Mitten in der Luft  14

© guggemos 2014

Um zum Tegernsee zu gelangen, mussten sie wieder zurück über den Irschenberg.

Der Föhn hatte die Wolken von der Kampenwand weggeschoben; die ganze Alpenkette, vom Wendelstein bis zur Zugspitze, lag klar und wie zum Greifen nah vor ihnen. Kipper bog von der Autobahn Richtung Miesbach ab und fuhr in eine gemähte Wiese hinein, die freien Blick über das Tal hin bis zu den Alpen bot. Er blieb stehen, teilte einen Schokoriegel mit Luna und holte eine Flasche Wasser aus der Kühlbox. Sie merkte erst jetzt, wie hungrig und durstig sie war, genoss die Süße des Riegels und die Kühle des Wassers.

Sie wurde sich bewusst, dass dies ein Moment reinen Glücks war. Unverfälschtes, ungetrübtes Glück. ‚Und Leuchtkugeln flogen vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!‘, kam ihr in den Sinn, der letzte Satz aus Eichendorffs „Taugenichts“. Im mündlichen Deutschabitur hatte ein ihr fremder Prüfer sie nicht nur fortwährend anzüglich angestarrt, sondern auch von ihr wissen wollen, was deutsche Romantiker denn für ein Frauenbild gehabt hätten.

„Ein verheerendes“, hatte sie damals gesagt. „Wir waren nur Spielzeuge für diese Herrschaften. Sie haben uns angesehen und behandelt wie Schnittblumen, die man solange in die Vase auf den Wohnzimmertisch stellte, bis sie welk wurden. Falls die Mädchen das noch konnten, denn die meisten sind schon nach der ersten Schwangerschaft im Kindbett gestorben. Ihr wollt Euch immer nur ein Bild von uns machen, das Euch gerade passt. Wenn’s Euch nicht gefällt, was wir denken, fühlen und sagen, werden wir auch heute noch verprügelt und sitzen gelassen. Abitur durften wir seinerzeit keines machen, und wenn’s nur nach Ihnen ginge, Herr Studiendirektor, dann würde eine wie ich auch keins machen, weil Sie mich mit Wollust durchfallen ließen.“

Ihr Klassleiter, der mit vor ihr saß, hatte sie seinerzeit vor der aufbrausenden Wut der externen Lehrkraft bewahrt und eine Zwei durchgesetzt. „Wissen Sie“, hatte er zu dem schäumenden Pädagogen aus dem Ministerium gesagt, „unsere Schule ist eine moderne Schule geworden, keine feudalstaatliche Lehranstalt mehr. Heute sollten Sie damit rechnen, Herr Kollege, dass junge Frauen wie unsere Elena auf verdruckste Fragen furchtlos mit ehrlichen Antworten kommen!“

Luna erinnerte sich zurück an die Events, die sie vor Jahren in den Semesterferien für nur wenig mehr als ein Taschengeld in dem Hotelsaal in Barcelona vor einem Heer lustgeiler Männer aufgeführt hatte. Wie deprimiert sie am Ende beim Aufklauben der Ballonfetzen immer war, weil sie keinen tieferen Sinn in dem Geknalle finden konnte. Wozu blies, trampelte, quetschte, stach und hopste sie halbnackt zwischen den Gummidingern herum? Es hatte ihr nichts bedeutet, außer, dass sie sich diesen Typen überlegen fühlte, die ihr mit trüben Augen, geschwollenen Leistendrüsen und feuchten Mundwinkeln zusahen, wenn sie so tat, als seien Ballons etwas auch für sie Sinnliches.

Sie stellte sich vor, sie hätte Kipper nicht getroffen und würde immer noch in diesem so frustrierenden Theater mitspielen müssen. Der Gedanke daran wurde ihr nur dadurch erträglich, dass sie sich schnell den Rest des Schokoriegels in den Mund schob, sich seine Süße auf der Zunge zergehen ließ, an Kipper lehnte und ihren Kopf an seiner Schulter rieb: „Ya ne znal, chto yest' takiye lyudi, kak ty. I eti vozdushnyye shary mogut byt' namnogo bol'she, chem prosto detskiye igrushki,” sagte sie mit vollem Mund.

