Mitten in der Luft  24

© guggemos 2014

Es war Mittag geworden, bis sie alles beisammen hatten und zum Ringsee hinauftuckerten. „Nördlich der Ringseeinsel gibt’s eine noch lebende Muschelbank“, hatte Luna ihm erzählt, „die Weißach bringt bei Hochwasser offenbar trotz der Ringkanalisation noch ein paar Nährstoffbrocken in den See, die im Strömungsschatten der Insel sedimentieren und von Muscheln aufgenommen werden können.“

Sie warfen nordöstlich der Insel Anker, tauchten ab und fanden tatsächlich in fünf Metern Tiefe auf einer von Bewuchs freien Fläche nah beieinanderstehend fast ein Dutzend lebendiger, halb eingegrabener Teichmuscheln. Kipper sah zu, wie Luna das beschwerte Ende der auf einem Styroporklötzchen aufgewickelten Leine neben den Muscheln in den Boden drückte und wie das weiße Klötzchen sich um sich selber drehend nach oben stieg.

Wieder im Boot nahmen er die vorbereitete Filmkamera und Luna das Bündel Spritzen, die mit Milchsahne aufgezogen waren. „Die Sahne mischt sich nicht gleich mit dem Wasser. Sie bleibt wie ein weißer Faden erkennbar und wird, je nach Strömungsgeschwindigkeit und deren Richtung, schneller oder langsamer verdriftet“, hatte Kipper ihr gesagt. „Du gehst ganz langsam mit der Spritzenöffnung ein paar Zentimeter über den Eingangssiphon der Muschel, drückst vorsichtig und möglichst gleichmäßig los – dann kriecht der weiße Milchfaden zittrig auf die Saugöffnung der Muschel zu und wird darin verschwinden, wenn das Tier merkt, dass fette Sahne etwas Gutes ist und zu schmatzen beginnt. Am Vorschub der verzitterten Knicke des Milchfadens kannst du auf dem Film die Geschwindigkeit der Einatmungsströmung unserer Muschel feststellen und bei gegebenem Querschnitt der Öffnung ihres Siphons ausrechnen, wie viele Millionen Kubikmeter belasteten Tegernseewassers die früher intakten Maler- und Teichmuschelbänke von organischen Nährstoffen befreit und das Gewässer damit rein gehalten haben.“

Sie mussten es an Ort und Stelle nur zweimal probieren, dann hatte Luna heraus, wie sie mit der Kanüle so in die Nähe der Muscheln kommen musste, dass diese nicht erschraken, sondern offen blieben und den Milchsahnefaden gierig einsogen. Kipper filmte alles, Makro und Weitwinkel, danach auch noch, wie Luna ein Lineal an die Muscheln hielt, wie sie über dem Grund nach Muscheln suchte, sie fand und in Stellung ging, um sie zu füttern. Nach einer guten Stunde vorsichtigen und spannungsgeladenen Gefummels waren sie mit den Ergebnissen zufrieden und kehrten zum Boot zurück.

Luna bibberte wieder, weil Kipper sie gebeten hatte, alles ohne Handschuhe zu machen. „Wenn es gute Bilder für deine Diss und eine geile Fernsehdoku werden sollen, müssen die Betrachter erkennen können, dass hier ein Mädchen am Werk ist. Das Gesicht einer Taucherin versteckt sich unter Wasser hinter der Brille und dem Lungenautomaten, der Körper im geschlechtslosen Trockentauchanzug. Aber wenn die roten Fingernägel zum Vorschein kommen, weiß man sofort Bescheid, und du kriegst Bestnoten vom Publikum, Geliebte. Und ein gutes Honorar vom Sender!“

Wieder daheim im Bruthaus ging sie gemeinsam mit Kipper die bisherigen Ergebnisse ihrer Muschelkartierung durch; von insgesamt über fünfzig Probenahmeorten rund um den See fehlten die Ergebnisse von nur noch neun Abschnitten.

