.Als ich im zweiten Semester meines Studiums zur Diplomübesetzerin war (ein Wintersemester)), hatten wir eine italienische Lehrerin, Frau Lina Mazzi, die, bevor sie begann, im Sprachenzentrum der Universität des Saarlandes zu lehren, als Lehrerin für Deutsch an einer Schule in Modena, Norditalien, tätig war. Wir waren nur eine kleine Gruppe, vielleicht 30 Studenten, hauptsächlich junge Frauen. Und die meisten von uns wussten gerade mal „Ti amo“ oder „Ciao“ oder „arrivederci“.
Signora Mazzi hatte eine ganz besondere Lehrmethode: sie sprach von Anfang an nur italienisch mit uns. Anfangs erntete sie nur leere Gesichter, wir hatten keine Ahnung, worüber sie redete. Nur wenn sie merkte, dass wir manchmal überhaupt nicht wussten, was sie meinte, sagte sie es uns auf Deutsch. Aber mit der Zeit änderte sich das. Wir fingen an, uns an ihre Lehrmethode zu gewöhnen, und zum Schluß sprachen wir viel besser und schneller Italienisch, als zum Beispiel unsere Kommilitonen in den Sprachen Spanisch oder Russisch.
Gegen Ende des Vorsemesters erzählte Signora Mazzi uns von der italienischen Klasse, die sie in Modena zuletzt unterrichtet hatte, und bot uns an, für alle, die es wollten, in den nächsten Sommersemesterferien etwas jüngere italienische Mädchen zu vermitteln, die zuerst ein paar Wochen bei uns und unseren Familien in Deutschlandverbringen sollten, und dann sollten wir deutschen Frauen nochmal ein paar Wochen in Italien verbringen bei den Familien der italienischen Mädchen. Mir wurde ein siebzehnjähriges Mädchen aus dem Dorf Castel Rangone bei Modena zugeteilt. Sie hieß Monica, und auf dem Foto sah sie sehr hübsch aus. Ich telefonierten zunächst ein paar mal mit ihr, und ich konnte ihr auf italienisch klar machen, dass sie mir ein bestimmtes Italienisch-Deutsches Wörterbuch mitbringen sollte, das es in Deutschland nicht gab. Und sie sagte: „Si, Si, l'ho!“ (Ja, ja, ich habe es!)
Ich durfte Papas BMW benutzen, und fuhr zum Bahnhof meiner Kleinstadt und holte sie ab. Wir verstanden uns auf Anhieb. Sie sprach nur Italienisch mit mir, und ich konnte ihr gut folgen, und sie sagte: „Du sprichst aber schon sehr gut Italienisch!“ MeinVater drückte mir 50 DM in die Hand, und sagte: „Geht mal schön zusammen essen, dann könnt ihr euch besser kennenlernen.“
Ein paar Tage später fuhren wir alle nach der niederländischen Insel Ameland, wo meine Eltern einen Ferienbungalow gemietet hatten, in dem auch ein Schlafplatz für Monica war. Monica war gar nicht „etepetete“, Ganz ohne Scham setzte sie sich mit blankem Busen auf der Terrasse in die Sonne, was meinem kleinen Bruder sehr gefiel, und aß Marmeladenbrote.
EinenTag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir zum ersten Mal an die Nordsee, an den Strand und ins Wasser. Es stellte sich heraus, dass Monica, die nur das warme Mittelmeer kannte, erwartet hatte, dass auf der Nordsee Eisschollen trieben. Dem war zwar nicht so, aber als sie mit den Füßen ins Wasser ging, schrie sie: „io gelo, io gelo“ (Ich gefriere, ich gefriere!“)
Wir gingen regelmäßig in die Disco „De Kronkel“, ein paar Kilometer entfernt von unserem Bungalow, nahe dem Dorf Ballum. Ich kannte diese Diso schon von früheren Urlauben. Wir hatten sehr viel Spaß, tranken unsere Bierchen, aßen ein Toasti (2 Scheiben überbackens Toastbrot mit Schinken und Käse), und tanzten zu den Hits, die der Disc Jockey spielte. Irgendwann war ich dann müde und wollte den Weg nach Hause antreten. Aber Monica flirtete mit einem junge Mann, und wollte noch bleiben. Also ging ich allein. Ich ließ die Eingansgtür unverschlossen, damit sie ins Haus konnte.
