im Boden versunken oder hätte gleich Französisch gesprochen, wenn ich so etwas mitbekommen hätte.
Kommentar:Ja, Gunnar, solch ein Erlebnis ist schon heftig. Die Geschichte habe ich aus der Erinnerung an eine Reise in den Achtzigerjahren geschrieben. Auch wenn auf Bali inzwischen keine 'Show-Beisetzungen' mehr stattfinden, vermute ich, die mentale Grundhaltung hat sich bei etlichen Touristen nicht verändert: Nervenkitzel ohne Erbarmen und ohne Rücksicht auf Gefühle anderer. Danke für deinen Beitrag.
Herzliche. Grüße.
rubber sole
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