Kipper war so beeindruckt vom Fleiß Lunas, ihrer Akribie, der Sauberkeit und der Stimmigkeit der Aufzeichnungen, dass er sie bei den Schultern nehmen und durchrütteln musste. „Du bist the toughest bitch ever, Geliebte. Du hast nicht nur gearbeitet wie eine Berserkerin und bist durchdacht wie eine erfahrene Wissenschaftlerin vorgegangen, sondern hast die Jungs, die dir helfen sollten, so motiviert, zusammengehalten und sinnvoll eingesetzt, dass aus allem eine runde Sache geworden ist. Ich bewundere dich! Die Ergebnisse sind so signifikant, dass wir uns die Kartierung eines weiteren großen Sees sparen können. Es genügt, wenn wir deinen Ergebnissen die monatlichen Messdaten von der Wasserqualität des Tegernsees der letzten fünfundzwanzig Jahre gegenüberstellen. Diese Mittelwerte kriegst du vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim oder vom Landesamt für Wasserwirtschaft ohne großen Aufwand und kostenfrei, per Schneckenpost.

Jetzt brauchst du noch die Recherchen der Situationen in ein paar unterschiedlich stark nähstoffbelasteten Münchner Baggerseen – Fasaneriesee, Lerchenauer See, Feldmochinger See und Feringasee. Zwei belastete und zwei unbelastete Gewässer. In jedem See nur ein einziges Tauchprofil, je eine kurze Legende, ein typisches Foto vom Seegrund: Muscheln oder keine Muscheln; dann wieder ein Vergleich mit den chemischen Gewässerparametern und – Trommelwirbel, Tusch! – schon bist du Dr. rer. nat. und wirst zum hoffnungsvollen Nachwuchs der Bayerischen Unterwasserwissenschaft zählen. Nobelpreisverdächtig!“

Kipper wurde richtig warm ums Herz, als er sah, wie offen und ehrlich Luna sich über seine Worte freute.

*

Sie wurden mit der Durchsicht der Ergebnisse der Muschelkartierung und jener von der Aushälterung der Versuchsforellen erst fertig, als es zu dämmern begann. In der Beckenhalle des Bruthauses war es vor den großen Fenstern nach draußen fast schlagartig finster geworden, Blitze zuckten und schwere Regentropfen klatschten an die hohen Fenster.

Luna fröstelte es in der nasskühlen Luft der Beckenhalle. Sie wäre am liebsten mit Kipper ins Bett gegangen, um ihm zwischen den notwendigen Schlafpausen immer wieder ihre Liebe zu beweisen und ihn dabei mit den paar Luftballons, die sie noch hatte, so heftig und laut zu deflorieren, wie sie nur konnte. Sie wollte es ihm gerade sagen, als er alle Kladden aufeinander schob, die Notizbücher zuklappte, die Programme schloss, den Laptop herunterfuhr und aufstand.

„Wie wär’s, wenn wir jetzt erst ins 'Monte Mare' gingen, auf einen oder zwei heiße Saunagänge, und uns danach mit den Jungs von der Fischerei träfen, Verlobung feiern? Im ‚Alten Bad‘ in Wildbad Kreuth gibt’s den besten Kaiserschmarren der Welt und um diese Zeit nur noch nette Gesellschaft. Hast du Lust?“

Luna lief die Treppe hinauf, packte ihr Zeug zusammen, löschte alle Lichter, sperrte zu und lief durch den prasselnden Regen zu dem Pickup, der schon vor der Tür stand und sich öffnete, als sie herankam. Sie warf ihre Badetasche nach hinten, plumpste auf den Beifahrersitz, zog die Tür zu und fiel sofort über Kipper her. Er versuchte nicht, sich zu befreien, sondern ließ sich von ihr umklammern und erwiderte ihre atemlosen Küsse, bis ihr die Luft ausging.

„Warum tust du das alles für mich? Womit hätte ich das verdient? Was immer du von mir willst und in meiner Macht steht – du wirst es bekommen. Und wenn es mein Leben ist.“

Sie sah, wie Kipper ernst wurde. Er schaltete den Motor wieder aus, blickte erst hinüber auf die Seeseite in die undurchsichtige Regenwand, dann wandte er sich wieder ihr zu.

