Mitten in der Luft  17

© guggemos 2014

Mehr als eine Woche allein im Haus an der Söllbachmündung lag hinter Luna. Sie hatte nicht für möglich gehalten, dass sie trotz einer Unmenge interessanter Arbeiten, einem Heer hilfsbereiter Begleiter und so viel atemlosem Stress dennoch das Gefühl haben könnte, einsam auf einer Insel zu hausen – bis Kipper sich meldete und wissen wollte, wie es ihr ginge und ob sie zurecht käme. Er rief sie jeden Abend an.

„Mir geht’s so gut wie nie zuvor in meinem Leben“, log sie dann tapfer. Sie bemühte sich, ihre Stimme nicht zittern zu lassen, wenn sie davon erzählte, wie gut es den Versuchsfischchen ginge („bis jetzt kein einziger Ausfall, sie fressen mir aus der Hand und ich bin dabei, ihnen Namen zu geben!“), wie weit sie mit ihrer Muschelkartieung bereits wäre („nichts als Schalenfriedhöfe in allen Tiefen!“) und wie eifrig sie von allen Fischern und Tauchern dabei unterstützt würde.

Aber sobald Kipper sie dann lobte und ihr sagte, wie stolz er auf sie sei und wie sehr sie ihm abginge, war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Er merkte immer sofort, wenn ihr Tränen in die Augen stiegen und sie die Nase hochzog. „Sei nicht traurig“, sagte er dann gleich, „stell dir bloß vor, wir spürten keine Sehnsucht in uns und würden uns nicht vermissen. Wer keinen Hunger hat, isst nichts; wer nichts essen möchte, kocht nichts; wer nicht kocht, braucht kein Fleisch, keinen Fisch und keine Kartoffeln; er geht nicht auf die Jagd, nicht zum Fischen, gräbt keinen Acker um und wird nie etwas besitzen, wovon er anderen abgeben könnte.“

Auch an diesem Abend versuchte Luna, sich bei ihrer Heimfahrt aus dem See sicher zu sein, dass Kipper noch ihr gehörte. Aber die einsame Kälte unter Wasser, das düstere Licht dort, die immergleiche Trostlosigkeit zugrunde gegangener Molluskenfelder, die stundenlangen Eingaben und Auswertungen der Zähldaten daheim am PC zerrten an ihren Nerven. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie selbstverantwortlich eine umfangreiche Studie durchführte und dabei feststellen musste, dass man damit Verpflichtungen übernahm, die weit über die eigentliche, praktische Arbeit und deren technischen Ablauf hinausging – und die sie einsam machte. Sie fühlte sich nicht nur von den Fischen, den Muscheln und vom See gefordert, sondern gleichzeitig den Menschen des Tegernseer Tals gegenüber in einer Bringschuld. Offensichtlich erwarteten sie von der Wissenschaft, also auch von ihr, dass stets alle Möglichkeiten ausgeschöpft, keine Fehler gemacht würden und im Übrigen dafür gesorgt sei, dass im See alles lebenswert bliebe.

Sie brachte jeden Tag gute vier Stunden unter Wasser zu, zwei Tauchgänge vormittags und zwei nachmittags. Sie flog oft am ganzen Körper vor Kälte und brauchte halbe Stunden in der Sonne, um wieder freie Sinne zu bekommen. An Spätnachmittagen, so diesem jetzt, wo die Sonne hinter dem Sonnenbichlhang verschwunden war und der kalte Ostwind vom Berg herab auf sie niederfiel, klapperten ihr im Fahrtwind die Zähne, während sie mit dem Motorboot heimfuhr. Wenn sie, an Leib und Seele erschöpft, das Haus aufsperrte, träumte sie jeden Abend, dass Kipper sie hinter der Tür erwartete, groß, nackt, warm und so zärtlich, dass sie sich in seinen Armen fühlen könnte wie tauendes Eis, bereit, ihm den Körper hinunterzurinnen und genau dort zu verdampfen, wo er sich am allerbesten anfühlte.