Am nächsten Morgen erzählte sie mir dann, dass sie sich mit dem jungen Mann in die Büsche gschlagen und mit ihm geschlafen hatte. Daran ist nichts auszusetzen, wenn sie Lust dazu hat. Ich war nicht der Wächter ihrer Moral. Blöd war nur, dass sie einen Tag später anfing, sich an der Scham zu kratzen. Meine Mutter sah es sich an und sagte: „Monica, du hast Filzläuse!“ Was Monica natürlich nicht verstand, also habe ich es mehr schlecht als recht übersetzt mit: „Du hast Flöhe da unten, Monica!“Also wurde erstmal die Schambehaarung abrasiert, und dann gingen meine Mutter und ich in eine Apotheke im Dorf und hatten größte Mühe, dem Herrn zu erklären, worum es ging. Unser niederländisch reichte nicht aus, wir wussten nicht, wie man „etwas gegen Filzläuse“ sagt. Schließlich konnten wir uns verständlich machen, und bekamen eine Salbe, mit der Monica sich dann regelmäßig einrieb.
Die vier Wochen gingen schnell herum, und schon mussten wir dem schönen Ameland Adieu sagen. Monica blieb dann noch eine Woche bei mir und meiner Familie, und dann fuhren wir mit meinem blauen Käfer Richtung Bella Italia.
Es war ein heißer Sommertag, und wir fuhren gerade durch die Schweiz. Wir fuhren am Rande des Vierwaldstätter Sees entlang, und bekamen auf einmal Lust auf ein erfrischendes Bad. Also zogen wir uns mit Verrenkungen im Auto die Badeanzüge an, und hörten über uns plötzlich jemanden frech pfeifen. Wir sahen nach oben, und da waren ein paar Männer, die wohl an einer Brücke Reparaturarbeiten machten, und die sich in aller Ruhe unseren Striptease anguckten. Einer etwas unterhalb der Brücke, auf einem Abhang, war sogar dabei, sich bei dem gebotenen Anblick selbst zu befriedigen. Da liessen wir es bleiben, und fuhren einfach weiter.
Obwohl Monica erst siebzehn war, durfte sie nach italienischem Recht in Begleitung eines Erwachsenen (mir, ich war ja über achtzehn) Auto fahren, also wechselten wir uns ab auf der langen Fahrt. Dabei unterhielten wir uns viel. Sie erzählte mir, dass sie in ihrem Heimatort einen festen Freund hatte, Franco, der etwa Mitte zwanzig war, und auch, dass er sie vor einigen Monaten erniedrigt hatte. Er hatte auf einer Party gesagt über Monica: „Diese Frau gehört nicht zu mir, ich kenne sie gar nicht!“ Das ist natürlich gelinde gesagt „ungezogen“, verletzend, es ist ein Verrat. Und Monica sagte: „Ich liebe ihn, und ich will ihn heiraten, aber ich kann ihm nicht mehr vertrauen.“ Woraufhin ich sagte: „Aber du kannst doch nicht jemanden heiraten, dem du nicht vertraust, das ist doch in einer Beziehung eine immens wichtige Sache!“
Ausserdem hatte ich ja schon auf Ameland festgestellt, das Monica in Sachen Sex sehr freigebig war. Das mit dem Typen, mit dem sie sich in das Gebüsch verzogen hatte, konnte man noch unter der Rubrik „Urlaubsabenteuer“ abbuchen, Aber ist gab noch einen anderen jungen Mann, mit dem Monica vor Franco zusammen war, der sie immer noch liebte, und mit dem sie ab und zu noch mal schlief. Ich weiß nicht, ob Franco das wusste, und es ihm nichts ausmachte.
Wir gingen öfter in eine Discothek in der Nähe des Dorfes, wo Monica und ihre Familie lebten. Sie hieß „Il Picchio Rosso“ (Der rote Specht“), und der Club hatte eine traumhafte, gläserne Tanzfläche unter freiem Himmel. Es war immer sehr viel los da, es war ein echt „angesagter“ Schuppen.
In dem kleinen Dorf war nicht viel los. Es gab einen großen Marktplatz, wo Männer aus dem Dorf Boule spielten bei einem Gläschen Rotwein oder einem Espresso, während die Frauen im Haushalt schufteten und „la cena“ (das Abendessen) zubereiteten. Und obwohl man das hätte ewarten können in Italien, gab es keine „Eisdiele“ im deutschen Sinne, nur eine „Luke“, die zu bestimmten Zeiten geöffnet wurde. Es gab auch keine Eiskugeln wie in Deutschland, nein, das Eis wurde mit einem Spachtel am Rande des Pappbechers abgestreift von allen Seiten, bis der Becher voll war, und Schlagsahne gab es auch nicht, dass schien auch eine deutsche Erfindung zu sein.
