Mitten in der Luft  16

© Helmut Drache 2010

Luna hielt die Mattner-Brothers anfangs für komplett durchgeknallt.

Die Front ihres alleinstehenden Hauses, das sie auf einem Hügel vor der Winner Bucht gebaut hatten und in dem sie ihr Architekturbüro betrieben, zierte neben dem Eingang keine Lüftlmalerei oder eine der ortsüblichen, rustikalen Heiligenfiguren samt Kruzifix, sondern der riesige, dreiflügelige und stark verbogene Propeller eines britischen Liberator-Bombers, dessen Wrack im Walchensee gefunden worden war. Ein Teil des Erdgeschoßes dahinter erwies sich als gar keines, sondern als der luxuriös renovierte Innenraum der zehn Meter langen und über vier Meter breiten „Svea“, eines Kajütmotorbootes der ehemaligen Bayernwerk-AG. Das Schiff sei 1923 schon beim Stapellauf im Kochelsee aus ungeklärten Gründen gekentert und wie ein Stein untergegangen, erzählte Thomas Mattner. „Erst 1978 ist es von unserem Pappa in 30 Metern Tiefe wieder entdeckt, aus dem Schlick gegraben und mit Hebesäcken nach oben gebracht worden. Jetzt gehört es dem TcTT und dient uns als Vereinsraum.“

„TcTT?“

„Tauchclub Tegernseer Tal. Wo kommst du denn her, Kleine?“

„Geboren bin ich in St. Petersburg, aufgewachsen in Potsdam, studiert hab ich in Berlin, zur Zeit wohne ich in München.“

Thomas verzog das Gesicht. „Russland, Potsdam und Berlin sind ja ganz okay. Aber München? Ausgerechnet München??“

Luna war das einzige Mädchen in dem historischen Passagierraum. Er hatte keine Fenster, sondern fleckenlos glänzende Messingbullaugen; der lange Tisch, um den sie saßen, war aus massiver, waldhonigfarben gebeizter Eiche, das Sofa und die Stühle aufwändig mit grünem Leder gepolstert, das mit Reihen blanker Messingnägel in Form gehalten wurde. Offenbar gab es hier jemanden, der dieses Ambiente regelmäßig mit Hingabe pflegte. Fast alle Männer trugen Vollbärte und hatten die Jugend schon hinter sich; Luna kam sich vor wie eine Oberstufenschülerin mitten in einer CSU-Senatorensitzung. Bis auf Kipper und sie tranken alle zu ihren Weißwürsten und den Brezen Bier, das sie sich aus einem Hahn an der Stirnseite des Raumes zapften.

„Im Tegernseer Tal mögen Einheimische die Münchner nicht“, erklärte Kipper ihr, „sie nehmen ihnen zwar das Geld ab und verkaufen ihnen sündteure Baugründe, aber wirklich geliebt werden sie hier nicht. Allerdings tun die Münchner auch nichts dafür.“

„Warum wollt ihr Kipper dann helfen?“, fragte Luna ihren anderen Sitznachbarn. „Er ist doch auch Münchner und gehört also nicht hierher, oder?“

„Kipper ist eine Ausnahme. Den haben wir längst heiliggesprochen“, sagte der schwarzbärtige, glatzköpfige Hüne. „Er hat dafür gesorgt, dass der Naturschutz uns bis jetzt am Leben gelassen hat, dass hier im Tal Friede zwischen den Fischern und Tauchern herrscht, dass wir jedes Jahr etwas anderes gemeinsam anstellen und immer gute Presse haben. Jetzt will er, dass wir die Muscheln im Tegernsee zählen und hat unserem Vorstand erklärt, dass du uns zeigen wirst, wie das gehen soll. Wir haben ihm versprochen, dass wir brav sein und auf alles hören werden, was du uns sagen oder anordnen wirst. Auch wenn das manchem von uns vielleicht schwerfällt.“

Luna erkannte das Gesicht des Sprechers nicht so genau hinter dem wilden Bart, aber die Fältchen, die er plötzlich in den Augenwinkeln hatte, deuteten an, dass er lächelte. „Ich heiße Luna“, sagte sie und hielt ihm die Hand hin.

„Dominik, Apotheker daselbst.“ Seine Pranke war fast so groß wie die Kippers.

Luna musste lachen. „Darf ich zu dir kommen, wenn ich mal Kopfweh habe oder einen Schwangerschaftstest brauche?“

Der Bärtige lachte mit. „Brauchst ebba oan?“

„Wie bitte?“

„Ob du vielleicht einen brauchst?“

„Nein, momentan nicht.“

„Du darfst ab sofort mit jedem Kummer zu jedem von uns kommen. Wenn wir können, werden wir dir helfen. Kipper ist, wie schon gesagt, unser Säulenheiliger, seine Freunde sind unsere Freunde, seine Feinde unsere Feinde. Wenn’s pressiert und nicht anders geht, reißen wir denen schon mal die Hütte ein.“

„So schlimm seid ihr?“

„Das hat doch mit Schlimmsein nichts zu tun“, sagte der Apotheker und bekam wieder die Lachfältchen. „Das ist pure Kameradschaft, sonst nichts. Macht man das da, wo du herkommst, denn anders?“

Es war inzwischen ziemlich laut geworden in dem Raum. Luna fühlte sich unter den rund zwanzig Männern, mit denen sie am Tisch saß, nicht als Fremdkörper wie damals, als sie vor lüsternen Unbekannten noch das Balloongirl gab. Hier kam sie sich vor wie eine Kollegin, die zwar nicht über die rohen Kräfte dieser Mannschaft verfügte, aber dennoch ernst genommen wurde. Die sich als Teil eines größeren Ganzen sehen und ab sofort von dieser Gesellschaft beschützt fühlen durfte.