Kipper lachte. “Sagst du mir, Luna, was genau das heißt?“

„Ich wusste nicht, dass es Menschen wie dich gibt. Und dass Luftballons viel mehr sein können als nur ein Kinderspielzeug.“

*

Das Fischbruthaus in Bad Wiessee war ein Neubau; es lag direkt an der Mündung des Söllbachs in den Tegernsee. An die von außen einsehbare, gläserne Beckenhalle schloss sich seeseitig ein im Landhausstil gehaltenes Wohngebäude an, dessen oberes Stockwerk über eine Außentreppe erreichbar war.

„Hier stand früher mal das ‚Trifthäusl‘, in dem abends die müden Holzknechte ihren Schmarren brieten und übernachteten“, erklärte ihr Kipper, „ehe sie die vom Berg den Wildbach hinuntergetreidelten Tannen- und Fichtenstämme zu Flößen zusammenklammerten und über den See damit ruderten, nach Gmund, nach Tegernsee und nach Rottach hinüber. Das Häuschen war bis vor zwei Jahren nur noch eine fensterlose, zerfallende Ruine, über deren Nutzung sich die zerstrittene Gemeinde nicht einig war. Da hab ich bei der Kreissparkasse, dem Landesfischereiverband, dem Bezirk Oberbayern und bei allen möglichen Sponsoren das Geld für den Bau dieses Bruthauses aufgetrieben und mich bei der Gemeinde durchgesetzt. War eine heiße Nummer!“

Er sperrte das Tor zur Beckenhalle auf; Luna half ihm, die Säcke mit den Versuchsfischen hineinzutragen und je einen in die offenbar dafür vorgesehenen vier wasserdurchströmten, aber noch fischleeren Rundbecken zu hieven. Die zugebundenen Säcke blieben wie riesige, pralle Ballons auf den Wasserflächen liegen und drehten sich träg im Kreis. „Wir warten ein Viertelstündchen, bis sich das Transportwasser an das hier laufende, kalte Grundwasser angeglichen hat und lassen die Fischchen dann erst frei, statt sie gleich in die Kälte hineinzuschütten. Das ist gesünder für die kleinen Racker!“

Er stieg zusammen mit Luna die Außentreppe ins obere Stockwerk hinauf. Das Haus war komplett eingerichtet, aber offenbar noch unbewohnt. „Da zieht demnächst Michael ein, der Fischer vom Tegernsee. Jetzt wohnt er noch in Krottenthal, bei seinem Pappa. Wenn du möchtest, kannst du hier für die Zeit, wo du die Versuchsfische beobachtest und die Muscheln des Tegernsees kartierst, dein Lager aufschlagen. Die Jungs vom Tauchclub Tegernsee brennen schon darauf, mitzutun. Ihr Vorstand wohnt nur zehn Minuten von hier, ist hauptberuflich Architekt und hat einen Zwillingsbruder. Die ‚Mattner-Brothers‘. Sie sind sehr groß, wiegen zusammen etwa fünf Zentner, können Unmengen essen und noch mehr trinken. Ihnen zu widersprechen macht wenig Sinn, aber sie sind treue Seelen, die für dich durch jedes Feuer gehen werden, wenn sie dich erst einmal bei sich aufgenommen haben. Wenn du möchtest, kommen wir heute zu ihrem Vereinsabend, damit auch sie dir die passenden Schlüssel für ihre Herzkammern geben können.“

Er trat mit ihr wieder hinaus auf den sonnigen Balkon, der zum See hinausging: unendlich blauer, nur da und dort ein bisschen geriffelter Samt; drüben am fernen Ufer, klein wie ein Spielzeughaus, das Kloster Tegernsee mit den beiden spitzen Türmen der Schlosskirche.

