Dieses Licht… Und wieder dieser Schmerz im rechten Knie.
Ruckartig richte ich mich in meinem riesigen Doppelbett auf und atme flach.
Das riesige Doppelbett, von dem nur ein noch ein Teil benutzt wird. Schweiß rinnt mir die Stirn runter. Es ist mitten in der Nacht und schon wieder bin ich durch diesen Traum wach geworden. Dieser Traum, der eigentlich Realität ist. Die Realität, die mir mein Leben zerstört hat. Ich seufze und stehe auf. Noch einmal werde ich nicht einschlafen können. Langsam schlendere ich in unsere Küche. Naja meine Küche. Ich mache mir Tee und setzte mich in unsere Ecke. In die Ecke, in der Alex und ich jeden Sonntag saßen. Unsere Ecke. Jetzt sitze nur noch ich hier und Alex wird nie wieder hier sitzen.
Alles was ich höre ist mein gleichmäßiger Atem. Bald würde die Sonne aufgehen. Ich weiß noch, wie ich mir mit Alex gerne den Sonnenaufgang angesehen habe. Sie sagte immer, dass der Moment, wie in einem perfekten Märchen wäre. Es war unser Märchen.
Aber hat nicht jedes Märchen ein Happy End? Lebt die Prinzessin nicht immer glücklich bis an ihr Lebensende mit ihrem Prinzen zusammen? Wenn es unser Märchen ist, warum können wir dann nicht glücklich zusammen leben? So viele Fragen und keine Antworten.
Ich schließe die Augen und denke an das letzte mal zurück als ich sie sah.
Es war Heiligabend vor 2 Jahren. Alex und ich machte uns fertig, weil wir bei meinen Eltern eingeladen waren. Die Jungs sollten auch da sein. Wir machten uns gegenseitig die Haare und das Make up. Der Abend sollte perfekt werden. Schon wieder dieses Wort. Perfekt. Was hat es überhaupt für eine Bedeutung? Wann ist etwas perfekt? Diese Frage konnte ich mir nicht beantworten. Aber eins wusste ich. Egal was dieses Wort bedeutet, früher war mein Leben perfekt. Es war so wie ich es immer wollte.
An diesem Tag trug Alex ein wunderschönes tief grünes Kleid, was ihre Augen so unfassbar toll betonte. Ihre Haare waren kunstvoll hochgesteckt. Ihre Frisur ähnelte der, die sie trug als wir mit meinen Eltern essen waren als wir 19 gewesen sind. Ich habe dieses Kleid immer noch. Es geht ihr bis zu den Knien und ist schulterfrei. Um nicht zu frieren, trug sie ein kleines Jäckchen, was schlicht aber bezaubernd war. Unten war das Kleid kunstvoll mit Perlen geschmückt. Es passte einfach zu Alex. Ich trug ein blutrotes Kleid und meine Lippen waren in derselben Farbe geschminkt. So wie Alex es liebt. Mein Kleid hingegen war schlicht und lang. Niemand wusste es aber drunter trug ich keine hohen Schuhe, sondern meine Sneaker. Um die Taille rum, war das Klar mit einem schwarzen Gürtel befestigt. Alex sagte mir den ganzen Abend lang, wie hübsch ich aussah.
Wir stiegen ins Auto und machten uns auf den Weg. Das Wetter war ganz furchtbar. Es schneite und regnete. Man konnte kaum etwas sehen. Im Auto sangen wir alle Lieder mit. Wir machten Bilder und ich wünschte ich meiner besten Freundin Marie per Videoanruf noch schöne Weihnachten. Wir waren fröhlich und gut gelaunt. Ich hatte Tränen in den Augen von dem ganzen Lachen. Kurz vor der Ankunft rief mein Vater an und fragte wann wir ankommen würden. Ich sagte ihm, dass es noch etwa 15 Minuten wären. Er meinte, die Jungs wären schon da und sie würden schon mal den Tisch decken. Meine Mutter sollte ein hervorragendes Essen gekocht haben. Er sagte, es würde im ganze Haus nach den unterschiedlichsten Speisen duften. Mir knurrte der Magen und ich freute mich wie ein kleines Kind auf den Besuch. Doch an diesem Abend sollten wir nicht ankommen.
Als ich auflegte, wollte ich mich zu Alex drehen und sie fragen, ob sie sich genau so sehr freut, wie ich. Langsam neigte ich meinen Kopf zu Seite und öffnete meinen Mund als ich sah, wie Alex Gesicht starr wurde. Es war als würde sie erfrieren. Sie machte eine scharfe Linkskurve und dann hörte ich es. Sie schrie. Dieser Schrei, der mir noch heute einen Schauder bereitet. Wir schleuderten etwas und dann krachten wir mitten in zwei Autos. Parkende Autos…
Ich sah dieses Licht und spürte diesen Schmerz. Ich wollte fragen wie es Alex ging. Ich wollte sie umarmen, doch ich konnte mich nicht bewegen. Etwas lag auf mir und es hinderte mich daran zu atmen. Jeder Atemzug wurde flacher und mit jeder Sekunde dachte ich, ich würde sterben. Dann wurde alles schwarz.
Tage später wurde ich von unterschiedlichen Stimmen geweckt. Was sie sagten, weiß ich nicht mehr. Ich hörte angespannt zu und versuchte eine bestimmte Stimme zu hören. Die Stimme von Alex. Doch sie war nicht da. Als ich die Augen öffnete blendete mich ein grelles Licht. Doch als sich meine Augen an das Licht gewöhnte schaute ich in 5 Augenpaare. Keines gehörte Alex. Keines gehörte der Liebe meines Lebens, meiner Prinzessin.
Als ich versuchte mich zu erinnern was passiert ist, hörte ich wieder Alex schreien und ich spürte den Schmerz. Plötzlich atmete ich wieder uneben und der Arzt beruhigte mich, während alle anderen auf mich einredeten. Es war wie ein Dröhnen in meinen Ohren.
Ich fragte, was passiert ist. Niemand blickte mich mehr an. Alle schauten auf den Boden. Und keiner sagte ein Wort. Wieder fragte ich was passiert ist, doch diesmal direkter. Meine Mutter öffnete den Mund, schloss ihn wieder und eilte herbei um mich zu umarmen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte also umarmte ich sie auch. Naja es war keine richtige Umarmung. Sie ähnelte ihr aber. Schnell drückte ich sie wieder von mir weg und blickte jedem in die Augen. Ich wusste, wie erschöpft und müde ich aussehen musste. Irgendwann konnte ich nicht mehr warten. Ich wollte nicht mehr warten. Alles was ich mir in diesem Moment wünschte, war eine Umarmung. Aber nicht von meiner Mutter. Im Gegenteil. Ich wollte eine Umarmung von Alex. Sie sollte mir sagen, dass alles wieder gut werden würde.
Ich schrie, wo Alex sei. Ich wollte endlich eine Antwort. Mein Vater blickte mich entschuldigend an und erklärte mir, was passiert ist.
Heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Der Moment, in dem mir gesagt wurde, wie meine große Liebe gestorben ist. Der Moment in dem meine Welt zusammenbrach. Der Moment in dem mein Märchen zur Realität wurde.
Er sagte, dass wir kurz nach dem Anruf fast gegen einen Baum gefahren wären, weil Alex wegen des Wetters nichts sehen konnte. Doch als sie versuchte auszuweichen, gerieten wir ins schleudern und dann krachten wir gegen zwei parkende Autos. Ich wurde von dem ganzen Schrott begraben und hätte es fast nicht geschafft. Aber Alex. Bei ihr war es anders. Sie wurde von etwas am Kopf getroffen und dann hat sie zusätzlich noch tiefe Schnittverletzungen gehabt. Sie war tot noch bevor ich das Bewusstsein verlor.
An die Tage danach kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich weinte und schrie. Ich schrie nach Alex. Ich schrie ihren Namen. Machmal schreie ich ihn jetzt noch im Schlaf. Viel zu oft wache ich schweissgebadet mitten in der Nacht auf und weine. Ich weiß nicht was ich tun sollte. Zwei Therapien habe ich hinter mir. Doch nichts half. Denn wie sollte es auch irgendetwas bringen. Wie sollte alles wieder normal werden.
Wenn ein Blatt Papier zerknüllt wird, wird es auch nie wieder glatt sein können.
Meine Welt wurde zerknüllt. Wie sollte sie jemals wieder so sein wie früher.
Alle sagen mir, dass ich nach vorne blicken soll, dass alles wieder so sein wird wie früher. Aber wie? Ich war nur ein 15-jähriges Mädchen, die sich in ein anderes Mädchen verliebt. Und jetzt war sie weg. Und Jede Träne, die ich weine, weine ich für sie. Und in jeder Träne lebt ein Tropfen Erinnerung.