Meine Eltern hatten mir 10.000,00 Lire mitgegeben, ich weiß nicht mehr, wieviel das in DM war damals, aber es hat gereicht. Monica hatte eine Freundin, die eine Boutique besaß, und dort kaufte ich mir ein paar schöne Sachen zum Anziehen. Und immer wieder die Frage (wie viele Italiener das sagen, wenn sie auf einen Ausländer treffen): „Ti piace? Ti piace?“ (Gefällt es dir? Gefällt es dir?)
Monicas Vater betrieb einen Fleischgroßhandel. Es gab ein riesiges Kühlhaus, in dem halbe Schweine hingen, aber auch Schinken. Darum gab es jeden Abend frisch aufgeschnittenen Schinken mit Honigmelone. Einmal gab es gekochte Hähnchenflügel, die ich überhaupt nicht mochte. Die Haut war nicht knusprig gebraten, sondern labberig und weich. Da habe ich dann gesagt: „Tut mir leid, ich habe keinen Hunger heute Abend.“
Meine Mutter hatte mir für Monicas Mutter eine Flasche Parfum mitgegeben, und ich bekam dann für meine Mutter eine tolle Tagesdecke für das Bett.
Monicas Mutter ging es manchmal nicht gut. Dann sagten die Kinder: „La mamma si sente a pezzi“ (Die Mamma fühlt sich nicht gut). Sie trank dann eine kleine Schüssel mit Hühnersuppe, und danach ging es ihr wieder besser.
Es gab noch einen „nonno“ (Großvater) in der Familie, der ein riesiges Krebsgeschwür am Hals hatte, wofür er auch regelmäßig mit Chemotherapie behandelt wurde. Und eine „zia“ (Tante) fühlte sich dazu bemüssigt, dem Nonno beim Essen soviel reinzustopfen wie möglich. Das erzürnte den Großvater sehr. Er sagte: „Hör auf, mich fett zu füttern, ich weiß schon, wieviel ich essen muss!“ Dann hört sie auf damit.
Das Schöne an Italien ist, dass es alles mögliche gibt, das warme Mittelmeer mit seinen weißen Stränden, aber auch Gebirgszüge wie die Apenninnen oder die Abruzzen, und viele Nationalparks. Monica und Franco und ich verbrachten einmal ein Wochenende in den Apenninen. Wir hatten ein Zimmer mit drei Schlafgelegenheiten in einer kleinen Pension. Und wie liessen es uns richtig gut gehen. Die Mahlzeiten waren mit sehr viel Liebe zubereitet, und das Frühstücksbuffet bog sich vor kulinarischen Köstlichkeiten. Gewandert sind wir nicht so viel, wie konnten einfach den inneren Schweinehund nicht überwinden.
Auf dem Rückweg nach Castel Rangone machten wir noch einen Abstecher in Venedig. Wir mieteten uns ein Tretboot für 3 Personen und fuhren damit im Lido von Venedig herum. Wir waren alle splitternackt, und waren fröhlich und gut aufgelegt. Die Sonne schien (wie es sich gehörte), und wir wurden alle schön braun.
Und da winkte auch schon in der nicht so weiten Ferne der Abschied. Die Ferien waren vorbei, auch Monica musste wieder in die Schule. Ich packte all meine Sachen in meinen hellblauen VW Käfer. Wir weinten und umarmten uns ein letztes Mal. Wir versprachen uns, in Verbindung zu bleiben, schriftlich oder telefonisch. Gern denke ich manchmal an diese schöne Zeit, die ich erlebt habe, mit freundlichen Menschen, die meine Persönlichkeit und meine Seele geliebt, geachtet und respektiert haben.
Ciao, Bella Italia, Vielleicht flüchte ich noch mal zu dir, wenn es nicht mehr weitergeht, und finde Frieden an den Brüsten eurer Mammas...
Es war der Tod, der mir gewahr,
ich sprach mit ihm, ganz wunderbar.
Vollkommen ohne Scheu im Traum,
so losgelöst, von Zeit und Raum.
Er war es auch der heute Nacht,
mir Eisesblumen [ ... ]
Ich bin nur ein Universum entfernt,
Von einem erfüllten Leben.
Nur ein Universum entfernt.
Und die beste Version meiner Selbst
War ich bei meiner Geburt
Oder werde ich am Sterbebett sein.