Kurz vor den Sommersemesterferien des Jahres 1984 sah ich am schwarzen Brett unseres Sprachenzentrums der Universität des Saarlandes einen Aushang: ein niederländisches Übersetzungsbüro in Nimwegen suchte einen Praktikanten/Praktikantin für die Sommersemesterferien. Ich schrieb mir die Adresse ab, und nahm mir vor, mich auf diese Stelle zu bewerben (was ziemlich dreist war, denn ich hatte noch nie eine Übersetzung Niederländisch-Deutsch gemacht.) Allerdings habe ich eine Affinität zu der Sprache, weil ich eine niederländische Oma hatte. Leider wurde ich aber nicht zweisprachig erzogen, wohl weil meine Eltern meinten, das sei für meinen jüngeren Bruder und für mich zu anstrengend, obwohl das Unsinn ist, denn es ist wisenschaftlich bewiesen, dass wenn ein Kind eine Sprache mit einer bestimmten Person verbinden kann, das Kind sehr schnell und einfach die Sprache lernt. Meine Oma hatte sechs Brüder und Schwestern, die in einem kleinen Dorf direkt hinter der nahen niederländischen Grenze wohnten, und die uns zu jeder Feier besuchten: Hochzeiten, Geburtstagen, Taufen und ab und zu mal zu einem Begräbnis.
So hatte ich reichlich Gelegenheit, die Sprache zu hören und sprach deswegen Niederländisch ohne Akzent.
Da wir eine gemischte deutsch-niederländische Familie waren, vermischten sich auch die jeweiligen Sitten und Gebräuche. Aber wenn man sich mal nur die Niederländer betrachtete, gab es da einige Unterschiede zwischen ihnen und der deutschen Familie. Zum Beispiel werden in den Niederlanden Geburtstage ganz anders gefeiert. Wenn man zu einem Geburtstag erscheint, liefert man zunächst das Geschenk ab, dann bekommt man einen Teller mit einem Stück Torte und eine Tasse Kaffee, und dann muss man sich einen Sitzplatz suchen. Wenn noch andere Gäste anwesend waren, schüttelt man vorher jedoch jedem der Anwesenden die Hand und beglückwünschte ihn oder sie zum Geburtstag von, sagen wir mal, Tante Greta. Wenn dann der Kuchen gegessen und der Kaffee getrunken war, wurde eine große, runde Keksdose aufgemacht, und jeder durfte sich ein Plätzchen nehmen (EINS!) Und dann wurde erwartet, dass man sich verabschiedete.
Außerdem feiern die Niederländer nicht so sehr Weihnachten, sondern vielmehr den Nikolaustag am 6. Dezember. In der nächstgelegenen größeren Stadt jenseits der Grenze, Enschede, versammeln sich am 6. Dezember Tausende von Menschen auf dem Marktplatz, um den Heiligen Nikolaus und seinen Begleiter, de Zwarte Piet (seinen schwarzen Diener Piet), zu sehen, der ungezogene Kinder mit seiner Rute schlägt, aber das kommt nur selten vor. (Der Heilige Nikolaus war im vierten Jahrhundert ein Bischof. Seit vielen Jahrhunderten ist er in vielen Teilen der Welt als „Kinderbischof“ bekannt, weil er am 6. Dezember Geschenke an Kinder verteilt, die das ganze Jahr über brav waren.)
Als kleines Kind bin ich in diesem Gewühl mal verloren gegangen. Also ich finde das echt schlimm, da kann man als Kind schon mal in Panik geraten. Aber es gab eine Bühne mit einem Moderator, der die Menschenmenge unterhielt. Ich ging zu ihm, und sagte, dass ich meine Eltern verloren hattr, und er sprach in sein Mikrofon: „Die kleine Marion sucht ihre Eltern!“ Gott sei Dank hatten meine Eltern das gehört, und holten mich ab.
Um wieder auf den Punkt zu kommen: ich bewarb ich mich, bekam dann nach einiger Zeit einen Probetext zugeschickt, den ich übersetzen sollte. Ich weiß noch, dass mein Vater mir auf meine Bitte hin ein niederländisches Wörterbuch besorgt hatte, und es mir mit den Worten gab: „Das kannst du doch nicht, Marion.“ und ich hatte erwidert: „Doch, Papa, du wirst sehen, ich kann das!“ Ich schickte die Probeübersetzung ab, und bekam dann nach ca. 10 Tagen den Zuschlag für den Job.
