England, My Love

© Maid Marion

ENGLAND, MY LOVE

Das Wintersemester 1981/82 verlebte ich in Manchester, England. Koedukative Studentenwohnheime gab es damals noch nicht. Ich wohnte in einem kleinen Zimmer unter dem Dach in einem Wohnheim nur für junge Fauen. Es lag in einer stillen Seitenstrasse, wo es nur eine Leihbücherei, einen Waschsalon und ein Spirituosengeschäft gab.

Ich meldete mich in der Leihbücherei an, und holte mir Krimis von Agatha Christie, Science Fiction Literatur und asiatische Kochbücher. Ich verbrachte ganze Nächte bis in die frühen Morgenstunden damit, die Bücher zu lesen und die Kochbücher zu durchforsten und mir Rezepte rauszuschreiben. So schlief ich dann irgendwann ein, bis in den nächsten Vormittag. Die Putzfrau, die jeden Tag kam, war entrüstet über meine angebliche Faulheit, weil alle anderen Frauen das Haus schon um 8 Uhr verlassen hatten, die Vorlesungen besuchten und erst am frühen Abend zurückkamen. Zu Beginn war ich auch zur Universität gefahren, aber die Busverbindung war sehr schlecht und lang. Man musste of lange auf einen Anschlußbus warten, und so ließ ich es letztendlich bleiben, und versuchte, mein Englisch durch das Lesen englischer Bücher zu verbessern. Eine der Frauen sagte zu mir: „Marion, du gibst dir solche Mühe, du strengst dich so an, das bewundere ich so an dir.“

Es gab in diesem Wohnheim eine junge Frau, die auch Deutsch studierte, und wir verbrachten viel Zeit miteinander. Ihr Name war Judy, und sie brachte mir englische Literatur nahe, zum Beispiel „Watership Down“ und „Anna of The Five Towns“. Abends, so gegen sechs, fielen die jungen Frauen wie ein Heuschreckenschwarm in die große Küche ein, in der es mehrere Gasherde gab, und kochten sich ihr Abendessen. Und dann wurde ferngesehen. Es gab zwei Lieblingsserien meiner Mitbewohnerinnen: „Crossroads“ (sowas wie in Deutschland „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“), und „Coronation Street“. Letzteres war etliche Jahre später die Vorlage für die „Lindenstrasse“, aber das wusste ich damals natürlich noch nicht.

Oft gab es auch Spielfilme, in denen die Mentalität der Deutschen auf den Arm genommen wurde, besonders im militärischen Bereich. Da gab es viele „Jawoll!“ und zackigen Soldatengruß. Man fragte mich, ob ich nicht beleidigt sei wegen dieser Verarsche, aber ich sagte nur, nein, weil ich weiß, dass die Deutschen heute anders sind und diese Klischees nicht mehr stimmen.

Die meisten der Bewohnerinnen hatten keinen Freund, oder so schien es mir zu sein, denn es tauchten keiner Männer auf in dem Wohnheim. Sie konzentrierten sich stattdessen wohl voll auf ihr Studium. Eine jedoch, sie hieß Cheryl, hatte einen Freund, der sie regelmäßig besuchte und sie im Schnitt jedes dritte Mal verprügelte. Wir anderen Frauen sahen zwar nichts, weil sich das in ihrem Zimmer abspielte, aber wir hörten sie schreien, und das reichte uns. Eines Tages, als es wieder einmal ganz schlimm war, setzen wir uns im Wohnzimmer an den Tisch und überlegten gründlich, was wir tun sollten. Wir kamen einmütig zu dem Schluß, dass wir die Polizei informieren wollten. So riefen wir auf einem Revier in der Nähe an, und schilderten die Situation.

Und dann, ca. eine Stunde später, kam auch wirklich ein Officer mit Regencape, und es war Cheryl, die die Haustür öffnete. Und sie sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, wir haben nur ein bisschen Spass gemacht und uns geneckt.“ Tja – was sollten wir noch tun, wenn sie sich nicht helfen lassen wollte? Wo kein Kläger, da kein Richter...

