Die dreißigjährige Christiane Rieger arbeitet an einem Gymnasium in Nordfriesland. Durch ihre Psychologin erfährt die Mathematik- und Physiklehrerin, dass sie Frau zu Mann transsexuell ist. Sie entschließt sich zur Geschlechtsangleichung: Christiane entwickelt sich zu Christian.
Wie die meisten transsexuell geprägten Menschen hat Christian beruflich als auch privat auf dem Weg zum Mann enorme Schwierigkeiten zu überwinden.
Dazu gehören leider auch Probleme in der Schule. Im Abschnitt „Zwei Leben“ wird die Kindheit bis zum Zeitpunkt, an dem der Alltagstest beginnt, aufgerollt.
Christian muss, um seinen Vornamen und seinen Personenstand ändern zu dürfen, zwei Gutachten erbringen und in einer einjährigen Testphase als Mann leben, ohne bereits operiert zu sein. Eine lebenslange Hormonbehandlung mit Testosteron und die große Operation schließen sich an.
Die Behandlung löst eine zweite Pubertät aus und Christian erlebt sich zeitweise als zwölf- bis dreizehnjähriger Junge.
Im Kreiskrankenhaus, wo er kranke Kinder bei den Hausaufgaben betreut, lernt er den holländischen Assistenzarzt Lukas van der Halen kennen. Lukas hält Christian zunächst für einen Jungen. Die Schwestern und Ärzte in der Klinik unterstützen den Alltagstest und so bleibt Lukas lange Zeit unwissend.
Mit ungeahnten Folgen für die beiden, die ein außergewöhnliches Paar werden und eine atemberaubende Sexualität ausleben.
Trügerische Wahrheiten
Wie wird man eigentlich transsexuell? Als Lehrer musste ich mir diese Frage schon allein aus wissenschaftlicher Neugier stellen. Als selbst Betroffener erlebte ich alles ungefiltert und direkt.
Ob man mit einer transsexuellen Prägung geboren wurde, welche Faktoren dafür eine Rolle spielten, ob es zufällig geschah, sozusagen als Laune der Natur: Das Leben erschien mir plötzlich wie ein Schmetterling. Ich flatterte mal hierhin und mal in die andere Richtung, fuhr in meinen Gefühlen Achterbahn, drehte Loopings und staunte über die Vielfalt an Lebensentwürfen, von deren Existenz ich bis vor einigen Monaten noch nicht einmal etwas ahnte.
Eines stand für mich fest: Ich war entgegen meines biologischen Geschlechts keine Frau, sondern ein Mann. Nicht etwa ein Rambo oder ein Draufgänger. Ich brauchte weder mir, noch anderen etwas zu beweisen und meine Abenteuerlust hielt sich ebenfalls in Grenzen.
Aber mir fehlte, seit ich vom dritten Lebensjahr an bewusst meinen Körper wahrnehmen konnte, etwas zwischen den Beinen. Etwas, das auch meiner Umgebung signalisiert hätte, schaut, da kommt ein kleiner Junge.
Gespräche mit meiner Psychologin und Ärzten folgten, ich begann mit dem Alltagstest. Ich hatte nie eine wirklich starke weibliche Figur besessen und war schlank. Eine Kurzhaarfrisur, Brustgürtel und andere Kleidung machten einen überraschend jung wirkenden Jungen aus mir.
Die erste Reaktion auf meinen bevorstehenden Geschlechtswechsel von meiner besten Freundin und gleichzeitigen Arbeitskollegin Henriette, die ich nur Henny nannte und ihrem Mann Frieder, der als Anwalt einen nicht unerheblichen Anteil an der Erfolgsgeschichte meines künftigen Lebens als Mann haben sollte, fiel eher zurückhaltend aus.
In der Schule hatte ich eine Menge Querelen auszustehen.
Das Outing im Eislaufverein und im Krankenhaus, wo ich die kranken Schüler bei den Hausaufgaben betreute, war im Gegensatz dazu überraschend gut verlaufen.
Mit meiner Freundin, Schwester Gabi von der Kinderstation, und all den anderen in der Klinik war Stillschweigen über mein wahres Alter und meinen Beruf vereinbart worden. Sie unterstützten mich beim Alltagstest und schossen manchmal sogar weit über das Ziel hinaus. Alle duzten mich und behandelten mich wie einen dreizehnjährigen Schüler. Mit Gabi konnte ich immer herrlich herumalbern.
Wir unterhielten uns oft über den holländischen Assistenzarzt Lukas van der Halen, dessen Ankunft schon sehnsüchtig in der Klinik erwartet wurde. In den Sommerferien war es soweit. Ich wollte kurz einige Kinder besuchen, die noch im Krankenhaus liegen mussten und traf mich erst einmal zum Gespräch mit Gabi.