Ein lauwarmer Wind strich ihr leicht über die Wange; für einen Moment hatte sie das Gefühl, nicht mehr auf ihren Beinen zu stehen, sondern zu schweben und sich dabei selbst zu verlassen. „Halt mich fest, Kipper!“, sagte sie, „ich bin dabei, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich fühl mich wie ein Luftballon, der davonfliegen will, aber an einem Bindfaden festhängt und gleich zerplatzen wird. Hilfst du mir, noch ein bisschen am Leben zu bleiben?“

Er nahm sie in die Arme. „Hier geht nichts und niemand kaputt, Luna. Wir werden beide dafür sorgen, dass nichts kaputt geht. Wir verdienen unser Geld nicht damit, dass wir schlicht behaupten, Natur und Technik wären unvereinbar, sondern kriegen es dafür, dass wir mitsuchen helfen, wie beides miteinander zurechtkommen könnte. Es heißt zwar immer wieder, dass Mittelwege nur faule Kompromisse seien, bei denen es gar keine Gewinner gäbe. Aber das stimmt nicht. Der Schmetterling zog als Wurm eine Spur durch den Apfel, jeder Fisch scheißt ins Wasser, bevor er sich räuchern lässt, und auch jeder Mensch macht Eindrücke, gute wie schlechte. Hältst du’s noch aus mit mir, oder wird’s schon grenzwertig?“

Luna seufzte. „Wenn ich könnte, wie ich wollte, Kipper, dann würde ich jetzt den See mit bunten Luftballons füllen, nackt mit dir an der Hand hineinrennen und alles, alles zerknallen, bis am Ende nur noch du und ich übrig sind. Nur wir beide.“

„Und dann?“

„Dann lieben wir uns. Wir werden Kinder bekommen, erst eins und dann noch eins und vielleicht noch eins. Wir werden das Paradies neu besiedeln und nicht auf die Schlange hören, wenn die mit ihren gammeligen Äpfeln ankommen will.“

„Sondern?“

„Ich werde immer Luftballons dabei haben, Geliebter, gelbe, rote, grüne, in allen Farben des Regenbogens. Ich werde sie aufpusten, bis sie direkt vor der zischelnden Natter zerplatzen und sie damit in die Flucht schlagen. Sie wird panische Angst bekommen, denn damit kennt sie sich bestimmt nicht aus. Luftballons sind weder im Alten noch im Neuen Testament verzeichnet; auch in den Zehn Geboten steht nichts davon. Die Schlange wird ahnungslos sein und ohne Chance elend zugrunde gehen.“

„Glaubst du das wirklich?“

Luna lachte leise. „Natürlich nicht. Aber wenn wir zusammenhalten, wird‘s der Teufel ziemlich schwer haben – 99 Luftballons können ganz schön knallen, wenn sie in die richtigen Finger kommen. Vielleicht bleibt am Ende dann ja doch ein bisschen mehr von uns übrig als nur ein kümmerlicher Rest, dem stumm die Luft ausgeht wie in Nenas Lied.“

„Und du weißt, wie alles das funktioniert?“

„Ja, Geliebter. Seit ich dich kennengelernt habe, weiß ich es. Es kommt nicht darauf an, dass man etwas tut und wie genau man es macht, sondern dass man dabei eigen bleibt, unverwechselbar; eine Persönlichkeit, auch wenn’s mal schiefgeht. Dass man nicht danach eingeschätzt wird, was man gerade macht oder nicht macht, sondern danach, was man wirklich ist. Oder für sein Leben gern sein möchte. Niemand will allein auf der Welt bleiben. Ich hab Abertausende Luftballons zerplatzen lassen, ohne zu wissen, für wen oder was. Von all denen, die mir bei diesen Schlachten zugehört und zugesehen haben, hat mich nie einer auch nur das Allergeringste gefragt. Nie. Ich war nichts als ein Geräusch, ein Spiel in staubfreien Räumen.