„Ich hab dir schon mal gesagt, Luna, dass wir uns nur aus freien Stücken lieben können, aber nie dafür, dass wir glauben, Schulden zu begleichen oder Theater nach einem Programm spielen zu müssen. Wenn wir uns nicht mehr frei begegnen könnten, so wie wir sind, wär unsere Liebe längst tot. Sie lebt in dem, was wir uns sind, nicht in dem, was wir einmal füreinander waren oder irgendwann sein wollen. Natürlich können sich Geliebte nie ganz begreifen – sie sind und bleiben significant others, die sich aber trotzdem vertrauen können. Wer andere immer fragen muss, was sie wollen oder brauchen, nicht wollen oder nicht brauchen, ist ein Feigling, der dir stets ein Fremder bleiben wird. Weil er nie damit herausrücken wird, was in seinem Inneren wirklich alles versteckt ist, sondern dir nur das zeigen will, wovon er sich am meisten verspricht und wo er am erfolgreichsten ist. Vor solchen Typen solltest du dich hüten, Luna. Fall nicht auf sie herein!“

Er drückte den Zündschlüssel wieder hinein und fuhr an. „Wenn ich dich nicht lieben würde, Luna“, sagte er, als er vom unbefestigten Weg auf die Straße eingebogen war, „dann hätte ich dir auf deine ‚warum, wieso, wozu‘-Frage gar nicht geantwortet, sondern dich aus dem Auto geschubst.“

Luna lachte. „Das hättest du wirklich getan?“

„Ja, das hätte ich. Aber weil ich dich liebe und achte, hab ich’s nicht fertig gebracht, sondern dir umständlich zu erklären versucht, wie Liebe geht. Oder wie ich sie verstehe: Liebe hat keine Angst; sie ist immer da. Auch dann noch, wenn wir beide mal gar nicht mehr auf der Welt sind. Unsere Spuren werden bleiben. Nicht deine oder meine Spuren, sondern unsere.“

*

„Das ‚Monte Mare‘ war früher ein simples Strandbad mit schlechtem Ruf und ebenso schlechter Restauration; der Mann der Eigentümerin hatte immer Streit mit ihr und sie eines Nachts im Suff umgebracht“, sagte Kipper, als sie durch den schwächer gewordenen Regen vom großen Parkplatz am Seeufer zum Eingang der aus Holz und Glas neu gebauten Wellness-Oase gingen. „Der Wirt hat damals noch versucht, die Hütte anzuzünden, um seine Spuren zu verwischen, es hat ihm aber nichts geholfen.“

„Wie lang ist das her?“

„Schon fast dreißig Jahre. Von dem ursprünglichen Bau ist nichts mehr erhalten; der scheußliche Parkplatz ist jetzt doppelt so scheußlich und doppelt groß wie vorher. Aber innen ist es ganz passabel; man kann von der Sauna direkt in den See springen.“

Kipper stellte sich so an die Kasse, dass Luna nicht an ihm vorbei kam, sagte „Servus Paula, zweimal Sauna bitte“ und schob ihr eine Zehnerkarte hin. Er ging durch; als Luna ihn eingeholt hatte und meinte, dass sie ihm nicht unentwegt auf der Tasche liegen wolle, lachte er und gab ihr einen Kuss. „Vergiss nicht, Geliebte, dass ich dein Doktorvater und dem Dekan dafür verantwortlich bin, dass du gute Arbeit ablieferst. Also muss ich auch dafür sorgen, dass du mir bei Laune bleibst.“

„Du glaubst also, ich hätte, wie du es ausdrückst, nur dann zu irgendetwas ‚Lust‘, wenn man mich aushält?“

Er spürte sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. „Du hast recht, Luna. Es ist dumm und gemein von mir, dir zu unterstellen, dass du berechnend bist. Es gibt dafür nicht den geringsten Grund. Sorry, dass ich das Ungeheuer in mir, das ich seit meiner Geburt dabeihabe, für einen Moment nicht an der Kette hatte, wo es hingehört.“ Er sah sie mit einem so bettelnden Blick an, dass er ihr sofort leidtat. Er sah nach oben ins Gebälk der Holzkonstruktion. „Kusch!“, schrie er hinauf, „kusch, du Drecksack!“.

Luna lachte. Sie wusste jetzt, wie sie ihm zeigen konnte, dass sie einen eigenen Kopf hatte. Sie würde Kipper immer wieder deutlich machen, dass sie eine unerschrockene Nachfahrin von Swifts Brobdignag-Mädchen war.


© Anschi Guggemos


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Beschreibung des Autors zu "Mitten in der Luft 24"

Eine ungewöhnliche, atemlose, abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei "significant others" unter und über Wasser. Ein Versuch, gangbare Wege zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur, Technik und Umwelt zu finden, ohne sich und andere zu verletzen. Eine Illusion?

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