Mitten in der Luft  15

© guggemos 2014

Kipper fotografierte Luna, wie sie die Versuchsfischchen aus den geöffneten Transportsäcken schwimmen ließ und die über den Becken hängenden Tafeln mit Kreide beschriftete, damit es keine Verwechslungen geben konnte.

„Ich bin erst bei dir wieder zum Model geworden“, sagte sie in das Objektiv hinein und lächelte dazu. „Piotr wollte damals nicht, dass wir kicherten, sondern rief immer ‚vyglyadit chuvstvenno!‘, wenn wir die Luftballons zwischen unseren Beinen zerquetschten. Wir sollten uns immer beherrschen und ernst bleiben. Muss ich wieder so gucken?“ Sie verwuschelte ihre Bubikopf, öffnete den Mund halb und bekam einen lasziven Blick, begann dann aber zu schielen und lachte.

„Vyglyadit chuvstvenno??“

„Das heißt soviel wie ‚sinnlich gucken‘, Kipper. Wir mussten trotzdem immer wieder lachen, weil wir keine Ahnung hatten, wieso das Publikum so ernst glotzte, wenn wir Platzkonzerte veranstalteten. Ich wusste noch nichts von der Insel Laputa, von der Geburt und vom Ende eines Sterns, die sich im Entstehen und im Vergehen eines Luftballons wiederspiegeln können, und vor allem nichts davon, was in einem selbst vorgehen kann, wenn man einen geliebten Menschen mit einer hauchdünnen Hülle so auf die Folter spannt, dass es am Ende alles explodiert wie bei einem Weltuntergang.“

„Und jetzt? Was siehst du anders als früher?“

„Ich hab bei dir erst ein paar Mal Luftballons in der Hand gehabt – die zwei roten im Hörsaal, wo ich vor Aufregung fast ins Höschen gemacht hätte, und den lilafarbenen, Samstag nachts oben im Eibseehotel, wo ich auf deinem Schoß gesessen bin und schon nach einer Minute nicht mehr genau gewusst hab, wen oder was ich in den Armen halte – bis es geknallt und die Himmelfahrt begonnen hat. Und dann gab’s noch den blauen Walfischluftballon, aus der Geschichte mit dem Meermädchen. Aber die hast Du mir ja erzählt.

Erst da konnte ich begreifen, dass Luftballons etwas sind wie Gedanken, die fühlbar werden und die man an sich drücken kann. Wenn man nicht aufpasst, sind sie mit einem Schlag wieder im Nichts verschwunden; so etwas ist nur auszuhalten, wenn man dahinter den Liebling erkennt, der einen so sicher auffängt, dass man nicht abstürzen kann.“

In diesem Moment kamen drei Männer durch das offene Tor herein, ein älterer und zwei jüngere. Die jungen waren wohl knapp über zwanzig, kräftig gebaut und fast so groß wie Kipper, der ältere von stabiler Mittelgröße. Das Auffallendste an ihm waren seine meergrünen Augen unter einer wirren, rotbraunen Lockenmähne. Sie trugen alle drei Arbeitskleidung und klatschten Kippers entgegengestreckte Hand ab; Luna erkannte, dass sie sich nicht fremd waren, gut leiden konnten und sich freuten, hier zusammenzutreffen.

„Luna, das ist Michael, der Fischer vom Tegernsee, mit seinen beiden Gesellen Simpert und Christoph.“ Simpert hatte lange dunkelbraune, Christoph kürzere blonde Haare. „Und, Jungs, das ist Luna. Früher, als sie uns noch nicht kannte, nannte man sie in Russland Elena. Luna ist eine professionelle, brandgefährliche Meerjungfrau. Passt also auf, was ihr laut sagt, und folgt ihr, sonst macht sie Aspik aus euren Knöchelchen!“

Die drei lachten und reichten ihr die Hand. Kipper fiel auf, dass sie nicht zudrückten wie sonst immer, wenn sie einem Fremden gleich zu Anfang zeigen wollten, wo der Hammer hing.

Sie blickten in die Becken, wo die Versuchsfischchen munter kreisten. Michael brachte aus einem Regal vier uhrwerkbetriebene Futterautomaten und stellte sie auf die vorgesehenen Plattformen über die Becken; Simpert kam mit einem Sack Aufzuchtfutter dazu. Kipper nam ein paar Pellets heraus und warf sie sie in das erste Becken. Die leichte Strömung nahm die nur zwei Millimeter langen Körnchen mit; die kleinen Forellen erkannten das Futter sofort und begannen, danach zu schnappen.

„Verfressene Bande!“, sage Michael zärtlich.