Sie nahm mich sofort zur Seite: Lukas hatte sich endlich zum Dienst gemeldet! Wir saßen im Schwesternzimmer und Gabi schwärmte in den höchsten Tönen. „Er sieht wirklich süß aus, Christian. Der Chef hat ihn herumgeführt und uns vorgestellt. Lukas läuft übrigens genau wie du Schlittschuh und ich bin froh, dass du keine Frau mehr bist. Sonst wärst du mit dem Hobby meine ärgste Konkurrentin!“ Sie hörte sich verliebt wie ein Teenager an.
Ihre Kollegin Claudia, die als Lernschwester seit einem Jahr im Krankenhaus arbeitete, schmunzelte und neckte sie sofort. „Gabi überlegt bereits, Eislaufstunden zu nehmen, sobald die Schlittschuhhalle wieder aufmacht. Vielleicht wird sie ja noch Paarlaufweltmeisterin mit ihm.“
Mit meinem Kaffee in der Hand lachte ich ungezwungen auf. „Ich gebe dir Unterricht, Gabi. Wie ist er denn sonst so und warum kam er so spät?“
Sie fühlte sich in ihrem Element. „Er hatte sich tatsächlich beim Training am Fuß verletzt, nachdem er mit einem Jugendlichen zusammengestoßen war. Er interessiert sich sehr für Musik und Literatur und spricht mit einem ganz niedlichen Akzent. Wie die meisten Holländer eben. Und er raucht auch kein Hasch!“, beeilte sie sich zu sagen und spielte damit auf unsere früheren Witzeleien an.
„Na, na, er wird dir sicher auch nichts über seine Besuche im Coffeeshop erzählen“, lästerte ich daraufhin. Wir prusteten los und bekamen uns kaum noch ein vor Lachen.
Gabi holte ihr Handy heraus und zeigte uns einen etwas verwackelten Schnappschuss von Lukas, den sie heimlich aufgenommen hatte.
Kurz darauf mussten die beiden ihre Runde machen. Ich ging zu den zwei Mädchen, die in der Klinik behandelt wurden. Sie kamen ständig wegen Bluterkrankungen zur Überwachung ins Krankenhaus und freuten sich sehr, dass ich sie trotz der Ferien nicht vergessen hatte. Die Zeit verging wie im Flug. Liebevoll drückte ich die beiden zum Abschied und versprach, sie bald wieder zu besuchen.
Als ich auf den Hof kam, wurde gerade eine Patientin im Rollstuhl von einem Arzt in den Park geschoben. Anhand des Handyfotos von Gabi erkannte ich ihn. Lukas van der Halen.
Oh, la, la, dachte ich. Da hatte Gabi aber einen guten Geschmack bewiesen. Er sah wirklich nicht schlecht aus, besaß eine sehr sportliche Figur und dunkelblondes Haar. Fotos täuschten oft über kleine Unebenheiten hinweg und das Handyfoto war wirklich nicht sonderlich gut gewesen, deswegen sah ich mir das Original nun sehr genau an.
Er stellte die Frau im Rollstuhl neben einer Bank ab, entfernte sich von ihr und begann mit seinem Handy zu telefonieren. Mir fielen sofort ein weicher Schritt und ebenso weiche Bewegungen auf. Etwas wie Seelenverwandtschaft lag zwischen uns. Das konnte ich deutlich spüren.
Inzwischen hatte ich nicht nur viele Transsexuelle kennengelernt, sondern auch vorsichtig Abstecher in die Schwulenszene machen dürfen. Ich war ja wegen des Operationsvorgesprächs in einer Berliner Klinik gewesen und hatte mich dort abends mit den Jungs aus der Berliner Selbsthilfegruppe getroffen. Trotz meines kindlichen Aussehens konnte ich mich mit ihnen gut in den einschlägigen Berliner Lokalen bewegen.
So hatte sich mein Erfahrungsschatz in diesem Bereich gewaltig erhöht und ich musste unwillkürlich lächeln, als ich Lukas näher betrachtete. Arme Gabi, dachte ich. Da müsste ich schon sehr falsch liegen, aber ich glaubte ziemlich sicher zu wissen, zu welcher sexuellen Ausrichtung unser Holländer gehörte.
Heute war ein herrlicher Sommertag im Juli. Ich genoss einen Moment die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht und schloss wohlig die Augen. Einen Augenblick später öffnete ich sie wieder beunruhigt, denn ich musste unwillkürlich zu der alten Dame im Rollstuhl blicken. Die schaute sich zunächst interessiert um. Aber dann geschah etwas völlig Unerwartetes.
Sie drückte ihre Hände auf die Griffe des Stuhles, zog sich hoch und stand im nächsten Augenblick auf ihren Beinen, welche nun sehr stark zitterten. Mir schwante nichts Gutes. Sie ging zwei Schritte auf die Bank neben sich zu und brach schneller zusammen, als ihr irgendjemand zu Hilfe kommen konnte.