Schreibt mir doch bitte wie ihr die Geschichte gefunden habt. ;)


© sweeties story


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Beschreibung des Autors zu "Das Märchen des Lebens: Die Realität"

Ella hat sie vor 25 Jahren in ein Mädchen verliebt. Ein Mädchen, das ihre gesamte Welt auf den Kopf stellen würde. Aber als an Heiligabend vor 2 Jahren dieses Unglück geschah, wusste Ella nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Wird sie jemals wieder so leben können, wie früher?



Kommentare zu "Das Märchen des Lebens: Die Realität"

Re: Das Märchen des Lebens: Die Realität

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 08.02.2019 8:11 Uhr

Kommentar: Liebe sweetie,
ich lese nicht gerne, aber deine Geschichte habe ich dreimal gelesen, weil ich nicht glauben konnte, dass jemand so ergreifend und realitätstreu schreiben kann. Und meine Emotionen? Ich bin was man so allgemein als einen harten Kerl bezeichnet, aber mir liefen ein paar Tränen über die Wangen. Deine Geschichte wühlt auf, aber ich hoffe auch, dass sie Ella bei ihrer Trauerbewältigung hilft.
Viele liebe Grüße Wolfgang

Re: Das Märchen des Lebens: Die Realität

Autor: B.B.B.   Datum: 08.02.2019 15:45 Uhr

Kommentar: Wow...
Kann mich nur anschließen. Lese auch nicht gerne, aber das... Wow! Realitätsnah ist eine Untertreibung. Realität... Das passt besser. Als wenn jemand neben einem sitzt und die herzergreifende Geschichte erzählt... So kam es mir vor. Meine Herz hat geweint.

Re: Das Märchen des Lebens: Die Realität

Autor: possum   Datum: 08.02.2019 23:04 Uhr

Kommentar: Ich finde dein Werk sehr ergreifend, liebe Grüße!

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