Es rührte Luna, dass ein Brocken wie dieser Erwerbsfischer ganz offenbar so etwas sein konnte wie ein Fischflüsterer, der die Verhaltensmuster von Setzlingen verstand. Sie beschloss, so lange sie hier wäre, immer von ihm zu lernen, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergab. Die beiden Gesellen wollten von ihr wissen, aus welchem Teil Russlands sie denn käme, während sie die Futterautomaten festschraubten und befüllten. Sie erzählten ihr, was Gorbatschow für ein cooler Typ sei, der in Gmund ein Haus bewohnte, sich oft Renken oder einen Saibling bei ihnen holte, dabei immer wissen wollte, wie’s den Jungs ginge und einen Zehner extra für sie in der Tasche hatte, wenn er wieder verschwand: „Do svidaniya!“

Während Luna sich von den beiden weiter necken ließ, ihnen etwas von der Airgun im Chiemsee und dem Aushälterungsversuch berichtete, war Kipper mit Michael nach draußen gegangen und erzählte ihm alles, worauf es ihm die nächsten drei Wochen ankam – dass Luna hier Station machen, die Versuchsfische betreuen, gleichzeitig mit dem Tegernseer Tauchclub die Muscheln des Sees kartieren und damit den Grundstein für ihre Promotion legen könnte. „Das ist aber nicht ohne euer Einverständnis, euer Wohlwollen und eure Mithilfe möglich. Kann sie, oder besser: könnten wir damit rechnen?“

Michael lachte und legte ihm den Arm um die Schulter. „Ohne dich hätte ich den See nicht pachten können und ohne dich gäb’s hier kein bewohnbares Fischbruthaus, keinen „Aquadome“ und das angeschlossene Bistro auch nicht. Wir werden euch alles geben, was wir haben und was ihr braucht, und alles tun, was du uns anschaffst. Und wir werden’s sehr gern machen, verstehst du? Einer für alle, und alle für einen!“

Sie schlugen ein; beim Zurückgehen sagte Kipper noch, dass Luna und er sich ineinander verliebt hätten. Michael lachte und blieb im Eingang zu der Beckenhalle stehen. „Das hättest du mir nicht sagen müssen – das haben wir schon gewusst, als wir noch gar nicht im Bruthaus drin waren. Meine Jungs haben das von draußen durch die Fester gewittert. Jetzt sind auch sie dabei, sich in deine gefährliche Meerjungfrau zu verknallen, wie ich sehe.“

*

Als die drei nach einer guten halben Stunde wieder abgedampft waren, ging er mit Luna in das Büro des Bruthauses, wo ein abgeräumter Schreibtisch, ein bis auf ein paar Ordner fast ganz leerer Bücherschrank, ein analoges Telefon und zwei PCs standen. „Der eine ist für die Steuerung der Technik des Bruthauses und des ‚Aquadome‘ gedacht, der andere ist online; du kannst ihn mitsamt dem Farbdrucker für alles benützen. Du hast das gesamte Bruthaus für dich, solange du hier am Tegernsee die Versuchsfische betreust und mit den hiesigen Sporttauchern die Muscheln zählst. Wie ihr das am besten macht, besprechen wir nachher mit den Mattner-Brothers. Wenn du etwas brauchst, was hier nicht zu finden ist, dann sag es uns, und du wirst es bekommen.“

„Wenn du mich hier drei Wochen lang allein lassen willst, brauche ich wenigstens deine Stimme jeden Tag am Telefon und für die Nächte eine große Luftblase mit dem Atem meines Geliebten im Arm, an die ich mich kuscheln kann. Wenn die am Morgen verbraucht sein sollte und wieder nur eine Spur silberner Perlen im Neptungras ahnen lassen, dass ich nicht nur geträumt habe, brauche ich sofort eine neue Luftblase, hörst du? Sonst muss ich ersticken.“

„Mach dir keine Sorgen, Luna. Ich werde da sein, wenn du mich brauchst.“

Luna rieb ihren Kopf an seiner Schulter. Sie wiederholte in ihrem Inneren das, was sie gerade gesagt hatte und wurde sich bewusst, dass sie dabei war, sich vor lauter Gefühl für ihn von der harten Realität zu verabschieden und im zuckerrosaroten Irrsinn abzutauchen. „Sei mir nicht böse“, zwang sie sich zu sagen, „aber ich hab mich so sehr in dich verliebt, dass ich nicht mehr so genau zwischen Fantasie und Realität unterscheiden kann. Du musst mich zurückhalten, wenn ich zu sehr abhebe!“

„Den Teufel werde ich tun“, sagte Kipper. „Warum sollten wir unsere Fantasie unter den Teppich kehren, wenn sie uns glücklich macht? Sich schwerelos zu fühlen, ohne besoffen zu sein oder Drogen genommen zu haben, wünscht sich doch jeder Mensch auf dieser Welt – jedenfalls, seit man uns aus dem Paradies geschmissen hat. ‚Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist‘, heißt’s im Buch der Bücher. Aber das hab ich bereits im Kindergottesdienst nicht mehr glauben können, Luna. Ich hab schon damals gehofft, dass mir mal eine begegnen wird, die ein bisschen was für mich übrig hat, obwohl ich ein Nichtsnutz bin.“

Sie sahen sich eine ganze Weile lang stumm in die Augen. Dann stürzten sie sich in die Arme und küssten sich wie die Wahnsinnigen.


© Anschi Guggemos


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Beschreibung des Autors zu "Mitten in der Luft 15"

Eine ungewöhnliche, atemlose, abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei "significant others" unter und über Wasser. Ein Versuch, gangbare Wege zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur, Technik und Umwelt zu finden, ohne sich und andere zu verletzen. Eine Illusion?

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