Ein paar Strassen weiter gab es eine kleine Sauna. Man musste nur 1 Pfund bezahlen (damals ca. 4 DM), und konnte die Sauna nutzen und auch kostenlose Gymnastikübungen, was mit den durch die Wärme geschmeidig gemachten Muskeln sehr schön ging. Aber keine der Frauen war nackt in der Sauna – britische Prüderie?? Eine war sogar dabei, sich in der Sauna mit Babyöl einzureiben, was natürlich dem Saunieren nicht sehr zuträglich war, weil es die Poren verstopfte, Aber insgesamt waren diese Saunaaufenthalte sehr wohltuend und nett.

Es war zum selben Zeitpunkt noch eine deutsche Studentin in Manchester, in einem anderen, in der Nähe gelegenen Wohnheim. Wir trafen uns manchmal und gingen in einen Pub, wo es jeden Mittwoch Live Music gab, mit Künstlern aus der Umgebung. Es waren immer sehr schöne Abende, die wir ungeheuer genossen haben. Eimal kam ich zu ihr um zusammen zu kochen. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass sie die Lebensmittel besorgen sollte, und ich eine Flasche Wein. Das war durchaus keine ungerechte Arbeitsverteilung, da gute Weine in England damals sehr teuer waren und es wahrscheinlich auch heute noch sind. Die Preise fingen an bei 6 Pfund (ca. 24 DM!), und gingen hoch bis zu 20 Pfund (ca. 80 DM!). Ich kaufte letztendlich eine große Flasche Rotwein für 2 Pfund, was sich später als Fehlkauf herausstellen sollte – der Wein schmeckte wie purer Essig!

Einmal fuhr ich auch mit dem Zug nach London, bis Victoria Station und dann mit dem Bus in die kleine Londoner Vorstadt Eiling, wo meine Freundin Hildegard bei einer älteren Dame untergekommen war. Auch sie verbrachte dort ihr Auslandssemester. Wir verstanden uns gut, und es waren ein paar schöne Tage. Einmal gingen wir ins Dorf und kamen an einem Friseursalon vorbei, wo ein Schild im Schaufenster stand, dass Frauen gesucht wurden, die sich kostenlos von zu prüfenden Lehrlingen die Haare schneiden lassen wollten. Ich zögerte zunächst ein bisschen. Seit ein paar Tagen hatte ich eine kleine Beule an meiner linken Schläfe, irgendeine Art von Entzündung, die Stelle war stark gerötet und geschwollen, und es tat auch weh. Und ich schämte mich deswegen. Aber dann entschloß ich mich, es doch zu tun. Alle anderen Frauen, die da saßen und darauf warteten, das sie drankamen, hatten lange Haare, mit denen man natürlich mehr anfangen konnte als mit meinem kurzen Struwelkopf. Ich war dann die Letzte, und als Ausgleich für das lange Warten wurden mir die Haare vom Chef des Friseursalons geschnitten, der sehr liebenswert war, und vorsichtig um meine Beule herumschnitt. Und als er dann fertig war, fand ich mich einfach nur schön...

Das halbe Jahr verflog wie im Nu, und das Abschied nehmen stand an. Noch einmal ging ich mit einigen der Frauen indisch essen (wie wir es während meines Aufenthalts schon öfter getan hatten), ein letztes Mal gingen wir in den Pub mit der Live Music und verabschiedeten uns von dem Wirt, der uns immer sehr freundlich bedient hatte, und eines Tages stand auch schon der LKW des Mannes vor der Tür, mit dem ich auch nach England gereist war vor einem halben Jahr, und der mich jetzt wieder in seinem LKW mitnahm nach Deutschland. Noch einmal die Überfahrt mit der Fähre, wo ich eine eigene Koje hatte und versuchte, meinen Brechreiz zu unterdrücken (ich werde sehr schnell seekrank), und nicht auf den Lärm zu hören, die eine Gruppe von sich betrinkenden LKW Fahrern machte. Schon halb schlafend dachte ich nur: hoffentlich fällt der mir morgen nicht besoffen aus dem Führerhaus!

Und damit ist die Geschichte zu Ende!

Love, Marion


© Marion Albrecht


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Beschreibung des Autors zu "England, My Love"

Einer meiner vielen aufregenden Aufenthalte im Ausland!

Have fun!

LG, Marion

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