Ostern auf Sizilien

OSTERN AUF SIZILIEN

In den Osterferien 1981 fuhren meine Freundin Hildegard und ich nach Taormina auf Sizilien. Sie war bereits bei ihren Eltern in Bamberg, und wir wollten uns dort treffen. Also setzte ich mich in den Zug und fuhr von Saabrücken nach Bamberg. Als ich ankam und Hildegard mich am Bahnhof abholte, ging es mir schon nicht gut, ich hatte Magenschmerzen. Wir blieben dann noch eine Nacht bei ihren Eltern, und setzten uns dann am nächsten Morgen in den ersten Zug nach Sizilien (dem noch weitere folgen sollten, da wir ein paar Mal umsteigen mussten.)

Da Hildegards Vater bei der Deutschen Bundesbahn beschäftigt war, konnte sie umsonst in der Ersten Klasse fahren, was sie auch tat. Damals habe ich nicht weiter darüber nachgedacht, aber so im Nachhinein fand ich es nicht sehr nett. Ich an ihrer Stelle, hätte mich zu meiner Freundin gesetzt, auch wenn es die Zweite Klasse bedeutete. Aber egal, das ist lange her und vergessen.

Bald nachdem wir den Zug bestiegen hatten, entwickelten meine Magenschmerzen sich bis zur Unerträglichkeit. Ich hatte mir wohl eine Magenschleimhautentzündung eingefangen. Ich hing immer nur über dem Zugklo und würgte, bis nur noch grüne Galle rauskam. Da es nicht besser wurde, sondern immer schlimmer, beschlossen wir, unsere Reise in Innsbruck zu unterbrechen und liessen uns dann von einem Taxi ins nächste Krankenhaus fahren. Dort blieb ich dann drei Tage. Ich bekam eine kleine, gepunktete Tablette, die auch sofort half. Zur Sicherheit wurde ich dann noch mal geröngt, musste zu diesem Zweck eine gipsartige Flüssigkeit, ein Kontrastmittel, schlucken.

Hildegard hatte sich derweil in einer kleinen Pension eingenistet und wartete darauf, dass ich entlassen wurde. Als es dann nach 3 Tagen soweit war, setzten wir unsere Reise fort.

Für Hildegard hatte diese Reise auch einen ganz bestimmten Zweck: sie wollte einmal ungestört ihre Sexualität ausleben (was sie ja zuhause nicht konnte, da die Nachbarn es ja mitkriegen könnten, wenn verschiedene Männer bei ihr ein- und ausgehen, und sie um ihren guten Ruf besorgt war.) Ich fand das einigermaßen fragwürdig. Für mich war Sex noch immer mit Liebe oder zumindest Verliebtheit verknüpft, einfach so in der Gegend „herumzupoppen“, war nicht mein Ding. Aber es ging mich ja auch nichts an, das kann jeder halten wie ein Dachdecker, jedem das Seine.

Auf der Überfahrt mit der Fähre stand ich am Bug und liess mir den frischen Wind um das Gesicht wehen, während Hildegard drinnen eine Tasse Kaffee trank. Das Meer war tiefblau, man sah viele Quallen, und die Sonnenstrahlen liebkosten die schaumigen Wellen, die das Licht reflektierten. Es erinnerte mich meine Kindheit, wenn meine Familie und ich mit der Fähre vom niederländischen Festland zu der niederländischen Insel Ameland fuhren. Mein Bruder und ich fütterten immer die Möwen mit Weissbrot, bis unsere Eltern es uns untersagten, weil die Vögel sehr agressiv waren. Eine liess sogar etwas Kot direkt auf den Kof meines Bruders fallen.

Wir hatten einen kleinen Wohnwagen, gerade passend für 4 Personen. Die Tische konnte man abends zu Betten umbauen. Eine Toilette hatten wir nicht, da mussten wir, selbst mitten in der Nacht, in ein Gebäude mit den entsprechenden sanitären Einrichtungen wie Dusche und Toilette, gehen.
Nach unserer Ankunft auf der Insel fuhren wir mit einer kleinen Bimmelbahn in den Ort Taormina, und fanden nach einigem Suchen eine kleine, billige Pension. Das kostete zwar nicht viel, aber es gab auch keinen Komfort: einfach nur zwei Betten und ein Badezimmer, kein Schrank oder Kommode, wo man seine Sachen hätte unterbringen können, keine Kochnische.