Ich hatte gerade erst den ersten Teil meiner Abschlußexamina gemacht, es fehlte nur noch die Diplomarbeit, und ich hatte mir vorgenommen, sie in den Abendstunden zu schreiben, und hatte mir dafür ein paar dicke Fachbücher aus der Universitätsbibliothek entliehen und in mein Reisegepäck gepackt. Wenn ich mich vorher richtig informiert hätte, hätte ich gewusst, dass ich mir mit der Diplomarbeit nach den ersten Prüfungen noch 2 Jahre Zeit hätte nehmen können. Dann hätte ich mir den ganzen Aufwand sparen können und die Zeit einfach nur genießen können.
Ich wohnte auf einer Studentenetage, mit 6 anderen Studenten, und da gab es so viele schöne Sachen gemeinsam zu genießen, die alle viel interessanter waren als eine Diplomarbeit zu schreiben: zusammen kochen, Partys, Konzerte, mal einen irischen Pub in der City besuchen und ein schönes, eiskaltes Guiness genießen – da blieb für ernsthafte Sachen nicht mehr viel Zeit.
Ich hatte zu Beginn meiner Tätigkeit als Übersetzerin für Niederländisch-Deutsch noch mal ein erstes Gespräch mit dem Besitzer der Agentur, Herrn Bothof, der mir zum Schluß sagte: „Und wenn du dich bewährst, kann ich dir eine feste Anstellung in Aussicht stellen.“ Und obwohl das eigentlich nicht gegangen wäre, weil ich ja noch die Diplomarbeit schreiben musste, was länger gedauert hätte als diese drei Monate, strengte ich mich natürlich sehr an und gab mein Bestes.
Es gab ausser mir noch eine deutsche Übersetzerin für Niederländisch-Deutsch, Susanne, und sie sagte mir, dass sie an demselben Sprachenzentrum studiert hatte wie ich, nur hatte sie zwei Jahre vor mir ihren Abschluß als Diplom-Dolmetscherin gemacht. Sie schien meine Konkurrenz zu fürchten, denn sie versuchte, mich „klein“ zu machen, indem sie sehr gönnerhaft sagte: „Ja, also weisst du, deine Probeübersetzung war, wie soll ich sagen, die war so gut bis befriedigend.“
Und ich antwortete fröhlich: „Na, das ist doch super, Susanne, das war die erste Niederländisch-Deutsch Übersetzung meines Lebens!“
Und so begann ich dann zum ersten Mal in meinem Leben eine Ausbildung zur Übersetzerin für Niederländisch-Deutsch. Die Bezahlung war sehr schlecht, 500 Gulden im Monat, obwohl ich die Arbeit eines vollwertigen Übersetzers machte. Ich habe dann sehr lieb und nett gefragt, ob ich nicht ein bisschen mehr haben könnte, und Herr Bothof sagte dann: „Okay, du bekommst zweihundert Gulden mehr, weil du so nett gefragt hast.“ Aber auch das reichte nicht, weil ich ja alles davon bezahlen musste: Lebensmittel, Miete, Benzin für meinen Schrott-Ford, u.a. Das hieß, ich musste jeden Monat nochmal einen Euroscheck über 300 Gulden einlösen, was, als ich wieder in Deutschland war, dazu führte, dass ich bei meiner Bank Schulden in Höhe von 900 DM abzahlen musste.
Und so plätscherte mein Leben vor sich hin wie ein kleiner, glasklarer, munterer Bach. Tagsüber übersetzte ich acht Stunden lang, abends versuchte ich, meine Diplomarbeit zu schreiben, dieses elende Ding.
Ich hatte ein eigenes Büro zugeteilt bekommen, aber dann wurde eine weitere Übersetzerin eingestellt, und ich wurde auf den schmutzigen, dunklen Dachboden verbannt. Shit happens.