Aber es würde wohl noch fast eine ganze weitere Woche dauern, bis sie sich wieder sehen könnten. Er war am Bodensee unterwegs, hatte er ihr erzählt, bei den Schweizern, Österreichern, Baden-Württembergern und bei den Bayern, den Fischern, die macht- und rechtlos unter dem Würgegriff einander spinnefeinder Landesministerien litten und auf keinen grünen Zweig mehr kamen. „Streng genommen versuche ich eine Revolution anzuzetteln, damit sie Selbstbestimmungsrechte bekommen und ihre Patente behalten. Aber es ist schwierig, sie unter einen Hut zu bringen und gemeinsam mit ihnen die immer hungriger werdenden Amtsschimmel in den ministeriellen Sauställen daran zu hindern, ihnen das Saatgut wegzufressen. Ein durch und durch ekelhaftes Geschäft, aber ich bin‘s den Bodenseefischern schuldig.“

Die zehn Tage am Tegernsee ohne ihn, nur mit seiner Telefonstimme am Abend, waren so schmerzhaft für Luna gewesen, dass sie sich fragte, wie sie denn die drei Jahre zuvor alleine hatte zubringen können, ohne zu verzweifeln.

Sie fuhr in das Dunkel der Bootshütte neben dem Dampfersteg, machte Licht und wuchtete die leeren Tauchflaschen über die Bordwand. Sie schloss die Geräte an den elektrischen Kompressor an, ordnete den Inhalt des Bootes, schöpfte das Wasser aus, schloss das Gitter der Zufahrt, nahm ihre nassen Handtücher, den Foto, die Schreibtafeln und die Kiste mit den Asservaten an sich, löschte das Licht wieder, sperrte die Hütte zu und schleppte sich im feuchten Tauchanzug mitsamt dem nassen Krempel und mit letzter Kraft zum Bruthaus hinauf.

Sie war so müde, dass ihr der Horizont vor den Augen zu flimmern begann, und doch sah sie auf halbem Wege noch, dass sich am oberen Ende der Außentreppe des Hauses etwas Großes, Buntes bewegte. Ihr wurde schlagartig warm, als sie beim Näherkommen zwei rote Luftballons erkannte. Sie ging schneller, legte die Schreibtafeln und die Sammelobjekte in der Beckenhalle ab, hängte die Handtücher auf und hastete nach oben.

Die Ballons konnten nur von ihm sein. Sie waren fast so groß wie jene, die sie von Berlin mitgebracht hatte, und waren weiß beschriftet: „Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee“. Ihre zugeknoteten Hälse waren mit einem Reißnagel ins Holz der versperrten Haustüre gepinnt; die Ballons waren so stramm aufgeblasen, dass sie, fast durchsichtig geworden, im Inneren liegende, sich aufrollende Blätter erkennen ließen. Von Kipper keine Spur.

Luna löste die Reißzwecke mit klammen Fingern, nahm die Luftis mit in das stumme Haus, legte sie auf das Kanapee im Wohnzimmer und tappte ins Bad hinüber. Sie ließ Wasser in die Wanne laufen, zwängte sich aus dem Tauchanzug und schälte sich die feucht gewordene Steppunterwäsche von der Haut, sank seufzend in die Hitze des Wassers und schloss die Augen. ‚Das also ist zum körperlichen Höhepunkt deines täglichen Daseins geworden‘, sagte sie sich, bitter erst und ein bisschen deprimiert, aber dann kamen ihr die Luftballons wieder in den Sinn. Sie genoss noch ein paar Minuten die stille Wärme, die sich in ihr ausbreitete und rätselte über den Inhalt der Ballons, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie stieg aus der Wanne, schob ihr am Boden liegendes Zeug ins Eck, eilte tropfend über das versiegelte Parkett des Wohnzimmers und nahm die beiden Luftballons mit zurück ins Bad. Die Dinger waren so groß, dass sie kaum zusammen mit ihnen durch die Tür kam.

Sie ließ sich wieder ins Wasser sinken und versuchte, das Maschinengeschriebene auf dem Zettel im Inneren des einen Ballons zu lesen. Kipper musste das Papier zusammengerollt in den aufgeblasenen Luftballon hineingesteckt haben, bevor er ihn zugeknotet hatte. Sie schüttelte ihn wild, bis sich die Rolle wieder so weit geöffnet hatte und so zu liegen kam, dass sie durch die pralle Haut hindurch lesen konnte:


„Heile Welt war
Vor dem Urknall.
Ihre Scherben zu kitten
Bleibt uns nur
Fantasie.“


Das Blatt war bestimmt weiß, aber der stramm gespannte Gummi davor ließ es rosafarben schimmern. Luna las das kleine Gedicht wieder und wieder, bis von dem Frust, den sie bei der Heimfahrt im Boot noch gespürt hatte, nichts mehr übrig war.