Es gibt in Taormina eine schöne Einkaufsmeile mit auch einigen schönen Lokalen. Dort konnte man unter anderem schöne Tongefäße kaufen, und natürlich all den Kitsch, den viele Touristen so mochten.Wir fanden ein kleines Cafè, wo ein schwarzer Pianist auf dem Klavier Musicalmelodien spielte. Wir machten es zu unserem Stammlokal.

Leider durfte ich aufgrund meines Magens keinen Wein trinken, wegen der Säuregehalts, und auch keinen Espresso. Das war eine ziemliche Einschränkung für mich, denn was ist Italien ohne seine berühmten Weine oder seinen Espresso?

Eines Tages, als wir so über die Meile spazierten, sahen wir auf einmal einen bekannten deutschen Moderator für eine Schlagersendung draußen vor einem Cafè sitzen und einen Espresso trinken. Aber wir sind nicht auf ihn zugegangen wegen eines Autogramms. Er hatte Urlaub, und wollte sicher in Ruhe gelassen werden.

Wir versuchten auch, im Meer zu baden, hatten beide unsere Badeanzüge mitgenommen, aber es war zu kalt, also liessen wir es. Und wir sahen zum ersten Mal in unserem Leben echte Zitronen- und Orangenbäume, wobei die Orangenbäume am faszinierensten waren, da sie Früchte und Blüten gleichzeitig trugen. Wir versuchten, welche zu pflücken, aber das hatten schon andere vor uns gemacht, und die verbliebenen Früchte hingen zu hoch, um sie erreichen zu können.

Da wir keine Kochnische hatten in der Pension, aßen wir jeden Tag in einem Restaurant und zwar meistens Pasta irgendeiner Art, was ja für Italiener eigentlich nur die Vorspeise ist, aber mehr konnten wir uns nicht leisten. Und die Kellner kriegten 15% Tringeld! Das ist Strassenraub!

In unserem Stammcafè lernten wir zwei italienische junge Männer kennen, eineiige Zwillinge, Luigi und Alessandro. Nach ein paar Glas Wein verdrückte sich Hildegard mit Luigi in den nahegelegenen Wohnwagen der Zwillinge, während ich noch blieb und mich weiter mit Alessandro unterhielt, um mein Italienisch aufzubessern.

Am Abend vor unserer Abreise gingen wir in ein Restaurant, dass wir bisher immer gemieden hatten, weil es uns viel zu teuer war, aber wir wollten uns wenistens einmal etwas ganz Leckeres gönnen. Wir einigten uns auf Rumpsteak mit gebratenen Zwiebelringen, Pommes Frites, einen Cesar's Salade, und für Hildegard eine kleine Flasche Rotwein, für mich Mineralwasser und zum Nachtisch gab es frisches Tiramisu nach Art des Hauses.

Leicht betrunken traten wir in später Nacht den Heimweg zu der kleinen Pension an. Ein paar richtig betrunkene Männer taumelten uns grölend entgegen, aber sie waren harmlos, sie näherten sich ihnen nicht.

Am nächsten frühen Morgen gingen wir in ein Café, um für die Rückreise ein herzhaftes Frühstück zu uns zu nehmen, was eigentlich sehr unitalienisch war: meistens begnügen sich die Italiener mit einem Espresso und ein paar Keksen zum Frühstück.

Von Luigi und Alessandro hatten wir uns schon am Abend zuvor verabschiedet. Sie wollten noch ein paar Tage in Taormina bleiben.
Aber wir hatten ein bisschen Heimweh nach zuhause, nach dem eigenen Bett, nach der eigenen Toilette, nach einem deftigen, dunklen Brot mit Landleberwurst, nicht nur immer Panini mit Tomaten.

Die Rückfahrt verlief ruhig und beschaulich. Manchmal hielten wir ein kurzes Nickerchen, oder assen mitgebrachte Panini mit Schinken oder Käse und Tomaten, und tranken dazu Saft aus der Flasche. Und eins freute mich ganz besonders: Hildegard setzte sich diesmal zu mir in die Zweite Klasse! Das krönte meinen Tag...

In Bamberg stiegen wir beide aus. Hildegard fuhr mit dem Bus zu ihren Eltern, denen sie noch eine kurze Stippvisite machen wollte, und ich stieg um in einen Zug nach Saarbrücken.

Wir würden uns wiedersehen, wenn die Universität wieder ihre Tore öffnete.

Ciao a tutti! (Auf wiedersehen, ihr Alle!)


© Marion Albrecht


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Beschreibung des Autors zu "Ostern auf Sizilien"

Wieder einmal eine Geschichte über "Marion auf neuen Wegen".

LG, Marion

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