Ich dachte nicht mehr nach, rannte über den Rasen, wollte sie noch auffangen und kam doch zu spät. Sie lag bereits auf dem Boden und sah mich erschrocken an. Dankbar nahm sie meine dargebotene Hand. Eine Schwester, die das Unglück beobachtet hatte, war ebenfalls zu uns geeilt und auch aus den Fenstern sahen etliche Patienten und Angehörige zu uns hinunter. Mit vereinten Kräften schoben wir sie wieder in den Rollstuhl zurück.
Der für sie Verantwortliche, Lukas van der Halen, beendete dagegen erst einmal seelenruhig sein Telefonat. Langsam setzte er sich in Bewegung und traf bei uns ein, als sich die Patientin schon wieder außer Gefahr befand.
Ich war genauso über ihn empört, wie die junge Krankenschwester. Er handelte sich postwendend deshalb zwei böse Blicke von uns ein. Sein Auftreten zeigte für unseren Geschmack reichlich Arroganz. In meiner Werteskala war er deshalb augenblicklich ziemlich weit nach unten gerutscht.
„Danke“, sagte er zu mir. „Wie heißt du?“
„Christian und Sie?“
„Ich bin Lukas, du darfst gerne du sagen. Das hast du gut gemacht. Ich hätte mich nicht so weit von der Patientin entfernen dürfen. Es war meine Schuld.“
Bingo, eins zu null für ihn. Seine weiche Stimme klang angenehm. Gabi hatte auch mit dem Akzent recht gehabt. Er hörte sich lustig an.
Entgegen meiner Absicht lächelte ich und ließ ihn wegen seiner spontanen Einsicht und Entschuldigung auf der Skala gleich wieder nach oben klettern. Die Stimme setzte noch zwei Punkte darauf.
Wir schauten einander in die Augen. Ein merkwürdiges Blitzen schien uns für einen Moment zu verbinden. Ich sah eine andere Welt, spürte ein leises merkwürdiges Kribbeln unter meiner Haut und bemerkte einen wohligen Schauer meinen Körper durchzucken.
In Lukas Blick konnte ich Irritation lesen und gleichzeitig Zustimmung erkennen. Er versuchte augenscheinlich, seine Gefühle bewusst zu lenken und zu kanalisieren.
In meinem Unterbewusstsein hatte ich ihn in weniger als sieben Sekunden analysiert und war mir sicher, er würde der richtige Vater für meine Kinder sein. Verflixt, dachte ich, ich bin doch jetzt ein Junge und werde mich als transsexuell geprägter Mann in Kürze männlich weiter entwickeln. Da passte dieser verrückte Gedanke überhaupt nicht hin!
Ich lächelte verwirrt. „Ich muss jetzt nach Hause. Hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Lukas. Tschüss.“ Er lächelte zurück. „Tschüss, Christian. Ich habe mich auch gefreut.“
Sein Ton wurde immer leiser und die letzten Worte waren kaum noch hörbar. Er zog den Rollstuhl an sich, sprach kurz mit seiner Patientin und fuhr sie wieder in Richtung Haus.
Auf dem Heimweg nahm ich übermütig einen kleinen Ast in die Hand, warf ihn in den Schlossteich und hüpfte von einem Bein auf das andere. Gott sei Dank war sonst niemand im Park. Erschrocken hielt ich inne. Dass wäre schon ein peinlicher Auftritt, wenn mich jemand so herumtoben sehen würde!
Was war bloß in mich gefahren?
Beschreibung des Autors zu "Zwei Leben und ein kleiner Unterschied"
Die Lehrerin Christiane erfährt nach dem Tod ihrer Mutter in der Psychotherapie, dass sie Frau zu Mann transidentisch ist. Sie entschließt sich zur Geschlechtsangleichung und wird zu Christian.
Dem steht der Arzt Lukas zur Seite, die zwei heiraten als Männerpaar und finden aufgrund ihrer besonderen Neigungen Eingang in das Hamburger Rotlichtmilieu.
Für Christian beginnt ein neuer Lebensabschnitt und ein mehr als ungewöhnlicher Lebensweg.
Der Roman ist erschienen im Main Verlag ,2017, 450 Seiten
ISBN:978-3-95949-010-8
Für Erwachsene Leser ab 18 Jahre
Ich wollte einen Kommentar dazu
zaubern. Aber zur Zeit erlebe ich den
Horror: Kopfschmerzen! Gastritis!
Letzte Nacht eine Schlaftablette. Und
morgens aufwachen wie gerädert. Der
Tag am [ ... ]
Niemals werde ich dich hassen,
oder dir an die Gurgel fassen,
du,Neger,Edeljude oder Ultrachrist,
weil du mein ewiger Bruder bist;
Sie wollen,dass wir uns bekriegen,
und das wir für sie mordend [ ... ]