Mit dir ist es anders. Ich bin nicht als doofes Balloongirl Elena sitzen geblieben, sondern konnte neben dir aufstehen und zu Luna werden. Du bist nicht wie der Oberstudienrat, von dem ich Dir gerade erzählt hab, sondern jemand, bei dem ich in Tränen ausbrechen darf, wenn mir danach ist, ohne dass ich mir dabei schade oder mich dafür schämen muss.“

Lunas Augen wurden feucht, und sie kramte nach einem Taschentuch.

„Das war wohl die schönste Liebeserklärung, Luna, die man auf dieser Welt kriegen kann. Warum bekommen solche Liebeserklärungen immer nur Typen, die sie gar nicht verdienen?“

„Kipper, du redest Stuss, und du weißt das. Klar sind es nur Worte, aber sie sind wahr. Ich werde diese Wahrheit in alle Luftballons hineinpacken, die ich kriegen kann, sie zuknoten und dann in den Himmel schicken, bis nichts mehr sein wird zwischen uns beiden als ein großes Gefühl: Liebe. Romantiker wie der alte Eichendorff hätten das wohl „Seelenverwandschaft“ genannt. Aber die Mädchen besaßen damals ja noch nichts, mit dem sie lautstark ihre Gefühle zum Ausdruck hätten bringen können. Gott segne James George Ingram!“

„Wer ist James George Ingram?“

„Das war ein Engländer“, sagte Luna und fuhr ihm mit der Hand unter sein Shirt, um die Wärme und die Glätte seiner Haut zu spüren. „Er hatte in Indien eine Gummifabrik und dort 1847 die ersten Luftballons der Welt hergestellt, die man mit dem Mund aufblasen konnte und die etwas aushielten, weil er den Rohgummi mit Schwefel versetzt und erhitzt hatte: Vulkanisation! Erst danach gab’s die hauchdünnen Kondome, die nicht sofort platzten, stabile Ballonreifen für die Fahrräder, haltbare Gartenschläuche und strapazierfähige Gummistrümpfe. Und die Fetischisten, die sich an der Lebendigkeit dieses Materials ergötzten. Erst dann kamen Frauen wie ich, die das auszunutzen wussten und Geld mit diesen Leidenschaften verdienten. Schlimm, findest du nicht?“

Kipper lachte. „Hatten wir dieses Thema nicht schon mal, vor drei Jahren? Dass wir auf der ganzen Welt fast immer nur Rollenspiele spielen, in der Hoffnung, damit irgendwann, mit irgendetwas oder bei irgendwem weiterzukommen? Dass es immer nur ein Augenblick ist, ein Moment oder die eine Sternstunde, wo man wirklich genau das sein darf, was man ist, und sich nicht mehr verstellen muss?“

Luna hatte ihre Hand immer noch unter seinem Hemd und schon wieder Tränen in den Augen. „Ich hab keine Sternstunden mehr, Kipper. Seit ich hier in München bei dir bin, hab ich keine Sternstunden, sondern Sterntage. Aber ich sehne mich nach Lichtjahren.“


© Anschi Guggemos


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Beschreibung des Autors zu "Mitten in der Luft 14"

Eine ungewöhnliche, atemlose, abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei "significant others" unter und über Wasser. Ein Versuch, gangbare Wege zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur, Technik und Umwelt zu finden, ohne sich und andere zu verletzen. Eine Illusion?

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Kommentare zu "Mitten in der Luft 14"

Re: Mitten in der Luft 14

Autor: Angélique Duvier   Datum: 08.08.2022 20:52 Uhr

Kommentar: Guter Zungenbrecher: Bis zu zur Zugspitze!

Re: Mitten in der Luft 14

Autor: anschi   Datum: 10.08.2022 10:54 Uhr

Kommentar: Danke für den Hinweis! Hab den Schreibfehler ausgebessert.

lg

anschi

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