Sie ließ den Ballon wieder schwimmen, nahm den anderen und schüttelte auch diesen so lange, bis sie lesen konnte:


„Wenn Nebel über der See und ihren Ufern hängen,
werden alle Unterwasserfarben stumpf.
Die smaragdgrüne Lagune ist so grau wie das Rot der Korallen,
und alles wiegt schwer.

Wusstest du, dass die Wasserunterfläche reflektiert wie die obere?
Dass es den Spiegel auch unten bei uns gibt?
Dass er bei Nacht unsere bleichen Gesichter zeigt,
direkt neben dem durchscheinenden Vollmond?

Bei Tag gilt alles das nicht.

Die Sehnsucht nach deinem Liebling löst sich in Gold,
das über die Seegraswiesen rollt,
über den Sandboden flimmert bis dir auf die Haut,
Abglanz eines Gefühls, gestern noch wahr
und heute schon unwiederbringlich.

Morgennebel hat’s nur bei völliger Windstille.
Wenn sie sich überhaupt heben,
wird es sonnig sein.“


Wieder musste sie mehrmals lesen, bis ihr klar wurde, dass so etwas nur ein Unterwassermann zum Ausdruck bringen konnte, der Worte für Dinge fand, die ein sterbliches Landwesen wie sie bestenfalls ahnte.

Sie sank ins Wasser zurück und ließ die Ballons mitsamt ihrem Inhalt über sich schwimmen. Sie begann Freddy Mercurys „Somebody to Love“ zu summen, erst leise, dann immer lauter. Sie kannte den Text vom Schulchor her noch auswendig, wurde immer lauter damit und schrie am Schluss aus vollem Hals: „Anybody, anywhere, anybody find me somebody to love, love, love! Somebody find me, find me love!!“

Während sie sich abtrocknete, überlegte sie, was als nächstes zu tun wäre, nahm aber dann doch erst die Luftballons aus der Wanne und presste ihre Brüste, ihren Bauch und ihren Schoß an den mit dem Urknall, dann an den anderen, der den Goldflitter enthielt. Sie spürte Kippers Atem und seine Gedanken direkt auf der Gänsehaut, die sie trotz der Hitze im Bad sofort überall bekam. Sie würde die so stramm verpackte Lyrik heute Nacht mit ins Bett nehmen, um sie als Kippers Meermädchen die ganze Nacht direkt auf der Haut zu haben, mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen und seinem Atem eng an sich gepresst einschlafen!

Während sie den Tauchanzug und ihre klamme Unterwäsche zum Trocknen aufhängte, versuchte sie, sich darüber klar zu werden, ob ein Mädchen, das Luftballons mit ins Bett nahm, um sich an sie zu schmiegen und dabei vorzustellen, sie hätte stattdessen den Geliebten im Arm, wohl noch normal sei.

Ihr Handy klingelte draußen auf dem Gang. Sie lief hinaus und erkannte Kippers Nummer. „Ist ein Mädchen, das Luftballons mit ins Bett nimmt, um sich an sie zu schmiegen und dabei vorzustellen, sie hätte stattdessen den Geliebten im Arm, noch normal?“, fragte sie.

„Nein, Luna. Die muss genauso plemplem sein wie der Typ, der sie ihr aufgeblasen und die Kalauer hineingesteckt hat. Wie kann man so blöd sein, einer Geliebten Luftballons an die Eingangstüre zu nageln und gleich wieder nach Lindau abzuhauen, statt bei ihr zu bleiben und ihr alles direkt ins Ohr zu flüstern?“


© Anschi Guggemos


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Beschreibung des Autors zu "Mitten in der Luft 17"

Eine ungewöhnliche, atemlose, abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei "significant others" unter und über Wasser. Ein Versuch, gangbare Wege zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur, Technik und Umwelt zu finden, ohne sich und andere zu verletzen. Eine Illusion?

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Kommentare zu "Mitten in der Luft 17"

Re: Mitten in der Luft 17

Autor: Angélique Duvier   Datum: 08.08.2022 20:44 Uhr

Kommentar: Nettes Foto von Dir, Du scheinst ein Faible für Luftballons zu haben.

G.

Angélique Duvier

Re: Mitten in der Luft 17

Autor: anschi   Datum: 10.08.2022 13:54 Uhr

Kommentar: Wenn Du die Novelle von vorn bis hinten liest, liebe Angélique, kannst Du erfahren, was es mit den Luftballons auf sich hat.

lg

anschi

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