„In Russland hat eine Frau meines Alters verheiratet zu sein und sollte bereits das zweite Kind erwarten, nicht zusammen mit Typen wie Euch im Schlamm des Tegernsees herumkriechen und nach etwas suchen, was dem Rest der Welt völlig gleichgültig ist!“

Dem Apotheker, aber auch den Mattner-Brüdern fielen die bärtigen Kinnladen herunter. „Hört euch das an“, sagte Thomas und lachte, „ganz offenbar ist Luna eine waschechte Bereicherung des Tegernseer Tals. Prost, Mädel!“

Luna stieß ihr Wasserglas gegen die Bierkrüge und hörte wieder Eichendorffs Stimme, der ihr ein ‚und es war alles, alles gut‘ zuraunte.

*

Als sie um Mitternacht noch einmal nach den Versuchsfischchen geguckt hatten und dann nach München zurückfuhren, wirbelte in Lunas Kopf alles durcheinander. Noch nie in ihrem Leben war sie derart glücklich und gleichzeitig so fertig gewesen. Sie brachte alle Arbeit, Aufregung, Mühsal und Erlebnisse dieses einen Tages nicht mehr in Zusammenhang, sondern hatte nur noch Blasen im Kopf, aufsteigend und wieder verschwindend, verwirbelte, schillernd bunte Bilder einer Zauberwelt, die sie nie unter der Oberfläche eines Sees, auf Arbeitsplattformen von Energiekonzernen, in Fischzuchten und Bruthäusern oder im aufwändig renovierten Fahrgastraum eines vom Grund des Kochelsees gehobenen Schiffswracks gesucht hätte.

Und es gab Kipper, der sie küsste, in den Arm nahm und sie schützen konnte vor allem, was aus der Finsternis kam und ihr Angst machte.

Er spürte, wie Luna sich erst an ihn lehnte und dann haltlos wurde, bog bei St. Quirin in eine Parkbucht ein, schob den Beifahrersitz nach hinten und fuhr die Rückenlehne herunter. Luna streckte sich seufzend aus; als er sie mit seiner Jacke zudeckte, murmelte sie etwas und schmatzte wie ein sattgetrunkener Säugling, öffnete die Augen aber nicht mehr.

Er fuhr weiter und versuchte sich vorzustellen, wovon sie gerade träumte. Ob er ihr nicht zu viel zugemutet hatte? Sie war überall klaglos dabei geblieben und hatte sich die größte Mühe gegeben. Die Jungs von der Tegernseer Fischerei fraßen ihr offenbar jetzt schon aus der Hand; die Buddies vom Tauchclub hatten sich sofort für sie erklärt, obwohl sie ein Mädchen war und sie in ihr eine Münchnerin sahen.

Daheim angekommen beschloss er, nichts mehr auszupacken, auf- oder einzuräumen. Ob das nasse Zeug ein paar Stunden länger im Auto lag oder nicht, spielte keine Rolle. Auch er war hundemüde.

Er lief um den Pickup herum, öffnete die Beifahrertüre und hob Luna heraus. Sie schlief in seinen Armen weiter, auch als er die Haustüre endlich offenhatte und sie die Treppe hinauftrug. In ihrem Schlafzimmer machte er kein Licht, sondern legte sie sacht auf das Bett nieder, zog ihr die Schuhe aus und deckte sie zu. Sie hatte im Mondlicht nicht mehr die Züge einer unnahbaren Samurai wie zuvor im Salon der „Svea“ und trug auch nicht mehr die Fassade einer tough bitch vor sich her, die tapfer auf das Mundstück ihres Lungenautomaten biss. Es war das weiche Gesicht einer Madonna, der das Haar in die Stirn hing und deren Mund im Schlaf halb offen stand.

Kipper sah gerührt auf dieses Bild und kämpfte mit sich, ob er sie küssen und sich dazulegen sollte. Aber dann strich er ihr nur sacht über das wirr gewordene Haar und verließ den Raum auf Zehenspitzen, ließ aber unten die Korridortüre wieder auf und das Ganglicht brennen.


© Anschi Guggemos


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Beschreibung des Autors zu "Mitten in der Luft 16"

Eine ungewöhnliche, atemlose, abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei "significant others" unter und über Wasser. Ein Versuch, gangbare Wege zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur, Technik und Umwelt zu finden, ohne sich und andere zu verletzen. Eine Illusion?

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