Auf unserer Studentenetage wohnte auch ein dänischer junger Mann, Jesper Hau, mit dem ich mich anfreundete, und als ich wieder zuhause in Deutschland und er in wieder in Dänemark war, habe ich noch etliche Jahre eine Brieffreundschaft mit ihm aufrecht erhalten (auf Englisch, ich kann kein Dänisch). Ich habe ihn sogar einmal in Aarhues besucht.
Und so langsam gingen die drei Monate Praktikum auch dem Ende entgegen. Es war die Zeit, um Abschied zu nehmen von den Kollegen im Übersetzungsbüro, und auch von den Freunden, die ich auf der Studentenetage gefunden hatte. Man schmiss eine Abschiedsparty für mich, und ich bekam Geschenke. Ich war zutiefst gerührt und heulte wie ein Schloßhund.
Der Abschied von Herrn Bothof, dem Besitzer des Übersetzungsbüros, verlief leider nicht sehr harmonisch. Ich hatte mir ein gutes Zeugnis erhofft, weil ich mich wirklich sehr bemüht hatte, meinen Job so gut wie möglich zu machen. Aber alles, was ich bekam, waren drei nichtssagende Zeilen, mit denen eigentlich nur bestätigt wurde, dass ich in dem Übersetzungsbüro drei Monate gearbeitet hatte.
Und ich war tief verletzt, fühlte mich reingelegt und ausgebeutet. Ich lief den dunklen Flur vor dem Büro von Herrn Bothof auf und ab, mein Herz pochte wie wild. Schließlich war ich soweit, dass ich all meinen Mut zusammen nehmen konnte, und mir sagte: „Jetzt oder nie!“ Also klopfte ich an, trat ein, und begann ohne Vorworte damit, dem Herrn gründlich die Meinung zu sagen. Ich sagte: „Sie sind ein Ausbeuter, die Übersetzer kriegen nur wenig Geld, und ausserdem hatten Sie nie vor mich zu übernehmen, wie Sie es anfangs gesagt hatten, es ging nur darum, so viel Arbeitskraft wie möglich aus mir herauszupressen!“
Er sagte nichts, machte sich schnell einige Notizen. Dann verliess ich das Büro und sagte zum Schluß auf Niederländisch: „Ich bin sehr aufgebracht!“ Dann verließ ich das Haus, und ging nach Hause.
Die Anstrengung, die seelische Kraft, die mich mein mutiges Auftreten gekostet hatte, hatte mich in einen Zustand völliger seelischer Erschöpfung versetzt, denn eigentlich bin ich seelisch viel zu schwach, um sowas zu machen, mich vernünftig zu wehren. Aber ich konnte es einfach nicht ertragen, so schlecht behandelt und benutzt zu werden.
Zwei Stunden später rief Herr Bothof auf der Studentenetage an, verlangte nach mir, und sagte: „Marion? Würdest du bitte noch mal kommen? Ich möchte dir einige Dinge sagen.“ Ich sagte zu, sofort zu kommen. Er bat mich in sein Büro, und entschuldigte sich dann ausdrücklich bei mir. Er sagte: „Als Wiedergutmachung biete ich dir an, dass du dein Zeugnis selbst schreiben kannst, und ich werde es unterzeichnen.“ Dann gab er mir die Hand, machte einen Diener vor mir und sagte: „Marion, du bist eine feine Maid.“
So kam es, dass ich diesen Aufenthalt nicht mit einem schlechten Nachgeschmack in Erinnerung behalten musste. Auch heute noch denke ich manchmal an die schöne Zeit zurück, die es doch im Großen und Ganzen war.
Und ich kann sagen: meine Liebe und Affinität zur Niederländischen Sprache hat dadurch keinen Schiffbruch erlitten!
Es war der Tod, der mir gewahr,
ich sprach mit ihm, ganz wunderbar.
Vollkommen ohne Scheu im Traum,
so losgelöst, von Zeit und Raum.
Er war es auch der heute Nacht,
mir Eisesblumen [ ... ]
Ich bin nur ein Universum entfernt,
Von einem erfüllten Leben.
Nur ein Universum entfernt.
Und die beste Version meiner Selbst
War ich bei meiner Geburt
Oder werde ich am Sterbebett sein.