Die Sonne geht unter, der Zug hält kurz in Geltendorf.
Das warme Licht bricht in das etwas heruntergekommene Abteil der 2. Klasse des Eurocity von Zürich nach München. Alles ist in Wärme getaucht. Ein Mann, etwa mitte 50 steigt ein und durchstreift das abteil, er blickt sich suchend um. Sein haar ist kurz und grau, etwas licht an der Stirn und er trägt kurze Shorts. Es ist Hochsommer. Sein Blick fällt in einem vierersitz auf eine Frau am Fenster. Sie blickt konzentriert auf ihren Laptop. Das Braun ihres gemütlichen Zweiteilers wirkt im Licht noch gemütlicher. Sie hat schwarze Kopfhörer auf und ihre Stirn ist leicht gerunzelt. Der Mann setzt sich neben sie und grinst sie an. Sie blickt auf und einen kurzen Moment erstarrt ihr Gesicht - bevor sie ihn stürmisch umarmt, sich an ihn drückt, als wollte sie die Luft, die zwischen ihnen ist, vertreiben. Sie strahlt und grinst und ihr ganzes Wesen ändert sich. Die Liebe zwischen den Beiden erfüllt das ganze Abteil - selbst die griesgrämige Dame am Nebenplatz, die die ganze Fahrt lang die Augen gerollt hat, wenn ein Baby geschrien hatte, lächelt und versucht es sofort zu kaschieren. Die beiden halten sich ganz fest. Und beide wirken 10 Jahre jünger als vor der Begegnung. Sie küssen sich innig, immer und immer wieder, als könnten sie es beide nicht glauben, dass sie hier, in diesem Moment, zusammen sind. Und in ihrem Blick ist das tiefe Vertrauen, dass der andere in diesem Moment genau dasselbe fühlt. Sehnsucht ist manchmal schwer zu ertragen, aber oft lohnt es sich - wartet doch der Topf aus Gold am Fuße des Regenbogens.
Und während die Sonne schon den Horizont berührt, tauschen sich die beiden über ihren Tag aus - immer darauf achtend, den körperlichen Kontakt nicht zu verlieren. Als wäre da eine kleine Angst, dass der andere sich vielleicht doch noch in Luft auflöst. Wie ein schöner Traum, dem das Wachwerden jedes Mal ein Ende aufzwingt.
Es ertönt eine kurze Durchsage. Der Zug erreicht den Bahnhof München. Leicht verspätet, die alte Dame am Nebenplatz wirft einen griesgrämigen Blick zur Lautsprechanlage - also doch kein Traum.


© Bücherdiebin


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Beschreibung des Autors zu "Sehnsucht"

Genau so oder so ähnlich gerade im Zug gesehen und gefühlt - was für ein schöner Tag.

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